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"Ich bringe hier Business rein!" Drucken
Geschrieben von J. Schwerin, M. Heinen, Th. Zocher   
Samstag, 04 September 2004
Mit dem Umzug in den BORUSSIA-PARK begann für die Mannschaft, aber auch für den Verein BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH und dessen Führung eine neue Phase in der über hundertjährigen Geschichte - Zeit also für ein Zwischenfazit und einen Ausblick in die Zukunft. SEITENWAHL sprach mit Präsident Rolf Königs über die turbulenten letzten fünf Jahre, die aktuelle Situation und die nächsten Etappen der sportlichen und wirtschaftlichen Entwicklung.

SEITENWAHL: Blicken wir zunächst auf die Zeit vor 1999 zurück, als Sie noch kein Amt im Präsidium innehatten. Welchen Bezug zum Fußball hatten Sie damals?

Rolf Königs: Ich hatte bis 1999 mit Fußball wenig zu tun. Ich bin nur gelegentlich, wenn besondere Spiele anstanden, zu Borussia gegangen. Aus beruflichen Gründen bin ich zeitlich nicht dazu gekommen, mich mehr mit Fußball zu befassen.

SEITENWAHL: Wodurch hat sich das letztlich geändert?

Rolf Königs: Wie Sie wissen, befand sich der Verein BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH Anfang 1999 in einer katastrophalen Situation, sportlich und wirtschaftlich...

SEITENWAHL: ...die Verbindlichkeiten sollen sich insgesamt auf 40 Millionen DM belaufen haben...

Rolf Königs: Die Ausgangsfrage war damals: "Wer ist kompetent und kann diesen Verein reparieren"? Man sprach mich an, aber ich wollte zuerst nicht. So eine Aufgabe kann man nicht mit einer Stunde Aufwand pro Tag betreiben, und als Geschäftsführer einer Unternehmensgruppe mit internationalen Aktivitäten sowie meinen anderen Verpflichtungen war ich beruflich ohnehin völlig ausgelastet.

SEITENWAHL: Warum entschieden Sie sich dann anders?

Rolf Königs: Ich wollte helfen. Nach einer Bestandaufnahme in der alten Geschäftsstelle am Bökelberg war mir klar: Ich muss helfen. Ich wollte nicht länger zusehen, dass eine Marke wie "BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH" durch Missmanagement weiter beschädigt wird. Ich habe mir daraufhin zum Ziel gesetzt, hier Business reinzubringen.

SEITENWAHL: Das klingt noch allgemein. Welche Ziele hatten Sie konkret?

Rolf Königs: Wir haben fünf klare Ziele definiert. An erster Stelle stand der Wiederaufstieg in die Erste Liga. Zweitens wollten wir die Finanzen in den Griff kriegen. Drittens ging es um die Errichtung einer neuen Organisationsstruktur und damit die Abschaffung der Vereinsmeierei. Das vierte Ziel bestand darin, die Einnahmenseite auf eine neue, richtige und vernünftige betriebswirtschaftliche Basis zu stellen: Statt der Abhängigkeit vom Fernsehgeschäft mit rund 60 Prozent Anteil am Budget strebten wir eine Aufteilung in ein Drittel Spielbetrieb, ein Drittel Sponsoring und ein Drittel TV-Gelder an. Fünftens schließlich wollten wir ein neues Stadion errichten. Letzteres war für mich entscheidend für das langfristige Überleben des Vereins. Der Bökelberg war nicht mehr zeitgemäß.

SEITENWAHL: Sie sprachen von der Objektivierbarkeit Ihrer Ziele. Wie lautet nun, nach gut fünf Jahren im Präsidium, ihr Fazit?

Rolf Königs: Wir haben unsere Ziele erreicht. Erstens ist uns nach zwei Jahren der Wiederaufstieg geglückt. Was das zweite Ziel betrifft, so sind wir im operativen Geschäft schuldenfrei - betrachten Sie das Stadion separat - und machen seit 2002 in diesem Unternehmen BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH wieder Gewinne, die sich im Benchmarking der Ersten Liga sehen lassen können. Drittens habe wir reorganisiert und klare Zuständigkeiten zugewiesen. Zum vierten konnten wir die Einnahmenseite der oben genannten Struktur - ein Drittel, ein Drittel, ein Drittel - annähern, und zwar ohne Abstriche am Stadion, das als fünftes Ziel auch verwirklicht wurde. Dabei sind wir keinen Moment davon abgewichen, ein WM-taugliches Stadion zu bauen, obwohl das Organisationskomitee uns für die WM 2006 nicht berücksichtigt hatte.

