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Gründe für die Talfahrt |
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Geschrieben von Michael Heinen
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Dienstag, 21 November 2006 |
Jetzt also auch noch Hannover. Selbst dem vormals Tabellen-Siebzehnten reichte eine schwache Leistung, um unsere Borussia im eigenen Stadion zu besiegen und uns damit gleich noch zu Heimdeppen zu degradieren. Gegen Hannover 96 daheim keine einzige Torchance herauszuspielen dürfte ein Bundesliga-Novum sein. Aber es knüpft nahtlos an die Leistungen der vergangenen Wochen und Monate an, worüber der gewonnene Punkt in der Vorwoche nicht hinwegtäuschen durfte. Das Spiel in Hamburg als Aufwärtstrend zu werten, wie der Verein emsig bemüht war, war eine grobe Fehleinschätzung. Hier war es einzig dem zur Zeit ebenso desolaten Gegner geschuldet, dass man trotz schwacher Gesamtleistung nicht erneut ohne Punkt die Heimreise antreten musste.
In der gesamten Saison war kein einziges Spiel bislang richtig gut. Die ersten 4 Heimsiege wurden allesamt in höchst mäßigen Partien errungen. Gegen Wolfsburg brachte uns ein kurioses Kuller-Tor zurück ins Spiel, sorgte für kurzzeitige Euphorie, die uns auf die Gewinnerstraße brachte gegen einen absolut harmlosen Gegner. Im Anschluss an diese Partie wendete sich auch noch das Glück gegen uns und die Mannschaft ergibt sich ihrem Schicksal in erschreckender Hilf- und Tatenlosigkeit. Das Pokalaus in Osnabrück erscheint da in einem völlig neuen Licht, denn momentan spielt Borussia auf einem Niveau, das eben maximal für die Regionalliga reichen würde.
Die Schwachstellen des Teams sind hinreichend erkannt und erläutert worden. Wir erspielen uns zu wenige Torchancen, im Mittelfeld befindet sich kein Spieler, der – gerade in schwierigen Zeiten – einmal anpackt und engagiert voranschreitet. Die Abwehr leidet insbesondere an der Verletztenmisere. Der Sturm ist weitgehend außer Form. Die Standards kommen mit viel Glück gerade einmal in Richtung Strafraum, bergen aber seit Monaten keinerlei Torgefahr mehr. Doch interessanter als das Aufzählen derlei trauriger Beobachtungen ist die Frage nach den Gründen. Denn nur, wenn man diese ergründet, ist man in der Lage aus etwaigen Fehlern der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. An dieser Stelle seien einige grundlegende Fehler genannt, die in den nächsten Wochen und Monaten zu korrigieren sind, damit das „Konzept Heynckes“ doch noch zum (langfristigen) Erfolg führt und die Mannschaft nicht tatsächlich den Weg des Jahres 1999 fortsetzt.
Zu dünne Personaldecke in der (Innen-)Verteidigung
Heynckes und Pander haben vor der Saison aufgeräumt und u.a. mit Strasser und Fukal zwei alternde Ex-Stammspieler aus ihrem Vertrag entlassen. Beides Spieler, denen man als Fan nicht allzu viele Tränen nachweinte, da ihre Leistungen gerade in der vorigen Saison sehr durchschnittlich waren. Doch als Folge dieser Verkäufe setzten unsere Verantwortlichen bewusst auf einen relativ dünnen Kader in der Defensive. So stehen mit Bo Svensson und Zé Antonio nur zwei gestandene Innenverteidiger bereit. Wie sich in den letzten Wochen zeigte, sind Alternativen dazu nur in der Jugend zu suchen, da z.B. einem Thomas Helveg die Position nicht (mehr) zugetraut wird. Tobias Levels und einmal gar Tim Rubink (aus der A-Jugend!) wurden über mehrere Wochen ins eiskalte Wasser geworfen, wo Levels sich für einen derart jungen Spieler, der letztes Jahr noch Oberliga spielte, wacker schlug. Dass sich gestandene Bundesligastürmer gegen ihn in den