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Eine zweite Chance Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz   
Sonntag, 24 Juni 2007
Alexander Voigt Gäbe es den Prototyp einer Identifikationsfigur, Alexander Voigt erfüllte alle Kriterien: Geboren in der Stadt, für die er spielt, dort groß geworden, nie den Verein gewechselt, auf dem Platz ein unerbittlicher Kämpfer, neben dem Platz authentisch und ehrlich, nie abgehoben, ein Mann aus dem Volk für das Volk. In Spielern wie Alex Voigt erkennt sieht sich jeder Fan aus der Kurve wieder. So war es beim 1.FC Köln bis 2005, insgesamt 17 Jahre lang. „Das Kapitel FC ist endgültig abgeschlossen", sagt er heute, im Sommer 2007. Nun soll er dem großen Rivalen vom Niederrhein das geben, was man dort speziell in der vergangenen Saison vermisste: Einsatz, Willen, Identifikation. Ausgerechnet ein Kölner? „Ich bin Borusse", sagt Alex Voigt bestimmend.

Ich treffe Alex Voigt vergangenen Donnerstag in einem Café in Köln-Widdersdorf, einem kleinen, unscheinbaren Stadtteil im Westen der Metropole, der nichts gemein hat mit dem kommerziellen Flair, welcher weite Teile der Kölner Innenstadt inzwischen überzogen hat. Hier kennt jeder jeden, hier wird „Kaffee" und kein „Latte Macchiato" bestellt, hier ist Köln so, wie es die Kölner selber lieben und kennen: provinziell, aber weltoffen, ehrlich und fröhlich, mitunter nachdenklich bis melancholisch. Attribute, die auch auf Alexander Voigt zutreffen. Er trägt Jeans, Turnschuhe, ein T-Shirt, das seine breiten Schultern nicht verbirgt. Er ist leicht unrasiert, hat einen kräftigen Händedruck. Er weiß, was ihn in diesem Gespräch erwartet. Ein Blick auf die Schlagzeile einer Boulevardzeitung vom Vortag: „Ein kölsche Borusse, was ist das?", fragt er direkt zu Beginn, während er an seiner Tasse Kaffee nippt. Nun, er ist Jahrgang 1978, in Köln-Ehrenfeld geboren, spielte 17 Jahre beim FC; eine rhetorische Frage! „Aber es stört mich. Ich bin kein ‚kölsche Borusse‘, sondern einfach ‚Borusse‘. Auf das Kölsche reduziert zu werden, nervt einfach", entfährt es ihm mit gereizter Stimme. „Der Kabarettist Becker hat es doch treffend formuliert: ‚Kölner sind selbstverliebt und selbstbesoffen!‘ Ich bin stolz darauf, ein Kölner zu sein, ich feiere gerne Karneval in Köln und freue mich, wenn ich den Dom sehe. Aber ich bin kein Kölner Eigentum." Nach diesem Satz herrschen einige Sekunden Pause am Tisch. Auf Nachfrage wirft Voigt locker ein: „Schreib das ruhig!".

Wir wechseln das Thema. Beim Stichwort „Aufstiegsfeier 2000" lacht er auf. „Okay, ich weiß, worauf Du hinaus willst." Er gehört nicht zu denen, die sich in Floskeln flüchten. Und wenn, dann kündigt er sie mit einem Lachen an. „Das war in der Euphorie damals. Natürlich sagst Du in einer solchen Situation auch Sachen, die die Fans hören wollen. Ich hatte damals doch nie daran gedacht, mal zu Gladbach zu wechseln. Eigentlich wollte ich nie wechseln." Sätze, die jeden PR-Berater nervös auf dem Stuhl hin- und herrutschen lassen würden. „Heute würde ich das wahrscheinlich nicht mehr machen, ich war jung und naiv." Dann fügt er mit ernster Stimme hinzu: „Wenn das die Gladbacher Fans bis heute nicht vergessen haben, dann tut mir das Leid."
Überhaupt scheint er aus diesem Wechsel keine große Sache machen zu wollen. Er sei reifer geworden inzwischen, und weiter: „Borussia Mönchengladbach ist immer noch ein großer Verein, ein Name. Nach den Gesprächen mit Jos Luhukay, Christian Ziege und Steffen Korell, die mich zu Hause besucht haben, musste ich nicht lange überlegen. Da habe ich schnell gesagt: Ich mach's!".

