Was seit Wochen zu erwarten war, spitzt sich nun zu: der Transferpoker um Marcell Jansen. Wobei das Wort „Transferpoker" die Sache nicht richtig trifft, denn Borussia hat bis zum heutigen Tag keine (offizielle) Bereitschaft signalisiert, überhaupt in Verhandlungen einzusteigen. Jansen selber nutzte in der Mixed-Zone des BorussiaParks die Gelegenheit nach dem Spiel gegen den FC Bayern, um vor versammelter Journalistenschar seine Meinung kundzutun. Der Ton wird schärfer, auch bei Jansen selber. So sehr seine persönliche Einstellung nachzuvollziehen ist, sollte er aufpassen, keinen unnötigen Kredit zu verspielen. Er wähnt die breite Öffentlichkeit hinter sich, doch das Bild kann sich schneller wenden, als ihm vielleicht lieb ist. Jansen beginnt, vielleicht auf Druck seines Beraters, vielleicht aus Naivität, eigene Forderungen zu formulieren. Dabei sollte er wissen, dass er in der völlig falschen Position ist, um Dinge für sich einzuklagen.
Marcell Jansen war noch nie ein Mann, der um Worte verlegen war. So sind er und Peer Kluge seit Wochen die einzigen Spieler, die sich den Fragen der Journalisten nach Spielende stellen. Während Kluge kein Lautsprecher ist und in seinen Worten oft eine gewisse Traurigkeit mitschwingt, spricht Gladbachs Linksverteidiger laut, deutlich und offen.
Noch vor wenigen Wochen klangen Jansens Worte noch nach den üblichen Floskeln. Er wolle „abwarten, wie sich die Saison entwickele", dann „könne man reden". Woche für Woche wurden die Aussagen konkreter, auf einmal betonte er mehrmals, dass die 2. Liga für ein „Rückschritt sei". Mit seinen Aussagen von diesem Wochenende hat seine Argumentation eine neue Dimension erreicht. Jansen übt offene Kritik am Verein, kommentiert gar Ablösesummen, die bislang lediglich von den Medien ins Spiel gebracht worden waren: „Ich kenne keinen Linksverteidiger, der zehn Millionen Euro kosten soll". Die sportliche Führung Borussias kontert bis dato cool. So wurde Jos Luhukay mit den Worten zitiert: „Wir sprechen mit den Spielern, deren Vertragslage unklar ist. Das ist bei Marcell Jansen nicht der Fall.", Ziege kommentierte zynisch, dass ein Spieler auch „so clever sein muss, nur einen Vertrag für die Bundesliga zu unterschreiben, wenn er nur Bundesliga spielen will". Präsident Königs geht noch einen Schritt weiter und erklärt seinen Nationalspieler ohne Umschweife für „unverkäuflich".
„Unverkäuflich". Dieser Begriff fiel auch in einem Interview, das SEITENWAHL Ende November 2006, also vor knapp sechs Monaten, mit Marcell Jansen führte. Auf seinen Verbleib bei Borussia angesprochen, antwortete Jansen:
„Diese Frage bekomme ich sehr oft gestellt. Ich weiß, wie der Verein zu mir steht und wie die Fans zu mir stehen. Wenn ich merke, dass der Verein mich wirklich behalten will und an mich glaubt, dann ist das ein Vertrauen, das ich nicht enttäuschen möchte. Borussia hat in diesem Sommer ganz klar gesagt, dass ich unverkäuflich sei. Das ist ein toller Vertrauensbeweis und dann fühle ich mich wohl. Wenn ein Verein argumentiert, dass er mich oder einen Spieler bei einer Summe X ziehen lassen würde, dann kann man dem Spieler keinen Vorwurf machen, wenn er irgendwann auch nur auf die wirtschaftlichen Aspekte achtet, da der Verein es mit einer solchen Aussage ja auch macht. Außerdem: wer weiß denn, was nächste Saison ist? Mir ist es jetzt erst einmal wichtig, wie sich meine Verletzung entwickelt, wann ich wieder fit bin und der Mannschaft helfen kann. Was nützt es mir, wenn ich wieder fit bin und dann nicht mehr meine Form finde! Dann bin ich froh, dass ein Verein wie Borussia sagt, dass sie an mich glauben und weiter auf mich setzen. Nein, ich gucke Schritt für Schritt, da bin ich realistisch und mache mich nicht verrückt. Natürlich möchte ich irgendwann mit den besten Spielern der Welt zusammenspielen und sie nicht nur auf der Playstation steuern, wie ich es heute noch mache. Aber Borussia ist und bleibt mein Traumverein, da können andere Leute ruhig sagen, dass ich das nur sagen würde, um die Fans zu beruhigen. Das ist mir inzwischen egal, denn was ich sage, meine ich auch so. Egal, was passiert: mir würde es immer weh tun, diesen Verein und diese Fans zu verlassen. Daher würde ich nie Hals über Kopf hier gehen, dafür hänge ich zu sehr daran."
Schon viele Spieler hat die Vergangenheit eingeholt, da wäre Marcell nicht der erste. Noch steht ein Großteil der Fans hinter ihm, kann seine Entscheidung sogar verstehen. Am Fall Miroslav Klose sieht man jedoch, wie schnell Stimmungen kippen können. Alle Beteiligten sollten in den nächsten Wochen einen kühlen Kopf bewahren, denn eine Schlammschlacht über die Medien wäre für alle fatal.
Manchmal ist weniger Reden mehr!
|