SEITENWAHL: Stünde Mönchengladbach denn als Austragungsort bereit, wenn einer der anderen Spielorte ausfallen würde?

Rolf Königs: Das weiß der DFB, und das hat er von uns nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich. Wir haben uns bei der Vergabe der WM-Orte zwar geärgert, wissen aber, dass der DFB damals BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH einfach nicht hinreichend ernstgenommen hat. Der DFB ist nicht davon ausgegangen, dass wir das Kaliber haben, solche Dinge zu stemmen.

SEITENWAHL: Apropos "stemmen". Was die Finanzierung von Großprojekten angeht, haben wir den Eindruck, so mancher Klub stemmt allzu viel und verhebt sich dabei. Was halten Sie beispielsweise vom längerfristigen Verkauf von Rechten, um kurzfristig Geld in die Kassen zu spülen?

Rolf Königs: Das ist nicht unsere Strategie. Wir selbst haben kein Recht verkauft. Wenn Sie tausend Euro hierher schicken, kommen tausend Euro netto in die Kasse von BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH. Ich kann Ihnen versichern, dass das so bleibt. Verkaufte Optionen für Fernsehrechte an die Sportwelt haben wir längst zurückgekauft. Damit sind wir uneingeschränkt Herr im eigenen Haus.

SEITENWAHL: Dafür hatten Sie eine Rückstellung gebildet, die in diesem Jahr aufgelöst wurde...

Rolf Königs: Wir hatten nicht nur eine Rückstellung gebildet, sondern den entsprechenden Betrag auch angespart und angelegt.

SEITENWAHL: Wie stellt sich nun nach der Reorganisation das Verhältnis zwischen Verein und Kapitalgesellschaft dar?

Rolf Königs: Wir haben den Verein und darunter die Kapitalgesellschaft. Im eigentlichen Verein spielt sich die Jugendarbeit ab. Das kostet Geld, aber das sind keine Kosten, sondern Investitionen in die Zukunft. Das ist die eine Seite. Der Profifußball ist die andere, und dieser befindet sich in einer GmbH. In dieser Kapitalgesellschaft sind alle unternehmerischen Aktivitäten gebündelt.

SEITENWAHL: Warum eine GmbH, obwohl eine KGaA in der Diskussion war?

Rolf Königs: Der Beschluß auf der Mitgliederversammlung 2003 hinsichtlich der Gründung einer Kapitalgesellschaft war ein Vorratsbeschluß, mit dem wir bis zu einer KGaA gehen könnten. Wenn wir einen Partner bekämen, der sich entsprechend finanziell engagieren würde - Sie haben das bei Bayern München gesehen, wo Adidas zehn Prozent gekauft hat - dann ist eine KGaA von Vorteil, weil Sie einfach einen Aktienanteil, einen Gesellschaftsanteil separat weggeben können. Lassen Sie mich aber nochmals auf das Stadion zu sprechen kommen...

SEITENWAHL: ...das Thema scheint Ihnen besonders wichtig zu sein...

Rolf Königs: ...weil es Voraussetzung für die Stärkung der Einnahmen aus dem Spielbetrieb ist. Sie wissen doch, wie lange es hier den Traum gab, eine "Event-Arena" zu bauen. Wir haben aber gleich gesagt, daß wir ein neues Fußballstadion brauchen - nicht mehr. Es war nicht leicht, allen Beteiligten klarzumachen, dass BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH ein Fußballverein ist und daß man unnötige Extras wie ein verschließbares Dach oder einen verschiebbaren Rasen nicht braucht. Wir haben das Stadion trotzdem multifunktional gestaltet, so dass das Stadion auch für Events geeignet ist. Aber die Reihenfolge ist erstens Fußball, zweitens alles andere.

SEITENWAHL: Diese Bedeutung des Stadions schlug sich dann auch im Zeitplan für die Umsetzung nieder.

Rolf Königs: Wir haben das Borussenstadion im BORUSSIA-PARK schneller als geplant realisiert. Bereits vier Monate vor dem vertraglich vereinbarten Fertigstellungstermin konnten wir am 30.7.2004 - am Morgen der Eröffnung - die Endabnahme unterschreiben.

SEITENWAHL: ...was man an einigen Ecken und Enden merkt.

Rolf Königs: Natürlich gibt es hier und da Mängel, aber das ist bei einem derartigen Bauwerk ganz normal. Im übrigen hat der Generalunternehmer zehn Wochen Zeit, die Mängel zu beseitigen. Ich möchte aber nochmals betonen, daß wir eine Punktlandung hingelegt haben - bei Termin und Kosten.

