Bundesliga 2011/2012

Tabelle

Intern / Interaktiv

Impressum
Home arrow BuLi-Check 2009/10 arrow Zu Besuch bei Marcell Jansen und Marvin Compper
Zu Besuch bei Marcell Jansen und Marvin Compper Drucken
Geschrieben von Joachim Schwerin   
Montag, 20 Juni 2005
Mit Marcell Jansen und Marvin Compper vertreten gleich zwei Borussen ihren Verein bei der U20-Weltmeisterschaft in den Niederlanden. Zu dieser erfreulichen Tatsache kommt als bemerkenswerter Nebeneffekt hinzu, daß beide dieselbe Position - den Linksverteidigerposten - bekleiden und somit in Nationalelf und Stammverein als Konkurrenten gelten dürfen. SEITENWAHL besuchte die beiden im Quartier der deutschen U20-Nationalmannschaft im Erholungsgebiet Kleine Schweiz bei Tilburg und konnte feststellen, daß sie nicht nur bemerkenswert freundliche und offene Gesprächspartner sind, sondern daß sich ihr Konkurrenzkampf auf die richtigen, sprich sportlichen, Kanäle beschränkt. Zu sagen hatten sie auch einiges; so schilderte Marcell Jansen, warum er die Linksverteidigerposition als ideal für sich ansieht, während Marvin Compper eine innovative Lösung des Innenverteidigerproblems ins Spiel brachte - sich selbst.

SEITENWAHL: Herr Jansen, inzwischen ist ein regelrechter Medienrummel um Sie ausgebrochen; heute erst brachte Sie die Welt am Sonntag erneut für die A-Nationalelf ins Spiel. Bekommen Sie dies bei diesem Turnier überhaupt im ganzen Ausmaß mit oder finden Sie noch Ruhe, um abschalten zu können?

Marcell Jansen:
Wir können hier eher abschalten, weil wir das nicht in diesem Ausmaß mitbekommen. Ich finde das etwas schade, weil das Interesse in Deutschland an uns positiv ist und uns auch Selbstbewußtsein gibt. Ich habe aber bislang hier den Eindruck, daß das meiste Medieninteresse noch den Spielern aus den größeren Vereinen gilt und nicht uns. Wir versuchen jedoch, abends mal ins Internet zu schauen, da wir an Zeitungen nur schwer rankommen.

SEITENWAHL:
Wie gehen Sie mit diesem Interesse um? Vor einem Jahr waren Sie gerade einmal bei den Amateuren in Gladbach, dann wurden Sie Stammspieler in der Bundesliga, und inzwischen gelten Sie gar als Kandidat für die WM 2006. Ist das ein zu hoher Erwartungsdruck, der da aufgebaut wird?

Marcell Jansen:
Ich sehe das sehr positiv. Es ist für mich ein Traum, einmal in der A-Nationalmannschaft zu spielen. Es freut mich daher sehr, daß an mich in dieser Form gedacht wird. Ich muß jedoch meine Leistungen erst noch weiter bestätigen, bevor ich selbst an derartige Ziele konkret denken kann. Ohnehin ist im Moment ja noch gar nichts definitiv.

SEITENWAHL:
Herr Compper, ist eine schnelle Entwicklung wie die Ihres Mannschaftskollegen für Sie ein Ansporn, oder sagen Sie sich eher, ein etwas ruhigerer, stetiger Karrierebeginn hat auch seine Vorteile?

Marvin Compper:
Es ist für Marcell natürlich traumhaft, wie die Dinge sich entwickeln. Er hat sich nicht nur nahtlos entwickelt, sondern ist positiv aus der ersten Mannschaft hervorgetreten. Wenn das bei mir ähnlich laufen könnte, wäre ich mehr als zufrieden...

SEITENWAHL:
Sie spielen beide auf der linken Außenverteidigerposition, doch es gibt weiterhin Diskussionen, wo Sie jeweils am besten aufgehoben sind, da Sie beide - bei allen defensiven Fähigkeiten - gerade im Spiel nach vorne Vorzüge aufweisen. Borussia ist ja beispielsweise nicht üppig mit Spielern besetzt, die auch einmal unfallfrei eine Flanke in den gegnerischen Strafraum bringen können... Welche Spielposition sehen Sie für sich als ideal an?

