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Zweitliga-Check: 1860 München Drucken
Geschrieben von Michael Heinen   
Freitag, 03 August 2007
ImageDer 13. Spieltag wird vorrangig am 11.11. ausgetragen. Ob uns aber ausgerechnet die Reise nach München einen fröhlichen Start in die Karnevals-Saison bescheren wird, wo wir in der Vergangenheit oft genug mit derben Klatschen bedient wurden? Der SEITENWAHL-Zweitligacheck zeigt immerhin, wie ernst mit den Löwen als Aufstiegskonkurrent zu rechnen sein wird.

Ausgangslage:
Beim kleinen Münchener Verein sorgte in der Sommerpause der Vorstand für die Schlagzeilen. Die Schlammschlacht im Präsidium soll aber keine Entschuldigung für den Verlauf der neuen Saison sein, der die verkorkste letzte Spielzeit möglichst vergessen lassen soll. Dank der beiden Rückkehrer Bierofka und Schroth sowie mit Hilfe der zahlreichen Talente, die unter Marco Kurz aufblühen sollen, hofft man auf eine Steigerung gegenüber Platz 8, die im besten Fall sogar zum Aufstieg reichen soll. 

Zu- und Abgänge:
Klasse statt Masse, so sah die Transferpolitik von 1860 in diesem Sommer aus. Manager Stefan Reuter gelang es, zwei Paukenschläge zu setzen, die den Verein bei einigen Experten gleich wieder in die Favoritenrolle vorrücken ließen. Mit Daniel Bierofka (Stuttgart) und Markus Schroth (Nürnberg) kamen immerhin ein aktueller Meister und ein Pokalsieger, die zudem beide noch in einigermaßen überschaubarem Alter sind.  

Der 28jährige Bierofka kehrt zurück zu dem Verein, bei dem er 2000-2002 die größten Erfolge gefeiert hatte und für drei Kurzeinsätze sogar von Rudi Völler ins Nationalteam berufen worden war. Sein Wechsel nach Leverkusen schien sich zunächst noch auszuzahlen. Seit der Saison 2004/05 ist er aber ohne großartige Spielpraxis, da er zunächst in Leverkusen immer mehr verdrängt wurde und später auch beim VfB Stuttgart nie so recht zum Zuge kam. Schuld hieran waren immer wieder Verletzungen, die ihn Anfang 2006 fast zur Sportinvalidität gezwungen hätten. Doch Bierofka kämpfte sich zurück und möchte jetzt bei 1860 einen neuen Anlauf in eine bessere Zukunft starten. Bleibt er fit, hat Marco Kurz in ihm einen schnellen, technisch versierten Mann für die linke Außenbahn, wie es qualitativ kaum einen besseren in der 2.Liga gibt.
 

Ein ähnliches Bild bietet sich bei Rückkehrer Markus Schroth, der als typischer Strafraumstürmer dorthin geht, wo es weh tut. Mit seinen 1,93 Metern ist er mit dem Kopf brandgefährlich und soll ein so genannter „15-Tore-Garant“ werden. Dieser Quote näherte er sich in Liga 1 nur einmal an, als er 2003 14 Mal für die Löwen einnetzte und mit Benjamin Lauth und Martin Max für Tore am Fließband sorgte. Sonst lag seine Torquote meist zwischen 3 und 6 Treffern, wenngleich man sich von ihm für Liga 2 mehr verspricht. Zunächst einmal hofft man, dass er überhaupt fit wird, denn wegen einer Sehnenentzündung wird er zum Saisonstart erst einmal ausfallen.
 

Neben den beiden wurde mit Timo Gebhart nur ein 18 Jahre junges Mittelfeld-Talent verpflichtet, Nicolas Ledgerwood aus Burghausen zurückgeholt, sowie Benjamin Schwarz und Sturmalternative Jose Holebas aus der zweiten Mannschaft hochgezogen.
 

