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Geschrieben von Mike Lukanz   
Sonntag, 25 März 2007
ImageMarcell Jansen ist zurzeit ein viel befragter Mann. Die Interviews mit Borussias Nationalspieler häufen sich, wie es bereits im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2006 der Fall war. In diesen Wochen allerdings mit einigen inhaltlichen Unterschieden: Wurde er vor knapp 12 Monaten auf seinen schnellen Aufstieg vom Amateur- zum Nationalspieler angesprochen, erkennt die Presse das Nachrichtenpotenzial, das Jansen zurzeit hergibt: junger, talentierter und begehrter Nationalspieler, der bei einem abstiegsbedrohten Verein unter Vertrag steht: dankbare Rahmenbedingungen für jeden Journalisten. Mönchengladbach erlebt mit seinem Eigengewächs im Frühling 2007 seinen „Podolski", bei dem im vergangenen Jahr die Bedingungen erschreckend ähnlich waren. Interessant ist dabei die Tatsache, dass Marcell Jansen dieser Tage das Beispiel des Lukas Podolski in den Interviews immer wieder anführt. Honi soit, qui mal y pense!

Die Gemüter rund um Mönchengladbach sind entsprechend aufgewühlt. Gleichwohl viele besonnene und realistische Stimmen anzutreffen sind, ist die Stimmung im weiten Feld der Anhängerschaft nachvollziehbar angespannt. Ein Blick in die heute so bedeutend gewordenen Foren im Internet zeigt, dass das eigentliche Thema „Klassenverbleib" etwas in den Hintergrund gerückt ist. Jansens starke Leistung beim EM-Qualifikationsspiel der Nationalmannschaft in Tschechien wurde der erwartete Beschleuniger innerhalb der Diskussionen.
Der direkte Vergleich mit Jansens Mannschaftskameraden bei Borussia, Peer Kluge, verdeutlicht jedoch auch, dass man beide Personalien aus unterschiedlichen Gesichtspunkten heraus betrachten muss. Auch wenn der zukünftige „Clubberer" Kluge der zurzeit dienstälteste Spieler im Kader von Borussia Mönchengladbach ist, fehlt ihm ein entscheidendes Attribut: er ist kein Mönchengladbacher. Jansen ist es, ein „Lürriper Jung", wie er selber oft und gern betont, so, als wolle er das Argument noch verstärken.

In Zeiten der stetig wachsenden Kommerzialisierung, der Austauschbarkeit von Spielern und Trainern und Ökonomisierung von Fußballvereinen sind es Spieler wie Marcell Jansen, die identitätsstiftender sind als jedes meterhohe Plakat von Ex-Fohlen am Stadion, als jeder Fanartikel, als jeder Rückblick in Vergangenes. „Jansen ist einer von uns", sagen sie in der Nordkurve nicht ohne Stolz. Noch vor einigen Jahren stand er selber inmitten derer, die ihm jetzt zujubeln und sein Trikot tragen. Aus der Nordkurve in die Bundesliga!, sowas mag man nicht nur in Mönchengladbach. In Jansen sieht sich der Fan selber auf den Platz projiziert, er steht für das, was man sich selber immer gewünscht hat: einmal vor der Nordkurve spielen, einmal mit ausgeweiteten Armen auf diese zulaufen, dabei auf die Raute am Trikot klopfen und Handküsse in die Ränge werfen!

Wenn sportliche Krisen den Verein schütteln, verlieren sich Fans oft in plakativ-drastische Formulierungen: „Wir sind Gladbacher, und Ihr nicht!" ist der Klassiker, aber auch inhaltlich tiefere Schlachtrufe und Banner sind an und in den Fankurven zu lesen: „Vergesst nie: Ihr tragt unser Trikot, nicht wir Eures!". Nun gelten diese Dinge oft für die vielen durchreisenden Spieler, die kommen und gehen, aber auch für einen wie Marcell Jansen? Ist er weniger Gladbacher, wenn er sich sportlich weiterentwickeln will? Ist es nicht so, dass der wahrscheinliche Weggang vom „Lürriper Jung" den sportlichen Niedergang von Borussia drastischer offenlegt, als es ein Tabellenstand je täte, und es genau diese Tatsache ist, die so schmerzt? Wenn selbst „einer von uns" dem Verein und damit uns den Rücken zukehrt?
Als Lukas Podolski in der vergangenen Saison seinen Wechsel zum FC Bayern München bekanntgab, schrieb ein Kölner Fan im vereinseigenen Forum des 1.FC Köln: „Der FC bekommt mit dieser Entscheidung einfach nur drastisch vor Augen geführt, was er ist: ein zweitklassiger Verein!" Noch ist Mönchengladbach Erstligist, an der Entscheidung Marcell Jansens dürfte auch ein Klassenverbleib nichts mehr ändern.