Marcell Jansen:
Ich habe in der Jugend eher im Mittelfeld oder teilweise im Sturm gespielt, aber bei den Amateuren mit Ausnahme der ersten Spiele immer links hinten. Ein Grund war auch, daß auf dieser Position immer Mangel an geeigneten Linksfüßlern geherrscht hatte. Inzwischen sehe ich es als positiv, daß ich defensiv mehr dazulernen kann, gleichzeitig aber meine früher gelernten offensiven Qualitäten einbringen und situationsabhängig für Druck nach vorne sorgen kann. Für meine Weiterentwicklung ist die Linksverteidigerposition also ideal.

Marvin Compper:
Meine Positionen sind der linke Außenverteidiger, der linke Innenverteidiger und das linke defensive Mittelfeld. Ich persönlich denke, daß ich am allerstärksten in der Innenverteidigung bin. Bei Borussia werde ich in den letzten Monaten zunehmend, zumindest höre ich das, auch so gesehen. Es lag eher am Mangel an Linksverteidigern bei den Amateuren, daß ich dort gespielt habe.

SEITENWAHL:
Nun besteht bei Borussia derzeit ein ernstes Problem in der Innenverteidigung, während auf der Linksverteidigerposition Fülle herrscht, auch wenn Christian Ziege angedeutet hat, er spiele lieber im defensiven Mittelfeld. Denken Sie, Borussia sollte als Lösung für eine der beiden Vakanzen in der Innenverteidigung gar nicht in die Ferne schweifen, sondern auf Sie zukommen?

Marvin Compper:
Das kann ich nicht sagen, zumal vom Verein noch niemand mit mir konkret darüber gesprochen hat. Ich fände es aber schön, wenn der Verein mir in der Vorbereitung dort eine Chance geben würde. Dann werden alle Beteiligten sehen, ob ich für den "großen Sprung" schon reif bin.

SEITENWAHL:
Wie schätzen Sie denn Christian Zieges Idee ein, zukünftig eher vor der Abwehr zu spielen?

Marcell Jansen:
Christian kann die Position vor der Abwehr ohne Probleme spielen. Das hat er bei früheren Vereinen auch bewiesen. Für mich selbst macht es jedoch keinen Unterschied, wo Christian spielt.

SEITENWAHL:
Ein anderer direkter Konkurrent von Ihnen ist Filip Daems. Wie schätzen Sie das Zusammenspiel mit ihm ein?

Marcell Jansen:
Filip hat die letzten Spiele etwas offensiver gespielt, hat mich aber gut abgesichert, wenn ich nach vorne gegangen bin. Er ist schnell, zweikampfstark und kann nach hinten gut zumachen. Ich möchte aber auch betonen, daß ich Konkurrenz im Team als sehr hilfreich für meine Weiterentwicklung sehe. Ob da zwei oder drei um eine Position kämpfen, ist nicht so entscheidend. Wenn du im Training alles gibst, eine faire Chance bekommst und dann mal nicht spielst, mußt du das akzeptieren. Nur wenn das aussichtslos ist, mußt du halt den Verein wechseln.

SEITENWAHL:
Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt, als Sie fest zur ersten Mannschaft gestoßen sind bzw. zumindest für einige Wochen mittrainiert haben, und wie sind Sie von Ihren etablierten Mitspielern aufgenommen worden?

Marvin Compper:
Ich habe den Spielern Respekt entgegengebracht, aber gleichzeitig klargemacht, daß ich meinen Weg gehen möchte. Ich lasse mich nicht unterbuttern und habe mir sicherlich eine gewisse Anerkennung erworben. Darauf möchte ich aufbauen, denn Respekt erwirbst Du Dir, indem die anderen sehen, daß du ihnen auf dem Platz helfen kannst.

SEITENWAHL:
Hilft Ihnen dabei, daß Marcell so erfolgreich durchgestartet ist und auch Eugen Polanski bewiesen hat, daß er eine ernsthafte Alternative sein kann?

Marvin Compper:
Das denke ich schon. Es ist für andere junge Spieler gut, wenn der ein oder andere aus der U23 schon bei den Profis über einen längeren Zeitraum überzeugen konnte. Letztlich aber hängt es von einem selbst ab und geht Schritt für Schritt: Erst trainiert man mit, und dort muß man sich richtig beweisen, um den nächsten Sprung zu machen.

