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Der Boulevard will Meinungen machen |
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Geschrieben von Mike Lukanz
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Mittwoch, 14 März 2007 |
Im Laufe der Rückrunde wird sich SEITENWAHL dem Thema "Fußball & Medien" näher widmen. In loser Reihenfolge werden wir mit Menschen sprechen, die etwas zu diesem Thema zu sagen haben: Journalisten, Wissenschaftler, Fußballer und Menschen von der Straße. Wir sammeln Meinungen und Ansichten, die kontrovers, spannend, fundiert oder provokant sein können.
Den Anfang macht Oliver Fritsch, freier Journalist, Gründer und Leiter der Fußball-Presseschau "www.indirekter-freistoss.de", Initiator der Video-Plattform für Amateuer- und Hobbyfußball "hartplatzhelden.de". Seit Jahren widmet er sich den Höhen, Tiefen und Mittelmäßigkeiten des deutschen Sportjournalismus.
SEITENWAHL: „Herr Fritsch, Ihre Presseschau „indirekter-freistoss" ist unter Journalisten geschätzt und inzwischen deutschlandweit bekannt. Wie kam es zu diesem Projekt und was wollen Sie damit erreichen?"
Fritsch: „Das Ziel ist, die besten Stimmen aus der Fußballpresse zu sammeln und diesen mehr Gewicht zu verleihen. Ich will zeigen, dass es mehr gibt als die ‚talking heads‘ beim DSF-Stammtisch oder die Mächtigen der Medien, wie die BILD, die SportBILD oder auch die ARD. Die Qualitätspresse hat inhaltlich keine Konkurrenz, und nirgendwo wird dauerhaft so kritisch über den Fußball berichtet. Darüber hinaus wird durch das Medium Internet eine Brücke zwischen den klassischen Printprodukten und der ‚neuen Welt‘ des Internets geschlagen."
SEITENWAHL: „Sie beschäftigen sich abseits des täglichen Pressespiegels auch mit dem Berufsbild des Sportjournalisten, bemängeln die zum Teil fehlende Reflexion der Kollegen. Ist der Zustand des deutschen Sportjournalismus so schlecht oder gibt es aus Ihrer Sicht keine Mitte zwischen dem Verharmlosen und dem Dramatisieren dieses vermeintlich vorhandenen Zustandes?"
Fritsch: „So kann man das nicht stehenlassen. Natürlich macht auch die seriöse Presse Fehler oder übersieht Dinge, Entwicklungen oder Zustände und natürlich ist nicht alles schlecht, was der Boulevard macht. Ich möchte einem Boulevardjournalismus, der moderat betrieben wird, nicht die Existenzberechtigung absprechen, denn das kann sehr interessant und spannend sein. In Deutschland macht er jedoch oft den Eindruck des Tendenziösen und der Kampagne. Was die BILD zum Beispiel mit Jürgen Klinsmann gemacht hat, ist ein Beispiel dafür."
"Es ist wichtig, dass jemand die Wächter-Funktion übernimmt"
SEITENWAHL: „Gleicht es nicht dem Kampf gegen Windmühlen, wenn man wie Sie so oft und deutlich gegen den Boulevard schießt?"
Fritsch: „Selbst wenn es aussichtslos wäre, würde ich es dennoch tun. Außerdem gibt es viele Leser, die gewisse Dinge ähnlich sehen und meine Art und Meinung unterstützen. Dass jemand die ‚Wächter‘-Funktion übernimmt, ist wichtig. Ich denke da auch an bildblog.de, die viel größer sind und inhaltlich tiefer gehen. Bei denen dachte die BILD auch immer, dass sie nur ein kleiner, unbedeutender Internet-Auftritt sind. So sagen sie es zumindest. Dennoch denke ich, dass die BILD da eine Gefahr wittert, die vielleicht noch klein ist, aber die größer wird, ganz sicher."
SEITENWAHL: „Oliver Wurm, der Chefredakteur des ‚Player‘, hat in einem Interview mit Ihnen zur Thematik BILD und Jürgen Klinsmann gesagt, dass Schlagzeilen gegen Volkes Stimme in einer Volkszeitung noch nie funktioniert hätten. Greift der Boulevard nur Stimmungen auf, die er dann plakativ potenziert oder erzeugt er nicht auch Stimmung durch gezielte Meinungsmache?"
Fritsch: „Es ist immer eine Mischung aus beidem. Der Boulevard will Meinungen machen, und wirbt schließlich auch damit. Dennoch kann man es keinem Journalisten vorwerfen, dass er eine Meinung vertritt. Würde man das Argument des Kollegen Wurm, den ich sehr schätze, zu Ende denken, käme man zu dem Schluss, dass eine Zeitung nach dem Mund des Lesers schreiben müsste. Das darf natürlich nicht passieren. Mir ist eine Zeitung prinzipiell lieber, die eine Meinung hat, sie vertritt und eine klare, redaktionelle Linie aufweist. Im Falle Klinsmann hatte das aber etwas nahezu Bockiges, oft Wahrheitswidriges."
