Bundesliga 2011/2012

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"Der Aufstieg entscheidet sich zwischen Bonn und uns!" Drucken
Geschrieben von Joachim Schwerin   
Montag, 17 Oktober 2005
Mit einem ebenso verdienten wie geduldig erarbeiteten 1:0-Pflichtsieg gegen den GFC Düren festigte Borussias U23-Team die Tabellenführung in der Oberliga Nordrhein. Dank eines sehenswerten Treffers von Andreas Spann in der zweiten Halbzeit bewahrte die Mannschaft den Vorsprung von einem Zähler auf die ambitionierte Konkurrenz vom Bonner SC. Nach dem Spiel führten wir ein ausführliches Gespräch mit Trainer Horst Wohlers, in dem es einerseits um eine Einordnung des bisherigen Saisonverlaufs, andererseits aber auch um die grundsätzlicheren Ziele seiner Arbeit und die Integration der Nachwuchsspieler in das Gesamtgefüge des Vereins, einschließlich der Profimannschaft, ging.

SEITENWAHL: Über das Spiel heute muß man nicht lange reden. Geduldig weiterspielen, bis irgendwann das Tor fällt, konnte die Devise nur heißen.

Horst Wohlers:
Das habe ich zur Halbzeit auch den Spielern gesagt. Wir haben zwar einen Elfmeter verschossen, aber wir mußten hinten nur zu null spielen. Wir haben bislang selbst immer mindestens ein Tor erzielt, und das ist ja dann erneut geschehen. Wenn der Gegner hinten dicht macht und man selbst seine ersten Chancen nicht nutzt, kommen eben solche Spiele dabei heraus. Man muß aber bedenken, daß wir wieder mit einer umformierten Mannschaft spielen mußten. Schuchardt fehlte uns vorne, und mit Fleßers und Polanski hätten wir im Mittelfeld viel mehr Druck machen können. Allerdings haben die anderen Spieler ebenfalls ihre Ansprüche, und solange sie sich in die Truppe einordnen, ist das in Ordnung. Mit Alexander Krük habe ich heute sogar einen A-Jugendlichen gebracht...

SEITENWAHL
:.. der als linker Außenverteidiger gut gespielt hat...

Horst Wohlers:
Er hat mir heute sehr gut gefallen. Ich habe dadurch Dennis Kempe ins Mittelfeld vorziehen können, wo er besser ins Spiel gekommen ist. Er ist fußballerisch gut, sehr diszipliniert, was die Abwehrarbeit angeht, und hat die Position, die normalerweise Marvin Compper spielt, gut ausgefüllt.

SEITENWAHL
: Marvin Compper hat heute statt im linken Mittelfeld in der Innenverteidigung gespielt, wo er gegen Mainz sein Bundesligadebüt gegeben hat. Man könnte ohnehin denken, Compper sollte in der U23 regelmäßig auf der Position - sprich Innenverteidiger - eingesetzt werden, die er auch in der Profimannschaft spielen soll, um diese Rolle besser einüben zu können. War diese Überlegung ein Grund, ihn heute in die Abwehr zurückzuziehen?

Horst Wohlers:
Nein. Marvin kann linke Seite spielen, Innenverteidigung und Mittelfeld. Ich lasse ihm da seine Freiheiten. Solange ihm Jeff Strasser bei den Profis vorgezogen wird, muß er bei uns einige Positionen durchspielen; das tut ihm gut. Ich habe ihn im übrigen gefragt, was er am liebsten spielt. Da hat er geantwortet: "Das weiß ich nicht. Ich spiele gerne Innenverteidigung, aber auch gerne außen, nur in der Bundesliga würde ich lieber innen spielen." Mit Recht, denn das ist ja auch viel einfacher. Wenn Du in der Bundesliga außen spielst und Druck machen mußt, kannst Du sehr viele Fehler machen. In der Innenverteidigung hat er das ganze Spiel vor sich, und kopfballstark und schnell ist er ohnehin. Bundesliga traue ich ihm auf dieser Position ohne weiteres zu, genauso wie ich Eugen Polanski die Bundesliga zutrauen würde.

SEITENWAHL
: Nach den letzten erfolgreichen Bundesligaspielen ist es sicherlich wesentlich einfacher als zuvor, den Nachwuchsleuten ihre Chance zu geben. Vorher, als es nicht so gut lief, wußten die Spieler ja selbst, daß Horst Köppel kaum anders konnte, als auf bekannte Namen zu setzen.

