Bundesliga 2011/2012

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Die Folgen einer schwarzen Woche Drucken
Geschrieben von Michael Heinen   
Mittwoch, 01 November 2006
Im letztjährigen Herbst tat Borussia etwas eigentlich eher Untypisches. Man absolvierte an den Spieltagen 6-10 einen Zwischenspurt mit 4 Siegen und 1 Unentschieden, der den Grundstein legte für den relativ ruhigen Saisonverlauf sowie für die gestiegene Erwartungshaltung im Mönchengladbacher Umfeld. Traditionell ist man in den lauen Herbsttagen eines Jahres von Borussia entsprechend Mäßiges gewohnt. Und so sollte es eigentlich nicht überraschen, dass man sich in der letzten Oktoberwoche dieser Saison eine erste (Mini-)Krise gönnt. Innerhalb von 8 Tagen gleich dreimal zu verlieren, ist bitter und führt bei einem jeden Verein zu Missstimmung. So kann es nicht verwundern, wie einige Fans speziell nach dem unnötigen Pokalaus in Osnabrück ihrem Frust freien Lauf ließen. Leider schossen einige Fans dabei ein wenig über das Ziel hinaus, wie auf diesen Seiten bereits zurecht kritisiert wurde. 

Doch so einfach kann man es sich natürlich nicht machen, die dürftigen Leistungen der letzten Woche alleine auf die Fanproteste zu schieben. Sicher war der Auftritt am Samstag gegen Leverkusen die schwächste Heimleistung der Saison. Aber auch in den Partien zuvor war nicht immer alles golden, was uns im Borussen-Park vorgesetzt wurde. So wäre die Partie gegen Cottbus womöglich anders verlaufen, wenn Energie eine seiner zahlreichen Chancen vor dem 1:0 genutzt hätte. Während dort das Tor aber wie verkellert schien, schlüpfte am letzten Samstag der erstbeste Leverkusener Kullerball ins Netz – und das zudem noch aus knapper, aber eindeutiger Abseitsposition. Es sind oft Kleinigkeiten, die im Fußball entscheiden. Und wenn man einmal in einen negativen Lauf gerät, dann fallen solche Gegentore. Gegen Wolfsburg war uns das Glück noch hold und die Mannschaft hatte nach den vorherigen Heimsiegen noch ausreichend Selbstvertrauen, dass dann auch mal so ein unmögliches Ding wie von Peer Kluge über die Linie trudelte. Spätestens das Pokalaus aber, verbunden mit der nachvollziehbaren, aber teils überzogenen Reaktion einiger Fans, machte so etwas wie am vergangenen Samstag möglich. Jetzt ist es an Jupp Heynckes, seine Erfahrung zu nutzen, um dem jungen, unerfahrenen Team aus dieser Situation herauszuhelfen und sie für die nächsten Wochen mit nicht gerade leichten Aufgaben zu wappnen. Doch einfach wird das nicht, denn die Probleme der letzten Spiele sind offensichtlich und haben teilweise keine allzu befriedigende Lösung.
 

Da wäre zum einen das offensichtliche Verletzungspech, das uns überhart in der Defensive trifft. Drei verletzte Stammspieler aus der Viererkette lassen sich nicht so ohne Weiteres kompensieren. Zumal mit Marcell Jansen unser wohl bester Feldspieler ausfällt, der uns nicht nur defensiv, sondern mit seinen Vorstößen gerade auch in der Offensive fehlt. Es sei daran erinnert, wie er z.B. gegen Bielefeld mit seinem Alleingang und beherzten Schuss die spielentscheidende Ecke herausholte und sich auch in einigen anderen Spielen für einen Großteil der gefährlichen Szenen unserer Elf verantwortlich zeigte. Sein Fehlen kann ein Marvin Compper logischerweise nicht voll ersetzen, zumal er auf dieser Position nach dem ebenso verletzten Filip Daems nur die Nr.3 ist. Compper macht seine Sache bislang sogar verhältnismäßig ordentlich. 
 

