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Urlaubsflirts und Auswärtssiege Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz   
Sonntag, 23 Juli 2006
Fast jeder von uns hat es als Jugendlicher schon erlebt: in den Ferien mit den Eltern verliebt man sich, der bekannte Urlaubsflirt. Diese Tage, fernab vom Zuhause, empfinden wir als emotionales Dauerhoch, man schwebt tagelang wie auf Wolken getragen im Rausch der Gefühle und dem Wunsch, dass der Urlaub niemals enden dürfe. Doch leider bleibt es bei diesem Wunsch. Irgendwann kommt unabwendbar der Tag der Abreise, zurück in die für den Moment graue Realität, in den Alltag. Ein paar Tage nach der Rückkehr zehrt man noch vom erlebten Gefühl, man trauert ob des Verlustes, den man erlitten hat. 
Der diesjährige Urlaubsflirt der Deutschen war die Fußball Weltmeisterschaft im eigenen Land. Vollkommen losgelöst von den Dingen des Alltags feierten, tanzten und jubelten die Deutschen und zeigten damit ein Bild vom Land, das sowohl im In- als auch und vor allem im Ausland für positive Resonanz sorgte. Wie im Urlaub schien der Alltag weit entfernt, von Spiel zu Spiel intensivierte sich dieses Gefühl, das die Sinne zu vernebeln schien. Selbst massive Steuererhöhungen der Bundesregierung konnten die Feierlaune des Kollektivs in Deutschland nicht trüben. Doch, das Halbfinale gegen Italien beendete dieses Hoch ähnlich abrupt und brutal wie die unvermeidbare Rückreise des Jugendlichen aus dem Urlaubsort. Zwar ließ die Enttäuschung ob des kleinen Finales im Spiel um Platz 3 recht schnell nach, doch die Hoffnungen vieler Fans, diese erlebte Euphorie in die nächsten Wochen mitnehmen zu können, entpuppte sich erwartungsgemäß als zwar frommer, aber ebenso unrealistischer Wunsch. Ein neues Nationalgefühl, das, für Deutschland passend, zur Diskussionsgrundlage von Philosophen, Politikern und Talkshows und deren Redaktionen wurde, lässt sich zwar für eine kurze, aber intensive Phase eines Großereignisses erzeugen, für eine dauerhafte und grundsätzliche Änderung im Bewusstsein des Volkes reicht dies jedoch nicht. Was Fahnen am Auto bewirken können !

So verlegt der Fan seine Prioritäten. Die Deutschlandfahne wird kurzerhand in eine Vereinsfahne verwandelt, anstatt sich mit hunderttausenden Gleichgesinnten vor Großbildleinwänden zu versammeln, pilgern einige hundert Anhänger zu den Amateurspielplätzen dieser Nation, um den Fitness- und Leistungsstand ihrer Mannschaft zu begutachten. Statt Deutschland - Italien heißt und hieß es Borussia gegen Wegberg-Beeck. Die Welt ist schnelllebig, die Fußballwelt umso mehr. Eine Weltmeisterschaft ist ein Höhepunkt, aber Gott sei Dank kein Alltag. Der Alltag ist der Vereinsfußball, die Bundesliga, das wöchentliche Warten auf den nächsten Spieltag, auf „geritzte" Transfers, auf erste Bilder der neuen Spieler. Und, wenn wir ehrlich sind, ist dies der wahre Fußball, die Grundlage, die Basis.