Marcell Jansen:
Das sehe ich auch so. Das Wichtigste ist, daß man erst einmal mittrainiert und dadurch eine Plattform hat, sich den Profis zu zeigen und eine Einschätzung zu erhalten, wo man steht. Bei mir war das ähnlich. Viele sagen zwar, es sei bei mir schnell gegangen, doch das war eigentlich nicht so; zumindest sind die Dinge nicht optimal verlaufen. Bei Ewald Lienen war ich einmal im Kader, darauf ist aber nichts mehr gefolgt. Holger Fach hat mir dann als erster Trainer gesagt, ich sei jetzt fest oben dabei, und er meinte "räum Deinen Spind ein" - zwei Wochen vor seiner Entlassung. Das kam überraschend, und ich habe gedacht: Warum jetzt auf einmal, er hat mich doch schon länger gesehen? Natürlich habe ich mich aber gefreut und mittrainiert, und gegen Hannover sollte ich sogar eventuell in der Halbzeit ins Spiel kommen. Dann bin ich aber erkrankt, und plötzlich kam der nächste Trainerwechsel. Mit Horst Köppel war ausgemacht, daß ich nicht zum Kader gegen Bayern gehörte, weil ich nicht ganz fit war, doch habe ich mich auf die nächste Woche sehr gefreut, gerade weil er mein alter Trainer bei den Amateuren war. Tja, und dann kam schon wieder ein neuer Trainer, und der sagte als erstes "räum Deinen Spind aus", weil er mich nicht kannte. Immerhin durfte ich noch so einmal pro Woche bei den Profis mittrainieren und habe mich dort natürlich zerrissen, so daß es irgendwann erneut hieß "räum Deinen Spind wieder ein". Zu meiner eigenen Verwunderung war ich kurz darauf bereits im Kader, und obwohl keiner verletzt war, hieß es dann direkt "Du spielst".

SEITENWAHL:
Das war bei Hertha BSC, und da haben Sie 0:6 verloren und einen Elfmeter verschuldet. Im Spiel darauf haben Sie pausiert, und dann war Winterpause. In einer solchen Situation würde man denken, ein junger Spieler fängt an zu grübeln - schließlich haben viele Spieler in jungen Jahren ihr Profidebüt gegeben und sind nach einem Rückschlag für immer in der Versenkung verschwunden. Sie jedoch haben eine herausragende Rückrunde gespielt. Sind Sie so nervenstark, daß Ihnen der Rückschlag nichts ausgemacht hat?

Marcell Jansen:
Das ist jetzt eine zu krasse Sichtweise. Mein Vater hat mir zwar viel geholfen, aber ich war auch selbst der Ansicht, daß ich gegen Hertha eigentlich ein gutes Spiel gemacht hatte. Das Wichtigste war somit, daß ich sehen konnte, daß ich in der Bundesliga mithalten kann. Gegen Leverkusen in der Woche darauf stand dann so viel auf dem Spiel, auch wegen des Erwartungsdrucks der Fans, daß ich es gut fand, nicht gleich wieder zu spielen. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, die Dinge richtig einzuordnen und im Winter-Trainingslager unbeschwert angreifen zu können.

SEITENWAHL:
Bei Ihnen, Herr Compper, steht mir aus der abgelaufenen Saison eine andere Szene vor Augen, die ich bezeichnend finde für die Frage, wie sich ein junger Spieler gegenüber gestandenen Profis durchsetzen kann. Im Spiel bei Freialdenhoven hatten Sie es mit Dirk Lehmann zu tun, einem international weit herumgekommenen Profi. Als einmal der Ball ganz woanders waren, liefen Sie auf Lehmann zu, der in Ihrer Nähe stand, fuhren die Schulter aus und haben ihm schön einen mitgegeben, was er wenig lustig fand. Ist das eine Form von "Respekt verschaffen", derer man sich ab und zu bedienen muß, um ernstgenommen zu werden?

Marvin Compper:
Eine gewisse freche Art muß man schon haben, und gewisse Reibereien, selbst wenn der Ball weg ist, müssen einfach sein. Natürlich soll man nicht unfair werden, was es ja auch nicht war. Ich wollte ihm sagen "du bist zwar erfahren, aber ich bin auch wer, und ich werde dir zeigen, daß du vorsichtig sein muß".

