|
|
Home BuLi-Check 2009/10 Zu Besuch bei Marcell Jansen und Marvin Compper
|
Zu Besuch bei Marcell Jansen und Marvin Compper |
|
|
Geschrieben von Joachim Schwerin
|
|
Montag, 20 Juni 2005 |
Mit
Marcell Jansen und Marvin Compper vertreten gleich zwei Borussen ihren Verein
bei der U20-Weltmeisterschaft in den Niederlanden. Zu dieser erfreulichen
Tatsache kommt als bemerkenswerter Nebeneffekt hinzu, daß beide dieselbe
Position - den Linksverteidigerposten - bekleiden und somit in Nationalelf und
Stammverein als Konkurrenten gelten dürfen. SEITENWAHL besuchte die beiden im
Quartier der deutschen U20-Nationalmannschaft im Erholungsgebiet Kleine Schweiz
bei Tilburg und konnte feststellen, daß sie nicht nur bemerkenswert freundliche
und offene Gesprächspartner sind, sondern daß sich ihr Konkurrenzkampf auf die
richtigen, sprich sportlichen, Kanäle beschränkt. Zu sagen hatten sie auch
einiges; so schilderte Marcell Jansen, warum er die Linksverteidigerposition
als ideal für sich ansieht, während Marvin Compper eine innovative Lösung des
Innenverteidigerproblems ins Spiel brachte - sich selbst.
SEITENWAHL: Herr Jansen, inzwischen ist ein
regelrechter Medienrummel um Sie ausgebrochen; heute erst brachte Sie die Welt
am Sonntag erneut für die A-Nationalelf ins Spiel. Bekommen Sie dies bei diesem
Turnier überhaupt im ganzen Ausmaß mit oder finden Sie noch Ruhe, um abschalten
zu können?
Marcell Jansen: Wir können hier eher abschalten, weil wir das nicht in
diesem Ausmaß mitbekommen. Ich finde das etwas schade, weil das Interesse in
Deutschland an uns positiv ist und uns auch Selbstbewußtsein gibt. Ich habe
aber bislang hier den Eindruck, daß das meiste Medieninteresse noch den
Spielern aus den größeren Vereinen gilt und nicht uns. Wir versuchen jedoch,
abends mal ins Internet zu schauen, da wir an Zeitungen nur schwer rankommen.
SEITENWAHL: Wie gehen Sie mit diesem Interesse um? Vor einem Jahr waren Sie
gerade einmal bei den Amateuren in Gladbach, dann wurden Sie Stammspieler in
der Bundesliga, und inzwischen gelten Sie gar als Kandidat für die WM 2006. Ist
das ein zu hoher Erwartungsdruck, der da aufgebaut wird?
Marcell Jansen: Ich sehe das sehr positiv. Es ist für mich ein Traum,
einmal in der A-Nationalmannschaft zu spielen. Es freut mich daher sehr, daß an
mich in dieser Form gedacht wird. Ich muß jedoch meine Leistungen erst noch
weiter bestätigen, bevor ich selbst an derartige Ziele konkret denken kann.
Ohnehin ist im Moment ja noch gar nichts definitiv.
SEITENWAHL: Herr Compper, ist eine schnelle Entwicklung wie die Ihres
Mannschaftskollegen für Sie ein Ansporn, oder sagen Sie sich eher, ein etwas
ruhigerer, stetiger Karrierebeginn hat auch seine Vorteile?
Marvin Compper: Es ist für Marcell natürlich traumhaft, wie die Dinge sich
entwickeln. Er hat sich nicht nur nahtlos entwickelt, sondern ist positiv aus
der ersten Mannschaft hervorgetreten. Wenn das bei mir ähnlich laufen könnte,
wäre ich mehr als zufrieden...
SEITENWAHL: Sie spielen beide auf der linken Außenverteidigerposition, doch
es gibt weiterhin Diskussionen, wo Sie jeweils am besten aufgehoben sind, da
Sie beide - bei allen defensiven Fähigkeiten - gerade im Spiel nach vorne
Vorzüge aufweisen. Borussia ist ja beispielsweise nicht üppig mit Spielern
besetzt, die auch einmal unfallfrei eine Flanke in den gegnerischen Strafraum
bringen können... Welche Spielposition sehen Sie für sich als ideal an?