Alexander Voigt Natürlich sprechen wir auch über den 1.FC Köln. Ein Kapitel, das für ihn ein Lebensinhalt werden sollte, doch heute nur noch ein Kapitel ist. „Es ist ja nicht so, dass ich direkt vom FC zur Borussia gewechselt bin. Ich war in Kerkrade, in Jena und nun in Mönchengladbach." Gab es Kontakte zum 1.FC Köln, will ich wissen. „Ja, die gab es, aber nichts Konkretes. So, wie es gelaufen ist, bin ich eigentlich ganz froh. Ich habe mit einigen Personen, die zurzeit beim FC in der Verantwortung sind, ohnehin meine Probleme." Alex' Stimme ändert bei solchen Themen schnell die Tonlage, er redet überlegter, wenngleich mit Bestimmtheit. „Das Kapitel FC ist für mich abgeschlossen. Das war es schon vor Monaten." Ohne weitere Frage und nach kurzer Pause spricht er weiter: „Borussia ist demnach für mich nicht nur ein Arbeitgeber. Das war bei keinem Verein bisher der Fall. Ich weiß, wieviel es den Fans bedeutet, wenn sich einer mit seiner Arbeit identifiziert, wenn er sich auf dem Platz voll reinhängt und alles gibt. Ich bin kein Söldner, ich war nie einer. Glaub mir, ich hätte schon in Köln sehr oft wechseln können, ich hatte genügend Angebote, bei denen ich auch mehr Geld verdient hätte. Aber ich bin immer geblieben."

Um den Fußballer und den Menschen Alexander Voigt heute zu verstehen, muss man in die Vergangenheit blicken. Recherchiert man seinen Namen, landet man zwangsläufig in den diversen Foren des Internets. Dort findet man die romantischen Fans aus Köln, die ihm einzig ob seines Identifikationspotenzials und zwischen all den Ehrets, Cabanas, Helmes & Sinkiewicz, sofort eine zweite Chance geben würden. Und es gibt die, die ihm die fußballerische Klasse absprechen, einem Verein sportlich so zu helfen, dass dieser in die Elite des deutschen Fußballs zurückkehren könne. Attribut Zweitligaspieler; Kämpfer, aber fußballerisch limitiert. Alex Voigt sagt fast schon langweilig genervt: „Ja, das sind diese Schubladen, da kommst Du nie mehr raus. Aber lass' uns doch einmal ehrlich sein. Es ist doch die 2.Liga momentan." Er gestikuliert wenig, aber eindeutig. Wirkt wie ein Trainer, der seine Jungs auf ein wichtiges Spiel einschwört. „Das ist doch das Problem, das viele abgestiegene Mannschaften haben!" Er tippt sich an den Kopf. „Du musst gedanklich in dieser Liga ankommen, sonst funktioniert das nicht. Wenn Du nur Spieler im Team hast, die diese Liga nicht kennen, wird das nicht funktionieren." Gedanklich war er immer in der Liga, in der er spielte. Weil sein Herz am Verein hing. Das wurde ihm mitunter zum Verhängnis. Im Februar 2004 erschien im sonst bürgerlich-seriösen „Kölner Stadt-Anzeiger" ein Kommentar, der den Spieler und den Menschen Alexander Voigt auf üble und diskriminierende Art und Weise verletzte. Als wir diesen Kommentar ansprechen, sinkt Alex' Laune schlagartig in den Keller. Er will nicht wirklich darüber reden, antwortet knapp und leise. „Das hat mir damals sehr weh getan und ich habe lange gebraucht, um das zu verarbeiten. Ich habe heute nach wie vor ein gutes Verhältnis zu den meisten Journalisten." Sein Blick wird zornig, er guckt ins Leere.  „Doch die einzige Zeitung, mit der ich nie mehr reden werde, ist der ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘, und das ziehe ich durch." Er trinkt seinen Kaffee leer.

Bei Carl Zeiss Jena spielte Alex Voigt nur eine halbe Saison, doch hatte er maßgeblichen Anteil am Klassenerhalt der Thüringer. Er entwickelte sich zur absoluten Stütze der Mannschaft, zum Führungsspieler. Diese Eigenschaft erwartet man nun auch in Mönchengladbach von ihm. In diesem Team, das vor einem Neuanfang steht, vor den Scherben einer katastrophalen Saison. „Einen Führungsspieler kann man nicht kaufen", sagt er kopfschüttelnd. „So etwas muss wachsen. Kein neuer Spieler wird sich am ersten Tag hinstellen und den anderen sagen, wo es langgeht. Aber auf dem Platz werde ich mich schon äußern, und zwar von Anfang an."
Woran man einen Führungsspieler erkenne, will ich wissen. „So etwas muss sich entwickeln, aber das wird es sicherlich auch an der Spielweise auf dem Platz. Du musst als Mitspieler auch mal das Arschloch sein. Damit macht man sich nicht immer beliebt, aber 25 Freunde wirst Du in einem Kader sowieso nie haben."
Er schlägt die Brücke noch einmal zurück zu seiner Kölner Zeit. „Im Aufstiegsjahr 2000, da waren wir fast alle auch privat befreundet." Er sagt diese Sätze ohne Melancholie, ganz nüchtern. „Aber es ist auch nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass jeder im Verein weiß, was er zu tun hat. Im Training, im Zusammenleben, auf dem Platz. Das klingt abgedroschen, aber es ist die Wahrheit."

