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Home Interviews "Wir bevormunden unsere Fans nicht!"
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"Wir bevormunden unsere Fans nicht!" |
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Geschrieben von Mike Lukanz
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Montag, 17 April 2006 |
Wenige Spieltage vor Saisonende stand uns Pressesprecher Markus Aretz
in einem ausführlichen Interview zur Verfügung. Gewohnt locker und
souverän kommentierte er Borussias sportliche Leistung, äußerte sich zu
Entwicklungen im Sportjournalismus und zum Verhältnis des Vereins zu
seinen Fans. Der 39-jährige Sohn eines Bundeswehroffiziers, ehemaliger
Beamter im Auswärtigen Dienst und Redakteur der "Rheinischen Post" ist
seit 1999 Pressesprecher von Borussia Mönchengladbach.
SEITENWAHL: "Herr Aretz, Sie sind
Pressesprecher, damit Sprachrohr des Vereins, Sie haben Interviewanfragen, das
Telefon klingelt nahezu den ganzen Tag, Sie bringen das FohlenEcho heraus,
ebenso das Magazin 'gladbach**'. Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?"
Markus Aretz: "Es ist natürlich, wie Sie schon sagten, sehr viel
dazugekommen in den vereinseigenen Medien. Wir haben drei Printprodukte: das
FohlenEcho, gladbach** und das FohlenEcho Juniorenmagazin. Wir haben das
FohlenTV im Stadion, das wir selber produzieren und wir haben die Homepage, die
viel Arbeit macht. Wir haben uns aber auch entsprechend aufgestellt und
Fachleute zu uns geholt. Das ist also alles machbar und man kann nachts auch
noch schlafen. Doch ist es auch ein Job, der voraussetzt, dass man mal flexibel
ist bei den Arbeitszeiten."
SEITENWAHL: "Wer legt im Verein fest, welche Produkte die
Medienabteilung herausbringt?"
Markus Aretz: "Die Ideen kommen von uns, doch wird alles natürlich
mit der Geschäftsführung und dem Präsidium abgestimmt, klar."
SEITENWAHL: "Kommen wir zur sportlichen Situation Borussias. Wie
bewerten Sie den bisherigen Saisonverlauf?"
Markus Aretz: "Ich glaube, man muss die Entwicklung insgesamt und
nicht eine Saison nur für sich sehen. Die Saison einzeln betrachtet sind wir
auf einem Tabellenplatz 9., für manche ist es das graue Mittelmaß, die anderen
sagen, das ist ein riesiger Fortschritt zu den letzten Jahren. Und ich glaube,
das muss man auch im Kontext der letzten Jahre sehen, da haben wir schon einen
Schritt nach vorne gemacht. In der Hinrunde gab es eine Serie von drei Siegen
in Folge, klar werden da Erwartungen geweckt, aber so weit sind wir noch nicht,
dass wir meinen, wir könnten gleich wieder oben aufschließen und dauerhaft um
Platz 4 oder 5 mitspielen. Da muss man Geduld haben, so sehe ich das
auch."
SEITENWAHL: "Was denken Sie, warum dennoch eine gewisse
Unzufriedenheit im Umfeld nicht weichen will? Es ist nicht nur die Kritik am
Trainer, sondern eine allgemeine Kritik in der Presse, bei den Fans."
Markus Aretz: "Ich glaube, dass es vor allem an der katastrophalen
Auswärtsbilanz liegt. In 33 Spielen nur einen einzigen Sieg (das Interview
fand am 07. April statt; Anm. d. Red.), das kann man einem Fan natürlich
nicht zumuten, der auswärts immer mitfährt und davon hat Borussia sehr viele.
Auch ich fahre mit zu den Auswärtsspielen und immer in der Hoffnung, dass man
mal was holt. Doch sitzt man dann meist auf der Tribüne, ist maßlos enttäuscht,
das ist klar.
Dann spielt eine Rolle, dass Borussia Mönchengladbach auch ein besonderer
Verein ist. Kein Verein wie Hannover oder Wolfsburg, sondern einer mit einer
großen Vergangenheit. Jeder Anhänger dieses Vereins fühlt das und hofft, dass
diese Zeiten wiederkommen. Natürlich ist das sehr, sehr schwierig und das
wissen die Fans auch. Wir werden es wahrscheinlich nicht mehr erleben, dass
Borussia in acht Jahren fünf Meistertitel und zwei UEFA-Pokale gewinnt. Und
dennoch träumt man natürlich davon, dass man diese Erfolge wieder erleben wird.