Bei Borussia Mönchengladbach hofft man natürlich, wie in jedem anderen Verein der Republik, ein kleines Stück der Euphorie mitnehmen und transportieren zu können. Die bis dato verkauften Dauerkarten aller Bundes- und Zweitligisten sprechen eine ziemlich deutliche Sprache, denn der Aufwärtstrend der letzten Jahre hält an. Genährt wird die Vorfreude auf die nunmehr sechste Spielzeit nach dem Wiederaufstieg unter Hans Meyer im Jahre 2001 durch Veränderungen, die selten von so grundsätzlicher Natur waren wie in diesem Sommer. Jupp Heynckes steht wieder am Ruder des Schiffs Borussia Mönchengladbach. Zwar ist Heynckes nicht der erste Ex-Borusse, der diese Tätigkeit ausübt, doch im Gegensatz zu seinen Vorgängern im Amt, von Bonhof bis Köppel, genießt er eine unglaubliche Akzeptanz, die nicht nur durch seine Vita, denn vielmehr durch seine fachlich unumstrittene Kompetenz zu begründen ist. Die besorgten Stimmen, Heynckes sei in seiner Menschenführung und Trainingsgestaltung antiquiert, stur und geprägt durch Disziplinvernarrtheit, wurden durch das bisherige Auftreten von Heynckes und nicht zuletzt der Mannschaft selber schnell widerlegt. Heynckes ist kein „Opa", er versteht sich als Fußballlehrer, der stetige Entwicklung verfolgt und weniger als Gute-Laune-Onkel, den auf Dauer keiner ernst nimmt.

Heynckes bewies, dass die Worte zu Beginn seiner zweiten Amtszeit als Cheftrainer von Borussia Möchengladbach nicht nur hohle Phrasen waren, als er davon sprach, die Mannschaft gut zu kennen und zu wissen, wo noch zu verbessernde Schwachstellen existierten. Die bisherigen Verpflichtungen belegen dies eindrucksvoll, bei denen Federico Insua nur die qualitative Spitze darstellt. Heynckes erkannte vielmehr, dass das Spiel der Borussen in den letzten Jahren unter zwei wesentlichen Problemen litt, die beide im Mittelfeld auftraten. Die Position im rechten Mittelfeld galt unter Kritikern seit Jahren- wenn auch als selten thematisierte - Schwachstelle im Team, auf der sich zwar mit Igor Demo, Joonas Kolkka, Ivo Ulich und zuletzt Hassan El-Fakiri sichtlich mühten, doch die Auftritte meist braves Stückwerk blieb. Das Spiel über rechts war zu durchsichtig, zu geradlinig und bot zu wenig Überraschungsmomente. Verstärkt wurde dieser Eindruck parallel mit der Entwicklung von Marcell Jansen auf der linken Seite, der im Zusammenspiel mit Peer Kluge für viele Tore und Torchancen verantwortlich zeichnete.

Das zweite große Defizit wurde indes sogar von den Kollegen des Boulevard festgestellt: die mangelnde Torgefahr aus dem Mittelfeld, bedingt durch das Fehlen eines Spielmachers, einer zentralen Figur im Mittelfeld. Zuletzt übte Peter Nielsen dies hervorragend aus, wenngleich der Däne das Tore schießen ebenso wenig erfand. Wenn in der letzten Saison Peer Kluge mit drei Treffern der torgefährlichste Mittelfeldspieler Borussias war, spricht dies Bände. Trotz zwischenzeitlicher Überraschungen in den letzten Jahren (Igor Demo), bestand das letzte wirklich torgefährliche Mittelfeld aus einem Quartett Mitte der 90er, als Stefan Effenberg, Peter Wynhoff, Karl-Heinz Pflipsen und Christian Hochstätter diese Achse bildeten. Selige Zeiten !

Beide Problemzonen wurden erkannt und mit Transfer zu beheben versucht. Ob dies tatsächlich gelingt, wird sich im Bundesligageschäft beweisen müssen. Festzuhalten bleibt aber, dass nicht nur die Einkäufe selber, sondern auch die Spielertypen Rückschlüsse auf Heynckes´ Fußballphilosophie schließen lassen. Mit David Degen wurde ein technisch versierter, pfeilschneller Mittelfeldspieler verpflichtet, der ein offensives und schnelles Spiel erlaubt. Ein Spiel, das mit Ivo Ulich, Thomas Broich, Hassan El-Fakiri, so bemüht sie auch waren und sind, nicht realisierbar war. Bei Federico Insua wird indes die Messlatte höher angelegt, und das zurecht. Wer in Argentinien bei Boca Juniors der Schlüsselspieler war, dazu als Vorlagengeber und Torschütze mehrfach auffiel, darf und soll auch in der Bundesliga ein Schlüsselspieler angesehen und vom Trainerstab als solcher integriert werden.

