Bundesliga 2011/2012

Tabelle

Intern / Interaktiv

Impressum
Home arrow Interviews arrow "Es nervt, dass ich keine Tore mehr schieße"
"Es nervt, dass ich keine Tore mehr schieße" Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz   
Sonntag, 14 Januar 2007
Bernd Thijs hat sich in der Hinrunde nicht nur zum Stammspieler entwickelt, er spielt in den Planungen von Jupp Heynckes inzwischen eine zentrale Rolle auf der Position des defensiven Mittelfeldspielers. Im SEITENWAHL-Interview an der Algarve spricht Bernd Thijs über seine Interpretation des "6ers", das Zusammenspiel mit Wesley Sonck, warum er keine Tore mehr schießt und begründet offen, warum er keine Sportnachrichten liest.

Bernd ThijsSEITENWAHL: „Bernd, das Trainingslager ist zur Hälfte vorbei. Wie ist Dein Eindruck aus dieser Woche, wie hat die Mannschaft aus Deiner Sicht bisher gearbeitet?

Thijs: „Wir haben sehr gut gearbeitet. Wichtig war auch der sehr gute Laktattest, der bei jedem jetzt besser ausgefallen war als noch im Sommer. Wichtig ist auch, dass es jedem bewusst sein muss, dass die kommenden fünf Monate sehr wichtig sein werden und dass jeder alles geben muss."

SEITENWAHL: „Man spürt, wenn man sich nah an der Mannschaft bewegt, dass die Stimmung außerordentlich gut ist. Es wird viel gelacht, und das trotz Tabellenplatz 16. Haben dennoch alle verstanden, worum es hier geht?"

Thijs: „Lass uns hoffen, dass das jeder weiß. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man sich mit seinem Job auseinandersetzt. Aber ja, die Stimmung ist wirklich gut und ist doch auch besser, als wenn jeder mit gesenktem Kopf durch die Gegend läuft."

SEITENWAHL: „Du bist in der Hinrunde unter Jupp Heynckes Stammspieler geworden und inzwischen eine feste Größe in der Mannschaft. Wie bewertest Du Deine Leistung aus der Hinrunde? Bist Du zufrieden oder kannst Du noch besser werden?"

Thijs: „Jeder kann sich bei uns verbessern, denn sonst wären wir nicht auf dem 16. Tabellenplatz. Das gilt also auch für mich. Aber es geht nicht um mich oder meine Leistung. Die ganze Mannschaft muss sich steigern, das geht nur zusammen. Und nur so kommen wir da unten wieder raus."

SEITENWAHL: „Dein Spiel ist sehr risikoreich. Du spielst gerne direkte Pässe, läufst jedoch damit immer Gefahr, Fehlpässe zu spielen. Das ist auf Deiner Position besonders heikel. Ist Dir das selber bewusst, so dass Du Dir überlegst, defensiver oder kontrollierter zu spielen?"

Thijs: „So habe ich immer schon gespielt. Ein bis zwei Kontakte, dann muss der Pass kommen. Du musst es so sehen: die „6" ist keine Position, auf der Du den Ball lange halten kannst. Dort gilt es, schnell zu handeln und schnell zu spielen. Manchmal ist es ein guter Ball für mich, aber die Mitspieler gehen nicht darauf ein. Natürlich sehe ich dann schlecht aus, aber das kann und muss man trainieren, damit es sich einspielt. Querpässe sind nicht immer schlecht, sondern oft durchaus hilfreich, um das Tempo zu wechseln oder das Spiel zu beruhigen. Grundsätzlich jedoch sollte der Ball nach vorne gespielt werden, auf Pocho Insua oder die Flügelspieler."

SEITENWAHL: „Auf dem Platz wirkst Du inzwischen wie ein Chef. Du gibst Anweisungen, kritisierst und lobst Mitspieler, bist insgesamt sehr aktiv. Außerhalb vom Spiel, auch hier im Trainingslager, wirkst Du als sehr ruhiger und zurückgezogener Mensch."

Thijs: „Ja, ich bin eigentlich ein ruhiger Typ, ein Familienmensch. Ich spiele gerne mit meinen Kindern, das macht mir Spaß. Wenn ich auf dem Platz bin, will ich gewinnen. Wenn ich merke, dass eben Fehler passieren, muss ich das sagen. Eigentlich sollte jeder mit jedem reden, jeden aufmuntern oder Fehler ansprechen."

SEITENWAHL: „Du hast in Belgien sehr viele Tore geschossen. Jetzt bist Du schon seit zwei Jahren bei Borussia und hast noch kein einziges Tor erzielt. Beim Aufwärmen vor dem Spiel verwandelst Du viele Freistöße und wirkst sehr treffsicher, nur im Spiel klappt es bisher nicht. Hast Du Dir schon Gedanken gemacht, woran das liegen könnte?"