entscheidenden Momenten etwas leichter durchsetzen, ist ihm nicht zum Vorwurf zu machen. Auf einer solch sensiblen Position führt jeder (kleinere) Fehler i.d.R. zu einem Gegentor. Positiv ausgedrückt ist man als Trainer enorm mutig, sich hier derart konsequent auf die Jugend zu verlassen. Ihm zugute halten muss man das enorme Verletzungspech, das uns insbesondere auf den Außenpositionen getroffen hat. Dass man die Viererkette teilweise zu drei Vierteln mit jungen Spielern besetzen musste, war Pech. Aber zum Teil eben auch vermeidbar, wenn man in der Zentrale noch einen erfahrenen Spieler in der Hinterhand behalten (bzw. neu verpflichtet) hätte. Einen Milan Fukal hätte man vielleicht doch besser nicht verkauft, wenn man zudem noch die Kandidaten für die rechte Seite näher in Augenschein nimmt. Oliver Kirch und Kasper Bögelund sind seit ihrer Ankunft in Mönchengladbach fast nur verletzt (gewesen), was man schon vor der Saison wusste. Thomas Helveg war in der vorigen Saison auch nicht immer völlig gesund und war eigentlich schon gar nicht mehr wirklich eingeplant. Trotz zuletzt immerhin durchschnittlicher Leistungen ist er mit seinen 35 Jahren schon lange über seinen Leistungszenit hinaus. Zu glauben, dass einer von den dreien schon irgendwie fit sein wird, kann man als ein wenig naiv bezeichnen.
In der Winterpause wird der Verein in der Abwehr zwingend nachlegen müssen. Gesucht wird ein erfahrener Spieler für die Innenverteidigung. Im Optimalfall ein Spieler, der auch für einen Stammplatz in Frage kommt, wenngleich solche Typen im Winter schwer zu bekommen sind. Während es defensiv aber in erster Linie an der Quantität mangelt, müssen wir langsam einsehen, generell ein gewichtiges Problem mit der Qualität zu besitzen.
Selbstüberschätzung
Hörte man sich in und um Mönchengladbach vor der Saison um, so kam man immer wieder zu dem gleichen Ergebnis. Horst Köppel hatte im Vorjahr mit Platz 10 ein allenfalls akzeptables Resultat erzielt. Der Kader wurde eigentlich als reif für die obere Tabellenhälfte eingestuft. Durch die Zukäufe im Sommer – insbesondere der millionenschwere Transfer von Insua sei hier genannt – wähnte man sich für die kommende Saison gar noch stärker. Als ich zu Saisonbeginn einwarf, das Potential unseres Kaders sei nicht zwingend so viel besser als bei Mannschaften wie Wolfsburg oder Hannover, wurde mir heftig widersprochen. Auch wenn man sich nicht unbedingt nur von der aktuellen Krise leiten lassen sollte, zeigt sich mittlerweile aber, dass wir alle ein wenig zu optimistisch in der Selbsteinschätzung gewesen sind. Oft wird die aktuelle Mannschaft etwas verächtlich mit der vermeintlich so viel schwächeren aus den Vorjahren verglichen. Doch war ein Bernd Thijs tatsächlich so viel besser wie dereinst ein Igor Demo? Ist ein Eugen Polanski wirklich effektiver als es Markus Hausweiler war? Ist Delura torgefährlicher als Ivo Ulich? Oder Kahê besser als Arie van Lent? Selbst die hoch gelobten Innenverteidiger halten unsere Defensive nicht wirklich so viel stabiler zusammen als es die oft belächelten Strasser und Pletsch in den Jahren nach dem Aufstieg getan haben. Nimmt man einmal deren letztes Borussen-Jahr aus, so sind die Qualitätsunterschiede nicht annähernd so groß wie einige sich das gerne ausmalen. Sicher, Zé Antonio und Svensson sind den Beiden fußballerisch um Längen überlegen. Aber ein Innenverteidiger muss eben auch andere Qualitäten aufbringen. Und in Sachen Zweikampfstärke, Kampfkraft und Einsatz liegen die Vorteile dann vielleicht sogar eher bei dem grobmotorischen Duo aus der Vergangenheit.