Trotz des kurzfristigen Abgangs von Marcel Schäfer zum VfL Wolfsburg verzichtet man auf die Verpflichtung eines neuen Linksverteidigers, obwohl hier nur der unerfahrene Schwarz als Spezialist verfügbar ist. Auch die Abgänge der Stammspieler Adler, Baier, Vucicevic und Milchraum schmerzen. Nur letztere beiden konnten bislang durch die beiden Routiniers ersetzt werden, so dass Skepsis herrscht, ob die neue Elf tatsächlich besser sein wird als die zuletzt so enttäuschende alte. Insbesondere in der Abwehr, die mit 49 Gegentoren die fünftanfälligste der Vorsaison war, stellt sich diese Frage.
 

Tor/Abwehr:
Seit 1996 im Michael Hofmann jetzt schon bei den Löwen. Dabei konnte er immer mal wieder zur Nr. 1 aufsteigen, verlor aber regelmäßig wieder seinen Stammplatz. Grund hierfür sind deutliche Defizite in der Strafraumbeherrschung, während er auf der Linie meist überzeugt. Zur neuen Saison wird ihm dasselbe Schicksal erneut widerfahren, denn Kurz hat sich auf Talent Philipp Tschauner als neue Nr.1 festgelegt. Der 21jährige Junioren-Nationalkeeper kam vor der letzten Saison aus der Jugend des 1.FC Nürnberg, konnte sich bei seinen bisherigen Kurzeinsätzen aber noch kaum auszeichnen. 

In der Viererkette tut sich durch den Abgang von Schäfer eine Lücke auf. Schließen soll diese das 21jährige Talent Benjamin Schwarz, der sich im Vorjahr erst einen Stammplatz in der 2.Mannschaft erarbeitete. Reicht seine Qualität nicht aus und wird von Stefan Reuter nicht noch ein Ersatz verpflichtet, so kann Torben Hoffmann von der Mitte nach links ausweichen. Der erfahrene Ex-Bundesligaspieler ist defensiv vielseitig einsetzbar. Neben seiner Erfahrung von über 300 Einsätzen in Liga 1 und 2 zählt der Kopfball zu seinen Stärken. Allerdings ist er auch immer für einen Leichtsinnsfehler gut.
 

Mit Greg Berhalter könnte Hoffmann in der Innenverteidigung ein erfahrenes Duo abgeben. Der bisherige Kapitän Berhalter ist defensiv sehr robust und hart am Mann. Nach vorne ist von ihm kaum etwas zu erwarten. Durch seine langsame Spielweise droht ihm gar der Verlust des Stammplatzes, da einige junge Talente nachrücken. Hier sind insbesondere der 23jährige Pole Lukasz Szukala zu nennen, für den das letzte Jahr etwas unglücklich verlief sowie der 19jährige Alexander Eberlein
 

Sollte in der Zentrale ein Platz frei sein, bietet sich aber auch der 20jährige Mate Ghvinianidze an, der im vorigen Jahr aus Moskau kam und sich auf Anhieb bewährte. Der Georgier verfügt über ein gutes Auge, einen guten Schuss und überzeugte insbesondere in der Vorrunde. Zweimal fiel er aber auch für einige Wochen verletzt aus. Zum Einsatz kam er meist auf der Position des Rechtsverteidigers, wenngleich er flexibel auch in der Mitte der Viererkette sowie im defensiven Mittelfeld platziert werden kann. 
 

Rechts ist der schmächtige Christoph Burkhard eine Alternative, der defensiv seine Stärken hat und sich an seinem Gegner vogts-artig festbeißen kann. Markus Thorandt wiederum ist offensiv stärker und kann gleichfalls im rechten Mittelfeld eingesetzt werden.
 

