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SEITENwechsel, der 31. Drucken
Geschrieben von Christoph Clausen   
Mittwoch, 16 Mai 2007
ImageLieber Christoph,

über Abwesende schreiben wir ja stets nur Gutes, dem lieben Mike gilt also ein herzlicher Gruß in den Urlaub! Er ist wohlverdient, keine Frage. Doch, wahrlich, wenn Mike zurückkommt, kann er sich warm anziehen: So viele literarische Bezüge hat selbst unser liebster Vielzitierer bisher nicht in einem Seitenwechsel untergebracht wie Du! Hut ab und chapeau! Was sollen wir da noch sagen? In Bezug auf die letzten Monate können wir nur mit einem anderen mephistophelischen Dunstkreis zustimmen: „Oh selig, wer noch hoffen mag, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!" (Gern zitiert in diesen Wochen, ich weiß.) Und doch, diese Hoffnung ist doch alles was wir haben. Die Seelenlosigkeit des real existierenden Abstiegs, die Peinlichkeit der Häme mancher Fans angesichts der VfL-eigenen exorbitanten (d. h.:schlechten) Leistungen, Du beschreibst es mehr als treffend!

Doch dein schönster Verweis gilt der "Ästhetik des Scheiterns". Genau darum geht es in meinen Augen. Scheitern ist kein Problem, im Gegenteil. Über meinem Schreibtisch hängt seit Jahren ein Zitat des Videokünstlers Nam June Paik: „Wenn zu perfekt, liebe Gott böse!" - ein bezaubernder Appell gegen alle Hybris, Selbstüberschätzung aber auch Selbstquälerei. Wir sind Menschen, wir machen Fehler. Auch Beckett wusste dies und schuf das prima Lebensmotto: "Try again.
Fail again. Fail better." Und genau diese Ästhetik des Scheiterns ist in Gladbach abhanden gekommen. Der Machbarkeitswahn ohne Demut führte zu immer größerem, statt immerbesseren Scheitern. Jetzt geht es wieder in Liga zwei, das ist die Quintessenz und Konsequenz der fatalen Handlungen der letzten Jahre. Werden wir wieder aufsteigen? Ich hoffe es. Wird es auf dem Weg dahin neue Probleme geben? Ich bin dessen gewiss. Und das heißt auch: In Gladbach muss sich die Einstellung zum Thema Erfolg, zum Thema Machbarkeit ändern, und der Umgang mit Scheitern ganz neu geübt werden. Die Engländer, so schreibst Du zurecht, haben kein eigenes Wort für Schadenfreude. Dafür kennen sie dieses Sprichwort: "How do you make God laugh? - Tell him your plans." Wir sollten in Gladbach alle für eine Weile in Urlaub fahren. Und dabei Demut und Scheitern noch einmal ganz neu lernen.

Liebe Grüße,
Martin

Auf schillernde Juwelen kann man von vielen Seiten blicken und staunen. Seit 1997 bereits blickt SEITENWAHL für seine Leser auf das Gladbacher Geschehen, 2004 gesellte sich der VfLog dazu. Beide Projekte haben ihren eigenen unverwechselbaren Charme. Zu Beginn der Saison 06/07 kommt es nun zum SEITENwechsel: SEITENWAHL und VfLog beginnen einen Briefwechsel, in dem alles möglich ist: Fachsimpelei, Verbalfouls, Streit und Harmonie. Solange die Tinte reicht, wird auf www.seitenwahl.de und www.VfLog.de künftig nach Spieltagen der Brief der jeweils anderen Seite veröffentlicht.