SEITENWAHL:
Er hatte sich das also vorher "verdient"?

Marvin Compper:
Ich habe vor jedem Menschen eine Menge Respekt, auch vor Dirk Lehmann. Das ist mir von zu Hause aus mitgegeben. Auf dem Platz sind aber in bestimmten Situationen alle gleich, egal ob alt und erfahren oder nicht. Da Lehmann bei ein paar Kopfballduellen mit dem Ellenbogen "mitgearbeitet" hatte, hatte er sich das in dem Moment verdient. Das ist alte Schule!

SEITENWAHL:
Bei dem, Herr Jansen, was Sie vorhin gesagt haben, wurde deutlich, daß die ständigen Trainerwechsel durchaus nachteilig für die Entwicklung eines jungen Spielers sein können. Nun hat Borussia nicht nur ständig Trainer gewechselt, sondern in der vorigen Saison auch haufenweise neue Spieler verpflichtet, so daß zwischenzeitlich keine Hierarchie in der Mannschaft mehr erkennbar war. Hat Ihnen dieses Chaos geschadet, weil Sie nicht in eine strukturierte Mannschaft kamen, oder hat Ihnen diese Umbruchsituation sogar geholfen, weil Sie sich eher einen Stammplatz erkämpfen konnten?

Marcell Jansen:
Daß neue Spieler kommen, ist im Profigeschäft nun einmal so. Das Wichtige für Eugen Polanski und mich war, daß wir trotz dieses Kaufwahnes den Eindruck hatten, der Verein weiß, daß er in der eigenen Nachwuchsabteilung gute Leute hat. Ich bin nicht sicher, ob jeder Verein in einer so schwierigen Situation so gehandelt und auf junge Leute gesetzt hätte. Das war sehr gut von Gladbach, und der stärkere Konkurrenzkampf war ja dann auch positiv.

SEITENWAHL:
Trotz der positiven Beispiele, wie Eugen Polanski und Sie es sind, hat man aber nicht das Gefühl, die Profimannschaft und die U23 seien eng genug aufeinander abgestimmt, so daß Problembereiche bei den Profis schnell durch nachrückende Amateure entschärft werden können. Die Innenverteidigung ist hierfür ein Beispiel - beispielsweise, als im letzten Spiel Sebastian Plate zum Profikader zählte und außer ihm kein anderer Innenverteidiger auf der Bank saß, er aber letztlich nicht eingesetzt wurde, als dies erforderlich gewesen wäre, sondern Christian Ziege aushilfsweise einsprang. Welchen Eindruck hinterläßt so eine Szene beim Spielernachwuchs?

Marvin Compper:
Es kam im Mannschaftskreis der U23 überraschend, daß Sebastian Plate zum Kader in Leverkusen gehörte, und es kam überraschend, daß er nicht eingewechselt wurde, als er die Alternative Nummer eins hätte sein müssen. Warum der Trainer so entschieden hat, weiß nur er. Grundsätzlich aber ist es nicht so einfach, schnell einmal ein oder zwei Amateure zu den Profis hochzuziehen, wenn kurzfristig Bedarf besteht. Was die Zukunft betrifft, so wäre vieles einfacher geworden, wenn wir in die Regionalliga aufgestiegen wären, weil dann der Unterschied zwischen den Spielklassen nicht mehr so groß gewesen wäre. Von der Oberliga aus ist es halt auch für den Trainer schwer, einen jungen Spieler gleich bedenkenlos in die Bundesliga zu übernehmen.

SEITENWAHL:
Nimmt man andererseits Ali Camdali als Beispiel, so kann man zumindest verstehen, warum er wenig erfreut war - gerade bevor Thijs kam -, daß bei den Profis Leute wie Hausweiler und Gaede regelmäßig im Kader waren, er hingegen nicht. Teilen Sie Alis Sicht, oder sagen Sie einfach, wer gut genug ist, der spielt auch am Ende?

Marvin Compper:
Grundsätzlich ist es doch so, daß der Spieler spielt, wenn er gut genug ist. Wenn einer bei der U23 konstant gute Leistungen bringt, muß er am Ende den Sprung nach oben einfach schaffen. Ein Trainer wäre doch blöd, wenn er ein Talent in der Hinterhand hat und dies nicht nutzt. Der Idealfall wäre aus meiner Sicht, wenn ein Profitrainer drei, vier oder fünf junge Spieler ein paarmal pro Woche mittrainieren läßt und sie langsam einzubauen versucht. Nur so kann er doch sehen, wie die Nachwuchsleute sich auf hohem Niveau bewegen. Schließlich ist die U23 doch gerade für eine solche Ausbildung da!