Horst Wohlers:
Ja, jetzt, wo es in der Bundesliga ordentlich läuft, sollten die jungen Spieler häufiger mal über dreißig Minuten oder so ihre Einsätze bekommen. Marvin Compper hat beispielsweise im letzten halben Jahr einen Riesensprung gemacht. Er lebt Fußball, und ich wüßte nicht, was ihn stoppen sollte, in die Bundesliga reinzukommen.

SEITENWAHL
: Compper ist ein Beispiel für die Variabilität Ihrer Spieler, was die Positionen angeht, aber es gibt noch eine Reihe von weiteren: Robert Fleßers, der in der Nationalelf Innenverteidigung spielt und bei Ihnen defensives Mittelfeld, oder Marcell Jansen, dessen ganz frühe Ausbildung im Mittelfeld ihm jetzt als Linksverteidiger zugute kommt. Zielen Sie auf eine solche Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten bewußt ab, oder ist das eher ein Zufallsprodukt aus der Vergangenheit?

Horst Wohlers:
Ich finde es schön, daß nun die U17, die ich ja früher trainiert habe, die U19 und die U23 alle in derselben Formation spielen. Wenn ich also wie heute Alexander Krük von der U19 zu uns hole, weiß er genau, was er zu spielen hat. Klar soll man auch Freiheiten lassen, aber es gibt immer ein, zwei Positionen, die der betreffende Spieler beherrschen muß, das ist das Ziel der Ausbildung.

SEITENWAHL
: Sie denken also an eine Art Ajax-Schule, in der die Spieler Jahrgang für Jahrgang aufrücken und sich nahtlos in dieselben ein, zwei Positionen einfügen können, bis sie dann vielleicht einmal in der Bundesliga ankommen?

Horst Wohlers:
Ja. In der Bundesliga muß man sich dann wirklich spezialisieren, vorher ist allerdings noch etwas mehr Raum für Variabilität.

SEITENWAHL
: Blicken wir nach einem Drittel der Saison auf die Tabelle der Oberliga. Ist Platz eins für Sie eine Momentaufnahme und bleiben Sie beim Ziel, unter den ersten fünf zu landen...

Horst Wohlers:
...nun, "unter den ersten fünf" beinhaltet ja Platz eins...

SEITENWAHL
:...sicherlich, aber Sie könnten doch Ihre Ziele jetzt nach oben anpassen?

Horst Wohlers:
Ich denke, wenn wir mit der personellen Besetzung weiterspielen können, die wir in den ersten elf Spielen hatten, dann entscheidet sich der Aufstieg zwischen Bonn und uns. Ich habe Bonn dreimal gesehen; das ist ein ganz starker Klub, der von den Leuten und den Strukturen her das Potential hat aufzusteigen. Wir sollten der Hauptkonkurrent von Bonn sein, wenn Fleßers, Polanski, Compper und Kirch, der heute erstmals wieder dabei war und einfach noch Spielpraxis braucht, in meiner Mannschaft regelmäßig zum Einsatz kommen. Velbert, Uerdingen und Kleve haben auch ihre Qualitäten, aber nicht auf dem Niveau von Bonn.

SEITENWAHL
: Eine gewisse Zurückhaltung bei der Formulierung Ihrer Ziele wird sicherlich aus der Erfahrung der letzten Jahre verständlich, als Borussia mehrfach im Laufe der Rückrunde Tabellenplätze eingebüßt hat, weil störende Einflüsse von außen - etwa durch Abstellungen unzufriedener Profis - vorhanden waren.

Horst Wohlers:
Richtig. Man muß darüber hinaus bedenken, daß wir heute zum Beispiel fast mit einer kompletten U23 gespielt haben. Nur Harwat und Kastrati sind älter, und natürlich Schuchardt, der heute nicht dabei war und ansonsten für Harwat gespielt hätte. Wir haben also in jedem Fall nur noch zwei ältere Spieler im Team, wenngleich ich natürlich hoffe, daß Peter Wynhoff wieder den Anschluß gewinnt. Im Grunde aber spielen wir mit einem Team, das vor einem Jahr noch nahezu komplett in der A-Jugend war. Denken Sie an Fleßers, Levels...

SEITENWAHL
:...der eine starke Saison spielt, wie Dennis Puhl...

Horst Wohlers:
...der schon etwas länger dabei ist, ja. Aber auch die anderen alle, van den Bergh, Hoffmann und wie sie alle heißen, entfachen diese Begeisterung, die wir brauchen. Wir müssen als Mannschaft auftreten, einschließlich der Spieler in der zweiten Reihe, die irgendwann ihre Chance bekommen werden: Spann hat jetzt wieder von Beginn an gespielt, Hammes gar zum ersten Mal.

