bayern

Als Schreiber für eine Seite wie Seitenwahl hat man immer 2 Hüte auf. Zum einen ist man natürlich Fan (warum sonst würde man so einen Zinnober für lau machen), zum anderen aber auch (in meinem Falle Hobby-) Journalist und als solcher fühlt man sich schon einer halbwegs sachlichen Beurteilung der Dinge verpflichtet, so schwer das manchmal fällt. Dazu gehört es auch zu relativieren, im miserablesten Spiel noch die wenigen positive Dinge zu finden, in Glanzstunden Ansätze zur Verbesserung etc… Gibt es aber ein Spiel mit einem solch historischen Ergebnis wie das in München am diesen Wochenende, muss der Herr Journalist sich ausnahmsweise mal für ein paar Zeilen hintenanstellen und von mir aus in Ruhe ein Erfrischungsgetränk aus dem Kühlschrank holen…

3:0! Gegen Bayern!! Auswärts!!! DREIZUFUCKINGNULL!!!!!!!!!!!!!!!

Ok, nachdem wir nun erstmal unsere Freude und Euphorie abgearbeitet haben, ist es vielleicht an der Zeit, zu schauen, wie es den zu diesem phänomenalen Ergebnis kommen konnte.

Fragt man die deutschen Medien so ist die Antwort klar: Die Bayern, geleitet von einem völlig inkompetenten Trainer, komplett überaltet (Durchschnittsalter so um dieHofmann 117), lustlos und satt, waren so grottenschlecht, dass auch ein Team aus der untersten albanischen Amateurliga da noch locker gewonnen hätte (jajaja wir übertreiben hier ein wenig). Witzigerweise sind das die gleichen Medien, die vor dem Spiel noch sagten, dass die Bayern unter Druck meist ihre besten Spiele machen und mit Sicherheit eine Reaktion zeigen würden. Vielleicht ist das gar nicht mal so falsch, denn ich bin überzeugt davon, dass ein Groβteil der Bundesligaclubs an diesem Samstagabend in München verloren hätten. Wie die Anfangsphase des Spiels zeigte, wollten sich die Bayern rehabilitieren, aber Borussia lieβ sie nicht.

Fährt man nach München so kann der Gastverein grob zwischen zwei entgegengesetzten Strategien wählen. Die eine ist es, sich komplett hinten reinzustellen, mit Mann und Maus zu verteiden und zu hoffen, dass es vorne der liebe Gott richten würde. Guckt man sich Statistik der so eingestellten Teams an, so liefern die beste Munition für jeden Atheisten, denn der liebe Gott greift fast nie ein, sondern irgendwann treffen die Bayern dann doch und die Sache ist gelaufen. Empfehlenswert ist diese Taktik daher eigentlich nur für Mannschaften, die sich sagen: “Wir velieren da sowieso, versuchen wir die Niederlage also möglichst niedrig zu halten!”

Der konträre Ansatz ist es, die Bayern mit hohem Pressing früh anzugreifen und sie nicht in ihr flüssiges Komininationspiel kommen zu lassen. So hat Dortmund unter Klopp in seiner besten Zeit öfters sehr gut ausgesehen. Wenn man dieses System gut beherrscht (RB Leizpig wäre ein anderes Beispiel), kann man die Bayern damit durchaus irritieren. Das Problem ist, dass es ein höchst laufaufwändiges Spiel ist und kaum über 90 Minuten durchzuhalten ist, wodurch die Bayern gegen solche Gegner oft gegen Ende aufdrehen können. Rein theorethisch kann man natürlich auch versuchen, die Bayern mit einem Ballbesitzspiel zu dominieren, das kommt allerdings nur für Teams wie Manchester City oder Barcelona in Frage.

LangBorussia Strategie am Samstag lag irgenwo zwischen diesen Extremen. Die Startelf war mit 5 eher offensiv orientierten Spielern durchaus mutig, die Aufstellung von Lars Stindl im Sturmzentrum ziemlich überraschend. Alassane Plea rückte dafür auf die linke Aussenseite, eine Position die er unter Lucien Favre in Nizza oft spielen musste um Platz für Balotelli in der Mitte zu machen. Nun interpretiert Stindl diese Zentralstürmerposition gänzlich anders als Plea oder Balotelli, ist sehr flexibel, lässt sich nach hinten fallen, und das war genau die Idee dieser Variante.