Wir müssen den Kader sicher nicht schlechter reden als er ist. Die Mannschaft sollte eigentlich stark genug sein, um mit dem Abstieg nicht wirklich was zu tun zu haben. Es gibt in der Liga 7-8 Mannschaften, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten und ihren Vorsprung aus der Vergangenheit besser besetzt sind. Dahinter gibt es dann eine Reihe von Teams, bei denen sich die Qualität des Spielermaterials nur geringfügig unterscheidet. Während also z.B. Arminia Bielefeld an die Spitze strebt, haben besondere Umstände bei uns jetzt zu einem umgekehrten Szenario geführt. Wir dürfen davor nicht die Augen verschließen. Auch wenn die Einsicht schmerzt: Abstiegskampf ist für uns leider realistischer als UEFA-Cup. Und den müssen wir jetzt mit aller Macht annehmen und zunächst einmal alles daran setzen, um aus dem Keller herauszukommen. Wenn Eugen Polanski davon spricht, dass bei allen Spielern „der letzte Wille“ fehlt, dann muss spätestens jetzt jedem klar werden, dass wir ohne diesen „letzten Willen“ nächstes Jahr zweite Liga spielen werden. Marvin Compper muss sich bewusst machen, dass auch schon nach 13 Spielen der Abstiegskampf beginnt. Genau genommen hatte er spätestens mit dem Schalke-Spiel begonnen, denn die damalige Leistung war alarmierend genug, um auch dem letzten klar zu machen, was auf uns zukommt. In den nächsten Wochen werden wir mit ziemlicher Sicherheit auf die Abstiegsränge zurückfallen, was kein Weltuntergang ist. Wichtig ist, dass die Mannschaft endlich aufwacht und sich ihrer Situation bewusst wird. Zum zweiten liegt es jetzt auch an Jupp Heynckes, der nicht nur durch entsprechende Ansprache an die verunsicherten Spieler seine Erfahrung einbringen muss. Wenn man die absolute individuelle Klasse im Kader nicht besitzt, lässt sich vieles über mannschaftliche Geschlossenheit und Eingespieltheit wettmachen. Die Höhenflüge von Stuttgart und Bielefeld seien hier als aktuelle Beispiele genannt. Doch da kommen wir eben zum dritten und vielleicht wesentlichsten Punkt, der unsere aktuelle Misere verursacht
Ständige Rotation
Defensiv kann man Jupp Heynckes nur bedingt diesen Vorwurf machen. Die Verletzungssorgen hier sind in diesem Ausmaß sicher nicht vorhersehbar gewesen und da war es zum Teil unglücklich, mit wie vielen Ersatzspielern wir regelmäßig auflaufen müssen. Doch gerade auf den Positionen weiter vorne hat sich bislang noch keine echte Mannschaft herauskristallisiert. 25 Spieler sind in dieser Saison bereits für Borussia aufgelaufen. Bezeichnenderweise nur der HSV hat nach erst 13 Spielen genau so viele verschiedene Akteure benötigt. Im Sturm wurden in den letzten Wochen sämtliche Varianten ausprobiert. Ob Neuville, Kahê, Sonck, Delura, Sverkos oder Rafael. Sie alle wechseln fleißig durch und dies jeweils ohne durchschlagenden Erfolg. Sicher muss man bei anhaltendem Misserfolg auch mal anderen Spielern eine Chance geben. Momentan wäre es aber in allererster Linie wichtig, so weit wie möglich einen festen Stamm zu bilden und diesen einzuspielen. Dann kann man immer mal wieder auf 1-2 Positionen variieren, wenn es nicht so läuft. Aber in jeder Partie immer wieder neu durchzurotieren, geht i.d.R. nicht gut. Und die Folgen sind doch unübersehbar. Die Spieler kennen ihre gegenseitigen Laufwege nicht, Abspiele werden regelmäßig ins Nirwana gespielt, weil der Stürmer sich in eine andere Richtung bewegt als es der Mittelfeldspieler zu antizipieren versucht. Heynckes sollte jetzt lange genug zugesehen haben, um zu entscheiden, welche Spieler uns in der momentanen Situation am ehesten weiterhelfen können. Denen sollte er von nun an vertrauen und die Gelegenheit geben, sich über Wochen hinweg zu beweisen. Wenn einzelne Spieler sich dann als zu schwach erweisen, sind kleinere Korrekturen immer noch möglich. Eine ständige Rotation ist aber gerade in der jetzigen Situation wenig förderlich.