Marcell Jansen: Ich habe in der Jugend eher im Mittelfeld oder teilweise im
Sturm gespielt, aber bei den Amateuren mit Ausnahme der ersten Spiele immer
links hinten. Ein Grund war auch, daß auf dieser Position immer Mangel an
geeigneten Linksfüßlern geherrscht hatte. Inzwischen sehe ich es als positiv,
daß ich defensiv mehr dazulernen kann, gleichzeitig aber meine früher gelernten
offensiven Qualitäten einbringen und situationsabhängig für Druck nach vorne
sorgen kann. Für meine Weiterentwicklung ist die Linksverteidigerposition also
ideal.
Marvin Compper: Meine Positionen sind der linke Außenverteidiger, der linke
Innenverteidiger und das linke defensive Mittelfeld. Ich persönlich denke, daß
ich am allerstärksten in der Innenverteidigung bin. Bei Borussia werde ich in
den letzten Monaten zunehmend, zumindest höre ich das, auch so gesehen. Es lag
eher am Mangel an Linksverteidigern bei den Amateuren, daß ich dort gespielt
habe.
SEITENWAHL: Nun besteht bei Borussia derzeit ein ernstes Problem in der
Innenverteidigung, während auf der Linksverteidigerposition Fülle herrscht,
auch wenn Christian Ziege angedeutet hat, er spiele lieber im defensiven
Mittelfeld. Denken Sie, Borussia sollte als Lösung für eine der beiden Vakanzen
in der Innenverteidigung gar nicht in die Ferne schweifen, sondern auf Sie
zukommen?
Marvin Compper: Das kann ich nicht sagen, zumal vom Verein noch niemand mit
mir konkret darüber gesprochen hat. Ich fände es aber schön, wenn der Verein
mir in der Vorbereitung dort eine Chance geben würde. Dann werden alle
Beteiligten sehen, ob ich für den "großen Sprung" schon reif bin.
SEITENWAHL: Wie schätzen Sie denn Christian Zieges Idee ein, zukünftig eher
vor der Abwehr zu spielen?
Marcell Jansen: Christian kann die Position vor der Abwehr ohne Probleme
spielen. Das hat er bei früheren Vereinen auch bewiesen. Für mich selbst macht
es jedoch keinen Unterschied, wo Christian spielt.
SEITENWAHL: Ein anderer direkter Konkurrent von Ihnen ist Filip Daems. Wie
schätzen Sie das Zusammenspiel mit ihm ein?
Marcell Jansen: Filip hat die letzten Spiele etwas offensiver gespielt, hat
mich aber gut abgesichert, wenn ich nach vorne gegangen bin. Er ist schnell,
zweikampfstark und kann nach hinten gut zumachen. Ich möchte aber auch betonen,
daß ich Konkurrenz im Team als sehr hilfreich für meine Weiterentwicklung sehe.
Ob da zwei oder drei um eine Position kämpfen, ist nicht so entscheidend. Wenn
du im Training alles gibst, eine faire Chance bekommst und dann mal nicht
spielst, mußt du das akzeptieren. Nur wenn das aussichtslos ist, mußt du halt
den Verein wechseln.
SEITENWAHL: Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt, als Sie fest zur ersten
Mannschaft gestoßen sind bzw. zumindest für einige Wochen mittrainiert haben,
und wie sind Sie von Ihren etablierten Mitspielern aufgenommen worden?
Marvin Compper: Ich habe den Spielern Respekt entgegengebracht, aber
gleichzeitig klargemacht, daß ich meinen Weg gehen möchte. Ich lasse mich nicht
unterbuttern und habe mir sicherlich eine gewisse Anerkennung erworben. Darauf
möchte ich aufbauen, denn Respekt erwirbst Du Dir, indem die anderen sehen, daß
du ihnen auf dem Platz helfen kannst.
SEITENWAHL: Hilft Ihnen dabei, daß Marcell so erfolgreich durchgestartet
ist und auch Eugen Polanski bewiesen hat, daß er eine ernsthafte Alternative
sein kann?
Marvin Compper: Das denke ich schon. Es ist für andere junge Spieler gut,
wenn der ein oder andere aus der U23 schon bei den Profis über einen längeren
Zeitraum überzeugen konnte. Letztlich aber hängt es von einem selbst ab und
geht Schritt für Schritt: Erst trainiert man mit, und dort muß man sich richtig
beweisen, um den nächsten Sprung zu machen.