Oliver Kirch auf rechts hatte zuletzt wieder schwächere Auftritte, nachdem er zu Saisonbeginn mindestens auf Augenhöhe mit Bögelund agierte und von daher nicht so weit hinter ihm zurücksteht. Bliebe noch der junge Innenverteidiger Tobias Levels, der durch den Ausfall von Bo Svensson ins kalte Wasser gestoßen werden musste. Darauf musste man sich aber schon zu Saisonbeginn einstellen, denn bei einzig zwei echten, erfahrenen Innenverteidigern im Kader, war es absehbar, dass früher oder später eine Alternative benötigt werden würde. Jupp Heynckes und Peter Pander haben sich hier für eine extrem dünne Personaldecke auf einer extrem wichtigen Position entschieden. Macht der Innenverteidiger einen Fehler, so führt dies mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Gegentreffer. Entsprechend undankbar ist der Job, dem man Levels aber offensichtlich voll und ganz zutraute.

Durch den erneuten Ausfall Svenssons wird der Youngster noch einige Wochen auf dieser Position ausharren müssen. Denn das Vertrauen des Trainers scheint er bei dieser Personalpolitik offensichtlich zu genießen. Mutig ist dies allemal und man kann nur hoffen, dass sich in den nächsten Wochen nicht der zuletzt so scheinende Eindruck erhärtet, dass man hier ein klein wenig Übermut an den Tag gelegt hat. Zumindest eine weitere, erfahrene Alternative für den Fall, dass Levels dann eben doch noch nicht so weit ist, wäre wünschenswert gewesen, kann aber nunmehr erst frühestens in der Winterpause verpflichtet werden. Mit Thomas Helveg hat man zwar theoretisch einen solchen Kandidaten im Kader, der sich aber für diese Position in einigen Spielen bei Borussia als zu langsam erwiesen hat. Interessanter erscheint da die Überlegung, den wieder genesenen Eugen Polanski neben Ze Antonio zu testen, da Polanski in der Rolle bei der U21 gegen England überzeugte. 
 

Während die Defensive verletzungsbedingt fast schon schwächeln muss, hakt es aber auch im Spiel nach vorne. Dem Sturm ist dabei der geringste Vorwurf zu machen. Die Torausbeute der Herren Kahe und Neuville ist weiterhin zufrieden stellend. Und letztlich sind die Stürmer darauf  angewiesen, was ihnen von hinten heraus aufgelegt wird. Da kommt leider viel zu wenig aus dem Mittelfeld, in dem zu viel Durchschnitt mitkicken darf. Hier muss man im Übrigen auch das Hauptübel unserer unsäglichen Auswärtsmisere ausmachen, denn seit Jahren ist zu beklagen, dass wir uns in fremden Stadien viel zu wenig Chancen erarbeiten und stattdessen duckmäuserisch auftreten. An konkreten Namen sollte man das nicht einmal festmachen, denn das Personal wurde mittlerweile fast komplett ausgetauscht, ohne dass sich allzu viel geändert hätte. Nur die Grundeinstellung ist eben immer die Gleiche geblieben. 

Seit Jahren ist ein Peer Kluge mit seiner konstant ordentlichen Form der beste Borusse im Mittelfeld. Nichts gegen Kluge, der absolute Stammplatz-Berechtigung hat und uns wertvolle Dienste leistet. Aber zum einen ist der Ex-Chemnitzer beileibe kein Führungsspieler und wird vom Typ her auch nie wirklich einer werden. Zum zweiten ist es eine Schande, dass wir seit Jahren keinen Spieler gefunden haben, der ihm im Mittelfeld leistungsmäßig den Rang ablaufen konnte. Wollen wir ernsthaft nach vorne kommen und uns an die UEFA-Cup-Regionen herantasten, dann brauchen wir mindestens 2-3 Mittelfeldspieler, die allermindestens an das Leistungsvermögen von Kluge heranreichen. Aber ob Thijs, Polanski, Delura oder El-Fakiri. Dies alles sind (noch) keine Spieler, die wirklich spielbestimmend sind. Sie können es vielleicht mal ab und zu in einem Spiel sein. Aber alles in allem sind sie doch (bislang) nur biederer Bundesliga-Durchschnitt.  

Hoffnung gab einem zuletzt ein Thomas Broich, der in seinem ersten halben Jahr für entsprechend beherzte Auftritte sorgte. Hätte er an diese weiter anknüpfen können, wären viele unserer Probleme und insbesondere auch die Auswärtsmisere wohl heute schon Geschichte. Wie man aber mittlerweile weiß, konnte der heutige Kölner bei uns nicht konstant an seine Leistungsgrenze gehen, obwohl er genügend Chancen dazu bekam. Selbst wenn es weh tut, ihn wie am vergangenen Dienstag gegen Schalke brillieren zu sehen, war die Entscheidung ihn zu verkaufen aus der damaligen Sicht voll und ganz nachvollziehbar. Vielmehr darf man hinterfragen, warum man ohne Not einen Jan Schlaudraff ver“schenkt“ hat, wenn man absehen konnte, dass es ein Broich auf dieser Position bei uns wohl kaum noch schaffen wird.  

