|
|
Home
|
Vorbericht, Spieltag 24: VfL Wolfsburg |
|
|
Geschrieben von Christoph Clausen
|
|
Mittwoch, 28 Februar 2007 |
Drohendes
Scheitern, ein Anrennen, ein Verzweifeln - und schließlich doch, in
allerletzter Sekunde, der erlösende, kaum noch für möglich gehaltene Treffer.
2006, beim WM-Spiel der deutschen Mannschaft gegen Polen, wurde dieses Tor zur
viel beschworenen Initialzündung. Im Verbund mit einem neu entdeckten
Gemeinschaftsgefühl entfachte es eine Euphorie, die die Mannschaft zu vorher
kaum erträumten Erfolgen befähigen sollte. Nun brauchen Fußballer und
Fußballfans keinen Hegel, um zu glauben, dass sich die Historie wiederhole. So
brauchte es denn auch nicht lange, bis von Gladbacher Fanseite an Oliver
Neuvilles Tor vom letzten Jahr erinnert und die Parallele zu Nando Rafaels
Treffer vom letzten Sonntag gegen Bremen gezogen wurde. Die Hoffnung, dass die
Geschichte auch künftig ähnlich weitergehen möge - Stichwort Initialzündung -
ist zu verlockend.
Nun könnte, wer partout nach Parallelen sucht, auch ganz
andere entdecken: zur Saison 1998/99 zum Beispiel, als der Tabellenletzte aus
Mönchengladbach am 23. Spieltag durch einen Treffer Marcel Ketelaers mit dem
Schlusspfiff ein 2:2 bei den deutlich favorisierten Stuttgartern erreichten und
auch da manche hoffnungsfroh von einem Wendepunkt sprachen. Das Ende ist
bekannt. Fernab aller Kaffeesatzleserei bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass
der Punkt aus dem Bremen-Spiel nur statistische Bedeutung haben wird, falls die
Borussia in Wolfsburg und gegen Berlin leer ausgehen sollte. Die Leistung vom Sonntag macht zwar durchaus Hoffnung, dass es anders kommen kann, zumal
der rettende Rang weiterhin nur drei Punkte entfernt ist. Das gegen Werder gezeigte Engagement, der Mut, die Leidenschaft aber setzen Maßstäbe, hinter die
zurückzufallen sich die Borussia in keiner einzigen Partie der Saison mehr wird
erlauben dürfen.
Borussias Defensive
Generell sind in der Aufstellung kaum Änderungen zu
erwarten. Der sich mit blutdurchtränktem Turban in jede Kopfballschlacht
stürzende Stève Gohouri lieferte gegen Bremen seine bislang beste Leistung im
Borussendress ab und wird daher sicher wieder den Vorzug vor Bo Svensson in der
Innenverteidigung erhalten. Zé António und Marcell Jansen haben ihre Plätze
ebenso sicher wie Kasey Keller. Schwachpunkt der Gladbacher Defensive war gegen
Bremen zweifellos die rechte Seite, was zumindest zeitweilig auch mit Kaspar
Bøgelund zu tun hatte. Da der Däne auch nach vorne wenig zustande brachte, wäre
er Wackelkandidat Nummer eins, aber da ein Thomas Helveg ohne Not nach Dänemark
verschenkt wurde und ein Oliver Kirch bei Jos Luhukay bisher keine nennenswerte
Rolle spielt, darf sich Bøgelund seines Platzes vorerst sicher sein. Im
defensiven Mittelfeld kam Hassan El Fakiris Berufung überraschend, da der
Norweger aber Diegos Kreise überzeugend einengte, spricht vieles dafür, auch
Marcelinho seiner besonderen Aufmerksamkeit zu empfehlen. Fraglicher scheint,
ob im rechten Mittelfeld erneut Bo Svensson auflaufen wird: Gegen einen
Krzynowek ist seine Kopfballstärke sekundär, verheerend könnte es aber sein,
dem Polen so viel Platz zu lassen, wie letzten Sonntag einem Womé. Für Svensson
spricht, dass alle Alternativen ihre eigenen Probleme mitbringen: Degen seine
Defensivschwäche, Polanski seine Formkrise, Svärd seine mangelnde Spielpraxis.
