Bundesliga 2011/2012

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Ein fragiles Gebilde Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz   
Donnerstag, 18 Januar 2007
ImageDie Szene war bezeichnend. Blickte Trainer Jupp Heynckes im Gespräch mit den Journalisten im Anschluss an das überzeugende 4:0 gegen China noch grimmig in die Mikrofone und Diktiergeräte, die ihm entgegengestreckt wurden, so hellten sich seine Gesichtszüge deutlich auf, als er von den mitgereisten Fans auf dem Weg zum Mannschaftsbus mit Sprechchören gefeiert wurde. Die Kritik aus der Presse in den vergangenen Wochen hat ihm persönlich zugesetzt. Dabei kann man als Tabellen-16. und einer spielerisch enttäuschenden Hinrunde keine Jubelarien der Journalisten erwarten. Die Reaktionen der Presse nach dem Sieg gegen China und den Eindrücken aus dem Trainingslager sollten auch Jupp Heynckes überzeugen, dass gute Leistungen durchaus anerkennt und dementsprechend gewürdigt werden. Nach der Hinrunde mit Platz 16, 13 geschossenen Toren und 15 Punkten hätte selbst der größte Optimist lange suchen müssen, um Positives finden zu können.

Die sieben Tage an der portugiesischen Algarve können jedoch ohne Zweifel als Erfolg gewertet werden. Neben den klimatisch und organisatorisch hervorragenden Bedingungen hat die Mannschaft bemerkenswert gut gearbeitet und, wie das Spiel gegen die VR China zeigte, die Vorgaben des Trainerteams und Cheftrainer Heynckes verinnerlicht. In Mönchengladbach wird wieder offensiver und schöner Fußball gezeigt. Eine Tatsache, die für sich alleine schon positiv hervorzuheben ist. Die Stimmung innerhalb der Mannschaft (Heynckes: „Das Team ist zusammengewachsen") hat sich verbessert, ohne dass die nötige Konzentration gelitten hätte. Es galt, die richtige Mischung aus Zusammenhalt und Spannung zu erzeugen, die, bedingt durch die Transfers und den entbrannten Kampf um die Stammplätze, ohnehin entstanden wäre. Peter Pander hat Recht, wenn er sagt, dass Einzelinteressen der Spieler hinter dem Interesse des Vereins zu stehen haben. Solange der positive Trend gehalten wird, werden kritische Stimmen wie die von Bo Svensson kaum größere Beachtung finden. Der Däne, in der Hinrunde bei vorhandener Gesundheit unumstrittener Stammspieler, äußerte sich zu seiner Rolle als möglicher Reservist im Interview mit www.torfabrik.de: „Ich halte das jedoch nicht lange aus, das geht nicht." - Ein erstes Beispiel dafür, was drohen kann, wenn die Erfolge ausbleiben. Dazu die bis zum heutigen Tag nicht geklärte Situation um die Zukunft von Peer Kluge, dem Angebote aus der Bundesliga vorliegen und Kasey Keller. Langwierige Verhandlungen können das Tagesgeschäft und die Konzentration der Spieler beeinflussen, daher sollte Peter Pander hier so schnell wie möglich Klarheit verschaffen.

Mit Marcell Jansen und Kasper Bögelund kehren zwei immens wichtige Spieler zurück ins Team, die nicht nur die Qualität insgesamt erhöhen werden, sondern auch besser ins spielerische System von Jupp Heynckes passen, als dies der souveräne, aber langsame Thomas Helveg oder der unsicher wirkende Marvin Compper hätten leisten können. Jupp Heynckes will einen offensiven Fußball sehen, mit schnellen Pässen vorgetragen, vorbereitet und erzwungen durch aggressives Pressing in der Defensive. Von dieser Idee ist er seit seiner Verpflichtung nicht abgerückt, konnte er dies in der Hinrunde aufgrund diverser Faktoren (Verletzungen, Formschwächen) nicht eins zu eins umsetzen.
ImageNeben Jansen und Bögelund rückt mit Wesley Sonck ein Spieler ins Team, der fast als Neuzugang betrachtet werden muss. Sonck gilt als der große Gewinner des Trainingslagers und - so paradox es klingen mag - auch der Hinrunde. Von den Fans und vielen Journalisten schon lange gefordert, ist der Belgier nun gesetzt. Er ist fit, motiviert und ehrgeizig. Wohl wissend, dass es vielleicht seine letzte große Chance sein wird, sich in einer der großen Ligen in Europa durchzusetzen.

