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Home 2006/07 12, A, BL, Hamburg
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Hamburger SV - Borussia Mönchengladbach 1:1 |
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Geschrieben von Christoph Clausen
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Samstag, 11 November 2006 |
Nein, Jupp Heynckes war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Man hätte diese Partie gewinnen müssen, leitete er sein Fazit in
der Pressekonferenz ein und bekräftigte dies später gleich drei Mal. Manchen mag das überrascht haben: Schließlich hatte die
Borussia zwar ihren ersten Auswärtspunkt eingefahren, dabei aber wenig
Torchancen erspielt und erst kurz vor Schluss den 1:1-Endstand hergestellt.
Tatsächlich wollten manche Kommentatoren gar einen unverdienten Gladbacher
Punktgewinn gesehen haben und konnten dabei immerhin auf die Statistik
verweisen, die am Ende 21:8 Torschüsse für den gastgebenden Hamburger SV
auswies. Aber Heynckes hatte so unrecht nicht, und die Partie ist ein gutes
Beispiel dafür, wie sehr plumpe Statistiken den Blick auf das Wesentliche eines
Spiels verstellen können.
Kleine, unscheinbare Szenen, die im Fernsehen in keiner
Zusammenfassung auftauchen, verraten manchmal vielmehr darüber, was sich
verbessert hat und was weiterhin im Argen liegt. Freistöße im Mittelfeld etwa.
Beispiel Nummer eins aus der 23. Spielminute: Nach taktischem Foul nahe des
Mittelkreises wollen die Hamburger den verhängten Freistoß schnell ausführen.
Eine gefährliche Kontersituation könnte daraus entstehen, wird aber vom
aufmerksamen Thomas Helveg noch in der Entstehung unterbunden. In Frankfurt
hatte die Gladbacher Verteidigung bei einem schnell ausgeführten Freistoß noch
zu spät reagiert und den Gastgebern damit den glücklichen Siegtreffer
ermöglicht. Beispiel Nummer zwei aus der 15. Minute, wieder Freistoß nahe des
Mittelkreises, diesmal für die Borussia: Auf den schnellen Vorstoß Oliver
Neuvilles Richtung Strafraum reagiert Bernd Thijs gedanklich zu langsam, so
dass sich die Hamburger Deckung sortieren kann und Thijs letztlich quer spielen
muss. Beispiel Nummer drei aus der 81. Minute: Die Hamburger, bemüht ihre
knappe Führung über die Zeit zu schaukeln, zögern auffällig lange mit der
Ausführung eines Freistoßes in der eigenen Hälfte. Wesley Sonck spurtet
dazwischen, tippt den Ball an und beschwert sich lautstark bei Schiedsrichter
Meyer, der nun endlich eine zügige Ausführung durchsetzt.
Was illustrieren die drei Beispiele? Erstens, dass sich die
Gladbacher Defensive in Hamburg deutlich verbessert präsentierte. Zweitens,
dass im Spiel nach vorn die entscheidende Inspiration zumeist ausblieb. Und drittens, dass die
eingewechselten Feldspieler in Sachen Siegeswillen jenen Schub mitbrachten,
denen man sich von Einwechslungen immer wünschen würde.
Punkte eins und zwei waren schon in der ersten Hälfte
ausgiebig zu besichtigen. Die Gladbacher Defensive wirkte generell
stabilisiert, was teilweise mit Heynckes' Aufstellung zu tun hatte. Der Trainer
schonte zwar den angeschlagenen Peer Kluge, setzte mit Thijs, Polanski und
Fakiri aber auf gleich drei stärker defensiv ausgerichtete Mittelfeldspieler,
rechts hinten kehrte Thomas Helveg nach abgesessener Gelb-Rot-Sperre zurück.
Wichtiger noch aber war, dass die Borussen defensiv mit hohem Engagement
auftraten, zudem mit gedanklicher
Schnelligkeit und teilweise auch taktischem Geschick - beides war am Mittwoch
noch schmerzlich vermisst worden. So kamen die Gastgeber im ersten Durchgang
kaum zu nennenswerten Torchancen. Deren größte vereitelte Kasey Keller in der
21. Minute, als er nach Fillingers Flanke von rechts Rafael van der Vaart
wagemutig vor die Füße sprang, sich dabei verletzte und elf Minuten später
verletzt ausgetauscht werden musste. Das hätte die Borussen verunsichern
können, Ersatztorwart Heimeroth aber wehrte nicht nur kurz nach seiner Einwechslung
Ljubojas Schuss mit starker Parade ab, sondern zeigte auch sonst eine
überzeugende Leistung.