Marcell Jansen: Das sehe ich auch so. Das Wichtigste ist, daß man erst
einmal mittrainiert und dadurch eine Plattform hat, sich den Profis zu zeigen
und eine Einschätzung zu erhalten, wo man steht. Bei mir war das ähnlich. Viele
sagen zwar, es sei bei mir schnell gegangen, doch das war eigentlich nicht so;
zumindest sind die Dinge nicht optimal verlaufen. Bei Ewald Lienen war ich
einmal im Kader, darauf ist aber nichts mehr gefolgt. Holger Fach hat mir dann
als erster Trainer gesagt, ich sei jetzt fest oben dabei, und er meinte
"räum Deinen Spind ein" - zwei Wochen vor seiner Entlassung. Das kam
überraschend, und ich habe gedacht: Warum jetzt auf einmal, er hat mich doch
schon länger gesehen? Natürlich habe ich mich aber gefreut und mittrainiert,
und gegen Hannover sollte ich sogar eventuell in der Halbzeit ins Spiel kommen.
Dann bin ich aber erkrankt, und plötzlich kam der nächste Trainerwechsel. Mit
Horst Köppel war ausgemacht, daß ich nicht zum Kader gegen Bayern gehörte, weil
ich nicht ganz fit war, doch habe ich mich auf die nächste Woche sehr gefreut,
gerade weil er mein alter Trainer bei den Amateuren war. Tja, und dann kam
schon wieder ein neuer Trainer, und der sagte als erstes "räum Deinen
Spind aus", weil er mich nicht kannte. Immerhin durfte ich noch so einmal
pro Woche bei den Profis mittrainieren und habe mich dort natürlich zerrissen,
so daß es irgendwann erneut hieß "räum Deinen Spind wieder ein". Zu
meiner eigenen Verwunderung war ich kurz darauf bereits im Kader, und obwohl
keiner verletzt war, hieß es dann direkt "Du spielst".
SEITENWAHL: Das war bei Hertha BSC, und da haben Sie 0:6 verloren und einen
Elfmeter verschuldet. Im Spiel darauf haben Sie pausiert, und dann war
Winterpause. In einer solchen Situation würde man denken, ein junger Spieler
fängt an zu grübeln - schließlich haben viele Spieler in jungen Jahren ihr
Profidebüt gegeben und sind nach einem Rückschlag für immer in der Versenkung
verschwunden. Sie jedoch haben eine herausragende Rückrunde gespielt. Sind Sie
so nervenstark, daß Ihnen der Rückschlag nichts ausgemacht hat?
Marcell Jansen: Das ist jetzt eine zu krasse Sichtweise. Mein Vater hat mir
zwar viel geholfen, aber ich war auch selbst der Ansicht, daß ich gegen Hertha
eigentlich ein gutes Spiel gemacht hatte. Das Wichtigste war somit, daß ich
sehen konnte, daß ich in der Bundesliga mithalten kann. Gegen Leverkusen in der
Woche darauf stand dann so viel auf dem Spiel, auch wegen des Erwartungsdrucks
der Fans, daß ich es gut fand, nicht gleich wieder zu spielen. Das hat mir die
Möglichkeit gegeben, die Dinge richtig einzuordnen und im Winter-Trainingslager
unbeschwert angreifen zu können.
SEITENWAHL: Bei Ihnen, Herr Compper, steht mir aus der abgelaufenen Saison
eine andere Szene vor Augen, die ich bezeichnend finde für die Frage, wie sich
ein junger Spieler gegenüber gestandenen Profis durchsetzen kann. Im Spiel bei
Freialdenhoven hatten Sie es mit Dirk Lehmann zu tun, einem international weit
herumgekommenen Profi. Als einmal der Ball ganz woanders waren, liefen Sie auf
Lehmann zu, der in Ihrer Nähe stand, fuhren die Schulter aus und haben ihm
schön einen mitgegeben, was er wenig lustig fand. Ist das eine Form von
"Respekt verschaffen", derer man sich ab und zu bedienen muß, um
ernstgenommen zu werden?
Marvin Compper: Eine gewisse freche Art muß man schon haben, und gewisse
Reibereien, selbst wenn der Ball weg ist, müssen einfach sein. Natürlich soll
man nicht unfair werden, was es ja auch nicht war. Ich wollte ihm sagen
"du bist zwar erfahren, aber ich bin auch wer, und ich werde dir zeigen,
daß du vorsichtig sein muß".