Die Wahrheit zu sagen, das hat Alex Voigt nicht immer nur Vorteile gebracht. „Ja, manchmal hätte ich besser ‚Ja‘ und ‚Amen‘ gesagt. Aber wenn etwas Falsches gesagt wird, über mich oder über die Mannschaft, dann kann ich das nicht so stehen lassen. Da war es mir egal, ob ein Herr Overath vor mir steht oder nicht. Zu schweigen, das passt nicht zu mir."
„Das passt nicht zu mir", dieser Satz fällt im Laufe des Gespräch öfter. Meistens sagt er das mit einem Lächeln, was er insgesamt recht häufig tut. „Das passte nicht zu mir" sagt er auch, als wir über Geld sprechen. „Ja, ich habe mir mit 22 einen Porsche gekauft. Ich dachte damals, dass ich das bräuchte. Aber nach einem Jahr habe ich ihn wieder zurückgegeben." Wer in Köln-Ehrenfeld geboren wird und aufwächst, wird selten in sorgloser finanzieller Lage gewesen sein. Alex überlegt lange, als ich ihn frage, was für ihn Geld bedeute. Eine journalistische Standardfrage, sicherlich. Das weiß er, aber er lässt sich Zeit. „Was ist Luxus? Ich habe eine Eigentumswohnung, das ist für viele schon Luxus. Ich kann in den Urlaub fliegen, ohne auf den Preis achten zu müssen und ich muss im Supermarkt auch nicht jedes Sonderangebot kaufen. Ich kann vorsorgen, für mich, meine Familie, für Kinder. Irgendwann vielleicht. Ich kann hier noch sitzen und einen Kaffee trinken, das konnte ein Podolski irgendwann nicht mehr. Auch das ist Luxus."
Beim Stichwort Vorsorge spreche ich den Lotto- und Tabakladen an, den sich Alex Voigt vor einigen Jahren in Köln-Ehrenfeld kaufte. Eine Geschichte, die seinerzeit medial entsprechend ausgeschlachtet wurde. Der kölsche Jung Alex Voigt mit einem kölsche Büdchen, herrlich. „Das habe ich im Januar verkauft!", antwortet er lapidar. „Ich dachte, dass ich nach meiner Zeit als Fußballer mit vier, fünf dieser Läden mein Geld verdienen kann. Ich konnte mich um den Laden selten richtig kümmern, also haben meine Eltern das gemacht. Aber ich wollte ihnen nicht mehr antun, von morgens bis abends in einem kleinen Laden zu stehen und Lottoscheine und Zeitschriften zu verkaufen." Punkt. Ende der Durchsage.

Wir wagen einen Ausblick auf die Saison. Ich erwähne erneut Lukas Podolski, der sich nach einem Torerfolg beim FC Bayern München auf das Wappen schlug. Eine Geste, die bei Fans des Ex-Vereins wie ein Stich ins Herz ankommt. „Nein, wenn ich mal die Gelegenheit komme, ein Tor zu erzielen, was ja recht selten vorkommt", beginnt er lachend, „dann jubele ich verhalten. Das würden mir die Leute doch gar nicht abnehmen, ich habe 17 Jahre für den FC Köln gespielt, da wäre es pure Heuchelei, wenn ich jetzt die Raute küsse. Nein, das ist Show in meinen Augen und nichts für mich."
In Köln sagen einige, er sei aus Trotz zu Borussia Mönchengladbach gewechselt, weil der FC ihm damals kein neues Vertragsangebot machen wollte, weil man ihn ausgemustert hatte, ihm nicht mehr zutraute, die sportlich ambitionierten Ziele des Vereins mitgestalten zu können. „Trotzigkeit? Ist das negativ?", fragt Alex rhetorisch. „Ich will mir und einigen Leuten beweisen, dass ich noch einmal Bundesliga spielen kann. Das ist Antrieb genug und ich bin unheimlich heiß auf die neue Saison."

Alexander Voigt

Alex grinst, er guckt selbstsicher, fast schon aggressiv.  Ich frage ihn, was er denkt: „Ich freue mich auf die Duelle mit dem FC". - „Du wirst unter besonderer Beobachtung stehen!" - „Ist das so? Nun, Du kannst mir glauben, dass die Leute sehr schnell merken werden, wie ich spiele, mit welcher Einstellung." - „Du warst doch schon mit Jena in Köln." - „Ich weiß, aber das war anders. Da wurde ich gefeiert." - „Beim nächsten Mal wirst Du nicht gefeiert" - „Nein, ich weiß. Genau das ist es, was mich unheimlich reizt. Das wird geil."

Der Regen auf der Straße plätschert unaufhörlich, doch die Luft ist mild. Wir sitzen im Café, die bodentiefen Fenster sind weit geöffnet, der Lärm der Straße dringt herein, im Hintergrund läuft Popmusik über die Boxen, die Bilder an der Wand dokumentieren bunte und fröhliche Feste, die hier ausgetragen wurden.
Als wir das Lokal verlassen, bittet der Wirt um ein Foto. Alex Voigt willigt sofort ein, die beiden positionieren sich vor dem Lokal.

An der Theke drinnen sitzen zwei ältere Herren, trinken ein Kölsch und beobachten die Szene. „Der hätte mer nie verkaufe dörfe. Jetz spillt der in Gladbach." - „Ich hätt dat an sin Stell auch jemaach. Dat is för im en zweite Chance."

Fotos & Text: Mike Lukanz