"Eier, wir brauchen Eier“, sagte einst ein großer deutscher Torhüter. Der mit Abstand beste deutsche Torhüter dieser Saison wird sehr dicke Eier benötigen, um mit der Situation umzugehen, die ihm in diesen Tagen vom Bundestrainer zugemutet wird. Trotz einer überragenden Saison mit dem FC Barcelona wird Marc-André ter Stegen bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft hinter einem Torhüter zurückgestuft, der sein letztes Pflichtspiel vor mehr als 8 Monaten absolviert hat. Eine sportlich höchst fragwürdige Entscheidung von Joachim Löw, die ein gehöriges Risiko in sich birgt.

Nach seinem Wechsel zum FC Barcelona 2014 durfte ter Stegen zunächst wegen des Konkurrenzkampfes mit Claudio Bravo meist „nur“ in der Champions League sein Können unter Beweis stellen. 2016 stieg er zur unumstrittenen Nr. 1 auf und seitdem endgültig zum Weltklasse-Torhüter. In der kicker-Rangliste des vergangenen Winters wurde er als einziger Spieler überhaupt in diese höchste Kategorie eingestuft. Nach Einschätzung des Fachmagazins war er somit besser als jeder Bundesligaspieler und andere deutsche Legionär, besser als Lewandowksi, Özil, Ribery oder Hummels. Mit seiner Weltklasse-Leistung trug der Ex-Borusse sehr wesentlich zum Gewinn der spanischen Meisterschaft bei. In 19 von 37 bestrittenen Ligaspielen blieb er ohne Gegentor. Von nennenswerten Patzern, die ihm zu Beginn seiner Karriere immer wieder mal unterliefen, ist seit längerem nicht mehr die Rede. Stattdessen werden nicht nur in Spanien seine regelmäßigen Top-Paraden gefeiert. Vier Jahre nach seinem Abschied aus Mönchengladbach gehört Marc André ter Stegen zur absoluten Weltelite der Torhüter, der bei einem guten Verlauf der Weltmeisterschaft sogar gute Aussichten auf den Titel des Welttorhüters haben sollte.

Mit diesem Titel wurde in den Jahren 2013 bis 2016 Manuel Neuer ausgezeichnet. Ohne Zweifel war der Torhüter des FC Bayern München im letzten Jahrzehnt ein Ausnahmekönner seines Fachs – bis im vergangenen Jahr eine tragische Verletzungsodyssee begann. Seitdem er sich im April 2017 einen Mittelfußbruch zuzog, stand er noch in ganzen drei Pflichtspielen auf dem Platz – drei Pflichtspiele in den letzten 14 Monaten. Diese absolvierte er zu Beginn der Saison, als er offensichtlich zu früh wieder eingestiegen war, sodass die Verletzung wieder aufbrach. Seit dem 16. September 2017 ist er ohne jede Spielpraxis. Diese soll ihm jetzt bei Tests mit der U20 oder gegen Österreich in der Form gewährt werden, damit er innerhalb weniger Wochen besser aufgestellt ist als es der nachweisliche Weltklasse-Stammtorhüter des FC Barcelona wäre.

Selbst wenn Neuer die ganze Zeit über gesund geblieben wäre und sein hohes Niveau der vergangenen Jahre aufrechterhalten hätte, wäre ihm ter Stegen in seiner aktuellen Verfassung auf Augenhöhe begegnet. In diesem Fall wäre der Verweis auf vergangene Verdienste angemessen gewesen, um Neuer für das Tor der Nationalmannschaft den Vorzug zu geben. Dieses Argument verfängt sich aber, wenn man sich den Verlauf der letzten 1 ½ Jahre ansieht, in denen Neuer kaum noch spielfähig war und ter Stegen zum unumstrittenen Weltklasse-Keeper aufstieg. Ebenso ist es als klassischer Bayern-Lobbyismus zu verstehen, wenn Jerome Boateng davon spricht, sein Vereinskollege im Tor habe eine andere Ausstrahlung. Man befrage hierzu alternativ die Abwehrspieler des FC Barcelona.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Manuel Neuer ein ordentliches WM-Turnier absolvieren  wird. In der Vorrunde werden die Gegner ihn voraussichtlich nicht allzu sehr fordern und selbstverständlich sind einem (ehemaligen) Weltklasse-Keeper wie ihm weiterhin große Paraden zuzutrauen. Das Risiko, das ihm aber in den entscheidenden Momenten gegen Frankreich, Spanien oder Brasilien die entscheidenden Prozentpunkte fehlen werden, um sein absolutes Leistungsvermögen abzurufen, ist nicht gering. Andersherum könnten auch einem ter Stegen als Nr. 1 Fehler passieren – so wie jedem Torhüter. Die Wahrscheinlichkeit, dass er – nach zwei überragenden Jahren auf absolutem Top-Niveau – auch bei dieser Weltmeisterschaft dieses Level erreichen wird, erscheint aber deutlich höher als beim ungewissen Dauerpatienten aus München. Dass er zudem inzwischen auch im Dress der Nationalelf angekommen ist, haben die überzeugende Qualifikation und der Confederations Cup bewiesen.  