SEITENWAHL
: Bei Spann warten wir immer noch ein wenig auf den Durchbruch. Vor einem halben Jahr fragten Sie sich selbst noch, warum er auf dem Platz so wenig Selbstbewußtsein zeigt.

Horst Wohlers:
Heute war es besser, vor allem nach seinem Tor merkte ich, jetzt blüht er endlich auf und gewinnt auch mal einen Zweikampf. Im Training zeigt er enormes Potential, aber er müßte sich einfach noch mehr überwinden. Wenn er beißen lernt, hat er alle Möglichkeiten.

SEITENWAHL
: Eine andere Sache fällt in dieser Spielzeit ebenfalls auf, nämlich daß Ihr Team in elf Spielen bereits sechs Platzverweise kassiert hat. Nun war die heutige gelb-rote Karte für Celik ein Witz, da er deutlich sichtbar gefoult wurde, der Schiedsrichter ihn aber wegen einer Schwalbe zum zweiten Mal verwarnte. Dennoch: Hat Ihre Mannschaft ein Disziplinproblem?

Horst Wohlers:
Nein. Der Platzverweis heute war ähnlich wie bei Schuchardt im ersten Spiel, als Schuchardt als Mannschaftsführer mit dem Schiedsrichter redet, daraufhin gelb sieht und anschließend wegen einer Schwalbe vom Platz fliegt. Zwei Platzverweise fallen also schon mal aus dieser Rechnung weg. Auch die rote Karte für Fleßers konnte ich nicht nachvollziehen. Nur Levels und Rrustemi waren ganz eindeutige Fälle, und die haben schön bluten müssen, indem sie einen ordentlichen Betrag in die Mannschaftskasse gezahlt haben. Es entscheidet immer der Trainer, ob einer zahlen muß oder nicht, und das hängt davon ab, was ich als gravierend ansehe.

SEITENWAHL
: Kommen wir auf die Verzahnung zwischen erster und zweiter Mannschaft zu sprechen. Sie haben eine Reihe talentierter Spieler angesprochen, von denen einige den Sprung nach oben geschafft haben, während andere nachdrängen. Gibt es die Überlegung, auch von letzteren ab und an jemanden zur Belohnung einmal ein paar Tage bei den Profis mittrainieren zu lassen, damit sie schon einmal oben reinschnuppern können?

Horst Wohlers:
Wenn Horst Köppel mal mittwochs ein Spiel machen möchte, dann gibt es schon die Überlegung, ein, zwei junge Spieler zusätzlich hinzuzuholen. Andererseits muß ich häufig mit zwölf oder vierzehn Leuten trainieren, etwa weil einige bei der Nationalmannschaft sind. Da kann man sich kaum einspielen, so daß es schlecht wäre, wenn noch zusätzliche Spieler nicht bei uns mittrainieren würden. Sicherlich ist ein Training bei den Profis als Belohnung gut, aber es reicht derzeit, wenn Polanski, Kastrati und Compper regelmäßig oben dabei sind.

SEITENWAHL
: Wie ist es umgekehrt, wenn Profis nach unten kommen, um Spielpraxis zu bekommen?

Horst Wohlers:
Der Unterschied in dieser Saison ist, daß die, die von oben kommen, sich voll mit der Mannschaft identifizieren. Horst Köppel hatte sich ja in der vorigen Saison beschwert, daß er immer Spieler wie Demo oder Pletsch im Oberligateam mit dabei hatte, die alle gar keine Lust hatten...

SEITENWAHL
:...und daß Dick Advocaat mit Horst Köppel auch über diese und andere Dinge nicht gesprochen hatte...

Horst Wohlers:
...überhaupt nicht. Das ist nun ganz anders. Als Horst Köppel das erste Mal El-Fakiri geschickt hat, war das in Ordnung, denn der wollte sich ja ins Team spielen. Profis, die nun bei uns spielen, wie auch Thijs, wollen etwas erreichen. Im letzten Jahr kamen die Spieler runter, weil der Profitrainer sie weghaben wollte, das ist der große Unterschied. Es ist wirklich gut, daß Horst Köppel diese Problematik kennt und solche Fehler nicht wiederholt werden. Nächste Woche wird beispielsweise Melka bei uns im Tor spielen, der eine ganz schwere Zeit hinter sich hat, aber das ist ebenfalls voll in Ordnung.

