Intern / Interaktiv

Impressum
Home arrow Mike Lukanz arrow Geschichte wiederholt sich nicht
Geschichte wiederholt sich nicht Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz   
Montag, 11 Dezember 2006

ImageEin SEITENWAHL-Leser schrieb im Forum bedeutungsschwanger: „Geschichte wiederholt sich!". Natürlich dachte fast jeder Beobachter am Samstag an den Tag im April vergangenen Jahres, als Michael Thurk in der 90. Minute zum 1:1 für die Gäste aus Mainz traf und damit Borussia nicht nur tief in den Abstiegssumpf stürzte, sondern ebenfalls Dick Advocaat vom Trainerstuhl in Mönchengladbach.Dieser Gedanke scheint naheliegend, ist jedoch bei näherer Betrachtung nicht haltbar. Zu unterschiedlich sind die Strukturen, zu differenziert die Details der Ursachen. Der wichtigste Unterschied indes ist, ganz banal gesprochen, der Zeitpunkt eines solchen Spiels. Waren im April 2005 der Abstieg mit beiden Händen greifbar und die Stimmung auch und vor allem gegen den Trainer spürbar gereizter, stellt das 1:1 vom vergangenen Samstag lediglich eine logische Konsequenz einer völlig verkorksten Hinrunde dar, die auch mit einem Erfolgserlebnis am kommenden Freitag in Bochum nicht verschönert werden könnte und die mit lediglich zwei ansprechenden Spielen (Nürnberg, Dortmund) unter jeder Erwartung blieb.


Peter Pander sprach nach dem Spiel davon, dass man „noch 18 Punkte erreichen kann" und man damit „zufrieden wäre". Diese Aussagen werden vielerorten zynisch als neue Bescheidenheit beschrieben, dabei klingt eine solche Aussage eher wie „immerhin hätten wir dann 18 Punkte". Vor dem Hintergrund dieser Hinrunde ist man mit kleinen Erfolgserlebnissen zufrieden, an der grundsätzlichen Einstellung zur Gesamtsituation ändert sich jedoch auch beim Sportdirektor nichts. Denn im gleichen Gespräch sprach Pander auch deutlich davon, dass man mit dieser Hinrunde eben nicht zufrieden sei.

Jupp Heynckes wollte viel, und das auf einmal. Dass seine oft und häufig formulierten Warnungen über die Langwierigkeit eines solchen Prozesses im Umfeld überhört würden, war abzusehen. Zu ähnlich klangen solche Worte in den Ohren der Fans (man erinnere sich an „Wir sind noch nicht soweit"), die nur noch bei „Wir wollen in den UEFA-Cup" reagieren. Heynckes hat viel experimentiert, hat Personal und Taktik getauscht. Nur wenige Spieler wussten in den vergangenen Monaten um ihren Stellenwert. Kasey Keller, Michael Delura oder Kahê spielten fast immer, Wesley Sonck und Hassan El-Fakiri fast nie. Was ImageKahê einem Wesley Sonck eigentlich voraus hat, bleibt ein wohl ewiges Rätsel. Speziell im Fall des belgischen Torjägers sollte der Verein im Winter eine schnelle Lösung suchen. Wesley Sonck ist dem sympathischen, aber untalentierten Brasilianer spielerisch, technisch und fußballerisch um Welten überlegen. Sollte der ehemalige Amsterdamer wirklich ein so großer Stinkstiefel sein, wie oft vermutet und zum Teil bestätigt wird, sollte man sich trennen. Woche für Woche Kahê über den Platz stolpern zu sehen, der trotz seines massiven Körpers eine unterirdische Kopfball- und Zweikampfbilanz aufweist, stärkt indes Heynckes´ Position nicht. An dieser Stelle ein persönlicher Einwand: wenn Kahê wirklich der so viel mannschaftsdienlichere Spieler als z.B. Sonck oder Sverkos sein soll, warum weigerte sich der Brasilianer am Samstag beharrlich, für Bo Svensson in der Abwehr zu agieren?


Die Trainerfrage ist keine, zumindest noch nicht. Es ist gut, dass der Verein sich klar zum Trainer und dessen Konzept bekennt. Doch sollte auch Heynckes einsehen, dass in der Rückrunde die Zeit der Experimente vorbei sein muss. Die Fehler aus der Sommerpause, als er, obschon im Wissen um den geplanten Transfer von Insua nach Mönchengladbach, konsequent ein System spielen und trainieren ließ, das eben nicht zu einem Spielmacher passt, dürfen sich im kommenden Winter nicht wiederholen. Kontinuität ist eben nicht nur auf dem Trainerstuhl wichtig, sondern auch im Kader. Peter Pander wich im Rahmen der Pressekonferenz noch jeder Frage nach Transfers im Winter aus; gleichwohl wird er wissen, dass personell nachgelegt werden muss.


ImageJupp Heynckes weiß jedoch sehr genau, dass seine Kritiker schon in den Stellungen liegen und scharf schießen. Durch seine Personalpolitik und seine mitunter konfusen Auswechslungen macht er sich angreifbar. Er gilt als sturer Hund, der sich nicht von außen reinreden lässt. Das ist die einzige Parallele zu Advocaat. Wenn Borussia und Heynckes nicht wollen, dass sich Geschichte doch wiederholt, sollten sich alle im Verein grundsätzlich darüber klar sein, was man will. 15 Punkte im Winter bedeuten, dass 25 Punkte in der Rückrunde geholt werden müssen, um das Minimalziel Klassenverbleib zu sichern. Schwarzmalen und nebulöse Untergangsphilosophien sind nicht zielführend, doch langsam kommt Borussia in eine Situation, in der sie aufwachen muss. Allen voran Jupp Heynckes und sein Personal. Bei Dick Advocaat war es fast zu spät.