Schon bevor Martin Stranzl zum 1.1.2011 nach Mönchengladbach wechselte konnte er auf eine bewegte und erfolgreiche Karriere zurückblicken. Den Status als einer der besten Innenverteidiger der Bundesliga verdiente er sich aber erst in diesen letzten 5 Jahren, in denen er eines der Sinnbilder für den Aufstieg der Mönchengladbacher Borussia wurde. Am kommenden Montag werden es symbolträchtige 1900 Tage sein, die der Stranzler in Diensten seiner Borussia steht. 6 Tage zuvor verkündete er auf der heutigen Pressekonferenz seinen Abschied zum Saisonende. Wie schwer ihm die Entscheidung fiel, war ihm bei jedem seiner Worte deutlich anzumerken. Mit dem Österreicher verliert der Verein nicht nur einen der besten und wichtigsten Abwehrspieler ihrer Vereinshistorie, sondern eine absolute Persönlichkeit, die auf und neben dem Platz fehlen wird.

 Mit 17 Jahren war Stranzl aus seiner Heimat im Burgenland zu den damals noch erstklassigen Löwen aus München gewechselt, wo er mit 18 sein Bundesligadebüt feierte und bereits ein Jahr später einen Stammplatz im defensiven Mittelfeld ergatterte. Gleich zu Beginn seiner großen Karriere trug er zum Erreichen des 4. Tabellenplatzes bei und schnupperte im zarten Alter von 20 erstmals Champions League-Luft in den letztlich erfolglosen Qualifikationsspielen gegen Leeds United. Auch der österreichische Nationaltrainer Otto Baric wurde auf das inzwischen zunehmend in der Verteidigung eingesetzte Talent aufmerksam und ließ ihn bereits mit 19 für sein Heimatland debütieren. Es sollten bis zum Jahr 2009 55 weitere Länderspiele folgen, von denen die drei Partien bei der Heim-EM 2008 trotz des negativen Ausgangs zu den Höhepunkten zählten.

Sein letztes Spiel für die Löwen sollte Stranzl weniger gut in Erinnerung bleiben als den Fans der Borussia. War es doch am 22. Mai 2004 nicht nur das bis dato letzte Erstligaspiel des Münchener Traditionsvereins, sondern zugleich das letzte Bundesliga-Spiel, das auf dem Gladbacher Bökelberg ausgetragen wurde. Zum damaligen Zeitpunkt hätte sich der Österreicher wohl kaum träumen lassen, dass er eines Tages von den dortigen Fans genauso euphorisch gefeiert würde wie jener Uwe Kamps bei seinem letzten offiziellen Kurzauftritt im Dress von Borussia.

In Stuttgart reifte Stranzl zu einem bundesweit anerkannten Innenverteidiger und agierte mit Spielern wie Philipp Lahm, Markus Babbel und Mario Gomez auf Topniveau. Dies weckte Begehrlichkeiten und so zog es ihn im März 2006 nach Moskau, wodurch er die Meisterschaft des VfB im darauffolgenden Jahr verpasste. Bei Spartak konnte er zwar immerhin 8 Partien in der Champions-League Hauptrunde absolvieren. Es reichte in sechs Spielzeiten aber nur zu vier Vizemeisterschaften. Ein Titel sollte dem Stranzler bis zum heutigen Tag verwehrt bleiben.

In Deutschland war er zu diesem Zeitpunkt schon fast in Vergessenheit geraten, als sich im Winter 2010 Max Eberl in höchster Not an ihn erinnerte. Der eine oder andere Borussia-Fan wird womöglich noch nicht vergessen haben, dass Borussia unter Trainer Michael Frontzeck scheinbar abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz überwinterte. Neben dem zuvor in Nürnberg gescheiterten Havard Nordtveit und dem zuvor in Hannover eher mittelprächtig agierenden Mike Hanke sollte ausgerechnet ein nach Russland emigrierter 30jähriger die aussichtslose Lage beheben helfen. Nicht nur Berti Vogts hinterfragte angesichts solch sinnfremder Transfers die Eignung des Sportdirektors.

Zwei Monate später nahm das Wunder mit der Inthronisierung von Lucien Favre seinen Lauf. Martin Stranzl stieg in der Rückrunde zum unumstrittenen Abwehrchef auf. In den letzten 12 Saisonspielen kassierte Borussia nur noch 7 Gegentore - ein Vorbote auf die nächsten so erfolgreichen Jahre, die gerade der Österreicher so entscheidend mitprägen sollte.

