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Ungeschriebene Gesetze Drucken
Geschrieben von Michael Heinen   
Dienstag, 01 Mai 2007

ImageNachdem nunmehr der Abstieg definitiv feststeht, rückt insbesondere der kaum noch abwendbare Verkauf von Marcell Jansen in den Fokus der Medien. Was für eine Story: Ein deutscher Nationalspieler bei einem Absteiger, der von zahlreichen Top-Klubs Europas gejagt wird. Bayern München, Arsenal und Barcelona sind zur Zeit die heißesten Favoriten, nachdem auch schon der AS Monaco, Dynamo Kiew, AC Mailand und Real Madrid mit unserem Linksverteidiger in Verbindung gebracht wurden.

Auffallend in der öffentlichen Wahrnehmung ist aber die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Transfer als unabwendbar hingenommen wird. Das ungeschriebene Gesetz, das ein Spieler aus dem Vertrag herauskommt, wenn er das nur möchte, kommt hier wieder einmal zur Anwendung. In 99% der Fälle läuft es nämlich eben so ab. Und nur sehr selten traut sich ein Verein, einen Spieler gegen seinen Willen an den Verein zu binden. Man kann über den moralischen Aspekt dieser Tatsache die Nase rümpfen und es als einen Beleg für die „verwöhnte Spielergeneration“ heranziehen. Nur wird dies wenig an der Faktenlage ändern, dass Marcell Jansen in den nächsten Wochen wohl seine letzten drei Spiele für Borussia bestreitet. 

Dabei ist offiziell von Borussen-Seite mehrfach bekannt worden, Jansen gelte als „unverkäuflich“. Präsident Königs und Christian Ziege betonten mehrfach, mit Jansen in die 2.Liga gehen zu wollen. Worte, an denen sie grundsätzlich zu messen sind. Der Verein sollte nicht den Fehler machen, sich von den Medien ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen, dass man Jansen seine Karriere verbauen würde. Wechselt er z.B. nach Barcelona und landet dort mit etwas Pech auf der Ersatzbank, würde dies seiner Karriere wahrscheinlich mehr schaden als 2 Jahre Zweitliga-Fussball.  

Es ist absolut verständlich, dass Jansen sich zu Höherem berufen fühlt als gegen den SV Wehen in die Zweikämpfe zu müssen. Und es ist völlig OK, wenn er seinen Wunsch äußert, dem aus dem Weg gehen zu dürfen. Nur ist andersherum die Vereinsseite zu verstehen, die auf einen bestehenden Vertrag pocht, der bei vollem Bewusstsein auch für die 2.Bundesliga unterschrieben wurde. Wenn Berater Gerd vom Bruch jetzt darauf pocht, man habe mit Peter Pander mündlich vereinbart, bei einem Abstieg über die Situation zu reden, dann sollte Jansen ernsthaft über einen Wechsel seines Mentors nachdenken. So etwas lässt sich über diverse Klauseln vertraglich festhalten, was im Profifussball zwingend angebracht ist. Warum nicht in den Vertrag einbauen, dass man im Falle eines Abstiegs zu einer bestimmten Transfersumme den Verein verlassen kann, wie es einige andere Spieler auch getan haben? Doch wie im Fall Helmes gibt vom Bruch hier ein ähnlich schlechtes Bild ab wie einst als Borussen-Trainer.
 

Christian Ziege hat seine Position aus Vereinssicht korrekt beschrieben. Wenn Marcell Jansen den Verein verlässt, minimiert sich unsere Chance auf den direkten Wiederaufstieg beträchtlich. Ein zusätzliches Jahr 2.Liga würde uns neben einigem Ansehen ca. 15-20 Mio. Euro kosten. Gibt man Jansen ab, muss also gewährleistet sein, dass wir für das eingenommene Geld die Mannschaft adäquat verstärken können. Entsprechend muss sich die Ablöse berechnen, die unser Verein einzufordern hat.
 

Man sollte mit Jansen fair und korrekt umgehen und es ist davon auszugehen, dass Christian Ziege dies gelingt. Beide Seiten haben ihre Vorstellungen und es kann nur darum gehen, einen Kompromiss zu finden, der beide Seiten zufrieden stellt. Anders als in der öffentlichen Wahrnehmung kann ein Kompromiss aber nicht so aussehen, dass der Spieler den neuen Verein aussucht und Borussia die Ablöse akzeptieren muss, die jener Verein maximal bereit ist zu zahlen. Dank des laufenden Vertrages wird andersherum ein Schuh draus. Herr vom Bruch soll uns einen Verein bringen, der bereit ist, die von uns geforderte Ablöse im zweistelligen Millionen-Bereich zu zahlen. Angesichts der großen Auswahl sollte dies nicht unmöglich sein. Sollte es ihm nicht gelingen, so müsste Jansen zur Not eben doch mit in Liga 2. 
 

Der Verein, bzw. insbesondere Christian Ziege sollte nicht den Fehler machen und – demütig vor den ungeschriebenen Gesetzen – eine zu geringe Ablöse abnicken. So wie es zuletzt in Bochum geschah, wo Torschützenkönig Gekas für einen Betrag von läppischen 3-4 Millionen nach Leverkusen transferiert wurde. Wenn man dann liest, dass Bayer gleichzeitig bereit ist, für einen chilenischen Abwehrspieler fast das Doppelte hinzulegen, muss man sich im Ruhrpott extrem verarscht vorkommen. Stefan Kuntz, der für seine Einkaufspolitik dieses Jahres explizit zu loben ist, hatte schnell resigniert. Ein Verein wie der VfL Bochum habe eben Ausbildungscharakter und müsse seine besten Spieler zwangsläufig abgeben. Diesen Realismus in allen Ehren. Aber wenn man so unterwürfig in die öffentlichen Verhandlungen einsteigt, schwächt man unnötig seine Verhandlungsposition. 
 

Andere Vereine machen es im größeren Rahmen vor, wie man dagegen Stärke demonstriert, was sich in aller Regel in teilweise vermessen klingenden Ablösen widerspiegelt. So schien Owen Hargreaves bei den Bayern nach der WM nicht zu halten, doch Uli Hoeneß widerstand auch einem 30 Mio.-Angebot von Manchester United und hielt den Spieler trotz Wechselwilligkeit. Alexander Frei, der mit seinen Toren ebenso Begehrlichkeiten geweckt hat und höhere Ambitionen haben dürfte, als in Deutschland gegen den Abstieg zu spielen, wurde vom BVB in dieser Woche als „unverkäuflich“ deklariert. Natürlich ist das Wort „unverkäuflich“ stets relativ zu verstehen, da es immer einen Preis gibt, bei dem man schwach würde. Aber entscheidend ist, dass der Verein deutlich macht, das Recht und damit das Heft des Handelns auf seiner Seite zu haben. Nach bisherigen Beobachtungen verhalten sich Borussias Verantwortliche also genau richtig, sollten dies aber auch weiterhin in vollster Konsequenz durchziehen.  

E
s geht nicht darum, Jansen um jeden Preis in die 2.Liga zu drängen. Aber solange die Angebote wie zuletzt bei Bayern München bei lächerlichen 7 Millionen Euro verharren, sollten wir uns diese Option zumindest offen halten. Herr vom Bruch kann noch so sehr davon reden, dass ein Angebot von 10 Millionen Euro – wie vor einem Jahr vom Hamburger SV geboten – heute unrealistisch sei. Dies einzuschätzen ist Gott sei Dank nicht seine Aufgabe, sondern die desjenigen Vertragspartners, der das geschriebene Gesetz in Form eines gültigen Vertrags auf seiner Seite hat.