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Der Unvollendete |
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Geschrieben von Joachim Schwerin
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Donnerstag, 01 Februar 2007 |
Mit Jupp Heynckes verläßt zum wiederholten Male ein alter Borusse vorzeitig die Trainerbank seines Stammvereins, und dennoch ist die Situation anders als bei seinen Vorgängern. Natürlich konnte man auch das letztliche Scheitern von Bernd Krauss, Norbert Meier, Rainer Bonhof, Ewald Lienen, Holger Fach und Horst Köppel (eine inzwischen erschreckend lange Liste) aus den verschiedensten Gründen bedauern. Mit der überraschenden Rückkehr von Heynckes auf den Cheftrainerposten verband sich jedoch mehr als bei der Verpflichtung der meisten Vorgenannten, nämlich die Hoffnung auf endlich zurückkehrende Kontinuität, langfristige Ruhe und gar so etwas wie Souveränität und weltmännische Erfahrung in einem Verein, dem diese Tugenden zunehmend abhanden gekommen waren. Seit dem 31. Januar 2007 wissen wir, daß auch diese Hoffnung getrogen hat und – schlimmer noch – daß Heynckes in Mönchengladbach unvollendet bleiben wird.
Es ist müßig, sich in Verschwörungstheorien darüber zu ergehen, wie es so
weit kommen konnte. Natürlich haben Teile der Medien eine Kampagne gegen
Heynckes gefahren, wie sie das in wechselnder Form eigentlich ständig tun. In
keinem seriös geführten Verein könnten zwei, drei Journalisten jedoch derartigen
„Erfolg" haben, wenn die sportlichen Ergebnisse einigermaßen stimmen würden und
wenn die Führungsriege geschlossen hinter dem Trainer stehe würde. Beides war
und ist in Mönchengladbach nicht der Fall. Aus sportlicher Sicht mochte man
zwar zuletzt auf minimale Besserung hoffen, doch unter dem Strich steht viel zu
wenig, um der Kritik an Heynckes' verspätetem Finden einer Stammformation und
seinen für Außenstehende unverständlichen Wechselspielen - die nicht gänzlich
aus der personellen Not geboren waren - den Wind aus den Segeln zu nehmen. Was
die Führungsriege Borussias angeht, so sind Lippenbekenntnisse das eine, doch
daß nach wie vor der Boulevard regelmäßig und frühzeitig über
Insiderinformationen verfügen kann, daß mißverständliche Äußerungen über
vermeintliche Ultimaten derart hochgekocht werden konnten, ohne daß rechtzeitig
ein klares Dementi erfolgte, und daß man inzwischen den Eindruck haben muß, vom
Sportdirektor bis zum Präsidenten habe jeder mit sich selbst erst einmal genug
zu tun, sind Krisenzeichen ersten Ranges. Nachdem Jos Luhukay nun der siebte
Trainer im sechsten Jahr nach der Rückkehr des Vereins in die Bundesliga geworden
ist und auch im Transferbereich Erwartungen erneut unerfüllt blieben, dürfte
der Letzte gemerkt haben, daß ein Defizit an Planung und Kontinuität existiert.
Es sei vorläufig dahingestellt, was daraus folgt; konstatieren müssen wir
freilich, daß wir nicht ein einer Gesellschaft zu leben scheinen, in denen die
obersten Verantwortlichen nach einer langen Serie von Rückschlägen auch nur die
Notwendigkeit erkennen, sich selbst zu hinterfragen. In Bremen würde man sagen „der
Fisch stinkt vom Kopf her", aber Mönchengladbach ist seit vielen Jahren schon
nicht mehr Bremen, wie ein Blick auf die Tabelle nur allzu leicht enthüllt.
Doch zurück zu Heynckes: Sein Abgang schmerzt, trotz aller sportlichen
Misere. Wir reden hier nicht von irgendwem, sondern von dem Mann, der beispielsweise
eine Generation von auf dem Bolzplatz kickenden Dreikäsehochs inspiriert hat.
Jeder wollte in seiner Mannschaft „Heynckes" sein, die Tormaschine, die einfach
das gewisse Flair hatte, das bei allen Erfolgen ein Gerd Müller oder Allan
Simonsen zumindest in meinem Umfeld nie erreichte. Ich erinnere mich an ein
Länderspiel, das Deutschland gegen Malta spielte und 8:0 gewann. Ich nahm es Heynckes
gewaltig übel, daß er nur zwei Treffer erzielte und das Ergebnis nicht
zweistellig wurde, schließlich hatten wir gerade die Parallelklasse 17:0
abgezogen, da mußte dem Jupp, meinem Helden, doch auch so etwas möglich sein.