Borussias Offensive
Auch offensiv dürfte Borussia personell unverändert
auflaufen, was sich weniger aus der Brillanz der Gladbacher Offensive erklärt
als aus dem Mangel an Alternativen. Immerhin hat sich das Gladbacher
Angriffsspiel am Sonntag deutlich verbessert gezeigt. Üblich war in dieser
Saison, dass die Borussia zwar streckenweise ganz gefällig mitkickte, ihr am
Strafraum aber Mut und Ideen ausgingen und sie sich nach Rückstand alsbald in
ihr Schicksal ergab. Dass man gegen Werder am Ende mit Fug und Recht sagen
konnte, das Gladbacher Tor sei längst überfällig gewesen, das war eine ungewohnte
Erfahrung. Daran hatte vor allem ein Michael Delura seinen Anteil, der nicht
nur einmal traf, sondern auf der Position hinter den Spitzen generell mit
Dynamik, Mut und Schussgewalt gefiel. Links ist seit Jansens Rückversetzung in
die Viererkette Kluge gesetzt.
Das Sturmduo Insúa - Rafael blieb zwar manches schuldig,
erarbeitete sich aber deutlich mehr Chancen, als man es von der torgeizigen
Borussia in dieser Saison gewohnt ist. Rafaels Treffer dient als zusätzliche Argumentationshilfe,
aber auch sonst hätte seine Eignung für schnelle Konterangriffe dafür
gesprochen, ihm in Wolfsburg erneut den Vorzug vor Kahê zu geben. Dass es
gleichwohl grob fahrlässig war, im Winter keine Verstärkung für den Angriff zu
verpflichten, bleibe dabei, quasi als Seitenwahl'sches ceterum censeo, nicht unerwähnt.
Der Gegner aus
Wolfsburg
Es gibt manchmal Gewinnspiele, bei denen der Hauptpreis
darin besteht, einer Bundesligamannschaft für ein Spiel ganz nah zu sein, um
das Können der Stars aus nächster Nähe zu bewundern. So etwas in der Art muss
wohl elf Aachener am Dienstag in die Wolfsburger Volkswagen-Arena geführt
haben. Jedenfalls verbrachten die Alemannen die meiste Zeit damit, die
Wolfsburger im Allgemeinen und Marcelinho im Besonderen in ehrfürchtiger
Andacht zu bestaunen und tunlichst alles zu unterlassen, was diese an der
Entfaltung ihrer Künste hätte hindern können. Die Wolfsburger nahmen die ihnen so
freundlich gewährten Räume dankend an und lieferten die bis dato beste
Saisonleistung ab. Danach hatte es bei der Niederlage in München drei Tage zuvor nicht
ausgehen, als Marcelinho einen schwachen und Klimowicz einen katastrophalen Tag
erwischt hatte und es generell nur zu sporadischen Angriffsbemühungen gereicht
hatte. Trotz des Einzugs in das Pokalhalbfinale bleibt die Stimmung in der Bundesliga angespannt: Bei nur zwei Punkten Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz nimmt es nicht wunder, dass Trainer wie Kapitän der Wolfsburger gleich nach dem Pokaltriumph eindringlich die immense Bedeutung des "Sechs-Punkte-Spieles" gegen die Borussia beschworen.
Wolfsburger Defensive
„Halb Mensch, halb Tier, die Nummer Vier" hieß es in den
Frühzeiten des Fußballs. Inwieweit das auf Alexander Madlung zutrifft, steht
hier nicht zur Debatte, allerdings hat die Wolfsburger Nummer Vier, wie auch
schon zu seiner Berliner Zeit, die unschöne Angewohnheit, gegen Borussia Mönchengladbach
Tore zu erzielen. Man sollte ihm das schleunigst abgewöhnen. Oder man sollte sich
zumindest ein Beispiel am Hinspiel nehmen, als die Borussia trotz Madlungs
Führungstor die Begegnung noch in einen 3:1-Sieg drehen konnte. Generell
zeichnet sich der ungemein kopfballstarke Madlung durch Torgefahr vor allem bei
Standards aus und war in dieser Saison schon dreimal erfolgreich. Bei seiner
Hauptbeschäftigung, der Defensive, zeigte sich der 1,94-Meter Mann in München
zwar desolat, sonst aber zumeist solide.
An seiner Seite würde Kevin Hofland auflaufen, müsste der
Niederländer nicht seine zweite Gelbsperre der Saison absitzen. Dass daher
Facundo Quiroga von der rechten Außenverteidigerposition nach innen rücken und
dessen Position wiederum Uwe Möhrle auflaufen wird, darauf hat sich Klaus
Augenthaler schon öffentlich festgelegt. Möhrle, der in München zur Halbzeit
für Madlung eingewechselt wurde und spürbar zur Stabilisierung der Wolfsburger
Deckung beitrug, wäre ansonsten auch als Innenverteidiger eine Alternative
gewesen. Links sollte Peter Van der Heyden erneut den Vorzug vor Michael
Stegmayer erhalten, im defensiven Mittelfeld ist Tom van der Leegte trotz
schwacher Leistungen gegen Schalke und in München gesetzt.