SEITENWAHL: Kommen wir nochmals genauer auf die Finanzierung zu sprechen. Ist bei einem Gesamtvolumen von 87 bis 95 Millionen Euro - je nachdem, was man mit einrechnet - und weit überwiegender Fremdkapital-Finanzierung ein Zeitraum von zwanzig Jahren für die Abtragung der Darlehen realistisch? Das entspräche immerhin einer jährlichen Zins- und Tilgungslast von rund fünf Millionen Euro?

Rolf Königs: Nein! Wir haben in unserem Businessplan die Finanzierung über fünfzehn Jahre geplant. Wir werden aber bereits nach knapp 14 Jahren die Bankdarlehen getilgt haben.

SEITENWAHL: Und wie ist der Stand der Dinge beim Namen für das Stadion?

Rolf Königs: Der Stadionnamen wird vermarktet werden. Übrigens werden sämtliche Mittel, die hierdurch zukünftig an Borussia fließen, ausschließlich in den sportlichen Bereich investiert.

SEITENWAHL: Blicken wir in die Zukunft: Das Stadion steht, und mit dem Erreichen Ihrer anderen Ziele sind Sie ebenfalls zufrieden. Welche Ziele streben Sie als nächstes an?

Rolf Königs: Nachdem Sanierung, Restrukturierung und Konsolidierung erledigt sind, konzentrieren wir uns jetzt auf den Ausbau des sportlichen Bereichs.

SEITENWAHL: Nun sind hierzu in der Vergangenheit etliche Ankündigungen gemacht worden, gerade im sportlichen Bereich - von konkreten Plazierungen bis zur Verpflichtung von "Toppern". Das Bild, das dabei von Ihnen in der Außenwahrnehmung entstanden ist, war nicht immer das Beste. Verhalten Sie sich in Zukunft etwas vorsichtiger beim Formulieren von Zielen?

Rolf Königs: Ich finde es für die Vereinsführung erforderlich, daß man klare Ziele formuliert. Für die Saison 2003/04 hatten wir als Ziel einen einstelligen Tabellenplatz vorgegeben und zusätzlich mit Platz 9 präzisiert. Erreicht haben wir Platz 11, diese Differenz haben die Medien als Abweichung von den Zielen kommentiert. Hieraus haben wir gelernt.

SEITENWAHL: Stichwort "Boulevardpresse". Blickt man beispielsweise auf die Umstände der Entlassung von Hans Meyer und das Informationsleck zu Teilen der Presse, so stellt sich die Frage der Konsequenzen. Es kann ja wohl nicht sein, daß die Demission Meyers bereits vor dem Schalke-Spiel in die Öffentlichkeit gelangt war...

Rolf Königs: Eine einheitliche Information der Medien ist für uns Grundsatz. Deshalb hat uns diese Indiskretion sehr getroffen. Wir haben den Vorgang offen und ausführlich im Verein besprochen, damit sich in Zukunft derartige Indiskretionen nicht wiederholen.

SEITENWAHL: Neben Ihrer Strategie gegenüber den Medien interessieren uns besonders Ihre Ansichten zur Rolle der Fans. Wir sind besorgt über Bestrebungen vielerorts, unter dem Vorwand vermeintlicher Sicherheit oder Kontrolle die Fankultur zunehmend zu ruinieren. Sind für Sie die Forderungen der Fans, die ja gerade beim Bau des neuen Stadions stark eingebracht wurden, eher ein Ärgernis, oder steuert Borussia auf eine Neue Welt zu, in der zum Beispiel per ins Ticket integrierter Chipkarte festgestellt wird, wer sich wann wo bewegt und um 14 Uhr eine Bratwurst ißt oder eine halbe Stunde später wie viel im Fanladen einkauft?

Rolf Königs: Letzteres ist nicht unsere Welt. Wir sind liberal, was auch das Grundprinzip unserer Vereinskultur ist. Wir wollen beispielsweise nicht zu viele oder überhohe Zäune, sondern maximale Bewegungsmöglichkeit im Stadion. Wie Sie wissen, haben wir das Stadion für die Fans gebaut. Damit meine ich aber nicht nur die Edelfans in der Nordkurve, sondern alle unsere Fans und auch unsere Gäste. Wir wollen perfekte Gastgeber sein. Das heißt andererseits für die Fans, daß auch sie die Rolle eines Gastgebers unterstützen sollen. Die Pfiffe gegen Bayern München bei der Stadioneröffnung haben mir beispielsweise überhaupt nicht gefallen...

SEITENWAHL: ...was aber auch Teil der Fankultur ist...