Ginge es nach meinen Beobachtungen, so würde ich mich im Mittelfeld für eine Raute entscheiden, bei der Thijs die defensive Rolle ausfüllt, Kluge und Polanski die Halbpositionen besetzen und Insua offensiv hinter den Spitzen Neuville und Sonck zum Einsatz kommt. Auch wenn der Belgier zu wenig dafür tut, um sich unverzichtbar zu machen, sehe ich bei ihm das größte Potential für die Zukunft, während ich bei den meisten Konkurrenten eher skeptisch bin, ob sie noch jemals den Sprung nach vorne schaffen werden. Damit wären wir nämlich beim nächsten Problem.
Naives Vertrauen auf ewige Talente
Delura, Rafael und Sverkos wurden allesamt von Peter Pander (zurück-)geholt. Sie alle weisen einen sehr ähnlichen Karriereweg auf. In jungen Jahren machten sie durch talentierte Leistungen auf sich aufmerksam, die für ihr damaliges Alter auf mehr hoffen ließen. Nach einiger Zeit stagnierten sie aber und fielen in ein Leistungsloch, das sie auf die Ersatzbank katapultierte. Durch Vereinswechsel versuchten Delura (von Schalke nach Hannover) und Sverkos (von Borussia nach Berlin) ihr Glück, waren dort aber noch weniger erfolgreich als zuvor. Nachdem sie allesamt über 1-2 Jahre vor sich hindümpelten, kam man bei Borussia auf die Idee, ihnen – aus welchen Gründen auch immer – eine neuerliche Chance in einem neuen Umfeld zu geben. Die Hoffnungen, die man in Nando Rafael setzte, sind mir von Anfang an unergründlich geblieben. Schon zu besten Zeiten hatte er in Berlin nur aufgrund der dortigen Stürmermisere seine Chancen erhalten. Delura wurde schon auf Schalke einst von Heynckes gefördert. Dieses Ziehsohn-Verhältnis setzt sich nun bei Borussia fort, wo Delura wie kein anderer Offensivspieler seinen Stammplatz sicher zu haben scheint. Wenn Heynckes allgemein auf einen festen Stamm setzen würde, wie oben gefordert, wäre dies noch einigermaßen nachvollziehbar. Gerade aber angesichts der praktizierten Rotation dürfte es auch im Team bei einigen unverständlich sein, warum ein derart mittelmäßiger Spieler so ungleich besser behandelt wird als andere. Selbstbewusste und vielleicht etwas egoistische Spielertypen wie Degen und Sonck, aber auch andere Reservisten wie Insua oder Sverkos werden sich nicht ganz zu Unrecht fragen, warum ihnen nicht ähnlich viel Vertrauen entgegengebracht wird. Die aktuell aufkeimende Unruhe in den Medien ist bei Erfolglosigkeit zwar normal und bei so vielen Niederlagen in Folge gibt es immer Reservisten, die unzufrieden sind. Mit der Personalie Delura macht sich Heynckes hier aber angreifbar.
Für die Zukunft sollte Heynckes hinterfragen, worauf sich sein Vertrauen in diesen Spielertypen begründet. Viel entscheidender ist aber, dass Pander und Heynckes allgemein ihre Personalpolitik hinterfragen.
