Bundesliga 2011/2012

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Erste Schritte Drucken
Geschrieben von Michael Heinen   
Sonntag, 11 März 2007
Borussia lebt noch. Ein Team präsentierte sich am Samstag im Borussia-Park und kam zu einem überlebenswichtigen 3:1-Erfolg über Hertha BSC Berlin. Doch weniger das pure Ergebnis sollte hervorgehoben werden, so wichtig es für den Verbleib im Abstiegskampf war. Zuversichtlich sollte uns stimmen, dass wir im dritten Spiel hintereinander eine ordentliche Borussen-Leistung gesehen haben, in denen die Mannschaft von der Leidenschaft und vom Engagement endlich bewiesen hat, den Abstiegskampf angenommen zu haben. Dies alleine wird uns einen Erfolg am 19.5. nicht garantieren können, zumal die meisten Konkurrenten schon seit Wochen ähnlich verbissen bei der Sache sind. Es ist aber ein erster wichtiger Schritt hin zu einer besseren Zukunft, die nächstes Jahr vielleicht sogar doch noch in Liga 1 fortgesetzt wird.

3 ordentliche Borussen-Spiele in Folge. Das gab es zum letzten Mal im Herbst 2005. Auch wenn es aus diesen Partien insgesamt nur 4 Zähler gab, zeichnen sich endlich wieder Anzeichen dafür ab, daß sich bei Borussia Positives entwickelt. Anders als im gesamten Jahr 2006 hat sich endlich so etwas wie ein Stammteam gefunden. Einzig vor dem Werder-Spiel stellte Jos Luhukay sein Team entscheidend um. Ansonsten vertraut er weitgehend konstant den selben Spielern, die er für am fähigsten hält, das Projekt Klassenerhalt doch noch zum Erfolg zu führen.  

Rumjammern, was in der Vergangenheit alles falsch gelaufen ist, bringt uns zum jetzigen Zeitpunkt nichts. Wir müssen mit dem auskommen, was uns zur Verfügung steht und den Spielern vertrauen, die unser Kader hergibt. Luhukay scheint es gelungen zu sein, eine endlich besser funktionierende Einheit zu formen, die vielleicht nicht aus den besten 11 Einzelspielern des Kaders besteht, aber momentan als Mannschaft am besten harmoniert. Nur so – und das ist der wohl elementarste Grundsatz der Luhukayschen Philosophie – lässt sich eine solch schwierige Situation bewältigen. 
 

Doch bei allem Lob über den leisen Aufschwung, der zu beobachten ist, sollten wir die Euphorie nicht übertreiben. Im Spiel gegen die Hertha war ebenso wenig alles Gold, wie eine Woche zuvor beim 0:1 in Wolfsburg alles Essig gewesen ist. Qualitativ zeigten sich bis zum 2:1 in der 69. Minute einige Schwächen, und man hätte sich bis dahin über einen Rückstand nicht beschweren dürfen. Doch Einsatz und Leidenschaft kompensierten die Defizite im spielerischen Bereich, was sich insbesondere in den Aktionen vor den Toren zum 2:1 und 3:1 verdeutlichte. Peer Kluge und Marvin Compper erkämpften sich hier jeweils in vorbildlicher Manier den Ball und bereiteten damit die entscheidenden Treffer vor. Nur so kann und muss es auch in den nächsten Wochen gehen. Bis zum 19.5. muss dies der kämpferische Maßstab für unser neues Team sein – und das auch, wenn wir mal wieder, wie zuletzt in Wolfsburg, in Rückstand geraten. Wie die Mannschaft sich dort nach dem 0:1 hängen ließ, obwohl noch 25 Minuten zu spielen waren, das kann und darf man sich im Abstiegskampf nicht allzu oft erlauben.
 

Wir haben noch einen weiten Weg vor uns in den nächsten 9 Spielen, von denen wir mindestens 4 gewinnen müssen, um die Hoffnung aufrecht zu erhalten. Heimspiele gegen Frankfurt oder Bochum erscheinen vielen als Pflichtsiege, sind aber in keiner Weise Selbstläufer. Gerade diese Mannschaften, die mit uns im Abstiegskampf stecken, werden uns mehr abverlangen als es die ersatzgeschwächte Hertha getan hat. Da sollte man sich eine Schwächephase, wie man sie vorigen Samstag insbesondere von Minute 15 bis 60 offenbarte, besser nicht erlauben, so dass auf Jos Luhukay und sein Team noch viel Arbeit wartet. 

Der Sieg vom Samstag war ein erster Schritt, dem aber noch einige folgen müssen – und das leider schon in sehr naher Zeit. Borussia hat keine Zeit, um zu verschnaufen. Schon nächsten Sonntag wartet mit Leverkusen die nächste Aufgabe, die auf den ersten Blick schwer lösbar scheint. Doch warum sollten wir nicht auch dort einen Sieg anpeilen? Mit der Leidenschaft der letzten Wochen und ein bisschen Glück im richtigen Moment, ist dieser selbst auswärts nicht gänzlich unmöglich, auch wenn statistisch wenig für uns spricht.  

