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Home Mike Lukanz SEITENwechsel, der 25.
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SEITENwechsel, der 25. |
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Geschrieben von Mike Lukanz
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Mittwoch, 21 März 2007 |
Lieber Mike,
Krisen schweißen zusammen. Ein gemeinsamer Feind schweißt
zusammen. Auch wenn es in der Ehe längst hakt, solange die fette Nachbarin ihren
Rasen immer sonntags zur Mittagszeit mähen muss, hat man noch nicht ganz
verloren, denn man kann gemeinsam leiden und sich so zumindest einer geteilten
Leidenschaft versichern. So ist es auch im Fußball, und der Feind der Borussia
ist der Abstieg. Im Idealfall durchsteht man eine Krise, und geht gestärkt aus
ihr hervor. Wenn, jetzt nur als Beispiel, Deine Partnerin Dich mit einem
Kollegen betrügen würde, der einen noch schickeren Cabrio hat als Du, dann aber
feststellt, dass sie Dich doch über alles liebt und Du die Größe hast, ihr zu
verzeihen: Ihr könntet hinterher noch viel genauer wissen, was Ihr aneinander
habt, sehr viel sorgfältiger miteinander umgehen, ja, selbst der Sex würde sich
womöglich wieder anfühlen wie in den ersten Monaten. Denn dass Ihr zusammen
seid, ist nicht mehr selbstverständlich, sondern Ergebnis einer gemeinsamen
Kraftanstrengung, eines Siegs, der einem widrigen Schicksal abgerungen worden
ist. Wenn Gladbach in dieser Saison nicht absteigt, wird es einen ähnlichen
Rausch geben, er fängt ja jetzt schon an im Kampf gegen die blonde Dirne
Abstieg, die uns Borussia abtrünnig machen möchte.
Diesen Kampf, seine euphorisierende Wirkung, Du beschreibst
sie bildhaft und punktgenau. Es ist Schluss mit Klein-Klein, alle ziehen an
einem Strang, ja selbst die Seitenwähler, sonst stets gekränkt, wenn sie von
Vollzeitjournalisten als Fanpagler bespöttelt werden, lassen alle Distanz und
Kritik fahren und verschreiben sich der "Ein Team"-Ideologie. Ja, Recht so! Wie
Du wünsche ich mir von Herzen, dass Borussia nicht absteigt, und alles, was
diesem Ziel dient, ist erlaubt.
Aber man wird ja wohl noch Fragen dürfen: Was, wenn wir
doch absteigen? Wenn alle Rechenspiele ins Leere gehen, der Optimismus sich doch
als naiv erweist (deswegen heißt er ja auch nicht Realismus...)? Dann ist die
euphorisierende, kurze Krise aus. Dann fängt die lange Krise an. Sie heißt 2.
Liga und hat wesentlich weniger Sex-Appeal als der dramatische Abstiegskampf im
Blockbuster-Format mit Cliffhangern und benennbarem Ende. Und dann zeigt sich,
was die Beziehung wirklich wert ist. Wer dann noch ins Stadion geht und für
Borussia schreit, der ist der wahre Fan. Viele von denen, die jetzt "Ein
Team"-Shirts tragen, werden dann fort sein. Und das ist es, was mich jetzt an
der Masseneuphorie so stört. Ich möchte nicht gemeinsam mit Idioten euphorisch
sein. Ich möchte nicht gemeinsam mit denen euphorisch sein, die sonst immer nur
meckern und auch sehr bald wieder nur noch meckern werden. Ich möchte nicht
gemeinsam mit den verlogenen Heuchlern euphorisch sein, die weg sein werden,
wenn wir richtig in der Scheiße stehen.
Und, ganz ehrlich: Ich möchte auch einfach nicht euphorisch
sein, weil wir mal wieder erfolglos sind. Ich will endlich einmal euphorisch
sein, weil wir gut spielen und Erfolg haben. Bis dahin bin ich nicht euphorisch.
Bis dahin leide ich. Und weil ich kein Stockholm-Syndrom habe, freunde ich mich
mit dem Abstiegskampf nicht an. Er tut mir einfach weh. Jeden Tag. Aber das ist
in Ordnung. Ich bin Leid gewöhnt mit Borussia. Und ich werde auch in der zweiten
Liga noch da sein. Ohne "Ein Team"-Shirts, aber mit ganzem
Herzen.
Dein
Martin
Auf schillernde Juwelen kann man von vielen Seiten blicken und staunen.
Seit 1997 bereits blickt SEITENWAHL für seine Leser auf das Gladbacher
Geschehen, 2004 gesellte sich der VfLog dazu. Beide Projekte haben
ihren eigenen unverwechselbaren Charme. Zu Beginn der Saison 06/07
kommt es nun zum SEITENwechsel: SEITENWAHL und VfLog beginnen
einen Briefwechsel, in dem alles möglich ist: Fachsimpelei,
Verbalfouls, Streit und Harmonie. Solange die Tinte reicht, wird auf
www.seitenwahl.de und www.VfLog.de künftig nach Spieltagen der Brief der jeweils anderen Seite veröffentlicht.
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