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Die halbe Wahrheit |
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Geschrieben von Mike Lukanz
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Montag, 05 Februar 2007 |
Erster Auswärtssieg der Saison, erster Sieg nach 13 sieglosen Pflichtspielen, dazu eine gute spielerische und taktische Leistung. Jos Luhukay konnte im Gegensatz zu Huub Stevens (in Hamburg) und Ottmar Hitzfeld (in München) einen gelungenen Einstand feiern. Viel interessanter als das nackte Ergebnis ist wie so oft die öffentliche Wahrnehmung dessen. Dass eine sachliche Auseinandersetzung nicht überall und ständig möglich ist, überrascht wenig und ist in Teilen gar nachvollziehbar. Es ist dennoch immer wieder beeindruckend, wie ergebnisorientiert die Berichterstattung im Sportjournalismus in der Realität ist. Ein Blick in die Presse der vergangenen Tage verrät einiges.
So war vom guten Spiel Peer Kluges zu lesen, der „unter Heynckes nie zur Stammelf gehörte". Eine interessante Sichtweise bei elf Einsätzen von Beginn an. An anderer Stelle liest man, dass „Gladbachs Gaucho den Klasse-Pass von Kluge eiskalt verwandelte". Eiskalt oder einfach Glück, dass der Schuss, der technisch unsauber war, gegen die Laufrichtung von Torhüter Hain ins Tor trudelte?
Ganz nüchtern wird darüber hinaus berichtet, dass Luhukay „auf ein 4-2-3-1-System" umstellte und „Änderungen in allen drei Mannschaftsteilen vornahm". Wurden die System- und Spielerwechsel Jupp Heynckes nicht zum Hauptvorwurf gemacht?
In Bielefeld rutscht Gohouri aus, Ahanfouf läuft alleine auf Keller zu und trifft das leere Tor nicht. Gohouri rutschte nicht nur aus, er stand auch falsch. Genauso, wie er in Cottbus falsch stand, als Radu das 1:0 erzielte. Jörg Böhme verzieht kurz vor der Halbzeit völlig freistehend kläglich, als die Bielefelder mit Überzahl im Gladbacher Strafraum agierten. Die Abwehr auf einmal kein „Hühnerhaufen"? Oder entscheidet lediglich die Abschlussstärke der gegnerischen Spieler über dieses Prädikat?
Delura wird als Teil der „neuen Flügelzange" tituliert. Das ist der Michael Delura, der in der Hinrunde nur deswegen die vielen Einsätze bekam, weil er „Heynckes´ Ziehsohn" sei. Gelobt wird allenorten das gute Kombinations- und Kurzpassspiel, das Borussia in Bielefeld viele Torchancen bescherte. Dinge, die Borussia schon im Wintertrainingslager andeutete und in denen in der Vorbereitung der Trainingsschwerpunkt gelegt wurde. Als in Portugal Ansätze des verbesserten Offensivspiels zu sehen waren, war es jedoch nicht die gute Trainingsarbeit, sondern die schwachen Gegner, die es in Ermangelung eigener Qualität erst ermöglichten. Bielefeld hat am Samstag katastrophal schwach gespielt. Aber, das hätte man wissen können, denn die Ost-Westfalen schafften es in Portugal nicht einmal, die viel zitierte "B-Auswahl Chinas" zu schlagen und kamen dort lediglich zu einem 1:1-Unentschieden.
Faszinierend also, was Jos Luhukay der Mannschaft in wenigen Tagen vermitteln konnte, zumal er laut eigener Aussage die Schwerpunkte seiner dreitätigen Vorbereitung mehr in Einzelgespräche denn in Taktik legte.
Borussia setzte in Bielefeld lediglich das fort, was in Cottbus in der zweiten Halbzeit begann und gegen Nürnberg - die nach dem VfB Stuttgart nun den FC Bayern München klar schlagen konnten - fortgesetzt und ausgebaut wurde. Luhukay erntete die Früchte der guten Vorbereitung und profitiert von der steigenden Form einzelner Akteure und vom Glück, zur richtigen Zeit auf einen ebenso kriselnden Gegner zu treffen. Ein Glück, das Heynckes nicht mehr persönlich erleben kann. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob auch der ehemalige Weltklassestürmer Heynckes als Gladbacher Trainer in Bielefeld gewonnen hätte. Wenn sein Rücktritt eine „Blockade" gelöst hat, hat er selbst das richtig gemacht. Die Treuebekundungen der Spieler nach Schlusspfiff, dass man diesen Sieg auch Heynckes widme, sollten als Floskel verbucht werden. Hätte man Heynckes in der Hinrunde ein paar Prozent Einsatz, Berufseinstellung und Professionalität mehr gewidmet, wäre die jetzige Situation nicht entstanden.
Jos Luhukay hat ungeachtet dessen gute Arbeit abgeliefert und in den ersten Tagen den Eindruck bestätigt, den man in den vergangenen Wochen in Mönchengladbach vom Niederländer bekommen konnte. Er gilt in Fachkreisen als besonnener Taktiker, der sachlich und konzentriert arbeitet. Dies unterscheidet ihn wenig von Jupp Heynckes, den er nun beerbt. Allerdings muss auch Luhukay in den kommenden Wochen beweisen, wie und ob er unter Druck arbeiten kann. Einen (auch medialen) Druck, den er so als Trainer noch nicht kennenlernen konnte. In seinen bisherigen Stationen stand er als Co-Trainer weniger im Mittelpunkt, in Uerdingen und Paderborn z.B. ist das mediale Interesse ungleich kleiner als in Mönchengladbach. Einen gewissen Vorschuss genießt er zurzeit sowohl bei der Presse als auch bei den Spielern. Gute Voraussetzungen, die, verbunden mit seiner fachlichen und menschlichen Expertise, die Grundlage für einen Klassenverbleib der ihm nun anvertrauten Borussia sein könnten. Es gilt nun, ihm auch nach Niederlagen, die zwangsläufig auch unter seiner Führung geschehen werden, diesen Bonus einzuräumen, damit das Unternehmen „Klassenverbleib" noch bewerkstelligt werden kann. Einen Bonus, den Heynckes von Beginn an kaum hatte.
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