So deutlich verbessert das Defensivverhalten, so
unbefriedigend blieb das Spiel nach vorn. Zwar war die Fehlpassquote im
Vergleich zum gruseligen Auftritt gegen Schalke 04 deutlich reduziert und
kombinierte man bis zum gegnerischen Strafraum teilweise sogar recht
ansehnlich. Dort aber fehlte entweder der Mut zum entschlossenen Abschluss oder
blieb das entscheidende Zuspiel zu ungenau. Symptomatisch dafür zwei Szenen:
Nach knapp einer halben Stunde eröffnete ein schöner Doppelpass zwischen
Neuville und Delura letzterem eine gefährliche Schusschance, Delura aber
brauchte zulange, um den Ball zu kontrollieren, so dass die Hamburger
Verteidiger klären konnten. Neun Minuten später startete Helveg nach toller
Kombination mit Polanski und Neuville auf dem rechten Flügel Richtung
Grundlinie durchs, Polanskis Abspiel aber geriet einen Tick zu lang.
Immerhin: Ein den Gastgebern emotional verbundener
Journalist, der das Spielgeschehen durchgängig lautstark für die Umsitzenden
(oder vielleicht auch nur für sich selbst) kommentierte, ließ sich zu diesem
Zeitpunkt zu der Bemerkung hinreißen, die Gladbacher spielten „auch besser". In
der vierzigsten Minute hätte die Borussia den Kollegen beinahe in einer Art und
Weise bestätigt, die ihm gar nicht behagt hätte: Delura hatte sich auf der
rechten Seite energisch durchgesetzt und auf den in der Mitte des Strafraums
völlig freistehenden Kahê gepasst. Der Brasilianer, für Sverkos in die Startelf
zurückgekehrt, scheute indes den direkten Abschluss und verhedderte sich beim
Versuch, die Hamburger Innenverteidigung auszuspielen. Jupp Heynckes sollte
hinterher von einer hundertprozentigen Chance sprechen, nach deren Verwertung
man ganz anders hätte spielen können und wohl als Sieger nach Hause gefahren
wäre. Ohnehin gefiel Kahê zwar durch fleißige Lauf- und Defensivarbeit, neigte
aber dazu, die Dribblings zu übertreiben.
Das Hamburger Publikum hatte sich lange in Geduld gefasst,
aber als Atouba in der 36. Minute unbedrängt einen langen Pass ins Leere
schlug, drohte die Stimmung zu kippen. Die Pfiffe zur Halbzeitpause fielen
entsprechend vernehmlich aus. Die Gastgeber hatten also allen Grund, ihre
Bemühungen zu intensivieren, und in der Tat traten sie zu Beginn der zweiten Hälfte deutlich
engagierter auf. Es war vor allem in dieser Phase, dass der HSV sich seine
imposant erscheinende Torschussstatistik erarbeitete. Sie wäre sicher anders
ausgefallen, hätte man stärker zwischen der Qualität der Schüsse differenziert.
Bei Lichte betrachtet erarbeiteten sich die Gastgeber nämlich das, was Hans
Meyer gemeinhin als „Scheinüberlegenheit" bezeichnet: Ein deutliches Plus an
Spielanteilen, einige Schussversuche, kaum aber wirklich zwingende Gelegenheiten.
Wirklich nennenswert war allein Ljubojas nur knapp zu hoch angesetzter Kopfball
in der 55. Minute.
Da Borussia nach vorn weiterhin zu halbherzig agierte -
bezeichnend eine Szene aus der 52. Minute, als Polanski am rechten Flügel schön
von Delura freigespielt wurde, der Pass auf den in der Mitte lauernden Neuville
aber zu ungenau geriet - schien die Partie auf ein torloses Remis hinauslaufen.
Dass es anders kam, dazu trug zunächst Atouba maßgeblich bei. In der 65. Minute
entwischte der Kameruner ein einziges Mal dem ansonsten sehr umsichtigen Helveg
und passte den Ball in die Mitte, wo Ljuboja scharf am Rande des Abseits
wartete. Der bis dahin bewegliche, aber glücklose Stürmer touchierte den Ball
mit der Hacke, letztlich aber war es der Levels, der bei seinem Rettungsversuch
das Leder aus kurzer Distanz ins eigene Tor bugsierte.