Das hat man also im Hinterkopf und daher denke ich, dass sich speziell unsere
Anhänger auch nicht so schnell zufrieden geben, auch wenn es mal einen achten
Tabellenplatz gibt wie in dieser Saison. Da gibt´s zwar die Einen, die sagen:
‚Hey, das ist doch wunderbar nach vier Jahren Abstiegskampf. Jetzt ein wenig
Geduld und wir können den nächsten Schritt machen.' Die anderen sind eben
ungeduldiger und sagen, speziell wenn man im Laufe der Saison mal auf Platz 5
stand: ‚Da beißen wir uns jetzt fest!'
Dann gibt es Rückschläge, mit denen man rechnen muss, und dann ist direkt
Unruhe im Umfeld. Wir haben hier im BorussiaPark vielleicht auch ein anderes
Publikum als früher am Bökelberg. Der Kern ist geblieben, doch haben wir den
Schnitt um knapp 17.000 Zuschauer gesteigert. Das sind dann vielleicht die
Fans, die nicht ganz diesem engen Kern angehören."
SEITENWAHL: "... Und anspruchsvoller sind?"
Markus Aretz: "Ja, die anspruchsvoller sind. Schöne Spiele sehen,
das Event genießen und einen Sieg sehen wollen und daher vielleicht etwas
schneller pfeifen als andere. Was überhaupt nicht schlimm ist, denn ich denke,
wir haben insgesamt ein sehr gutes Publikum hier. Kasey Keller sagt gerne:
‚Unsere Fans sind unglaublich, wenn wir gewinnen.' Er hat in seiner Karriere
noch nie solche Fans erlebt und er hat viele erlebt in Spanien und England.
Aber er sagt auch: ‚Wehe, wenn wir nicht gewinnen.'"
SEITENWAHL: "Sprechen wir über Ihre Arbeit und über das, womit Sie
zu tun haben. Sie erwähnten eben bereits, dass das Internet für Borussia eine
massive Bedeutung hat. Überall wird über das Internet und seine Möglichkeiten,
seine Chancen gesprochen. Wird das Internet im Allgemeinen und im
Sportjournalismus im Speziellen nicht etwas überbewertet?"
Markus Aretz: "Für uns ist die Homepage das wichtigste
Kommunikationsinstrument. Das ist für uns eine Plattform, auf der wir uns
darstellen können. Die Zugriffszahlen sind gigantisch, der Trend ist positiv
und wird sich in den nächsten Jahren so fortsetzen. Das liegt daran, dass immer
mehr Leute zu Hause online gehen und dass das Internet ein sehr schnelles
Medium ist. Es ermöglicht uns den direkten Kontakt zu den Fans. Anders als bei
einer Zeitung zum Beispiel. Natürlich sind die Rheinische Post, BILD und
Express für uns wichtig, aber erstens wird dort nicht die Vereinsmeinung
kommuniziert, sondern die der Zeitung, und zweitens wird diese Zeitung zwar
auch von Gladbach-Fans gelesen, aber auch von anderen Lesern. Bei unserer
Homepage wissen wir, wer sich die anguckt und die Artikel liest, ist zumindest
ein Sympathisant des Vereins. Wir haben über die Homepage die Möglichkeit,
diese Leute direkt zu informieren. Das ist unser Anpruch. Wir wollen möglichst
viele Informationen liefern und wir haben die Möglichkeit, eine Vereinsmeinung darzustellen,
wenn in den Zeitungen zum Beispiel etwas anderes gesagt wird.
Natürlich ist diese Homepage nicht dazu da, kritisch über die Mannschaft oder
einzelne Spieler zu berichten. Das darf man nicht erwarten. Wir sind natürlich
immer auf der Seite der Mannschaft und auf Seite des Vereins, wollen aber
trotzdem versuchen, möglichst objektiv die Fans mit Informationen zu versorgen.