Joachim Löw wird trotz allem auf seinen Manuel Neuer setzen, so wie er auch in der Vergangenheit regelmäßig auf altbewährte Kräfte gesetzt hat. Ein Lukas Podolski wurde so bis zur letzten EM regelmäßig nominiert, obwohl er seit seinem umjubelten Debüt bei der Heim-WM 2006 konstant abbaute und zunehmend kaum noch einen sportlichen Wert für die deutsche Nationalmannschaft besaß. Als Mario Gomez im Halbfinale der EM 2016 gesperrt ausfiel, gab es im Kader u. a. deshalb keinen brauchbaren Ersatz mehr, weil Löw auf seine „bewährten Kräfte“ Podolski und Götze gesetzt hatte, die sportlich seit Jahren weit entfernt waren vom internationalen Topniveau. Auch Bastian Schweinsteiger enttäuschte gegen Frankreich auf ganzer Linie. Welch Parallele: Der (ehemalige) Topstar war vor der EM längere Zeit verletzt und wurde von Löw primär aufgrund alter Verdienste berufen und eingesetzt.

Joachim Löw ist hoch anzurechnen, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft seit 2006 einen konstant attraktiven und teilweise berauschenden Fußball spielt. Der Gewinn des WM-Titels 2014 war angesichts der dortigen Gegner nicht einmal der beeindruckendste Teil der Leistung. Spanien war deutlich über seinen Zenit und verabschiedete sich ebenso schnell wie Angstgegner Italien. Frankreich war noch nicht so weit und Gastgeber Brasilien scheiterte vornehmlich an den eigenen Nerven und der überhöhten Erwartungshaltung. Beeindruckend war vielmehr die Art und Weise des Erfolgs, insbesondere im legendären 7:1-Halbfinale. Hierfür gebührt Löw zweifelsohne Anerkennung und es steht außer Frage, dass er ein guter Trainer ist, der die Nationalmannschaft aus dem Tal zu Beginn des Jahrtausends hinausgeführt hat.

Es ist aber ebenso offensichtlich, dass er immer wieder Entscheidungen trifft, die sich als suboptimal erweisen. Dass er das Leistungsprinzip allzu sehr dem Gemeinschaftsgedanken unterordnet, mag dazu beigetragen haben, dass Deutschland seit mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt konstant auf Topniveau agiert und regelmäßig das Halbfinale erreicht. Es trägt aber ebenfalls dazu bei, dass in den entscheidenden Momenten oft die letzten Prozente fehlen, um die ganz großen Spiele zu gewinnen. Selbst bei der WM 2014 musste er zu seinem Glück gezwungen werden, durch die Verletzung des indisponierten Mustafi endlich Philipp Lahm zurück auf den Rechtsverteidiger-Posten zu beordern. Zuvor hätte der Einsatz Mustafis beinahe selbst schon gegen Algerien ein frühes und blamables Turnieraus verursacht. Bei der EM 2012 vercoachte sich Löw, als er gegen Italien seine Offensive umstellte und u. a. wieder einmal auf Lukas Podolski setzte, was gründlich in die Hose ging.

So hat Deutschland in sechs Turnieren unter Leitung von Joachim Löw (2006 noch gemeinsam mit Jürgen Klinsmann) nur einen einzigen Titel geholt. Zum Vergleich: Selbst Berti Vogts, der sich inzwischen wahrlich als schlechter Trainer erwiesen hat, konnte in vier Turnieren einen Titel gewinnen – und dies mit deutlich schlechterem Spielermaterial. Nachdem Deutschland nämlich Ende der 1990er Jahre sportlich immer mehr abrutschte, wurde die Jugendarbeit im DFB revolutioniert, was gegen Ende der 2000er-Jahre eine „goldene Generation“ hervorrief. Es wird sich leider nie beweisen lassen, wie viele Titel ein Jupp Heynckes oder Ottmar Hitzfeld mit diesen Spielern erreicht hätten, zumal über die meiste Zeit hinweg nur Spanien ein ähnlich hohes individuelles Niveau vorweisen konnte.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die deutsche Nationalmannschaft aber seit dem emotional gehypten „Sommermärchen“ 2006 ebenso unantastbar wie es auch ihre Protagonisten Löw und Neuer sind. Kritik wird als Majestätsbeleidigung empfunden, die in das von Oliver Bierhoff im Exzess ausgeschlachtete Marketing-Konstrukt um „die Mannschaft“ nicht hineinpasst. So werden in den kommenden Wochen wieder deutschlandweit Fähnchen geschwungen und gute Laune verbreitet. Die Vorrunde wird erneut souverän überstanden und nicht zuletzt dank des traditionellen Losglücks sollte der Weg mindestens bis ins Halbfinale führen. Manuel Neuer wird dafür gefeiert werden, wenn er gegen Südkorea ohne Gegentor bleibt. Für die deutsche Spaßgesellschaft werden es schöne Wochen mit Fähnchen, Autokorso und allerhand sonstigem Patriotismus-Kitsch. Selbst zur Verteidigung des WM-Titels kann es mit viel Glück reichen. Die Wahrscheinlichkeit hierfür hat der Bundestrainer aber insbesondere mit seiner Entscheidung für den Risikofaktor Neuer und mit der Enteierung des derzeit besten deutschen Torhüters nicht unwesentlich reduziert.

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