SEITENWAHL:
Ist so ein Ansatz jetzt mit Horst Köppel und Horst Wohlers einfacher durchführbar als zuvor?

Marvin Compper: Bestimmt. Auch Horst Wohlers weiß, daß es die primäre Aufgabe des Vereins ist, eine gute Profimannschaft zu haben, und er würde sich freuen, wenn seine Spieler den Sprung nach oben schaffen. Das wäre ja auch ein Ergebnis seiner Arbeit.

Marcell Jansen:
Das sehe ich auch so. Was nun Ali Camdali betrifft, so hat er ja seine guten Spiele gemacht und hätte aus meiner Sicht eine Chance bei den Profis verdient gehabt. Horst Köppel hielt ja auch große Stücke auf ihn und wollte ihn zur neuen Saison an die Profis heranführen, aber Ali hat sich mit Leverkusen leider anders entschieden. Manchmal paßt das Timing einfach nicht, das ist leider so, und als junger Spieler kann man nicht ewig warten, bis man endlich mal vom Profitrainer "entdeckt" wird. Letztlich sind diese ganzen Trainerwechsel halt für junge Spieler wie Ali einfach blöd gelaufen.

SEITENWAHL:
Für Oliver Kirch ging das gerade noch einmal gut aus...

Marcell Jansen:
...eben durch den Trainerwechsel, der für ihn gerade rechtzeitig kam. Es wußte zwar jeder, daß der Oliver das schaffen kann, doch Dick Advocaat konnte das vielleicht nicht wissen, weil er im Gegensatz zu Horst Köppel so viele Probleme hatte, sich in den Verein einzufinden, daß das aus seiner Sicht eben kein Thema war.

SEITENWAHL:
Es gab aber wohl doch ein Kommunikationsproblem zwischen Advocaat und Köppel, etwa wenn Köppel unbedingt einen Spieler wie Polanski für ein U23-Spiel behalten wollte und morgens zu Hause per borussia.de erfährt, daß derselbe Spieler später am Morgen mit den Profis zum Bundesligaspiel fährt...

Marcell Jansen:
Natürlich ist da einiges nicht so gut gelaufen. Das ist eben das Problem, wenn ein neuer Trainer von ganz woanders kommt - da bleibt einfach nicht aus, daß die Kommunikation mit der zweiten Mannschaft leidet. Schade ist nur, wenn die Talente dann letztlich den Verein wechseln, weil keiner gemerkt hat, daß sie da sind. Aber mit der neuen Trainerkonstellation erwarte ich da kein Problem.

SEITENWAHL:
Schauen wir einmal auf Ihre jeweilige Zukunft. Herr Jansen, was wäre für Sie eine Saison 2005/06, die aus Ihrer Sicht für Ihre Entwicklung akzeptabel wäre und wo Sie das Gefühl hätten, bei Gladbach sind Sie weiterhin richtig aufgehoben?

Marcell Jansen:
Ich möchte so viele Bundesligaspiele wie möglich machen, um Erfahrungen zu sammeln.

SEITENWAHL:
Bei der U20-WM laufen etliche Scouts umher. Wenn da jemand von einem großen Verein auf Sie zukäme und Sie zur Sommerpause verpflichten wollte, wäre das ausschließlich eine Frage des Geldes?

Marcell Jansen:
Scouts dürfen uns ja eigentlich gar nicht mehr so direkt ansprechen, etwa hier im Hotel. Wenn da etwas wäre, liefe das alles über meinen Berater. Ich will aber sagen, daß ich ja in Gladbach geboren bin, hier bereits lange gespielt habe und einen Vertrag bis 2008 besitze, da denkt man nicht so schnell daran, auf einmal den Verein zu wechseln.

SEITENWAHL:
Ihr Berater schirmt Sie also während der WM ab, und wenn es etwas zu diskutieren gäbe, so geschähe das hinterher?

Marcell Jansen:
Ja.