Die Gefahr, das Internet zu überbewerten, besteht ein bißchen. Das Internet
eröffnet ungeahnte Möglichkeiten und immer mehr Menschen nutzen die
Möglichkeiten. Sie verschicken Emails, posten ihre Meinung in Foren und ich
glaube schon, dass die Gefahr besteht, dass man das überbewertet. Früher war es
so, dass man diese Stimmen gar nicht gehört hat. Jetzt guckt man in die Foren und
denkt sich: ‚Was passiert da? Muss man da reagieren?' Da muss man einfach
lernen, damit umzugehen. Emails zum Beispiel eröffnen jedem die Möglichkeit,
sich an den Rechner zu sitzen, zwei Sätze zu schreiben und das abzuschicken.
Was das bedeutet für einen Verein wie Borussia Mönchengladbach, der täglich
hunderte, in bestimmten Situationen gar tausende Emails bekommt! Jeder, der
eine Mail schreibt, erwartet eine Antwort. Das ist teilweise nicht leistbar.
Man müsste zehn Mitarbeiter einstellen, die nichts anderes tun, als Emails zu
beantworten."
SEITENWAHL: "Speziell an Heimspieltagen haben Sie Vertreter des TV,
der Printmedien, des Radios und inzwischen auch reine Online-Redakteure, zu
denen ich natürlich SEITENWAHL und TORfabrik zähle, vor Ort im BorussiaPark.
Spüren Sie als Pressesprecher dort Unterschiede bei der Berichterstattung oder
verschmelzen diese Formen mehr und mehr?"
Markus Aretz: "Ich glaube, dass das immer mehr verschmilzt. Es gibt
im Internet sowohl die professionellen Redaktionen, also reine
Internet-Zeitungen wie die Net-Zeitung, oder die Internetauftritte der großen
Verlage wie kicker oder SportBILD. Und es gibt die sehr professionell gemachten
Fanseiten, wie eben TORfabrik und SEITENWAHL, die von uns seit Jahren sehr
ernst genommen werden, denn wir meinen, dass da sehr objektiv und professionell
berichtet wird. Das sind Seiten, die in direkter Verbindung stehen zu unserer
Anhängerschaft, das ist sehr wichtig für uns. Ich glaube daher schon, dass das
verschmilzt und dass man diese Trennung nicht mehr vornehmen kann."
SEITENWAHL: "Sehen Sie in der Presse im Allgemeinen auch den Trend
zur schwarz-weiß-Berichterstattung, zur Abkehr vom kritischen
Sportjournalismus, wie es vielenorten beklagt wird, oder ist das und war das
immer nur ein Produkt des Boulevard?"
Markus Aretz: "Also zuerst denke ich, dass man das nicht
pauschalieren kann. Heute arbeitet jeder anders. Ich glaube, dass durch den
Boom, der mittlerweise auch durch das Internet eingesetzt hat, viele Leute in
den Journalismus gekommen sind, die es früher so nicht geschafft hätten. Das
ist kein Qualitätsurteil, aber ich habe den Eindruck, dass es leichter geworden
ist einen Artikel schreiben zu dürfen, ihn in einer Zeitung zu veröffentlichen
oder im Internet, wo es noch einfacher ist. Früher ging für einen Journalisten
eine längere Ausbildung voran. Man musste jahrelang freier Mitarbeiter gewesen
sein, Volontariate gemacht haben, bevor einem die Ehre zuteil wurde, über ein
Bundesligaspiel berichten zu dürfen. Das geht schneller heute. Da sehe ich die
Gefahr, dass die Qualität da etwas gelitten hat.
Jeder hat einen anderen Ansatz. Die Boulevardzeitungen müssen so arbeiten, das
muss man einfach akzeptieren. Das mag einem gefallen oder nicht, und das ist
keine Frage des Geschmacks. Der Boulevard lebt, wie der Name schon sagt, nicht
von Abonnements, sondern verkauft seine Zeitungen auf dem Bürgersteig. Also
lebt man davon, dass die Schlagzeilen und die Bilder stimmen. Das ist natürlich
plakativer als bei den anderen Printmedien."