Verfehlte Einkaufspolitik
Der kicker hat es uns in seiner Montag-Ausgabe knallhart, aber leider korrekt vor Augen geführt. Kein einziger Borussen-Einkauf aus diesem Sommer ist bislang eingeschlagen. Delura wird als Mitläufer geführt, Insua als Fehleinkauf. Degen, Heimeroth und Svärd werden mangels Einsatzzeit als „nicht zu bewerten“ eingestuft. So erklärt sich, warum die Mannschaft in diesem Jahr nicht besser agiert als in der Vorsaison, wo man nach der Winterpause auf ähnlich niedrigem Niveau agierte. Die aktuelle Misere ist kein soeben erst aufgetretenes Phänomen, das unter der Ägide Heynckes/Pander begonnen hat. Die Gründe ragen einige Jahre zurück und fangen spätestens mit dem Ende der Ära Hans Meyer an, mit dem die Kontinuität verloren ging. Mit Lienen, Fach, Advocaat, Köppel und jetzt Heynckes kamen seit März 2003 fünf Trainer zum Zuge. Alle 9 Monate wurden im Schnitt neue Konzepte von neuen Verantwortlichen entworfen, die alle auf neues Personal setzten und somit den Kader stetig durchmischten und veränderten. Nachdem zunächst Christian Hochstätter in der Ära Advocaat einige Missgriffe auf dem Transfermarkt tätigte, konnte sich auch Peter Pander bislang nicht durch ein allzu glückliches Händchen auszeichnen. Die Defensive wurde regelmäßig zu dünn besetzt, offensiv zögerte man viel zu lange, die wichtigste Position im offensiven Mittelfeld adäquat zu besetzen. Nachdem im letzten Jahr absehbar wurde, dass Thomas Broich ewig auf seinen Durchbruch bei Borussia würde warten müssen, gab man ohne Not einen Jan Schlaudraff nach Aachen ab, mit der Begründung, „ihn nicht genug zu kennen“ und sich auf die Aussagen des Trainers zu verlassen. Letzteres ist naiv, wenn man – wie Pander – ohnehin von Anfang an nicht vom Können eines Horst Köppel überzeugt gewesen ist. Erstere Aussage ist beinahe gar ein Kündigungsgrund, denn zum einen sollte ein Sportmanager den laut kicker besten Spieler der 2.Liga schon ein klein wenig einschätzen können. Zum anderen liegt Aachen nicht so weit von Mönchengladbach entfernt, als dass man nicht das eine oder andere Spiel hätte beobachten lassen oder gar besuchen können. Es ist müßig, im Nachhinein darüber zu spekulieren, ob Schlaudraff jemals in Mönchengladbach in so eine Rolle hätte schlüpfen können, die er nun in Aachen innehat. Jetzt, wo er gefeierter Nationalspieler geworden ist, fällt es leicht, so zu urteilen. Doch schon zur damaligen Situation, als Schlaudraff „nur“ Aktivposten eines Zweitligisten gewesen war, war die Aktion des Vereins wenig verständlich, wie Seitenwahl damals in einem entsprechenden Kommentar rügte. Auf jeden Fall ist uns durch den Verkauf zum Schnäppchen-Preis entweder eine weit höher zu erzielende Ablöse entgangen oder aber eine potentielle Alternative für unser doch eher unkreatives Offensivspiel.
Doch während die Akte Schlaudraff geschlossen werden kann, ist die Personalie des stattdessen neu hinzu gekauften Offensivspielers heiß diskutiert.
Federico Insua
Mit Insua wurden vor der Saison enorme Hoffnungen verknüpft, was nicht nur der hohen Ablöse geschuldet war. Im offensiven Mittelfeld drückt bei Borussia seit Jahren der Schuh und gerade mit dieser vakanten Position wurde stets auch unsere Auswärtsmisere konsequent verbunden. Als Insua gleich am ersten Spieltag gegen Cottbus und anschließend in Nürnberg seine Fähigkeiten andeutete, schien der Weg für eine Erfolgsstory vorgeebnet. Aber schon zwei Bundesliga-Spiele später wurde der Argentinier nach der ersten richtig schwachen Halbzeit in Aachen ausgewechselt und von Teilen der Öffentlichkeit für die desolate Mannschaftsleistung verantwortlich gemacht. In der Folgezeit blieb er stets Wackelkandidat, wurde mal ein-, mal frühzeitig ausgewechselt. Eine durchaus fragwürdige Behandlungsweise für einen eher sensiblen Spielertypen, der in ein fremdes Land wechselt und von dem hier gleich eine absolute Führungsrolle erwartet wird. Wenn Jupp Heynckes der Ansicht ist, Insua sei angesichts der Eingewöhnung und der Sprachprobleme noch nicht soweit, um der Mannschaft zu helfen, so hätte er ihn konsequent in die zweite Reihe setzen können, um ihn