Mittelfeld:
In den Schlagzeilen sind bei 1860 meist die Bender-Zwillinge, die für die hervorragende Jugendarbeit des finanziell gebeutelten Vereins stehen. Die beiden 18jährigen sind im defensiven Mittelfeld zuhause. Lars ist schon ein wenig weiter und ist im Vergleich zu seinem Bruder Sven in der Offensive stärker. Beide haben noch gewisse Defizite in der Schnelligkeit und beim Kopfball. Durch ihre gute Technik und ihr mannschaftsdienliches Spiel sind sie beide Kandidaten für einen Posten auf der Doppel-6. 

Dass beide gemeinsam auflaufen, ist zunächst einmal unwahrscheinlich, da Kapitän Danny Schwarz mit seiner Routine eine wichtige Rolle im Spiel der Löwen spielt. Der 32jährige kommt auf 266 Spiele in den beiden höchsten Spielklassen. Sein Spiel ist zwar unauffällig, aber enorm effizient. 
 

Während Nicolas Ledgerwood bei seinem halbjährigen Gastspiel in Burghausen Spielpraxis im defensiven Mittelfeld sammelte, setzte der 21jährige Björn Ziegenbein im Vorjahr im rechten Mittelfeld der Löwen Akzente. Von ihm wird aber auch zur neuen Saison eine deutliche Steigerung erwartet, da er noch zu viele Fehler in der Defensive offenbarte. Mit Timo Gebhart aus der eigenen Jugend wartet bereits ein größeres Talent auf eine Chance im rechten Mittelfeld. Und auch Thorandt macht sich hier berechtigte Hoffnungen. Spielt man im 4-3-3 würde zudem Wolff eine offensive Variante darstellen.
 

Links geht kein Weg an Daniel Bierofka vorbei, der auch im 4-3-3 als Linksaußen spielen kann. Fabian Johnson schließlich ist der Allrounder im Kader, der aufgrund seiner Beidfüssigkeit in Abwehr und Mittelfeld jede Position auszufüllen in der Lage ist.
 

Sturm:
Neben Stoßstürmer Schroth, der im fitten Zustand gesetzt ist, wird Berkant Göktan als spielender Angreifer zu Beginn gesetzt sein. Der 27jährige galt Ende der 90er als Riesen-Talent des FC Bayern und wagte den Sprung zu Borussia. Hier gelang ihm aber ebenso wenig der Durchbruch wie anschließend in Bielefeld. In Istanbul durfte er bei Galatasaray in der Champions League u.a. gegen Barcelona und Liverpool auflaufen. Insgesamt konnte er weder bei Galatasaray noch später bei Besiktas seinen Stammplatz halten, so dass er 2005 nach Deutschland zurückkehrte und in Kaiserslautern erneut scheiterte. Es mutete angesichts dieser Vita wie ein Wunder an, dass ihm 1860 München trotzdem im vorigen Sommer eine weitere Chance anbot, so dass er in der 2. Mannschaft unter Trainer Kurz eingesetzt wurde. Mit 4 Toren in 12 Spielen machte er in den ersten 22 Regionalliga-Spielen eine durchschnittliche Figur, wurde aber trotzdem von Schachner kurz vor seiner Entlassung in die Profielf berufen. Ab dem 24. Spieltag arbeitete er sich dort in den Stamm vor und erzielte in den letzten 11 Spielen 10 Tore. Während Göktan selbstbewusst genug ist, diese Quote fortsetzen zu wollen, sollte man vorsichtig sein, ob das letzte halbe Jahr nicht doch eher die Ausnahme eines ewigen Talents darstellt. 

Mit Josh Wolff bietet sich eine Alternative, die in der letzten Rückrunde kam. Der 30jährige Amerikaner ist 48facher Nationalspieler und stand 2002 wie 2006 im WM-Kader der USA. Er gilt als kampfstark, ist allerdings eher Vorbereiter als selbst torgefährlich. Zudem ist auch er in seiner Karriere schon oft durch Verletzungen geplagt worden. Antonio di Salvo ist gleichfalls jemand, der seinen Sturmkollegen mit Vorlagen füttert und gerne über die Außen kommen kann. 2004/05 hatte er seine beste Saison, als er in Rostocks Abstiegssaison 7 Tore markierte. Für ihn war dies aber wohl die Ausnahme, da er anschließend selbst in Liga 2 nicht mehr annähernd an diese Quote heranreichte. Der gebürtige Italiener zeichnet sich insbesondere durch seine Schnelligkeit und Kampfstärke aus, lässt aber zu oft hochkarätige Chancen aus.
 