SEITENWAHL: "Ist es aus journalistischer Sicht nicht schwierig,
wenn einzelne Redakteure einer Zeitung den Verein über viele Jahre begleiten,
Stichwort: Distanz?"
Markus Aretz: "Das glaube ich nicht. Ich weiß nicht, wie es bei
anderen Bundesligisten ist, aber ich sehe bei uns keinen Journalisten, der
unkritisch ist. Ich glaube eher, dass das Gegenteil der Fall ist. Dass die
engere Beziehung zwischen Journalist und Verein zu mehr Kritik führt. Dass
jemand, der als Fan fühlt, auch mehr enttäuscht ist über eine schlechte Leistung
der Mannschaft und mehr draufhaut als jemand, der mehr Abstand hat."
SEITENWAHL: "Die Medien haben einen immer größeren Einfluss und
viele Anhänger sehen die Gefahr, dass der Sport mehr und mehr durch die Medien
gelenkt wird. Es sind diese Kleinigkeiten, die den Menschen auffallen. Wenn
z.B. der TV-Mann dem Schiedsrichter signalisiert, dass er noch nicht anpfeifen
dürfe, weil der Werbeblock noch nicht zu Ende gelaufen ist. Ist das eine
Entwicklung, die erst am Anfang steht und nicht mehr aufzuhalten ist, weil
immer mehr Geld dabei eine Rolle spielt?"
Markus Aretz: "Es ist sicher so, dass die Medien Macht haben. Der
Sport ist für die Medien sehr, sehr interessant, also versuchen sie natürlich
auch, ihre Macht auszuüben in der Berichterstattung. Wer da sagt, die Medien
hätten keine Macht, schießt weit am Ziel vorbei. Doch muss man da
unterscheiden. Ich sehe, in Ihrem Beispiel, überhaupt kein Problem darin, wenn
das Fernsehen die Anstoßzeiten steuert. Es ist doch klar, dass, wenn man einen
TV-Vertrag hat, Premiere daran interessiert ist, dass die zweite Halbzeit in
allen Stadien zeitgleich angepfiffen wird. Das hindert den Spielablauf nicht
und das stört auch den Zuschauer auf der Tribüne nicht wirklich.
Problematischer sehe ich es, wenn Medien ihre Macht und ihre Auflage nutzen, um
Meinungen zu machen und Politik zu betreiben in den Sport hinein, aus welchem
Grund auch immer. Das sieht man vielleicht an der Nationalmannschaft, wo
bestimmte Medien ein Interesse daran haben, einen Spieler in die Stammelf zu
schreiben. Das ist Politik, und davor muss man sich schützen."
SEITENWAHL: "Es gibt seit einiger Zeit z.B. das ‚SportNetzwerk',
ein loser Zusammenschluss von Sportjournalisten, die fast alle aus dem VDS
(Verband der Sportjournalisten) ausgetreten sind, weil man eine schärfere
Trennung zwischen Journalismus und PR fordert, man die reine ergebnis- und
unterhaltungsorientierte Berichterstattung ablehnt, die im Sportjournalismus
Einzug gehalten haben soll. Ist diese Berichterstattung jedoch nicht ein Ergebnis
des Faktors Geld, der immer maßgebender wird, weil der Sport und speziell der
Fußball ein Wirtschaftsfaktor geworden ist? Dass Fußball mehr und mehr als
‚Event' gesehen wird?"
Markus Aretz: "Das gibt es natürlich, aber ich bin der Meinung,
dass es nach wie vor alles gibt. Jeder Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer hat
die Freiheit zu entscheiden, was er liest oder guckt. Man hat ja die Wahl, ob
man lieber eine Ausgabe der BILD oder des Express liest, ein Fachblatt wie den
kicker, überregionale Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ oder,
wie in unserem Falle, die regionalen Angebote wie die Rheinische Post oder die
WZ. Man kann also entscheiden, ob man den distanzierteren, kritischeren Stil
der überregionalen Zeitungen will oder man entscheidet sich für das kurze,
knappe, plakative Angebot der Boulevardblätter. Da so pauschal zu sagen, der
Sportjournalismus ist unkritischer geworden, da halte ich nichts von."