Nur zwei Minuten später hätte der kämpferisch starke, aber
spielerisch zumeist unter seinen Möglichkeiten agierende van der Vaart die
Partie entscheiden können, beließ es aber bei einem harmlosen Schüsschen. Doch
erst als Heynckes nach David Degen auch Wesley Sonck einwechselte, gewann man
den Eindruck, dass Borussia das Spiel noch wenden könnte. Nahezu direkt nach
seiner Einwechslung - die Schiedsrichter Meyer aus schwer einsichtigen Gründen
mehrere Minuten verzögerte - leitete der Belgier Borussias bis dahin größte
Gelegenheit ein. Heimeroths langen Abschlag hatte der Ex-Borusse René Klingbeil
vertändelt, woraufhin Sonck sich am rechten Flügel durchsetzte und überlegt auf
Kahê passte. Völlig ungedeckt, hatte Kahê aus acht Metern freie Auswahl unter
den Ecken des Hamburger Tores, entschied sich aber für die Mitte, die diesmal
keine goldene war. Der genau dort postierte Torwächter jedenfalls nahm den zu
allem Unglück wenig scharf geschossenen Ball dankbar auf. In der 83. Minute -
zwischenzeitlich hatte Heimeroth einen gut platzierten Freistoß des
eingewechselten Mahdavikia aus dem Winkel gefischt - machte Oliver Neuville es
besser. Neben Sonck war mit Degen der zweite eingewechselte Feldspieler
entscheidend beteiligt. Vorausgegangen war eine lange Gladbacher Ballstafette
im Mittelfeld, die zwar hübsch anzusehen war, bei der man aber den Eindruck
gewann, es wisse keiner so recht, wie man sich näher ans gegnerische Tor
heranarbeiten sollte. Schließlich aber leitete der an der Strafraumgrenze
angespielte Sonck den Ball geschickt an den durchstartenden Degen weiter, der
Schweizer passte in einem optimal gewählten Moment auf Neuville, und der
wiederum ließ Wächter aus wenigen
Metern keine Chance.
Die verbleibenden Spielminuten verbrachten die Gastgeber
im kollektiven Schockzustand, während bei der Borussia zwar vor allem Sonck und Degen punktuell
engagiertes Pressing betrieben, die Mannschaft aber im Ganzen zu wenig
entschlossen auftrat, um gar noch den Siegtreffer erzielen zu können. So kam
eine defensiv sehr kompakte, offensiv aber weiterhin zu harmlose Borussia zu
einem gleichwohl insgesamt verdienten Punktgewinn in Hamburg. Positiv fielen
dabei vor allem der sichere Heimeroth, der umsichtige Helveg und der
eingewechselte Sonck auf.
Tore: 1:0 Levels
(66., ET), 1:1 Neuville (83.)
Hamburger
SV: Wächter - Fillinger, Mathijsen, Klingbeil, Atouba -
Feilhaber - Jarolim, Trochowski (Mahdavikia 63) - van der Vaart (Wicky 83) -
Sanogo (Berisha 63), Ljuboja.
Borussia:
Keller (Heimeroth 32) - Helveg, Levels, Zé António, Compper - Polanski (Degen 66), Thijs, El Fakiri - Delura (Sonck 75) -
Kahê, Neuville.
Ersatz: Fleßers, Insua, Rafael, Sverkos.
Schiedsrichter: Florian
Meyer (Burgdorf)
Zuschauer: 57.000
(ausverkauft)
Datum;
Spieltag: Samstag, 11. November 2006; 12. Spieltag 2006/07
Gelbe
Karten (Borussia): Compper, Degen
Gelb-rote
Karten: -
Rote
Karten: -
Besondere
Vorkommnisse: In der 32. Minute kam Christofer
Heimeroth nach Kasey
Kellers Verletzung zu seinem Bundesligadebüt für die Borussia.
Insgesamt
schraubte der ehemalige Schalker damit die Zahl seiner
Bundesligaeinsätze auf
neun. In Hamburg kam die Borussia zu ihrem ersten Auswärtspunkt der
Saison. Der
HSV selbst hatte zuvor seinen letzten Heimsieg am 9.April, ausgerechnet
gegen die Borussia,
erreicht. Nach dem Spiel beendete Lotto King Karl im Stadion TV seinen
enttäuschten Kommentar mit dem Satz: „Ich hoffe, dass wir uns hier
(bedeutungsvolle Kunstpause) alle wiedersehen". Damit waren wohl
weniger die
Borussen gemeint, als der Hamburger Trainer Thomas Doll, auf den sich
denn auch
das Medieninteresse richtete. Doll aber erklärte, mit der Mannschaft
weiterarbeiten zu wollen, und auch die Vereinsführung steht offenbar
weiterhin
fest zu ihrem Übungsleiter. Das Spiel war Borussias 91. Spiel auf
fremdem Platz seit dem Wiederaufstieg. In diesen 90 Spielen erzielte
sie 9 Erfolge, jetzt 27 Remis und 55 Niederlagen. Nach zwei torlosen
Fahrten in das ehemalige Volksparkstadion (0:0 am 8. Mai 2005, 0:2 am
9. April 2006) war der Treffer Oliver Neuvilles Borussias erstes Tor
dort seit Joris van Hout am 27. November 2004 zum zwischenzeitlichen
1:2 (Endstand 1:3) treffen konnte. Erstmals seit dem Auswärtssieg bei
Eintracht Frankfurt (und dem Pokalerfolg über Roßbach) am 13. Mai 2006
verließ die Borussia einen fremden Platz nicht als Verlierer. In der
Bundesliga trennte sie sich letztmalig auf fremdem Platz Remis vom MSV
Duisburg, das Spiel endete ebenfalls 1:1. Jenes Spiel fand auf den Tag
genau vor neun Monaten, am 11. Februar, statt und sah ebenfalls die
Heimelf zunächst in Führung.
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