Wolfsburger Offensive
Die beiden so unterschiedlichen Spiele der Wolfsburger in
München und gegen Aachen illustrieren zweierlei: Erstens, dass Marcelinho, wenn
er einen guten Tag erwischt und man ihn nicht ernsthaft stört, das Wolfsburger
Spiel auf ein ganz anderes Niveau zu heben vermag und seine Verpflichtung sich
aus diesem Blickwinkel als wahrer Glücksgriff erwiesen hat, vergleichbar
vielleicht zu dem Transfercoup, der Christian Hochstätter einst mit Mikael
Forssell gelang. Zweitens aber, dass das Wolfsburger Spiel leicht in alte
Anämie zurückfällt, wenn sich Marcelinho nicht fühlt oder ihm das defensive
Mittelfeld des Gegners die Lust am Spiel vergällt. Wie einst in Berlin erweist
sich der Brasilianer als zweischneidiges Schwert: einerseits ein Spieler, der den
Unterschied machen kann, andererseits einer, mit dessen
Tagesform die gesamte Offensivleistung steht und fällt. Gegen Aachen blühten an
der Seite des vor Spielfreude nur so sprühenden Brasilianers Cedrick Makiadi
und vor allem Jacek Krzynowek auf, vor ihm Diego Klimowicz und Isaac Boakye.
Speziell bei Boakye war damit kaum zu rechnen: Der Ghanaer,
soeben von Trainer Le Roy dauerhaft aus der Nationalelf seines Landes verbannt,
war zwar nach starker Saison in Bielefeld mit großen Vorschußlorbeeren
verpflichtet, in der Hinrunde aber durch ständige Verletzungen
zurückgeworfen worden und auch nach seiner Genesung nur zu Kurzeinsätzen
gekommen. Einzig eine Blessur Mike Hankes erlaubte ihm sein erstes
Rückrundenspiel von Beginn an, eine Chance, die er in beeindruckender Manier
beim Schopf packte. Dadurch könnte sich am Samstag Hanke, mit acht
Saisontoren der mit Abstand erfolgreichste Wolfsburger Angreifer, auf der Bank
wieder finden. Dort wird er auf Juan Carlos Menseguez treffen, der als
Einwechselspieler vor allem dann in Frage kommen dürfte, wenn die
Spielsituation nach einem für schnelle Konter tauglichen Stürmer verlangen
sollte.
Bilanz
Würde die Borussia aus Wolfsburg mit einem Unentschieden
heimkehren, so wäre es das erste Mal. Den fünf Niederlagen stehen zwei Siege,
aber eben kein einziges Remis entgegen. Unter den verlorenen Spielen bleibt das
1:7 aus der Abstiegssaison in besonders schlechter Erinnerung, im Jahr zuvor
hatte ein vom überragenden Stefan Effenberg angetriebenes Gladbacher Team mit
einem 2:0-Erfolg in Wolfsburg am letzten Spieltag noch den kaum noch für
möglich gehaltenen Klassenerhalt gesichert. Gern denken wir auch den 22.11.2003
zurück, als die Borussia nach überzeugender Leistung durch Tore von van Hout,
van Lent und Kolkka mit 3:1 bei den Niedersachsen gewann.
Schiedsrichter
Wenn Volks- und Betriebswirte verwechselt werden, sehen das
beide Seiten nicht gern. Insofern könnte Peter Sippel mit gerunzelter Stirn ins
Netz geschaut haben, wird er doch auf der Homepage des DFB als BWLer, auf der
des VfL Wolfsburg dagegen als VWLer geführt. Was für ein Wirt auch immer, mit
dem Münchner hat die Borussia gemischte Erfahrungen gemacht. An der Gladbacher
0:2-Niederlage gegen Schalke 04 in dieser Saison war er zwar völlig schuldlos.