Der Sieg vom Samstag war ebenso ein wichtiger erster Schritt für die mittelfristige Zukunft unseres Vereins, verschafft er uns doch erst einmal ein bisschen mehr Ruhe im Umfeld. Spöttisch ausgedrückt könnte man das fast schon bedauern, denn die letzten beiden Siege gab es ausgerechnet immer dann, wenn durch Rücktritte vom Trainer bzw. Manager die größte Unruhe entstanden war. Auch dem 2:2-Erfolg gegen Werder ging die berüchtigte Fan-Aktion voran, die einen Tag vor der Partie für erhöhte Aufmerksamkeit gesorgt hatte. 
 

Trotzdem ist es positiv zu werten, daß gerade Neuzugang Christian Ziege jetzt ein wenig durchatmen und seine wichtige Arbeit ruhiger fortführen kann. Der Boulevard muss seine Messer vorerst wieder ein wenig einfahren. Selbst dort sollte man mittlerweile erkannt haben, wie peinlich es gewesen ist, unbedingt den schlagzeilenträchtigeren Stefan Effenberg in den Verein schreiben zu wollen, obwohl objektiv nun wirklich gar nichts für den verdienten Ex-Borussen in dieser Position gesprochen hätte. Einen Typen, der in unserer Situation polarisiert, braucht der Verein ganz bestimmt weit weniger als es dem Boulevard selbst genützt hätte, der sich bei einem Manager Effenberg jede Woche auf attraktive Top-Stories hätte freuen dürfen. Man kann Präsident Königs vieles vorwerfen, aber hier hat er uneingeschränkt richtig und souverän reagiert. Denn nicht alles, was auf einem Silbertablett präsentiert wird, muss entsprechend schmackhaft sein.
 

Auch sonst machte der – vielfach nicht ganz zu Unrecht – umstrittene Präsident an diesem Wochenende eine gute Figur. So sei insbesondere seine klare Aussage zum Thema Marcell Jansen gelobt, der erstmals von einem Borussen-Offiziellen als „unverkäuflich“ deklariert wurde. Allerdings wird sich Herr Königs an diesen Worten messen lassen müssen. Man weiß natürlich, daß das Attribut „unverkäuflich“ nur in den seltensten Fällen für alle Zeiten gilt. Aber es ist alleine schon aus Gründen der Verhandlungsposition wichtig, die aktuelle Situation gerade zu rücken. In der Öffentlichkeit wurde zuletzt immer wieder der Anschein erweckt, Jansen sei bei einem Abstieg automatisch weg und könne sich dabei den Verein nach Belieben aussuchen. Die Sachlage spricht da aber eine deutlich andere Sprache. Marcell Jansen hat bei Borussia einen Vertrag bis 2009 unterschrieben, der auch für Liga 2 gilt. Ein potentieller Verkauf kann also nur in Absprache mit dem Verein über die Bühne gehen. Und Borussia ist derjenige Vertragspartner, der gefragt werden muss, ob er bereit ist, dem Jung-Nationalspieler den zweifelsohne ungemütlichen Weg in die mögliche Zweitklassigkeit zu ersparen. Der Verein hätte ohne Jansen in der neuen Saison eine deutlich geringere Chance, seine Ziele zu erreichen. Bei einem Abstieg würde sich die Chance des Wiederaufstiegs erheblich minimieren. Dafür ist der Verein auf jeden Fall zu kompensieren, und dazu bedarf es schon mindestens eines Angebots in der Größenordnung, wie es der HSV vor der Saison abgegeben hatte. Ansonsten sollte ein jeder interessierter Verein wissen, daß ein Jansen sonst eben wirklich „unverkäuflich“ ist. Anders als z.B. beim Effenberg-Transfer 1998 sind wir heute in einer wirtschaftlichen Situation, in der wir einen Notverkauf nicht tätigen brauchen. Es ist nicht in unserem Sinne, einem verdienten Spieler wie Marcell Jansen seine Zukunft zu verbauen oder einen unzufriedenen Spieler in die 2.Liga zu zwingen. Jansen ist aber Profi und vor allem Borusse genug, um die Situation des Vereins nachvollziehen zu können. Ein lustloses Absitzen des Vertrags ist von ihm ebenso wenig zu erwarten wie ein „herrliches“ Sommertheater. Der Verein sollte offen und ehrlich mit ihm umgehen und zu gegebener Zeit ausloten, wie beide Seiten eine akzeptable Lösung finden können. Diese darf aber nicht – wie von der Öffentlichkeit immer wieder suggeriert – nur einseitig zum Nutzen des Spielers ausfallen. 