Taktik:
Marco Kurz vertraut auf das moderne 4-2-3-1-System, bei dem zwei defensive Mittelfeldspieler die anfällige Viererkette stabilisieren sollen. Im offensiven Mittelfeld bietet sich rechts die stürmische Variante mit Wolff oder die etwas vorsichtigere mit Thorandt an. Da Schroth in der Sturmmitte gesetzt sein sollte, wird Göktan vermutlich etwas zurückgezogen als hängende Spitze spielen.  

Breite des Kaders:
Grundsätzlich sind die meisten Stammspieler zwar durchaus ersetzbar. Bedenkt man aber, wie viele verletzungsanfällige Spieler und wie viele unerfahrene Talente im Kader stehen, sollte die Breite schon Sorgen bereiten. Insbesondere auf der linken Außenbahn (defensiv wie offensiv) ist die Personaldecke extrem dünn. Gut aufgestellt hingegen ist man im defensiven Mittelfeld sowie in der Innenverteidigung. 

Trainer:
Als Spieler galt Marco Kurz als harter Verteidiger, womit er bei den Löwen 6 Jahre lang eine wichtige Rolle einnahm. Anfang 2005 verabschiedete er sich mit 35 Jahren vom Profifußball und ließ seine Karriere in der Regionalliga beim SC Pfullendorf ausklingen. Schon bald übernahm er den abstiegsbedrohten Klub als Spielertrainer und hielt die Klasse. Als ihm selbiges im folgenden Jahr erneut gelang, holte ihn 1860 zurück für die 2. Mannschaft. Als in der Vorsaison dann Walter Schachner seinen Posten aufgeben musste, sprang Kurz ein, obwohl er zu dieser Zeit mit den Amateuren auf einem Abstiegsplatz lag. Trotzdem war man mit der Arbeit des ruhigen, sachlichen Kurz offensichtlich so zufrieden, dass man mit ihm die Zukunft planen möchte. Nach den verkorksten letzten beiden Jahren soll Kurz wieder erfrischenden Offensivfußball bei den Löwen einführen. 

Mögliche Aufstellung:

Tschauner – Ghvinianidze, Berhalter, Hoffmann, B. Schwarz – S.Bender, D. Schwarz – Wolff, Göktan, Bierofka – Schroth  

Gesamteindruck/Prognose:
Es ist extrem mutig, davon auszugehen, dass die zahlreichen Talente dermaßen zulegen, um aus dem Durchschnittsteam des Vorjahres einen Aufstiegsanwärter zu machen. Zwei Top-Einkäufe alleine werden kaum reichen, um den Substanzverlust durch die abgewanderten Stammspieler auszugleichen. Zumal Bierofka seit Jahren kaum Spielpraxis hat und lange verletzt war und auch Schroth nicht mehr der fitteste ist. Er und Göktan könnten bei gutem Verlauf einen Traumsturm mit Torgarantie bilden. Unter normalen Umständen sind die Löwen aber kein ernsthafter Aufstiegskandidat. Bricht das Verletzungspech über das Team herein, womit fast zu rechnen ist, droht eher noch Abstiegskampf.

Bisher im Zweitligacheck:

1.FC Kaiserslautern
TSG Hoffenheim
FSV Mainz 05
VfL Osnabrück
Erzgebirge Aue
FC Augsburg
FC St. Pauli
Alemannia Aachen
TuS Koblenz
1.FC Köln

SpVgg Greuther Fürth
FC Carl-Zeiss Jena