Insgesamt wurde die Qualität im Kader erhöht, der Druck innerhalb dessen verstärkt, was sich auf die Leistungen der Spieler positiv auswirken kann. Dennoch birgt auch die neue Saison ausreichend Gefahren, die bei ungünstigem Verlauf durchaus zu ernsten Problemen im Verein führen können. Heynckes verfügt über sechs Stürmer, kann jedoch nur zwei spielen lassen. Nun gelten weder Sverkos, noch Rafael, noch Neuville oder Sonck als Spieler, die ein Reservistendasein über mehrere Wochen fröhlich pfeifend ertragen werden. Ebenso wird sich zeigen, wie altgediente Spieler der Kategorie Strasser und Kluge reagieren, werden sie zu ihrer eigenen Überraschung am ersten Spieltag nicht zu den Elf gehören, die das Spiel gegen Energie Cottbus beginnen dürfen.

Grau ist alle Theorie, so sagt der Volksmund. Trefflich diskutieren über Stärken und Schwächen lässt sich wahrlich immer. Ich erinnere mich, dass ich an gleicher Stelle vor ziemlich genau einem Jahr einen Artikel über die Stärke des letztjährigen Kaders schrieb und dafür viele böse Leserbriefe erhielt, die mich zwar für meinen Optimismus lobten, mir dennoch einen naiven und realitätsfremden Blick bescheinigten. Nun, ich stehe nach wie vor dazu, dass der Kader als solcher stark genug war, mehr als Platz 10 zu erreichen. War er es schon letzte Saison, ist er es diese Saison umso mehr.

Die Mannschaft kann mehr, das hat sie in der letzten Saison, wenn auch nur phasenweise, demonstrieren können. Das Heimspiel gegen den Hamburger SV aus der Hinrunde hat gezeigt, zu welchem Fußball die Mannschaft fähig war, wenn die Leidenschaft, die Einstellung und das nötige Quentchen Selbstvertrauen vorhanden sind. Gelingt es Jupp Heynckes, diese Faktoren dauerhaft und konstant zu etablieren, ist nicht nur attrativerer, sondern auch erfolgreicherer Fußball möglich. Da Heynckes so oft die Bedeutung des Mannschaftsgefühls betont, kann davon ausgegangen werden, dass zumindest die Leidenschaft wieder Einzug in Mönchengladbach hält.

Das Umfeld und die Fans sind jedoch verhalten optimistisch. Zu oft in den vergangenen Jahren wurde die anfängliche Hochstimmung, wie sie zu Beginn einer jeden neuen Saison zu verzeichnen ist, durch jämmerliche Leistungen recht schnell zunichte gemacht. Auch wenn die Nationalmannschaft nüchtern betrachtet nicht so überragend gespielt hat, wie es allenorten gesehen wurde, so hat sie gezeigt, dass mit dem nötigen Selbstvertrauen und dem richtigen Gefühl für die Mannschaft vieles möglich ist. Diese Einstellung gilt es zu übernehmen. Niemand spricht vom Durchmarsch nach Europa. Dennoch besteht kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken und sich kleiner zu reden, als man tatsächlich ist. Ein gesunder Optimismus und der Glaube an die eigene Stärke sollten an den Tag gelegt werden. Viel verlangt der Fan eigentlich gar nicht. Vielleicht hin und wieder ein 4:2 anstelle eines 1:0, vielleicht hin und wieder einen Auswärtssieg. Diesen erlebte man in den letzten Jahren genauso häufig wie einen Urlaubsflirt: im Schnitt einmal im Jahr.