Ein anderer Spieler wird dagegen nicht zu halten sein. Peer Kluge zieht es nach Nürnberg, wo er leider zurzeit die bessere sportliche Perspektive geboten bekommt. Kluge war in den letzten Jahren unser konstantester und somit bester Mittelfeldspieler, was ihm nicht immer ausreichend gewürdigt wurde. Erst in den letzten Wochen bekam er dank starker Leistungen insbesondere in Bielefeld und gegen Hertha endlich mehr Anerkennung. Doch sein Weggang zum alten Coach Hans Meyer ist trotzdem aus seiner Sicht nachvollziehbar. Für Borussia bedeutet dies einen herben Verlust, für den wir nicht einmal Ablöse erhalten werden. Aber es wird nicht die einzige schwere Aufgabe für Christian Ziege in den nächsten Monaten bleiben, diesen Weggang für die kommende Saison adäquat zu kompensieren. 
 

Umso wichtiger, dass Ziege jetzt schon seine Arbeit beginnen kann, indem er neben der täglichen Arbeit im Abstiegskampf Konzepte und Pläne für die Zukunft entwickelt. Das neue Kompetenzteam, das sich federführend durch das Duo Luhukay/Ziege auszeichnet, muss jetzt gemeinsam diesen Weg gehen und dafür sei ihnen von uns allen das absolute Vertrauen ausgesprochen. Insbesondere sollte sich der Verein in diesen Tagen auch deutlich zu diesem Trainer bekennen, und insbesondere dazu, mit ihm auch notfalls in die 2.Liga zu gehen. Dass man dies täte, davon kann man mittlerweile eh ausgehen. Luhukay liefert ordentliche Arbeit ab, ist bei den Fans und im Umfeld beliebt, gilt als anerkannter Fachmann, der zudem in Paderborn bewiesen hat, auch konzeptionell gut arbeiten zu können. 
 

Bei Christian Ziege wird man abwarten müssen, wie er sich in seiner neuen Position schlägt. Es ist einfach, ihn für seine Unerfahrenheit zu kritisieren und natürlich birgt dies ein gewisses Risiko des Scheiterns. Keiner kann heute schon wissen, ob Ziege dieser neuen Rolle gewachsen ist. Unsere Situation wäre selbst für einen erfahrenen Manager keine einfache, gilt es doch bis Mai zweigleisig zu planen, um dann im Sommer mit hoher Wahrscheinlichkeit einige wichtige Spieler ersetzen zu müssen. Hinter dem Verbleib von Keller, Jansen, Insua, Neuville, El Fakiri und Delura stehen Fragezeichen, die von Ziege nach und nach abgearbeitet werden müssen. Bei Kluge hat sich dies leider schon zu unseren Ungunsten entschieden. Von anderen Spielern wird man bemüht sein sich zu trennen, was angesichts geltender Verträge als nicht minder schwierig betrachtet werden muss, wie das Beispiel Sonck in der vergangenen Woche zeigte.
 

Doch anstatt jetzt darüber zu jammern, dass man lieber einen anderen als Ziege mit dieser Herkules-Aufgabe beauftragt hätte, müssen wir uns damit abfinden, dass der Verein sich eben so entschieden hat. Und bei allen Vorbehalten gibt es durchaus auch gute Argumente, die für Ziege sprechen. Er galt schon zu Profizeiten als intelligenter Führungsspieler, er hat eine lange, bewegte Karriere bei zahlreichen Vereinen hinter sich. In München, England und Italien hat er internationale Kontakte geknüpft, die ihm bei seiner Arbeit sicherlich nützlich sein werden. Zudem ist er einem jeden Profi in Deutschland und weitgehend auch in Europa als 72facher Nationalspieler, Europameister, deutscher und italienischer Meister ein Begriff und bekommt schon alleine daher einen gewissen Respekt entgegen gebracht, den er sich bei Verhandlungen zunutze machen kann. Wie gut ihm dies alles gelingt, wird sich zeigen müssen – wie es bei allen Ex-Profis der Fall ist, die nach ihrer Karriere in ein neues Amt im Verein drängen. Wer aber von vorneherein annimmt, dass ihm dies nicht gelingen kann, der kann dies nur mit persönlicher Abneigung gegen den Ex-Bajuwaren rechtfertigen. 
 

Dem Verein Borussia Mönchengladbach geht´s lange noch nicht wieder gut. In den letzten Jahren sind dermaßen viele eklatante Fehler begangen worden, die nicht von heute auf morgen behoben werden können. Bei der Hauptversammlung Ende Mai wird sich auch Präsident Königs grundsätzlichen Fragen stellen müssen, inwieweit er und seine Leitung zu diesen Fehlern beigetragen haben und inwiefern die generellen Vereinsstrukturen der sportlichen Leitung die nötigen Kompetenzen und Freiheiten ließen oder diese eher in ihrer Arbeit behinderten. Doch generell sollten wir wieder vorsichtig optimistisch in die Zukunft schauen mit unserem neuen sportlichen Kompetenzteam Luhukay/Ziege, das eine faire Chance erhalten muss, den Verein wieder in eine bessere Zukunft zu führen. Erste Schritte wurden dazu in den letzten Wochen getan. Wir dürfen darauf hoffen, daß weitere folgen werden, durch die wir mittelfristig wieder auf den ordentlichen Weg zurückkehren, den der Verein irgendwann in den letzten Jahren leider verlassen hat.