In der letzten Spielzeit indes missfiel er, als er Oliver Neuville in Bremen
ein reguläres Tor - es wäre die 1:0-Führung gewesen - verwehrte. Im Februar
2003 versagte Sippel Mikael Forssell in dessen Gladbacher Debüt einen Treffer
nach genialem Dribbling. Ob Ivo Ulich dabei tatsächlich ins Spiel eingegriffen
hatte und seine Abseitsstellung somit zu ahnden war, führte hinterher zu
erhitzten Diskussionen. Sehr schön formulierte die Aachener Zeitung damals, Ulich hätte den Kaiserslauterner Schlussmann
Tim Wiese nur dann irritieren können, wenn diesem spontan eine drittes Auge auf
Höhe des rechten Ohres gewachsen wäre. Allerdings verweigerte Sippel im
gleichen Spiel auch den Pfälzern einen klaren Strafstoß und stellte umgekehrt
Steffen Korell zu Unrecht vom Feld - insgesamt nicht der beste Tag des
Münchners. Anders im September 2002, als Sippel mit der Gewährung eines (völlig
berechtigten) Strafstoßes zum Gladbacher Auswärtssieg in Berlin beitrug. Je einen
glasklaren und einen diskutablen Elfmeter verwehrte Sippel der Borussia dagegen
beim 0:0 gegen Cottbus in der ersten Gladbacher Bundesligasaison nach dem
Wiederaufstieg. Wenige Wochen zuvor hatte er sich schon den Unmut der
Borussenfans zugezogen, als er beim Spiel in Kaiserslautern ohne klar ersichtlichen
Grund ungewöhnlich lange hatte nachspielen lassen und damit den Pfälzern den
späten 3:2- Siegtreffer ermöglicht hatte.
Aufstellungen
VfL Wolfsburg: Jentzsch - Möhrle, Madlung, Quiroga,
Van der Heyden - van der Leegte - Makiadi, Krzynowek - Marcelinho - Boakye,
Klimowicz.
Ersatz: Lenz, Alex, Stegmayer, Hill, Sarpei, Thiam,
Santana, Hristov, Karhan, Menseguez, Hanke.
Es fehlen: Hofland (gesperrt), dos Santos (verletzt).
Borussia: Keller - Bøgelund, Gohouri, Zé António,
Jansen - Fakiri - Svensson, Kluge - Delura - Rafael, Insua.
Ersatz: Heimeroth, Kirch, Levels, Compper, Fleßers,
Svärd, Thijs, Polanski, Degen, Thygessen, Sonck, Kahê.
Es fehlen: Daems, Neuville (beide verletzt).
Schiedsrichter: Peter Sippel (München).
Assistenten: Tobias Welz (Wiesbaden), Walter Hofmann
(Ansbach).
Vierter Offizieller: Christian Fischer (Hemer).
SEITENWAHL-Meinung
Christoph Clausen: Mag es das Pfeifen im Abstiegswald
sein, aber mir steht der Sinn nach Optimismus: Mit einem 3:1-Auswärtserfolg
kehrt die Borussia aus Wolfsburg zurück, nachdem Hassan El Fakiri Marcelinho
erfolgreich die Lust am Spiel genommen hat und die Gladbacher ein geschicktes
Konterspiel initiieren konnten. Wunschdenken? Natürlich. Aber manchmal werden
Wünsche dann doch wahr.
Thomas Zocher: Das 2:1 beim VfL Wolfsburg wird für
die Tage nach dem Spiel mit Diskussionen befeuern. War es richtig, dass der
Schiedsrichter einen Elfmeter für die Borussia aussprach, den Gastgebern aber
einen Strafstoß verweigerte? Wäre das Spiel gar 3:1 geendet, hätte Borussia
diesen Strafstoß verwandelt? Fragen, auf die man Antworten findet, die
letztlich am Spielergebnis allerdings nichts verändern.
Michael Heinen: Die Hoffnung stirbt zuletzt, sie
schwindet aber mehr und mehr. Nach dem verdienten 0:1 in Wolfsburg müssen wir
auf ein Wiedererstarken in den Heimspielen hoffen, damit sich der Weg in die
2.Liga vielleicht doch noch irgendwie abwenden lässt.
Mike Lukanz: Zum wiederholten Male gehen Borussen mit
einem zarten Hauch der Hoffnung in das nächste Spiel. Das 2:2 gegen Werder
Bremen hat Mut gemacht. Leider hat es die Mannschaft in der gesamten Saison bis
dato in beeindruckender Regelmäßigkeit geschafft, nach einem guten ein meist
umso schlechteres folgen zu lassen. Das 1:1 wird nicht die Qualität vom
vergangenen Spiel haben, aber es ist immerhin ein Punkt.
Christian Heimanns: Im letzten Spiel und sichtlich
auch danach schien das von Luhukay so geforderte Wir-Gefühl die Mannschaft auch
erreicht zu haben. Hoffen wir, dass es geblieben ist, dass es der Mannschaft
beherztes Offensivspiel verleiht und Nando Rafael Stürmerglück schenkt, dann
ist ein 0:2 in Wolfsburg möglich.
Hans-Jürgen Görler: Dass die Borussia es noch kann,
hat sie gegen Werder Bremen eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Was der Punkt
einbringt, wird wohl erst am 34. Spieltag feststehen. Leider kommt auch in
Wolfsburg nach dem 0:0 nur einer dazu.
Der Gegner im Internet: http://www.vfl-wolfsburg.de
|
|