Doch diese Baustelle ist Geschichte. Peter Pander hat hier einen kapitalen Fehler begangen, den er mittlerweile sicher auch einsieht. Fehler sind einem jeden Manager aber zugestanden, wenn er diese durch gelungene Aktionen zu kompensieren versteht. Die Kompensation für die Schlaudraff-Broich-Rolle im Team erschien uns in Gestalt von Federico Insua, an den nicht zuletzt durch die hohe Ablösesumme große Erwartungen geknüpft waren. Bislang sind die Leistungen des Argentiniers nicht sonderlich erbaulich, so dass auch er unser Mittelfeld bislang nicht allzu sehr belebt. Dies ist für einen Südamerikaner aber nicht allzu untypisch. Die Mehrzahl der Spieler aus Brasilien oder Argentinien, die in die Bundesliga gewechselt sind, hat mit erheblichen Eingewöhnungsproblemen zu kämpfen gehabt. Einige sind am Ende gar nicht mit der Umstellung zurecht gekommen und verließen enttäuscht den Verein. Einige sind dann aber nach einer gewissen Zeit doch noch zur erhofften Verstärkung geworden. Von daher sollten wir die Hoffnung gerade bei Insua noch lange nicht aufgeben. Wir Borussen-Fans sind leider nicht für unsere Geduld bekannt. Doch in diesem Fall hängt viel davon ab, ob es uns gelingt, diesem Spieler die nötige Zeit zuzugestehen. Denn in einigen Momenten konnte Insua durchaus andeuten, zu welch genialen Dingen er fähig sein kann, wenn er erst einmal voll und ganz im Team integriert ist. Dann wäre er genau der Spieler, der uns in der Schaltzentrale fehlt und der unsere bislang doch eher dürftige Qualität im Mittelfeld immens aufwertet. 
 

Bis das aber hoffentlich irgendwann soweit ist, wird sich wohl oder übel nur in kleinen Schritten etwas ändern lassen. Denn man sollte sich von seiner rosaroten Borussen-Brille nicht blenden lassen. Die Qualität des Kaders ist insgesamt selbst in Bestbesetzung allerhöchstens gehobener Bundesligadurchschnitt, der bei ordentlichem Saisonverlauf zu einem einstelligen Tabellenplatz ausreichen könnte. Fallen dann aber konstant einige Stützen aus, wie zur Zeit Jansen oder Svensson, so ist ein Abrutschen in die untere Tabellenhälfte keine so große Sensation. Unser vorrangiges Saisonziel sollte daher lauten, wie im Vorjahr nicht mit dem Abstiegskampf in Berührung zu kommen, was angesichts der ausgeglichenen Liga schwer genug ist. Des Weiteren wäre es wichtig, eine gewisse Entwicklung zu erkennen, die uns für die Zukunft hoffen lässt. Hier ist bislang noch nicht wirklich viel zu entdecken, da die Leistungen bislang nicht wirklich besser und schon gar nicht erfolgreicher sind als unter Horst Köppel. Der konsequente Weg von Heynckes, auf die Jugend zu setzen, darf aber in diesem Sinne positiv gewertet werden.

Man sollte das Gerede vom „Jugendwahn“ allerdings gleichwohl nicht überbewerten, denn es ist nicht per se gut, wenn man eine möglichst junge Truppe aufs Feld schickt. Diese Jungspieler müssen schon eine gewisse Klasse mitbringen und sie benötigen schon noch den einen oder anderen Leitwolf, der ihnen zur Seite steht. So war der Erfolg der „jungen Wilden“ in Stuttgart vor einigen Jahren begleitet vom Wirken solcher Größen wie Zvonimir Soldo, Marcello Bordon und Fernando Meira. Alles Akteure von einer Qualität, wie wir sie in unserem Team aktuell leider nur sehr bedingt wieder finden. Oliver Neuville, Kasey Keller und Marcel Jansen mag ihre Klasse nicht abzusprechen sein. Aber alleine schon von der Spielposition können sie den Jungen nicht in gleicher Weise helfen, wie es einem Soldo oder einem Bordon damals in Stuttgart möglich war. 
 