SEITENWAHL
: Sie sprachen vorhin die Nachwuchs-Auswahlmannschaften des DFB an. Wir haben den Eindruck, daß die Länderspielbelastung und die daraus resultierenden gesundheitlichen Probleme beispielsweise bei Eugen Polanski bislang eher hinderlich für die Karriere im Verein waren. Wie denken Sie darüber?

Horst Wohlers:
Wenn Eugen Polanski jetzt Bundesliga spielen würde, würde er gut spielen. Ich denke nicht, daß er durch die Einsätze beim DFB überbelastet ist. Eugen hat ein Kopfproblem, weil er sich von der bisherigen Saison mehr erhofft hatte. Darüber rede ich mit ihm auch. Wenn ich Profitrainer wäre, würde ich ihn vielleicht eher bringen. Er ist zweikampfstark, er ist torgefährlich, er kann alles. Ich habe ihn anfangs im Training mit den anderen Profis gesehen, da war er besser als alle anderen. Deshalb hoffe ich, daß er bald seine Chance bekommt. Andererseits muß man Horst Köppel verstehen. Sein Mittelfeld spielt derzeit gut, etwa El-Fakiri...

SEITENWAHL
:...der eine gute Saison absolviert und von der Öffentlichkeit stark unterschätzt wird, weil er taktisch klug, aber nicht sehr auffällig spielt...

Horst Wohlers:
...ja, El-Fakiri spielt sehr gut und bekommt schlechtere Bewertungen, als er verdient hätte. Leider ist das gerade eine der beiden Positionen von Eugen, denn für einen so jungen Spieler sind die Halbfelder ideal. Die Rolle, die Oude Kamphuis oder Thijs spielt, käme für ihn zu früh. Zwar käme noch das linke Mittelfeld in Frage, aber da ist Kluge derzeit wirklich gut. Somit sind die Stammplätze wohl momentan vergeben.

SEITENWAHL
: Eugen Polanski hatte zudem das Problem, daß er ausgerechnet im Pokal gegen Kutzhof zum Einsatz kam, wo er nur verlieren konnte. Compper, der gegen Mainz ins kalte Wasser geworfen wurde, hatte hingegen eine Situation, in der er nur gewinnen konnte.

Horst Wohlers:
Ja, so etwas ist immer das Schlimmste. Die Erwartungen sind unrealistisch hoch, Du spielst dann schlecht, aber daß auch alle anderen ganz schlecht gespielt haben, spielt keine Rolle mehr. Das Kutzhof-Spiel war untypisch für Eugen Polanski, denn ich kenne ihn anders.

SEITENWAHL: Blicken wir noch kurz voraus. Sie haben noch acht Spiele bis zur Winterpause. Was haben Sie sich hierfür vorgenommen?

Horst Wohlers:
Wir haben schwierige Heimspiele unter anderem gegen Uerdingen und Velbert. Alle Auswärtsspiele hingegen sind machbar. Die Zielsetzung ist, daß wir bis zur Winterpause in Tuchfühlung mit Platz eins bleiben - ob auf diesem Platz oder dahinter. Wir könnten dann planen, denn wir müßten anders planen, wenn wir in die Regionalliga aufstiegen könnten, und neue Leute holen, denn wir werden ja auch Abgänge ans Profiteam haben. Mit dem dann verbleibenden Kader würde die Regionalliga keinen Sinn machen.

SEITENWAHL
: Zum Abschluß haben wir eine persönliche Frage. Horst Köppel war Ihr Vorgänger als U23-Trainer und hat immer betont, wie gerne er im Nachwuchsbereich tätig sein würde. Dann kam es anders, und plötzlich ist er als Bundesligatrainer erneut etabliert. Würde Sie ein solcher Sprung zurück ins große Scheinwerferlicht ebenfalls reizen?

Horst Wohlers:
Mir macht die Arbeit im Nachwuchsbereich Spaß, und sie macht hier noch mehr Spaß, weil die Jungs richtig gut sind. Man sieht ja auch die Erfolge, wenn die Spieler dann erfolgreich in die höheren Mannschaften kommen. Ich habe keinen Druck - auch nicht vom Verein - außer dem, den ich mir selbst mache, und mehr Nervenbelastung brauche ich nicht. Ich habe ja bei Horst Köppel gesehen, welch brutaler Druck in der Bundesliga entsteht, gerade auch für die Familie. Ich habe das früher alles schon selbst miterlebt. Ich fühle mich wohl in Mönchengladbach, wohne und arbeite am selben Ort, und meine Familie hat keinen Druck. Das ist alles gut so.

SEITENWAHL
: Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg und bedanken uns für das Gespräch.