SEITENWAHL: „Warum sind in Deutschland sachliche Diskussionen über den Fußball kaum noch möglich? Wir beobachten selber, dass eine Betrachtung - frei von Emotionen - über den Fußball kaum noch möglich ist. Taktische Analysen sind nahezu fehl am Platz; fehlt den Redaktionen der Platz, die Zeit oder schlicht das Interesse?"
"Einige Reporter haben das Fußballspiel nicht komplett durchdrungen"
Fritsch: „Vielleicht gibt es einen vierten Grund: fehlende Kompetenz. Wenn ich z.B. Fußball im Fernsehen sehe, habe ich manchmal den Eindruck, dass einige Reporter das Spiel nicht komplett durchdrungen haben, zum Teil nicht einmal das Regelwerk. Ich erinnere mich an ein Spiel aus der Hinrunde (Bielefeld gegen Hertha), da fiel ein Abseitstor, und ich dachte: ‚Das muss doch irgendeinem auffallen!‘ Aber es wurde weder im Fernsehen als solches gesendet noch in den Zeitungen. Ich habe es dann geschrieben, und einen Tag später erklärte ein Schiedsrichterlehrwart in der „Sportschau", dass es natürlich ein Abseitstor gewesen sei. Ich bin sicher nicht jemand, der die Fußballweisheit mit Löffeln gegessen haben will, aber dass solche Situationen von fast keinem gesehen oder erkannt werden, ist mir unbegreiflich. Oder das Torwartspiel: Hier gibt es nur wenige Journalisten, die auf dem Laufenden sind und wissen, woran man einen guten Torwart misst. "
SEITENWAHL: „Sie sprechen von der Diskussion um Jens Lehmann und Oliver Kahn im Vorfeld der Weltmeisterschaft?"
Fritsch: „Ja, zum Beispiel. Ich habe die Entscheidung von Klinsmann, Löw und Köpke verstanden, auch wenn ich natürlich kein schlechtes Gefühl gehabt hätte, wenn Oliver Kahn das deutsche Tor bei der Weltmeisterschaft gehütet hätte. Aber Oliver Kahn spielt ‚alte Schule‘, und es ist festzuhalten, dass er in einer Zeit, wo Torhüter auch eine Art Libero spielen müssen, nicht mehr das Leitbild sein kann und darf.
SEITENWAHL: „Gehen wir davon aus, dass in deutschen Sportredaktionen der Platz fehlt, um sich noch tiefgreifender mit Analysen, Taktik und dem Spiel zu beschäftigen: ist in Deutschland kein Platz für eine täglich erscheinende, auch qualitativ hochwertige Sportzeitung wie die „L´Equipe" in Frankreich oder die „Gazzetta dello Sport" in Italien? Oder kann nur der Boulevard ein solches Produkt auf den Markt bringen?"
Fritsch: „Es heißt ja immer, dass so etwas gegen die BILD nicht möglich ist. Ich bin mir da nicht sicher, ob das nicht doch funktionieren kann. Im Internet geht's doch auch. Warum also nicht auch im Print? Allerdings sieht man zurzeit auch, dass die bekannten Monatsmagazine (Player, RUND, 11 Freunde, Anm. d. Red.) zu kämpfen haben."
SEITENWAHL: „Diese Magazine sind im Vorfeld der Weltmeisterschaft auch dementsprechend unterstützt worden."
Fritsch: „Ja, man hat die Weltmeisterschaft als Sprungbrett gesehen, in der Hoffnung, dass man durch die Abonnenten, die aufgrund der WM-Stimmung aufspringen sollten, auch nach einem solchen Turnier halten kann. Doch scheint das nicht ohne weiteres zu funktionieren.
SEITENWAHL: „Sie haben sich bereits 2003 in Ihrem Buch ‚Fußball, Fans und das Internet‘ mit der Entwicklung von FanMagazinen und der Präsenz von Fans im Internet beschäftigt. Doch speziell im Internet überschlagen sich die Entwicklungen von Jahr zu Jahr. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation um Fans im Internet?"
"Fußball-Fans sind keine Pioniere"
Fritsch: „Ich bin nicht mehr so nah am Geschehen wie damals, dennoch habe ich nicht das Gefühl, dass Fußballfans Pioniere sind, wenn es um Entwicklungen im Internet geht. Web 2.0, also das Internet zum Mitmachen und Mitgestalten, boomt. In dieser Beziehung sehe ich bei Fußballfans jedoch wenig. Ich höre und lese zwar von vielen Ideen, aber durchgesetzt hat sich das noch nicht."
SEITENWAHL: „Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen zwischen dem klassischen Sportjournalismus und dem Betreiben eines FanMagazins? Gibt es noch Grenzen oder verschmilzt das immer mehr?"