Werden Bögelund, Jansen oder Sonck genannt, muss unweigerlich das viel zitierte Glück angesprochen werden, das Heynckes und die Borussia benötigen werden. Glück vor allem bei möglichen Verletzungen: dass diese möglichst selten und wenn, dann nicht bei oben genannten Leistungsträgern auftreten. Borussia Mönchengladbach, das betont Peter Pander immer wieder, ist noch nicht in der Lage, den Ausfall von drei oder vier Stammspielern adäquat ersetzen zu können. So erscheint eine mögliche Verpflichtung von Aristide Bancé - wie vom „Express" heute kolportiert - gar nicht abwegig. Das erhöht die Konkurrenz im Kader und schafft Alternativen. Zumal Bancé, wie alle im Winter transferierten Spieler, nicht unter die Kategorie „alternder Star", sondern „Perspektivspieler" fallen wird. Dies ist, wie SEITENWAHL schon des öfteren in den vergangenen Wochen betonte, der vielleicht größte Verdienst der sportlichen und wirtschaftlichen Führung des Vereins in diesem Winter: dass man trotz der sportlich prekären Lage und des Gegenwindes aus Umfeld und Presse an der im Sommer beschlossenen, langfristigen Planung festhält. Lange Zeit wurde am BorussiaPark ein „roter Faden" vermisst, an dem alle Planungen ausgerichtet sind. Das Festhalten an Jupp Heynckes, die Installation eines weiteren Fachmannes mit Jos Luhukay und die Verpflichtung von jungen, talentierten Spielern mit Potential nach oben sind vollends richtige Entscheidungen, die sich womöglich schon in dieser Rückrunde auszahlen werden. Blinder Aktionismus sieht anders aus.

Doch ist noch lange nicht alles Gold, was unter portugiesischer Sonne glänzte. Borussia Mönchengladbach ist zurzeit ein fragiles Gebilde, das, in viele Einzelteile ob der schwachen Hinrunde zerbrochen, von zarten Hoffnungen und ersten Ansätzen der Verbesserung gehalten wird. Die bereits oben genannten Faktoren spielen eine wichtige Rolle beim Ausblick auf die Rückrunde, doch der alles entscheidende Faktor wird der Auftakt am 27. Januar sein. Sowohl Spieler als auch Trainer wehren sich gegen eine Kategorisierung als „Schlüsselspiel". ImageMan will unnötigen Druck im Vorfeld vermeiden. Doch, auch das hat die Woche in Portugal gezeigt, werden alle guten Impressionen, Trainingsleistungen und Testspielergebnisse nur noch schemenhafte Erinnerungen sein, wenn Borussia nach den Spielen gegen Cottbus, Nürnberg, Bielefeld und Aachen nicht eine für alle zufriedenstellende Punkteausbeute erspielt haben wird.

Heynckes fordert Geduld, doch Fußball ist eben auch Tagesgeschäft. Dass er dies verinnerlicht hat, beweist auch die Tatsache, dass er sich aufgrund der aktuellen Situation vom bedingungslosen Fördern junger Spieler distanziert hat. In der Startelf im Spiel gegen China standen nicht nur acht Nationen, sondern mit Marcell Jansen und Eugen Polanski nur zwei der „neuen Fohlen" auf dem Platz. Es ist ein vorsichtiger Spagat, den Heynckes leisten muss. Dass die Rückrunde mit einem Auswärtsspiel beginnt, verdeutlicht die Situation der Borussia vielleicht am deutlichsten. Wo, wenn nicht auswärts, kann die Mannschaft am ehesten den Weg vorgeben und einschlagen, der in der Rückrunde zu gehen ist? Dann wird sich zeigen, ob die Mannschaft nicht nur an der warmen Algarve, sondern auch harten Bundesligaalltag erfolgreich sein kann.