Die defensive Stabilität war im Favreschen System die erste und wichtigste Stufe für jeglichen sportlichen Erfolg. Ohne die Leistungen von Jantschke, Daems, Brouwers, Dominguez und Co. schmälern zu wollen: Der wichtigste Baustein dieses Gladbacher Defensivkonstrukts hieß in den folgenden Jahren ohne jeden Zweifel Martin Stranzl. Die 24 Gegentore in der Saison 2011/12 wurden nur vom Vizemeister aus München unterboten. Gefeiert für den grandiosen 4. Platz wurden in der Öffentlichkeit zwar primär die Offensivkünstler wie Marco Reus und Juan Arango. Mindestens ebenso wichtig war aber die konstant starke Leistung des Innenverteidigers, der immer mehr zur Form seines Lebens auflief und seine Abwehrkollegen als unumstrittene Führungspersönlichkeit mitzureißen verstand.

Daran konnte auch die etwas schwächere Nachfolgesaison nichts ändern, in der sich Borussia im Umbruch befand. Bereits 2012 dachte Stranzl erstmals laut über ein Karriereende nach, um aus familiären Gründen in die österreichische Heimat zurückzukehren. Max Eberl konnte ihn zum großen Glück für den Verein davon überzeugen, dass es auch in Mönchengladbach schöne Schulen für seinen Sohn gibt. Fortan reifte der Stranzler wie ein erstklassiger Wein mit jedem Lebensjahr und absolvierte seine allerbeste Saison im vergangenen Jahr als er mit 78 % gewonnenen Zweikämpfen und nur 8 Fouls unfassbare Rekorde aufstellte. Auf Basis dieser imposanten Leistungsdaten entschloss er sich, trotz seiner inzwischen 35 Jahre eine weitere Spielzeit anzuhängen, obwohl ihm sein Körper zunehmend Warnsignale sendete.

Schon im April 2015 fiel er wegen eines Ödems im Knie mit 2 Monaten so lange aus wie nie zuvor in seiner Karriere. Den Start in die aktuelle Saison verpasste er aufgrund einer Sehnenreizung. Als er am 4. Spieltag gegen den HSV endlich wieder sein Comeback nach über drei Monaten geben konnte, verbanden nicht wenige Borussen-Fans damit die Hoffnung, den bis dahin allzu verkorksten Saisonstart und die zunehmend wacklige Defensive hinter sich zu lassen. Stranzl selbst war bereits im Vorfeld realistischer und warnte vor überzogenen Erwartungen. Und tatsächlich erwies er sich nicht als der erhoffte Wunderwuzzi, sondern eher als wunder Wuzzi. Die drei bitteren Gegentore konnte selbst er nicht verhindern, ehe in Minute 65 das Schicksal erbarmungslos zuschlug in Person seines Mitspielers Havard Nordtveit. Der gerade erst zurückgekehrte Abwehrchef zog sich in dieser unglücklichen Aktion einen Augenbogenbruch zu und fiel bis zur Winterpause aus. Eine weitere Muskelverletzung verzögerte den nächsten Comeback-Versuch, der am 20. Spieltag beim 5:1-Sieg über Werder Bremen in der 84. Minute dann doch noch erfolgte. Nur zwei Wochen später setzte ihn ein Muskelfaserriss erneut außer Gefecht, so dass er zur Einsicht gelangte, seinem Körper keine weiteren Leiden zumuten zu wollen.

Angesichts der zunehmenden Gegentorflut in den vergangenen Monaten könnte Borussia einen gesunden Martin Stranzl dieser Tage sehr gut gebrauchen. Wenngleich es Andreas Christensen für sein Alter hervorragend macht: An die Erfahrung und Klasse des Stranzlers der vergangenen Jahre kann er selbstverständlich noch lange nicht heranreichen.

Doch so schade es ist, dass der Österreicher in seiner letzten Spielzeit dermaßen großes Pech hat. Die überragenden Jahre wird diese letzte schmerzhafte Episode nicht schmälern können. In der Erinnerung aller Borussen-Fans wird Martin Stranzl auf ewig ganz eng verbunden werden mit der so erfolgreichen Ära und dem Wiederaufstieg der Fohlenelf in die Spitzengruppe der Bundesliga. Es wäre schön, wenn er dem Verein in den kommenden Jahren in neuer Funktion erhalten bleiben könnte. Für einen Typen wie ihn, den nicht wenige als zukünftigen Borussen-Trainer sehen, muss in diesem Verein immer ein Platz gefunden werden. Vorläufig sei es ihm aber vergönnt, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Zuvor wünscht sich aber nicht nur Stranzl, dass ihm im Laufe der kommenden Wochen noch mal eine Rückkehr auf den Platz gelingt und es zumindest noch zu einem Abschiedsspiel in der Liga reicht, damit sich ganz Mönchengladbach vor dem Ende einer wahrhaft großen Karriere eines ganz großen Spielers verneigen kann.

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