SEITENWAHL: Er hatte sich das also vorher "verdient"?
Marvin Compper: Ich habe vor jedem Menschen eine Menge Respekt, auch vor
Dirk Lehmann. Das ist mir von zu Hause aus mitgegeben. Auf dem Platz sind aber
in bestimmten Situationen alle gleich, egal ob alt und erfahren oder nicht. Da
Lehmann bei ein paar Kopfballduellen mit dem Ellenbogen
"mitgearbeitet" hatte, hatte er sich das in dem Moment verdient. Das
ist alte Schule!
SEITENWAHL: Bei dem, Herr Jansen, was Sie vorhin gesagt haben, wurde
deutlich, daß die ständigen Trainerwechsel durchaus nachteilig für die
Entwicklung eines jungen Spielers sein können. Nun hat Borussia nicht nur
ständig Trainer gewechselt, sondern in der vorigen Saison auch haufenweise neue
Spieler verpflichtet, so daß zwischenzeitlich keine Hierarchie in der
Mannschaft mehr erkennbar war. Hat Ihnen dieses Chaos geschadet, weil Sie nicht
in eine strukturierte Mannschaft kamen, oder hat Ihnen diese Umbruchsituation
sogar geholfen, weil Sie sich eher einen Stammplatz erkämpfen konnten?
Marcell Jansen: Daß neue Spieler kommen, ist im Profigeschäft nun einmal
so. Das Wichtige für Eugen Polanski und mich war, daß wir trotz dieses
Kaufwahnes den Eindruck hatten, der Verein weiß, daß er in der eigenen
Nachwuchsabteilung gute Leute hat. Ich bin nicht sicher, ob jeder Verein in
einer so schwierigen Situation so gehandelt und auf junge Leute gesetzt hätte.
Das war sehr gut von Gladbach, und der stärkere Konkurrenzkampf war ja dann
auch positiv.
SEITENWAHL: Trotz der positiven Beispiele, wie Eugen Polanski und Sie es
sind, hat man aber nicht das Gefühl, die Profimannschaft und die U23 seien eng
genug aufeinander abgestimmt, so daß Problembereiche bei den Profis schnell
durch nachrückende Amateure entschärft werden können. Die Innenverteidigung ist
hierfür ein Beispiel - beispielsweise, als im letzten Spiel Sebastian Plate zum
Profikader zählte und außer ihm kein anderer Innenverteidiger auf der Bank saß,
er aber letztlich nicht eingesetzt wurde, als dies erforderlich gewesen wäre,
sondern Christian Ziege aushilfsweise einsprang. Welchen Eindruck hinterläßt so
eine Szene beim Spielernachwuchs?
Marvin Compper: Es kam im Mannschaftskreis der U23 überraschend, daß
Sebastian Plate zum Kader in Leverkusen gehörte, und es kam überraschend, daß
er nicht eingewechselt wurde, als er die Alternative Nummer eins hätte sein
müssen. Warum der Trainer so entschieden hat, weiß nur er. Grundsätzlich aber
ist es nicht so einfach, schnell einmal ein oder zwei Amateure zu den Profis
hochzuziehen, wenn kurzfristig Bedarf besteht. Was die Zukunft betrifft, so
wäre vieles einfacher geworden, wenn wir in die Regionalliga aufgestiegen
wären, weil dann der Unterschied zwischen den Spielklassen nicht mehr so groß
gewesen wäre. Von der Oberliga aus ist es halt auch für den Trainer schwer,
einen jungen Spieler gleich bedenkenlos in die Bundesliga zu übernehmen.
SEITENWAHL: Nimmt man andererseits Ali Camdali als Beispiel, so kann man
zumindest verstehen, warum er wenig erfreut war - gerade bevor Thijs kam -, daß
bei den Profis Leute wie Hausweiler und Gaede regelmäßig im Kader waren, er
hingegen nicht. Teilen Sie Alis Sicht, oder sagen Sie einfach, wer gut genug
ist, der spielt auch am Ende?
Marvin Compper: Grundsätzlich ist es doch so, daß der Spieler
spielt, wenn er gut genug ist. Wenn einer bei der U23 konstant gute Leistungen
bringt, muß er am Ende den Sprung nach oben einfach schaffen. Ein Trainer wäre
doch blöd, wenn er ein Talent in der Hinterhand hat und dies nicht nutzt. Der
Idealfall wäre aus meiner Sicht, wenn ein Profitrainer drei, vier oder fünf
junge Spieler ein paarmal pro Woche mittrainieren läßt und sie langsam
einzubauen versucht. Nur so kann er doch sehen, wie die Nachwuchsleute sich auf
hohem Niveau bewegen. Schließlich ist die U23 doch gerade für eine solche
Ausbildung da!