Fritsch: „Natürlich verschwimmen diese Grenzen, dennoch sind sie vorhanden. Eine ähnliche Diskussion führen viele Blogger schon seit längerer Zeit. Es ist natürlich nicht mehr so, dass der Betreiber eines Weblogs einsam im Keller hockt und seine Beiträge verfasst, aber vielen fehlt der journalistische Hintergrund. Viele haben auch gar keinen journalistischen Anspruch; das ist nicht unbedingt eine Kritik. Die besten Blogs und Magazine sind aber die, die von Journalisten betrieben werden oder zumindest inhaltlich und qualitativ einen hohen journalistischen Anspruch haben. Dort, wo recherchiert wird, wo man aus mehreren Quellen schöpft, wo Telefonate geführt und mal unangenehme Fragen gestellt werden und, die sich auch stilistisch auf gehobenem Niveau bewegen. Es spricht allerdings überhaupt nichts dagegen, ein FanMagazin zu betreiben.
SEITENWAHL: „Einige der hauptberuflichen Journalisten beklagen sich über die zunehmende Präsenz von FanMagazinen und deren Betreiber im Umfeld von Sportereignissen. Aus Ihrer Erfahrung heraus: sind das gekränkte Eitelkeiten oder will man hier die bereits oben erwähnten Grenzen wahren?"
Fritsch: „Das sind eben Revierkämpfe. Denn gerade der Sportjournalismus hat Niveau-Probleme. Insofern ist die Zeit reif für eine neue Generation von Journalisten. Die müssen nicht die klassische Ausbildung haben und sich jahrelang von Praktikum zu Praktikum gehangelt haben. Letztlich entscheidet die Qualität der Arbeit und nicht die Ausbildung. Es ist doch immer so, dass, wenn etwas Neues irgendwo entsteht, es zuerst von allen Seiten angegriffen und gegeißelt wird. Als die „11 Freunde" vor einigen Jahren mit ihrem Konzept auf den Markt kamen, wurden sie von vielen Seiten belächelt und nicht ernst genommen. Inzwischen haben sie jedoch einen Status erreicht, der beachtlich ist."
SEITENWAHL: „Ihr schon angesprochenes Buch schließt mit den Worten: ‚In Fan-Foren entsteht eine Gegenöffentlichkeit, die auf Diskursmacht wenig Rücksicht nehmen muss. Den Mund kann man jemandem verbieten, man kann ihn belächeln oder überhören; Maus, Tastatur und Monitor jedoch kann man ihm (noch) nicht wegnehmen.‘ Sind Foren und die Kultur, die daraus entstanden ist, Fluch oder Segen?"
Fritsch: „Sowohl als auch. Ich habe erst vor einigen Tagen in meiner Kolumne auf ‚Rund-Online' genau das, was ich damals über Foren schrieb, etwas gegen den Strich gelesen und den Fluch betont. Es ist inzwischen so, dass ich in Foren schon übel beschimpft und beleidigt worden bin. Das Internet ist auch ein ‚Müll-Medium‘. Was Blog-Einträge und Emails von Lesern betrifft, mache ich eine sehr gemischte Erfahrung. Ich weiß nicht, ob ich einen solchen Satz, wie Sie ihn gerade zitierten, nochmals verwenden würde. (lacht)."
SEITENWAHL: „Welche Bedeutung haben diese Stimmen, die man im Internet liest?"
Fritsch: „Man sollte nur die ernst nehmen, die authentifiziert, also nicht anonym sind und die mit einer gewissen Konstanz auftauchen und so beweisen, dass sie etwas zu sagen haben. Eine einmalige Email von einer anonymen Person ist schnell geschrieben, aber für einen Betreiber einer Homepage oder für den Verein sehr schwer einzuordnen."
SEITENWAHL: „Ihnen wird vorgeworfen, sie seien latent FC Bayern-feindlich."
Fritsch: „Den Bayern-Fans, die mir vorhalten, dass ich zu kritisch oder sogar neidisch sei, kann man entgegen halten: ‚Wen interessiert der VfL Wolfsburg?‘ Die Bayern sind nun mal die Mächtigen in Fußball-Deutschland. Wenn Hoeneß oder Rummenigge etwas sagen, dann hat das Gewicht. Natürlich schaue ich mehr den Mächtigen auf die Finger und gerade beim FC Bayern gab und gibt es viele Gründe, es auch zu tun. Ich verliere fast nie ein Wort über die Mannschaft, sondern ausschließlich über die sportliche Führung des Vereins und deren Ziele und Argumente. Da lasse ich mich auch nicht beirren. Abgesehen davon bietet gerade der FC Bayern eben genügend Gründe, kritisch zu sein. Rummenigge äußert sich derzeit sehr herablassend über einen möglichen Transfer von Miroslav Klose, Uli Hoeneß sitzt bei Sabine Christiansen und bellt erregt CSU-Politiker an, wie hinterlistig sie einen erfolgreichen Mann wie Edmund Stoiber - übrigens Aufsichtsratsmitglied des FC Bayern - abgesägt hätten, und einige Tage später erfährt Felix Magath im Radio auf dem Weg zum Training, dass er entlassen sei. Das ist Heuchelei."
SEITENWAHL: „Herr Fritsch, vielen Dank für das Gespräch
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