SEITENWAHL: "Gleichzeitig ist zu beobachten, dass eine
Intellektualisierung des Fußballs stattfindet. Inzwischen findet der Leser in
jedem Ressort seiner Zeitung einen Artikel über Fußball, speziell und vermehrt
im Feuilleton, wo sogar der Torwartstreit diskutiert wird. Wird da übertrieben
oder reagieren die Zeitungen auf die immer größer werdende, gesellschaftliche
Bedeutung des Fußballs?"
Markus Aretz: "Ja, das ist so. Man kann natürlich darüber streiten,
ob Fußball ‚wichtig' ist, denn es ist nach wie vor nur ein Spiel. Doch spielt
der Fußball natürlich eine unglaubliche Rolle in unserer Gesellschaft. Jeder
Verein in der Bundesliga ist ein Wirtschaftsunternehmen, es ist ein ganzer
Wirtschaftszweig geworden. Die große Mehrheit der Bevölkerung interessiert sich
auch für den Fußball. Da gibt es auch keine gesellschaftlichen Unterschiede
mehr. Fußball ist kein Arbeitersport und kann keiner bestimmten
Gesellschaftsschicht zugeordnet werden. Fußball interessiert im ganzen Land
alle Menschen. Es interessiert den Arbeiter auf dem Bau ebenso wie den
Rechtsanwalt, den Arzt und den Künstler. Alle reden am Montag über die
Ergebnisse des Wochenendes. Vielleicht in einer anderen Wortwahl, aber so
schlägt sich das nieder in den Medien."
SEITENWAHL: "Und verstärkt durch die WM ...?"
Markus Aretz: "Das wird sicher verstärkt durch die WM in diesem
Jahr, aber den Trend dazu gibt es schon länger."
SEITENWAHL: "An den Kiosken gibt es mittlerweile immer mehr reine
Fußballprodukte, wie z.B. ‚11 Freunde', ‚Player'. Ihre Meinung als ehemaliger
Journalist: ist der Markt irgendwann satt in Deutschland oder vertragen wir
noch mehr qualitativ hochwertige Produkte?"
Markus Aretz: "Das hat natürlich mit der WM zu tun. All diese
Magazine sind in den letzten zwei Jahren entstanden, weil die Verlage diesen
Boom der Weltmeisterschaft nutzen wollen. Insofern muss man sehen, wie es ein
Jahr nach der WM aussieht und welche Produkte es dann geschafft haben,
dauerhaft auf dem Markt zu bleiben."
SEITENWAHL: "Es ist jedoch bemerkenswert, dass bei den vielen
Millionen Fußballfans in Deutschland nur zwei Magazine gibt, die regelmäßig
erscheinen und über Fußball berichten: den ‚kicker' und die ‚SportBILD'. Die
‚11 Freunde' als ehemaliger, reiner Internetauftritt haben den Sprung
geschafft. Oder ist ausschließlich der Verlag im Hintergrund entscheidend, der das
Ganze produzieren muss?"
Markus Aretz: "Klar ist das entscheidend. Aber man muss mal die
Palette sehen. Da gibt es ‚Rund', den ‚Player', die ‚11 Freunde', das kann man
gar nicht alles lesen. Das sind zwar alles Produkte, die gut gemacht sind, die
man auch mit Spaß liest, aber ich sehe es an mir selber: Ich versuche immer
alles zu lesen, ich trage die Zeitschriften ständig mit mir herum, komme aber
weder zu Hause noch im Büro dazu, alle zu lesen. Ich merke dann am Beginn des
neuen Monats, dass ich die Ausgabe des Vormonats noch immer nicht angeguckt
habe, gleichwohl ich sie dann liegenlasse, weil Artikel dabei sind, die ich
unbedingt lesen will. Es ist also schon ein riesiges Angebot, denn es gibt auch
noch die Tageszeitungen, die entsprechend berichten. Mal sehen, wie viel der
Markt nachher verträgt."
SEITENWAHL: "Schließen wir den Teil des Sportjournalismus ab und
kommen erneut zur Borussia. Vor einigen Wochen wurde ein Zwischenfall bei
Hertha BSC Berlin bekannt, als dort bei einem Heimspiel Plakate und
Transparente mit vereinskritischen Äußerungen der Fans durch den Verein
entfernt wurden. Natürlich gab es dort eine große Aufruhr der Fans und der
Presse. Wäre eine solche Aktion auch bei Borussia möglich, dass der Verein,
wenn auch provokativ formuliert, im Stadion entscheidet, was die Fans äußern
dürfen und was nicht?"