So ändern sich die Zeiten - inzwischen wäre jeder Borusse, der einmal zwei
Treffer in einem Spiel erzielt, eine Erscheinung, der man mit fassungslosem
Staunen wie einem Außerirdischen gegenübertreten würde. Genauso nachhaltig noch
bleibt die Trainerzeit von Heynckes bei Borussia in Erinnerung, in der der
Verein zwar nicht an die 70er Jahre anschließen konnte, in der die Serie packender
Spiele, guter Plazierungen und fast errungener Titel jedoch im Rückblick eine
herausragende Leistung darstellt. Leider gewann Heynckes als Trainer seines Stammvereins
nie eine Meisterschaft oder einen Pokal (und vielleicht sind wir deshalb noch
so schlecht auf Lothar Matthäus zu sprechen, weil er - nicht als
Alleinschuldiger, aber immerhin - seinen Teil dazu beigetragen hat, daß dies
auch so blieb). Somit bleibt er in Mönchengladbach unvollendet, was in den
Annalen eine schwierig zu akzeptierende Tatsache bleiben wird.
Ja, ich gebe es zu, trotz aller Skepsis, die man sich als Fan dieses
Vereins inzwischen zueigen gemacht hat, dachte ich in minder unbenebelten Momenten
an die Chance, daß Heynckes mit Borussia nicht vielleicht doch so etwas wie einen
winzig kleinen DFB-Pokal gewinnen könnte und seinen Weg damit vollendet (zitternd
erwachte ich aus dem Traum und fand mich auf der klapprigen Pressetribüne in
Osnabrück wieder). Nun, dazu wird es nicht mehr kommen, und jeder, der sein
Scherflein dazu beigetragen hat, darf sich jetzt gratulieren. Daß das viele
waren, konnte man Heynckes über die letzten Wochen hinweg immer mehr ansehen.
Ich fand es stets bemerkenswert, wenn mancher Offizielle oder Journalist
betonte, wie gut Heynckes noch in seiner Rolle aufging und Spaß am Job hatte. Jedesmal,
wenn ich Heynckes traf, zuletzt in Düsseldorf, stand vor mir ein überraschend
klein gewordener Mann mit eingefallenen Gesichtszügen, der einfach nur gehetzt
und erschöpft wirkte, sogar zum Ende der angeblich so tollen Vorbereitung auf
die Rückrunde. Teilweise erklärt sich dies im Rückblick aus den gänzlich
inakzeptablen Drohungen und Anfeindungen seiner Person gegenüber, mit denen
einige Randerscheinungen im Umfeld von Borussia sich erneut selbst übertroffen
haben. Das ist jedoch nicht alles. Im wesentlichen ging Heynckes die Gesamtentwicklung
seines Stammvereins an die Nieren, und er tat richtig daran - ob freiwillig
oder halb getragen, was soll's -, diesem unwürdigen Spiel beizeiten ein Ende zu
setzen.
Es mag Jupp Heynckes, der nach wie vor eine Lichtgestalt dieses Vereins ist,
ein kleiner Trost sein, daß die letzten Monate schnell aus der Erinnerung verschwinden
werden und wir ihn als den Großen in unserem Herzen tragen, der er für uns ist.
Mit denen, die jetzt noch bei Borussia in Amt und Würden sind, erschöpft sich
unsere Milde jedoch rasant. Natürlich gilt das nicht für Jos Luhukay, dem ich
Glück wünsche und mit dem ich, naiv, wie ich bin, schon wieder große Hoffnungen
verbinde (seine Gegenwart ist vielleicht das einzig Tröstliche an der jetzigen
Situation und zeigt, daß wir zumindest einmal cleverer waren als die Bayern und
der HSV). Von den anderen in der sportlichen Verantwortung Stehenden erwarte ich
nun allerdings Konsequenzen. Das Minimum dabei ist ein Konzept, das stichhaltig
aufzeigt, wie man das strukturelle Planungsproblem Borussias im Personalbereich
- sowohl auf als auch neben dem Platz - lösen wird. Strukturprobleme löst man
mit Strukturmaßnahmen, daher gehören zu einem solchen Konzept sowohl Änderungen
in der Zusammensetzung der Vereinsgremien (eine Erweiterung oder anderweitige
Kompetenzsteigerung des Vorstandes und eine kritische Analyse der
Zusammensetzung des Aufsichtsrates sind wahrscheinlich notwendige Elemente
hiervon) als auch Verbesserungen der Mechanismen der Entscheidungsfindung. Es
versteht sich in der aktuellen Lage von selbst, daß dieses Konzept nicht
irgendwann, sondern deutlich vor der nächsten Mitgliederversammlung öffentlich
gemacht werden sollte. Und wenn man das nicht kann oder will, dann muß man eben
personelle Konsequenzen ziehen. Das ist „business" - oder wie ging dieser
Spruch noch mal?
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