für die Rückrunde langsam aufzubauen. Wenn man aber liest, wie Insua bei den Boca Juniors nach ca. 10 Spielen langsam in Fahrt kam, hätte es am ehesten Sinn gemacht, mit dem Spieler durch dick und dünn zu gehen, sich gerade in schlechten Zeiten voll hinter ihn zu stellen anstatt ihn durch Auswechselungen schuldig fühlen zu lassen. Hier greift auch wieder die oben eingeforderte Eingespieltheit. Es gibt keine Gewähr dafür, dass es Insua tatsächlich in der Bundesliga schaffen wird. Aber wenn man einen solchen Spieler zu solch einem Preis einkauft, so sollte man ein wenig mehr auf ihn vertrauen und stärker auf ihn setzen. Eine Offensive, die seit dem 3. oder 4. Spieltag in einigermaßen unveränderter Form durchgespielt hätte, wäre mittlerweile sicherlich eingespielt genug, um Besseres abzuliefern, als wir es zur Zeit erleiden müssen. Und nur über konstante, regelmäßige Einsätze kann Insua jemals zu seiner Form finden und in die Rolle schlüpfen, die wir uns alle von ihm erhoffen. Sitzt er weiter auf der Bank und kommt nur sporadisch zum Einsatz, so ist absehbar, dass er auch auf seiner zweiten Station in Europa scheitern wird. Die nächsten Aufgaben unserer Borussia sind zwar denkbar undankbar für einen Offensivspieler, um sich Selbstbewusstsein und Form für die Zukunft zu holen. Dennoch sollte Heynckes sich überlegen, ob er nicht stärker auf seinen potentiell stärksten Spieler setzt und um ihn herum das Offensivspiel aufbaut. Schlechter als Delura, Rafael und Co. spielt Insua ohnehin nicht, so dass der kurzfristige Qualitätsverlust kaum ins Gewicht fällt, während der langfristige Qualitätszuwachs enorm sein könnte.
Fazit
Viel ist verkehrt gelaufen in den vergangenen Monaten und der wachsende Unmut auf die Verantwortlichen lässt sich angesichts der Negativserie sowie dem desolaten Auftritt der Mannschaft nicht viel länger ignorieren. Momentan ist die Mannschaft tot. Sollten Stuttgart und München in den nächsten Wochen halbwegs normal und motiviert spielen, sind uns in der aktuellen Verfassung derbe Klatschen gewiss. Natürlich wird man ihm Verein und gerade im Spielerkreis bemüht sein, optimistisch zu bleiben und auf seine Chance zu lauern. Doch die Fehler, die begangen worden sind, werden sich so schnell leider nicht beheben lassen, als dass wir allzu sehr auf ein Auswärtswunder hoffen sollten. Vieles in diesem Kommentar klingt wie eine Kehrtwendung gegenüber meiner Aussage von vorletzter Woche, in der ich für ein Festhalten am aktuellen Konzept plädierte. Dies ist aber nicht so, denn auch weiterhin bin ich der Meinung, es besteht keine ernsthafte Alternative zu einem Festhalten an Jupp Heynckes. Zu oft wurde in der Vergangenheit der Trainer gewechselt. Natürlich kann man vieles hinterfragen und kritisieren. Doch wenn man die Ablösung eines Verantwortlichen fordert, sollte man immer eine potentielle Alternative vorweisen können. Ein Christoph Daum ist bekanntlich nicht mehr zu haben und wäre ohnehin nicht nach Mönchengladbach gekommen. Irgendwoher einen ähnlichen Toptrainer zu bekommen, der bereit ist, zu einem Abstiegskandidaten zu wechseln, der in den letzten Jahren durch regelmäßige Trainerwechsel aufgefallen ist, ist unrealistisch. Der Trainer, der tatsächlich käme, würde uns vielleicht kurzfristig aufrütteln, wäre aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in nicht allzu ferner Zukunft in ähnliche Diskussionen verstrickt. Dieser ewige Teufelskreis aus Diskontinuität – Misserfolg – Trainerentlassung muss irgendwann beendet werden. Und wenn wir nicht einem Trainer wie Jupp Heynckes mit seinen Erfolgen und seiner emotionalen Nähe zu Borussia diese Chance auf langfristiges Arbeiten geben, dann werden wir dies wohl niemandem zugestehen. Von daher sollten wir Fans uns Jupp Heynckes genauso gegenüber verhalten, wie ich es oben von Heynckes gegenüber Insua angemahnt habe. Ihm Geduld und Zeit entgegenbringen, an ihm auch in schlechten Zeiten festhalten und darauf hoffen, dass er uns mittel- bis langfristig dafür überkompensiert, was wir kurzfristig an Problemen durchleiden müssen.
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