Markus Aretz: "Es wäre nie unsere Absicht zu steuern, was die Fans
denken und sagen. Ich weiß aber auch nicht, welche Plakate das in Berlin
waren...."
SEITENWAHL: "Plakate mit ‚Hoeneß raus' oder Vorwürfen an das
Präsidium."
Markus Aretz: "Ich glaube schon, dass man Vereinsvertreter vor
bestimmten Dingen schützen muss. Wenn es also Plakate sind, bei denen eine
Person massiv beschimpft und verunglimpft wird, dann muss man sich das als Verein
nicht gefallen lassen im eigenen Stadion. Wir würden unsere Fans jedoch nie
bevormunden und ihnen vorschreiben, was sie denken oder äußern dürfen im
Internet, auf Flugblättern oder wie auch immer. Dennoch denke ich, dass jeder
Fan Verständnis haben müsste, wenn ein Bundesligaspiel stattfindet, wir
Gastgeber sind, das Fernsehen da ist und das raustransportiert, dass man als
Verein schon darauf achtet, dass einzelne Angestellte, die alles für den Verein
geben, nicht verunglimpft werden durch einzelne Transparente."
SEITENWAHL: "Wo setzt der Verein sonst die Grenzen im Verhältnis
der Fans zu den Spielern, beziehungsweise im Verhältnis zum Verein? Borussia
will immer seinen familiären Charakter behalten, doch wo hört für Sie, hört für
den Verein die Familie Borussia auf?"
Markus Aretz: "Es ist in der Tat so, dass wir weiterhin dieser Club
zum Anfassen bleiben wollen. Das wird es bei uns nicht geben, dass zum Beispiel
ein Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Vielleicht mal
ein Training, weil der Trainer sagt, er will an dem Tag bestimmte
Standardsituationen üben, die kein Journalist mitbekommen soll, dann bleiben an
dem Tag die Tore zu.
Wir wollen, dass jeder kommen kann, sich an den Trainingsplatz stellen und
zugucken kann. Dass jeder die Spieler ansprechen kann, um ein Autogramm oder
Foto bitten kann. Das werden wir weiter so offen gestalten. Das zeichnet
Borussia aus. Speziell in den Freundschaftsspielen, die wir am Ende einer
Saison oder in der Vorbereitung spielen, wenn wir zum Teil über die Dörfer
tingeln, merken wir, dass diese Offenheit gut ankommt. Dass die Menschen immer
sehr erfreut und dankbar sind, wie einfach und umgänglich Borussia ist. Das ist
offensichtlich nicht bei allen Vereinen so. Unsere Spieler kennen das nicht anders
und die Spieler, die neu dazukommen, lernen das schnell kennen, dass das bei
Borussia dazugehört."
SEITENWAHL: "Ist das also weiterhin eine gewissen Ideologie, die da
verbreitet wird?"
Markus Aretz: "Das ist die Identität des Clubs! Darüber wird auch gesprochen
im Verein, in den Gremien und im Präsidium. Es ist ein Ziel, das weiterhin so
zu pflegen. Natürlich kann man den Spielern nicht alles zumuten. Man muss auch
dafür sorgen, dass die Spieler auch mal Abstand gewinnen können und Ruhe haben.
Das wird von den Fans auch respektiert und akzeptiert. Wenn ein Fan meint, er
müsse den Spieler noch privat besuchen, dreimal dort klingeln und um ein
Autogramm bitten, dann geht das natürlich zu weit und da muss man als Verein
auch dem Spieler helfen."
SEITENWAHL: "Der Verein hat eine gewisse Verantwortung speziell den
jüngeren Spielern gegenüber. Man sieht jedoch am Beispiel des Lukas Podolski in
Köln, dass es der Verein trotz aller anfänglichen Bekundungen nicht geschafft
hat, den Spieler dauerhaft und konsequent zu schützen. Jetzt beklagt man von
Vereinsseiten aus, dass der junge Spieler darunter leide, dass er eine Marke
geworden sei. Wie sieht in Ihren Augen ein verantwortungsvoller Umgang mit
jungen Spielern aus, ohne den Anforderungen der Medien und des Marktes
ungerecht zu werden und kann man einem Spieler überhaupt vorschreiben, welche
Termine er wahrnehmen muss und welche nicht?"