ImageDie Frage lautet, wie man in Mönchengladbach damit umgehen wird. Als man in der Winterpause Steve Gohouri von den Young Boys Bern weglotsen konnte, traf man deren Fans tief ins Mark. Man verlor nicht nur einen Leistungsträger, sondern auch einen Publikumsliebling. In Bern konnte man die Entscheidung Gohouris nicht verstehen: wie man von einem Schweizer Spitzenclub zu einem abstiegsbedrohten Bundesligisten wechseln könne, bei dem noch nicht einmal klar sei, ob es zu einem Stammplatz reiche. Gohouri selber sah diesen Wechsel als persönliche Chance an, sich sportlich (und vermutlich auch finanziell) zu verbessern. In Mönchengladbach hingegen hatte man für die Bedenken und den Ärger der Schweizer Fans nur spöttisches Lächeln über. Ein Wechsel von der schweizerischen in die deutsche Liga sei per se eine Verbesserung, vom Status eines Vereins wie Borussia Mönchengladbach einmal abgesehen! Es ist wahrscheinlich, dass Diskussionen mit ähnlichen argumentativen Inhalten in den vergangenen Wochen zwischen Mönchengladbacher Fans auf der einen und Münchener, Bremer oder Schalker Fans auf der anderen Seite abgelaufen sind.

Die persönliche Entwicklung eines Spielers übertrifft in ihrer Geschwindigkeit meist die der Vereine. Der VfB Stuttgart musste dies in den vergangenen Jahren in einigen Fällen erleben. Von den sogenannten „jungen Wilden" wird am Ende der Saison mit Timo Hildebrand der letzte dieser Truppe das Schwabenland verlassen, nachdem schon Philipp Lahm, Kevin Kuranyi und Andreas Hinkel dem Ruf des Geldes, bzw. dem des eigentlichen Arbeitgebers gefolgt sind. Die traditionell gute Jugendarbeit beim VfB Stuttgart bringt in unregelmäßigen Abständen jedoch neue Talente hervor. Von Kevin Kuranyi spricht in Stuttgart keiner mehr, seit Mario Gomez dort spielt und trifft. Und wer weiß, vielleicht dauert es gar nicht mehr so lange, bis man in Mönchengladbach das nächste Eigengewächs in der Bundesliga etablieren kann. Marko Marin wird den Sprung schaffen, mit Blick auf Borussias U19, U17 und U15 ist mit weiteren Talenten mittelfristig zu rechnen.

Dem Verein Borussia mitsamt seiner sportlichen Leitung um den neuen Sportdirektor Christian Ziege ist zu wünschen, dass die kommenden Wochen im Fall Marcell Jansen professionell abgewickelt werden. Der Spieler selber verhält sich fair und verliert sich nicht in Phrasen. Das ist für einen jungen Mann beachtlich und selten professionell. Mangelnden Einsatz kann man Jansen nicht vorwerfen. „Ich möchte Borussia nicht als Zweitligist verlassen", hat er in diesen Tagen gesagt. Doch Marcell sollte sich im Klaren darüber sein, dass der Verein neben den sportlichen Interessen vor allem wirtschaftliche anzubringen hat. Es wäre aus heutiger Sicht und vor dem Hintergrund der vorliegenden Vertragsdaten nicht begründbar, warum man nicht mindestens die Summe fordern wird, die der Hamburger SV schon zu Beginn der Saison für Jansen geboten hat.

Borussias Fans sollten der geforderten Professionalität des Vereins folgen. Ein Auspfeifen oder Beschimpfen hätte Marcell Jansen nicht verdient. Er wird sich bis zum letzten Spieltag für Borussia reinhängen, für seinen Verein. Lieber sollte man auch in Zukunft stolz sein, dass „einer von ihnen" den Sprung zu den ganz großen Vereinen geschafft hat. Neue Talente und junge Spieler werden kommen. Denn dies ist die einzige Parallele zu den meterhohen Plakaten aus der Vergangenheit.