SEITENWAHL: Ist so ein Ansatz jetzt mit Horst Köppel und Horst Wohlers
einfacher durchführbar als zuvor?
Marvin Compper: Bestimmt. Auch Horst Wohlers weiß, daß es die primäre
Aufgabe des Vereins ist, eine gute Profimannschaft zu haben, und er würde sich
freuen, wenn seine Spieler den Sprung nach oben schaffen. Das wäre ja auch ein
Ergebnis seiner Arbeit.
Marcell Jansen: Das sehe ich auch so. Was nun Ali Camdali betrifft, so hat
er ja seine guten Spiele gemacht und hätte aus meiner Sicht eine Chance bei den
Profis verdient gehabt. Horst Köppel hielt ja auch große Stücke auf ihn und
wollte ihn zur neuen Saison an die Profis heranführen, aber Ali hat sich mit
Leverkusen leider anders entschieden. Manchmal paßt das Timing einfach nicht,
das ist leider so, und als junger Spieler kann man nicht ewig warten, bis man
endlich mal vom Profitrainer "entdeckt" wird. Letztlich sind diese
ganzen Trainerwechsel halt für junge Spieler wie Ali einfach blöd gelaufen.
SEITENWAHL: Für Oliver Kirch ging das gerade noch einmal gut aus...
Marcell Jansen:...eben durch den Trainerwechsel, der für ihn gerade
rechtzeitig kam. Es wußte zwar jeder, daß der Oliver das schaffen kann, doch
Dick Advocaat konnte das vielleicht nicht wissen, weil er im Gegensatz zu Horst
Köppel so viele Probleme hatte, sich in den Verein einzufinden, daß das aus
seiner Sicht eben kein Thema war.
SEITENWAHL: Es gab aber wohl doch ein Kommunikationsproblem zwischen
Advocaat und Köppel, etwa wenn Köppel unbedingt einen Spieler wie Polanski für
ein U23-Spiel behalten wollte und morgens zu Hause per borussia.de erfährt, daß
derselbe Spieler später am Morgen mit den Profis zum Bundesligaspiel fährt...
Marcell Jansen: Natürlich ist da einiges nicht so gut gelaufen. Das ist
eben das Problem, wenn ein neuer Trainer von ganz woanders kommt - da bleibt
einfach nicht aus, daß die Kommunikation mit der zweiten Mannschaft leidet.
Schade ist nur, wenn die Talente dann letztlich den Verein wechseln, weil
keiner gemerkt hat, daß sie da sind. Aber mit der neuen Trainerkonstellation
erwarte ich da kein Problem.
SEITENWAHL: Schauen wir einmal auf Ihre jeweilige Zukunft. Herr Jansen, was
wäre für Sie eine Saison 2005/06, die aus Ihrer Sicht für Ihre Entwicklung
akzeptabel wäre und wo Sie das Gefühl hätten, bei Gladbach sind Sie weiterhin
richtig aufgehoben?
Marcell Jansen: Ich möchte so viele Bundesligaspiele wie möglich machen, um
Erfahrungen zu sammeln.
SEITENWAHL: Bei der U20-WM laufen etliche Scouts umher. Wenn da jemand von
einem großen Verein auf Sie zukäme und Sie zur Sommerpause verpflichten wollte,
wäre das ausschließlich eine Frage des Geldes?
Marcell Jansen: Scouts dürfen uns ja eigentlich gar nicht mehr so direkt
ansprechen, etwa hier im Hotel. Wenn da etwas wäre, liefe das alles über meinen
Berater. Ich will aber sagen, daß ich ja in Gladbach geboren bin, hier bereits
lange gespielt habe und einen Vertrag bis 2008 besitze, da denkt man nicht so
schnell daran, auf einmal den Verein zu wechseln.
SEITENWAHL: Ihr Berater schirmt Sie also während der WM ab, und wenn es
etwas zu diskutieren gäbe, so geschähe das hinterher?
Marcell Jansen: Ja.