Rolf Königs: ...verstehen Sie aber, daß es mir wichtig ist, den Fans rüberzubringen, wie wir zu diesen Dingen stehen. Wir wollen die Kultur von BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH den Fans verdeutlichen und gute Gastgeber allen gegenüber sein!

SEITENWAHL: Nun ergeben sich aus dem direkten Kontakt mit den Fans manchmal interessante Nebeneffekte. Sagen Sie beispielsweise einem Anhänger etwas zu Neuverpflichtungen, so steht es eine halbe Stunde später in irgendeinem Internetforum, mit der Gefahr, daß sich der "Inhalt" verselbständigt.

Rolf Königs: Das ist mir bewusst. Ich rede aber gerne mit den Fans, wie zum Beispiel in Freiburg. Daß das aus der Euphorie der Situation heraus Erwartungen weckt, ist klar. Dennoch werde ich das auch in Zukunft so handhaben.

SEITENWAHL: Apropos Zukunft: Bei aller Freude an der jetzigen Situation, folgen auf die letzten fünf Jahre noch weitere fünf Jahre im Amt, oder sagen Sie sich allmählich, das Erreichte ist genug, und nun ist Schluß?

Rolf Königs: Sicher nicht. Mir macht das alles hier sehr viel Spaß, und wir wollen ja auch noch viel erreichen. Sportlich wollen wir in drei, vier Jahren Anschluss ans obere Drittel der Liga erreichen.

SEITENWAHL: Um diese Ziele zu erreichen, benötigt man auch die entsprechenden Spieler. Wird Borussia in absehbarer Zeit einen Spieler für mehrere Millionen Euro Ablösesumme verpflichten können und wollen?

Rolf Königs: Klare Antwort: ja. Wenn wir einen derart herausragenden Spieler heute bekommen könnten, würden wir ihn auch heute schon verpflichten.

SEITENWAHL: Und was das Personal außerhalb der Mannschaft, also in den Führungspositionen des Vereins, betrifft, welche Absichten verfolgen Sie dort?

Rolf Königs: Die Weiterentwicklung der internen Struktur ist wichtig. Im Moment hat der Verein zwei Präsidiumsmitglieder, die in Personalunion gleichzeitig Geschäftsführer der Kapitalgesellschaft sind. Die Geschäftsleitung dieser Gesellschaft erfolgt durch die Prokuristen Stephan Schippers (Administration) und Christian Hochstätter (Sport). Es ist vorgesehen, dass nach einer Übergangszeit die Prokuristen zu Geschäftsführern werden und die Kapitalgesellschaft führen. Dadurch erkennen Sie, welche Zukunftssicherung wir betreiben. Unsere Organisationsstruktur muss unabhängig von Personen werden.

SEITENWAHL: Und aus persönlicher Sicht? Welche Ambitionen verfolgen Sie über die bislang angesprochenen Punkte hinaus?

Rolf Königs: Ich verhehle nicht, welche Motivation ich daraus ziehe, welchen Ruf Borussia inzwischen wieder genießt. Bei DFB und DFL zum Beispiel behandelt man uns heute ganz anders als vor fünf Jahren. Borussias Image hat sich enorm verbessert.

SEITENWAHL: ...was die Frage aufwirft, ob Borussia nicht etwa im Ligavorstand der DFL vertreten sein möchte - zum Beispiel durch Sie?

Rolf Königs: Daran arbeiten wir.

SEITENWAHL: Und was wird dann mit den Kaiserslauterns dieser Liga, denen derzeit selbst bei hanebüchener Vereinspolitik die Lizenz hinterhergeworfen wird?

Rolf Königs: Wir arbeiten hier bei BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH solide - "Business, nicht Politik", wie Sie wissen - und dies muß auch allgemein gelten. Eines ist ganz klar: Wir wollen gleiche Regeln für alle!

SEITENWAHL: Wir können natürlich nicht auseinandergehen, ohne uns von Ihnen - gerade jetzt nach der Niederlage beim VfL Wolfsburg - eine Einschätzung zur aktuellen sportlichen Situation eingeholt zu haben.

Rolf Königs: Mit der Ausbeute von sechs Punkten nach sieben Spieltagen sind wir natürlich nicht zufrieden. Aber man hat auch in Wolfsburg gesehen, dass die Mannschaft auf dem richtigen Weg ist, es fehlen ihr nur bessere Resultate. Wir haben uns gezielt und gut verstärkt und mehr Qualität in der Mannschaft als in der letzten Saison. Die nächsten Spiele werden das zeigen.

SEITENWAHL: Herr Königs, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!