Markus Aretz: "Gegen den Willen des Spielers ist das sicherlich
schwierig. Wenn ich einem Spieler sage: ‚Pass auf, Du hast hier fünf Anfragen,
die solltest Du nicht machen.', und er antwortet ‚Doch, die will ich aber
machen', dann wird es schwierig und man kann es ihm nicht verbieten. Wenn er
das Vereinsgelände verlässt, ist er ein freier Mensch und kann machen, was er
will. Natürlich versucht man, gerade auf die jungen Spieler einzuwirken. In der
Regel sind die jungen Spieler auch dankbar dafür, wenn man Ihnen hilft und
hören auf das, was der Verein ihnen rät. Wir bekommen zur Zeit zum Beispiel
sehr viele Anfragen für Marcell Jansen oder für Eugen Polanski. Wir sprechen
über jede Anfrage mit dem Spieler und sagen ‚das sollest Du machen, das ist gut
für Dich. Da kannst Du Dich präsentieren. Oder es ist gut für den Verein, bitte
mach´ das, weil das eine Plattform ist, da hat Borussia auch etwas davon.' Oder
das ist etwas, von dem wir sagen ‚das kannst Du machen, wenn Du Lust dazu hast,
musst Du aber nicht unbedingt.' Oder wir sagen auch Termine ab, weil es zuviel
wird. Es funktioniert auch andersherum. Die Spieler kommen auch zu uns, wenn
sie angesprochen wurden und fragen uns, ob sie das machen sollen oder bitten
mich, dass für sie absage.
Im Fall Podolski: das verselbstständigt sich. Wenn ein Spieler so ‚hochgejazzt'
wird von den Medien, zum absoluten Retter der Nation und neuen Superstar, dann
wird es schwierig. Man kann dem Spieler dann nur Hilfestellungen geben, man
kann dafür sorgen, dass er in einer Woche nicht zehn einzelne Interviews geben
muss, sondern man macht zwei Termine mit fünf Journalisten an einem runden
Tisch. So hat der Spieler nur zweimal eine Stunde Belastung."
SEITENWAHL: "Ist das alles das Problem des Spielers, des Marktes
oder auch der Spielerberater, die in solchen Fällen dahinter stehen?"
Markus Aretz: "Natürlich hat ein Spielerberater andere Interessen
an einem Spieler als der Verein. Aber der Berater denkt auch für den Spieler,
und wenn, wie im Fall Podolski, die großen Firmen auf den Berater zukommen und
darum bitten, Werbeverträge zu machen, dann hat der Spieler ja auch etwas
davon, weil er damit viel Geld verdient. Da muss man also abwägen. Es ist
wichtig, dass man einen sehr guten Berater hat, der so weitsichtig ist, dem
Spieler auch zu sagen, dass er zwar jetzt die schnelle Mark machen kann, aber
dennoch kürzer treten sollte. Bei den Beratern gibt es große
Unterschiede."
SEITENWAHL: "Wir sprachen über den Druck, der von außen kommt. Die
Clubs aus den Großstädten Hamburg, Berlin oder München beklagen oft die massive
lokale Medienpräsenz in ihrer Stadt und dass das Arbeiten dort ungleich
schwieriger sei als in der Provinz. Sehen Sie das ähnlich?"