Thijs: „In Belgien habe ich schon etwas offensiver als jetzt gespielt. Jetzt spielt Pocho Insua sehr offensiv vor mir, da kann ich nicht auch noch nach vorne stürmen. Der Trainer fordert auch von mir, dass ich defensiv sicher stehe und dort die Räume eng mache. Und Freistöße habe ich in den ersten zwei Jahren hier kaum geschossen, das war immer Olli Neuville vorbehalten. Gegen Mainz hatte ich einige Torschüsse, aber damit leider etwas Pech gehabt. Ich denke, dass ich einfach mal einen treffen muss, dann werden weitere Tore folgen. Es ist natürlich nicht wichtig, ob ich Tore mache, solange die Mannschaft genug erzielt. Aber ich gebe zu, dass mich das schon ein wenig nervt." (lacht)

SEITENWAHL: „Nun kommt Wesley Sonck zurück ins Team, dazu Marcell Jansen, Kasper Bögelund, Federico Insua oder Mikkel Thygesen. Wesley sagte, dass er solche Spieler braucht für sein Spiel und dass er speziell Dich braucht. Siehst Du das ähnlich?"

Thijs: „Wesley und ich haben lange zusammen gespielt und wir wissen fast blind, wohin der andere läuft und wohin man passen muss. Überhaupt ist es gut, dass die Verletzten aus der Hinrunde wieder da sind. Das erhöht die Konkurrenz und nimmt etwas den Druck von den jungen Spielern. Die haben es in der Hinrunde wirklich gut gemacht, aber die Situation war wirklich schwer für sie und es fehlte manchmal an Erfahrung. Daher kann es jetzt eigentlich nur aufwärts gehen und ich hoffe, dass wir in der Rückrunde weniger Verletzte haben werden."

SEITENWAHL: „Wie Du in den Zeitungen der vergangenen Wochen verfolgen konntest, standen sowohl der Trainer als auch der Sportdirektor in der Kritik...."

Thijs (unterbricht): „Nein, ich lese keine Zeitungen!"

SEITENWAHL: „Gar keine Zeitungen? Warum?"

Thijs: „Das ist mir alles zu negativ. Jeden Tag müssen Nachrichten geliefert werden. Anfangs habe ich das wirklich gelesen, mich aber dann gefragt: ‚Was ist das?‘. Vor zwei Tagen kam Dr. Hertl zu mir und zeigte mir einen Artikel, in dem darüber geschrieben wurde, dass Tobias Levels am Spielfeldrand gepinkelt hat. Das ist doch lächerlich. Ich verstehe auch nicht, dass so viele Leute das lesen oder wissen wollen."

SEITENWAHL: „Worauf kommt es jetzt in der Rückrunde an? In der Defensive sicherer stehen oder mehr nach vorne, offensiver agieren?"

Thijs: „Es muss eine Mischung aus beiden sein, ganz klar. Wir haben gar nicht so viele Gegentore bekommen, aber leider waren es oft die entscheidenden. Dazu nur drei Tore in den letzten neun Spielen, das ist auch viel zu wenig. Wir müssen uns also überall verbessern, auch wenn das einfach klingt. Wir müssen gut in die Saison starten, auch wenn ich das Spiel in Cottbus nicht als Schlüsselspiel sehe. Wir haben 17 Spiele Gelegenheit, da zusammen herauszukommen."

SEITENWAHL: „Bernd, Du hast schon in verschiedenen Mannschaften gespielt. Wieviel Potential hat die Mannschaft?"

Thijs: „Sie hat verdammt viel Potential. Mit dem Kader könntest Du locker um Platz 6 bis 10 mitspielen, daher bin ich auch überzeugt, dass wir das schaffen, wenn wir konzentriert arbeiten."

SEITENWAHL: „Letzte Frage: wenn Du Dein erstes Tor für Borussia schießen wirst, können sich die Fans auf einen besonderen Jubellauf freuen?"

Thijs (schmunzelt): „Nein, das habe ich noch nie gemacht. Wer weiß, vielleicht danke ich dann sogar Gott dafür, dass es endlich geklappt hat."

SEITENWAHL: „Bernd, vielen Dank für das Gespräch!"

Beim heutigen Abschlusstraining vor dem Spiel gegen den FC Falkirk zeigte Bernd Thijs, dass er ein guter Freistoßschütze ist. Im "Duell" mit Marcell Jansen, Federico Insua und David Degen war Thijs mit Abstand der treffsicherste aller Schützen. Für viel Lacher sorgte David Degen, der mit Ersatztorwart Löhe ein Privatduell hatte, das er am Ende verlor. Degen muss Löhe nun morgen das Frühstück servieren.