SEITENWAHL: Herr Compper, Sie kamen Anfang 2003 mit großen Erwartungen vom
VfB Stuttgart, doch dann lief es nicht so, wie Sie und andere das erhofft
hatten. Was wäre für Sie nun eine erfolgreiche Saison?
Marvin Compper: Ich hatte mir viel vorgenommen, als ich nach Gladbach kam,
war aber dann zwischendurch auch acht Monate verletzt und hatte
Schwierigkeiten, zu meiner optimale Leistung zurückzufinden. Während der
letzten Rückrunde ist mir das aber wieder gelungen. Für die neue Saison möchte
ich mich für die Profimannschaft empfehlen, so daß ich erst einmal
mittrainieren darf und - mit weiteren guten Spielen bei den Amateuren - dann
meine Chance oben bekomme.
SEITENWAHL: Wie sieht Ihre Vertragssituation aus?
Marvin Compper: Ich habe bis 2006 Vertrag, aber der Verein hat eine Option
für weitere zwei Jahre.
SEITENWAHL: Das heißt, zur nächsten Winterpause müßten Sie Bilanz ziehen
und darüber nachdenken, ob Sie eventuell zu einem anderen Verein wechseln
wollen, wenn die Annäherung ans Profiteam nicht so klappt?
Marvin Compper: Dann müßte ich mir Gedanken machen, ja.
Präzise an dieser Stelle, wie angedeutet, schied unser Aufnahmegerät friedlich dahin,
offensichtlich beschwert durch diese möglicherweise dunklen Zukunftsgedanken.
Freilich war das unerheblich, denn genau an dieser Stelle haben wir das Thema
gewechselt, um abschließend noch ein paar allgemeine Dinge zu besprechen, so
den Sinn oder Unsinn der bei der U20-WM neu getesteten Regeln und die
Aussichten des Nationalteams bei der gegenwärtigen WM. Zu letzterem hörten wir
wenig Revolutionäres ("Wer Weltmeister werden will, muß jeden
schlagen." und "China hat dreimal gewonnen, ist also nicht zu
unterschätzen."), doch sind die Spieler zufrieden, nicht den Gastgeber
Niederlande als Achtelfinalgegner zu haben. Die neuen Regeln, etwa das
sofortige Verwarnen, wenn ein Spieler nach einem Freistoß für den Gegner den
Ball berührt, werden als unnötig und kontraproduktiv angesehen. Auf den
Videobeweis angesprochen - ein Lieblingsthema von Teilen der hiesigen Redaktion
- fanden wir uns einer heftigen Abwehrreaktion ausgesetzt; wir fochten zwar mit
Löwenherz für den Videobeweis, doch beide Spieler lehnen ihn strikt ab, selbst
wenn es Fehlentscheidungen zu ihren Ungunsten gäbe. Sogar die "Hand
Gottes" von Maradona wurde uns als eine Szene vorgehalten, die heute noch
diskutiert werde und zur Attraktivität des Fußballsports beigetragen habe -
wäre unser Diktiergerät nicht schon entschlummert gewesen, so wäre es an dieser
Stelle laut seufzend explodiert...
Ach ja, wir sprachen auch noch über die lobenswerte Nähe zu den Fans, die
Marcell Jansen und Marvin Compper an den Tag legen, nicht zuletzt auch durch
dieses Treffen sowie ihre Beiträge und Interviews bei der TORfabrik. Beide
gelobten, diesen offenen Ansatz beizubehalten, was wir positiv zur Kenntnis
nehmen. Und sollte es noch eines Beweisen bedurft haben, daß sich Borussias
Spieler rührend um die Fans kümmern, so ist es dieser: Der Verfasser dieser
Zeilen, der als Nichtsportler im Gegensatz zu den Spielern während des
Gesprächs keine Flüssigkeit zu sich genommen hatte, wurde nicht verabschiedet,
ohne daß man ihn erst in einen Nebenraum eskortiert und mit zwei Flaschen
offiziellem Nationalelf-Mineralwasser ausgestattet hätte - "Für die
Rückfahrt; es ist so heiß heute!" Wir wissen die Geste zu schätzen und
werden somit auch keine Versteigerung bei ebay eröffnen, sondern begnügen uns
mit der frohen Botschaft, daß die Nationalelf dieselbe Marke goutiert wie wir
selbst zu Hause. Irgendwie fühlen wir uns nun gleich etwas weltmeisterlicher -
obwohl wir ja gerade erst einmal im Achtelfinale stehen...
|
|