Markus Aretz: "Das sehe ich anders. Ich sehe nicht den großen
Unterschied in der Medienpräsenz zu diesen Städten. Klar gibt es in Berlin drei
Tageszeitungen mehr, aber auch hier ist es so, dass vier Tageszeitungen täglich
berichten, dazu ein lokaler Radiosender, dazu zwei professionelle
Internetauftritte mit TORfabrik und SEITENWAHL, die täglich berichten. Der
Unterschied ist damit nicht mehr so groß. Im Gegenteil, denn ich glaube sogar,
dass es nicht unbedingt ein Vorteil sein muss, in einer relativ kleinen Stadt
wie Mönchengladbach zu leben und zu arbeiten, in der es nichts anderes gibt als
Borussia. In Hamburg leben viel mehr Menschen, dort gibt es ein viel größeres
sportliches und kulturelles Angebot, die Stadt hat fraglos mehr zu bieten. Da
wird über viele andere Dinge geredet und nicht nur über den HSV. In
Mönchengladbach ist es so, dass selbst die, die sich für Fußball wenig bis gar
nicht interessieren, trotzdem über Borussia Mönchengladbach reden, wissen, wie
wir am Wochenende gespielt haben und hauen am Stammtisch ebenso mit drauf, wenn
es sein muss."
SEITENWAHL: "Zum Abschluss ein Klassiker: wo steht Borussia in zehn
Jahren und was macht Markus Aretz dann?"
Markus Aretz (lacht): "Unglaublich schwierig zu beantworten
solche Fragen....."
SEITENWAHL: "Schränken wir es auf fünf Jahre ein!"
Markus Aretz: "Ich fange es mal anders herum an. Wenn man mal zehn
Jahre zurückgeht, wo stand Borussia da? Sie hatte 1995 den Pokal gewonnen, hat
95/96 noch einmal eine gute Saison gespielt und sich nochmal für den UEFA-Cup
qualifiziert und hatte den selbsterklärten Anspruch, zur Nummer zwei oder drei
in der Liga zu werden. Was ist dann passiert? Katastrophale Saison 97/98, der
Abstieg 1999, fast der finanzielle Kollaps, der Verein wäre fast weg gewesen.
Dann zwei Jahre in der zweiten Liga und der lange, mühsame Wiederaufbau. Hätten
Sie 1996 jemanden gefragt, wo steht Borussia 2006 und wissen dann, was
dazwischen passiert ist, so sieht man, wie schwer das zu prophezeien ist. Unser
Anspruch ist, dass wir in fünf, sagen wir zehn Jahren, den eingeschlagenen Weg
immer weiter gegangen sind. Den Weg der kleinen Schritte, wie wir es immer
formulieren. Wenn uns das gelingt und wir so weitergehen, dann werden wir
irgendwann wieder unter den ersten vier bis fünf Vereinen in Deutschland sein.
Ich glaube nicht, dass es ein anderer Verein als Bayern München schafft,
konstant um die Deutsche Meisterschaft mitzuspielen. Im Moment sind es Schalke,
Bremen und Hamburg. Vor zehn Jahren waren es Dortmund und Leverkusen. Auch das
ändert sich."
SEITENWAHL: "Aber fast alle Vereine sprechen jedes Jahr davon,
mittelfristig wieder nach oben zu wollen. Sogar der 1.FC Köln äußert dies nach
jedem Aufstieg. Welchen Einfluss haben die Faktoren Umfeld, Mitgliederzahlen,
Prestige, Dauerkarten, Sponsoren etc.?"
Markus Aretz: "Diese Basis braucht man absolut. Aber das sind auch
nur Randaspekte. Man bekommt keinen Titel, weil man die meisten Mitglieder,
Dauerkarten oder Sponsoren hat. Es entscheidet immer noch der Sport und der ist
schwer zu beeinflussen. Natürlich hilft da viel Geld, weil man bessere Spieler
kaufen und sie bezahlen kann, aber das ist keine Garantie für gute Ergebnisse.
Dennoch ist Borussia natürlich gut aufgestellt mit dem Stadion, dem Trainingsgelände,
dem Umfeld, der Sponsorenzahl und der Fanszene, die unglaublich gut ist. Ich
glaube, damit haben wir auch einen Vorteil gegenüber vielen anderen
Vereinen."
SEITENWAHL: "Für den Fall der Fälle: wie viele Sprachen sprechen
Sie?"
Markus Aretz: "Neben deutsch, noch drei."
SEITENWAHL: "Gut, dann ist wenigstens Borussias Medienabteilung
international gewappnet."
Markus Aretz (lacht): "Ich würde mich sehr freuen, müsste
ich diese Sprachen noch einmal herauskramen."
SEITENWAHL: "Herr Aretz, wir bedanken uns sehr für dieses
Gespräch."
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