ImageDoch bei aller Kritik, die man auch an Jupp Heynckes ob diverser umstrittener Entscheidungen üben darf. Der Verein hat sich im Sommer dazu entschieden, dem erfahrenen  Erfolgstrainer die sportliche Zukunft des Vereins zu überlassen. Nach der enormen Trainerfluktuation der vergangenen Jahre, in denen Übungsleiter oft genug mit nicht immer völlig nachvollziehbaren Argumenten aus ihrem Amt früh entlassen wurden, ist der Vorstand jetzt fast schon verpflichtet, endlich den lange schon benötigten Weg der Kontinuität zu gehen. Seit dem unrühmlichen und unsäglichen (Quasi-)Rauswurf von Hans Meyer finden sich in regelmäßigen Abständen immer wieder neue Verantwortliche am sportlichen Ruder. Und sie alle zeichnen sich jeweils dadurch aus, zunächst einmal neues Personal einzufordern. Denn sie alle erkennen natürlich, dass es dem Kader insgesamt an der Qualität fehlt, um weiter oben angreifen zu können. Wenn man aber jedes halbe Jahr gezwungen ist, neue Spieler ins Team einzubauen, fällt es immens schwer, so etwas wie eine Mannschaft aufzubauen. Denn fehlt einem die individuelle Spitzenklasse, so lässt sich dies einzig und allein über die mannschaftliche Geschlossenheit kompensieren. Durch das ständige Durchmischen im Kader unter jedem neuen Trainer ist eine solche aber eben nicht zu erreichen. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor, der die wenig zufrieden stellenden Leistungen des Teams der letzten Jahre erklären hilft.  

Jetzt also hat Jupp Heynckes das Vertrauen ausgesprochen bekommen und man konnte bei seiner Inthronisierung schon den Eindruck bekommen, als meine es der Vorstand ernst damit, ihm die alleinige sportliche Macht zu verleihen und dies auch in schlechten Tagen durchzuziehen. Selbst wenn die nächsten Wochen weitere schmerzhafte und vielleicht auch erbärmliche Niederlagen mit sich bringen. Es gibt keine echte Alternative zu diesem Weg mit Jupp Heynckes. Man kann darüber lamentieren, ob man sich im Sommer vielleicht intensiver um einen Christoph Daum oder Ottmar Hitzfeld hätte bemühen können. Fraglich, ob sich Trainer von solchem Weltruf der Herausforderung Mönchengladbach angenommen hätten. In jedem Fall ist eine solche Überlegung jetzt aber müßig. Denn jetzt haben wir mit Jupp Heynckes immerhin einen Mann, der durch und durch Borusse ist, der in mehreren Stationen bemerkenswerte Erfolge gefeiert hat und der einst in Mönchengladbach oder auch in Teneriffa und Bilbao mit relativ bescheidenen Mitteln echte Mannschaften aufgebaut hat, die er sportlich enorm nach vorne brachte.
 

Es gibt keine Garantie, dass ihm dies in Mönchengladbach jetzt erneut gelingen wird. Es bleibt uns aber nicht viel anderes übrig als darauf zu hoffen und ihm zumindest etwas mehr Zeit zur Verfügung zu stellen. Natürlich haben wir 5 Jahre nach der Rückkehr in Liga 1 alle das Verlangen, endlich den nächsten Schritt nach vorne zu tun. Und natürlich frustriert es, wenn man sich im letzten Herbst schon etwas weiter glaubte und dann wieder so jäh in seinen Träumen zurückgeworfen wird. Wer will dann schon berechtigte Warnungen eines „gutmütigen alten Opas“ hören, dass man eigentlich noch nicht so weit sei. Jupp Heynckes tut gut daran, diese traurige Wahrheit geschickter zu verpacken und seine Erfahrung wird ihm dabei helfen, die Fans gezielter auf den benötigten langen Atem vorzubereiten. Gegen die Ungeduld gibt es aber bei ausbleibendem Erfolg kein echtes Mittel. Umso wichtiger, dass zumindest der Vorstand und ein möglichst großer Teil der Fans kühlen Kopf bewahren und am nunmehr gewählten Konzept festhalten. Alles Andere birgt einzig noch größere Gefahren für unseren Verein, der bei weitergehender Diskontinuität früher oder später befürchten müsste, vielleicht gar wieder in Regionen abzurutschen, die man schon längst überwunden zu haben glaubte.