SEITENWAHL:
Herr Compper, Sie kamen Anfang 2003 mit großen Erwartungen vom VfB Stuttgart, doch dann lief es nicht so, wie Sie und andere das erhofft hatten. Was wäre für Sie nun eine erfolgreiche Saison?

Marvin Compper:
Ich hatte mir viel vorgenommen, als ich nach Gladbach kam, war aber dann zwischendurch auch acht Monate verletzt und hatte Schwierigkeiten, zu meiner optimale Leistung zurückzufinden. Während der letzten Rückrunde ist mir das aber wieder gelungen. Für die neue Saison möchte ich mich für die Profimannschaft empfehlen, so daß ich erst einmal mittrainieren darf und - mit weiteren guten Spielen bei den Amateuren - dann meine Chance oben bekomme.

SEITENWAHL:
Wie sieht Ihre Vertragssituation aus?

Marvin Compper:
Ich habe bis 2006 Vertrag, aber der Verein hat eine Option für weitere zwei Jahre.

SEITENWAHL:
Das heißt, zur nächsten Winterpause müßten Sie Bilanz ziehen und darüber nachdenken, ob Sie eventuell zu einem anderen Verein wechseln wollen, wenn die Annäherung ans Profiteam nicht so klappt?

Marvin Compper:
Dann müßte ich mir Gedanken machen, ja.

Präzise an dieser Stelle, wie angedeutet, schied unser Aufnahmegerät friedlich dahin, offensichtlich beschwert durch diese möglicherweise dunklen Zukunftsgedanken. Freilich war das unerheblich, denn genau an dieser Stelle haben wir das Thema gewechselt, um abschließend noch ein paar allgemeine Dinge zu besprechen, so den Sinn oder Unsinn der bei der U20-WM neu getesteten Regeln und die Aussichten des Nationalteams bei der gegenwärtigen WM. Zu letzterem hörten wir wenig Revolutionäres ("Wer Weltmeister werden will, muß jeden schlagen." und "China hat dreimal gewonnen, ist also nicht zu unterschätzen."), doch sind die Spieler zufrieden, nicht den Gastgeber Niederlande als Achtelfinalgegner zu haben. Die neuen Regeln, etwa das sofortige Verwarnen, wenn ein Spieler nach einem Freistoß für den Gegner den Ball berührt, werden als unnötig und kontraproduktiv angesehen. Auf den Videobeweis angesprochen - ein Lieblingsthema von Teilen der hiesigen Redaktion - fanden wir uns einer heftigen Abwehrreaktion ausgesetzt; wir fochten zwar mit Löwenherz für den Videobeweis, doch beide Spieler lehnen ihn strikt ab, selbst wenn es Fehlentscheidungen zu ihren Ungunsten gäbe. Sogar die "Hand Gottes" von Maradona wurde uns als eine Szene vorgehalten, die heute noch diskutiert werde und zur Attraktivität des Fußballsports beigetragen habe - wäre unser Diktiergerät nicht schon entschlummert gewesen, so wäre es an dieser Stelle laut seufzend explodiert...

Ach ja, wir sprachen auch noch über die lobenswerte Nähe zu den Fans, die Marcell Jansen und Marvin Compper an den Tag legen, nicht zuletzt auch durch dieses Treffen sowie ihre Beiträge und Interviews bei der TORfabrik. Beide gelobten, diesen offenen Ansatz beizubehalten, was wir positiv zur Kenntnis nehmen. Und sollte es noch eines Beweisen bedurft haben, daß sich Borussias Spieler rührend um die Fans kümmern, so ist es dieser: Der Verfasser dieser Zeilen, der als Nichtsportler im Gegensatz zu den Spielern während des Gesprächs keine Flüssigkeit zu sich genommen hatte, wurde nicht verabschiedet, ohne daß man ihn erst in einen Nebenraum eskortiert und mit zwei Flaschen offiziellem Nationalelf-Mineralwasser ausgestattet hätte - "Für die Rückfahrt; es ist so heiß heute!" Wir wissen die Geste zu schätzen und werden somit auch keine Versteigerung bei ebay eröffnen, sondern begnügen uns mit der frohen Botschaft, daß die Nationalelf dieselbe Marke goutiert wie wir selbst zu Hause. Irgendwie fühlen wir uns nun gleich etwas weltmeisterlicher - obwohl wir ja gerade erst einmal im Achtelfinale stehen...