Trotz der offensiven Aufstellung versuchte es Borussia natürich nicht mit Hurra-Fuβball, sondern war eher darum bemüht, die berühmten Nadelstiche zu setzen. Das nehmen sich viele Teams in München vor, aber im Gegensatz zu den meisten von ihnen gelang dies der Borussia sehr gut und der erste Stich in der 10. Minute brachte gleich den Bayern-Ballon zum platzen.

Ein hohes Pressing der Marke RB Leipzig ist nicht Borussias Spiel, aber wenn die Borussia mal in der Bayernhälfte war und den Ball verlor, zog man sich nicht sofort komplett zurück sondern bemühte sich um schnelle Rückeroberung, man könnte es als ein opportunistisches (Gegen-)Pressing bezeichnen. Beispielhaft die Entstehung des 2:0. Ein zu weiter Ball landet im Toraus der Münchener aber statt sich zurückzuziehen bleiben, Hofmann und Stindl in Strafraumnähe und ersterer kann somit sofort den in dieser Szene indisponierten Thiago attackieren, den Ball gewinnen und das Tor einleiten.

Man kann in München nicht wirklich stürmisch auf Sieg spielen, aber man kann die Mannschaft so aufstellen, dass sie das Potential hat mögliche Schwächen der Bayern zu bestrafen und genau das gelang in diesem Spiel perfekt. Nach den beiden Toren innerhalb von 6 Minuten, fiel den Bayern herzlich wenig ein. “Man merkt, dass sie im Augenblick etwas nachdenken…” hatte Dieter Hecking auf die Situation der Bayern angesprochen vor dem Spiel gesagt. Nach einem 0:2 nach gut einer Viertelstunde verstärkten sich diese Gedanken ganz offensichtlich und nahmen jegliche Kreativität und Inspiration aus dem Münchener Spiel.

Lag das Augenmerk bei Borussia zu Beginn auf den Torschützen Plea und Stindl, deren Abschlüsse Weltniveau hatten, und dem zweifachen Vorbereiter Hofmann, war der Star des Restspiels klar die Mannschaft. Dass ein 2:0 in München nicht so einfach zu verteidigen ist, kann die SG Hoffenheim berichten, die in der Vorsaison nach solch einem Start noch mit 5:2 unterging, aber die Borussia spielte die folgende Abwehrschlacht fast perfekt. Die Bayern hatten natürlich allen Ballbesitz der Welt und wollten unbedingt zurück ins Spiel, fanden aber kaum ein Durchkommen durch das dichte Netz Gladbacher Arbeitsbienen. Hofmann, Kramer und Neuhaus sorgten dafür, dass die Mitte dicht blieb und zwangen die Bayern über die Aussen zu spielen. Dort traf man aber auf einen Lang und Wendt in Topform. Zwar kamen die Bayern zu 21 Flanken, aber diese waren meist harmlos und konnten vom Innenverteidiger-Duo Ginter-Elvedi ein ums andere mal geklärt werden. Noch dazu arbeiteten alle drei Stürmer vorbildlich nach hinten mit und wenn ein Lewandowski dann ausnahmsweise doch mal frei zum Schuss kam, war da ja noch ein Yann Sommer, der zur Zeit in Weltklasseform ist. Als Borussia-Fan schwitzt man bei einem solchen Spiel natürlich trotzdem Blut und Wasser, aber der neutrale Betrachter wird gedacht haben, dass die Bayern noch stundenlang spielen könnten, ohne ein Tor zu erzielen. Ingesamt war einfach eine perfekte Mannschaftsleistung.

Ein Mann der an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben darf, ist der Trainer. Dieter Heckings Matchplan für dieses Spiel war nicht ohne Risiko, aber goldrichtig und Heckingfunktionierte perfekt. Überhaupt geht in dieser Saison bislang das meiste auf, was sich der Gladbacher Trainer überlegt. Das 4-3-3 System scheint genau richtig für den momentanen Kader zu sein (wir sagen nur: Hofmann!!!), die neuen Spieler (Plea, Neuhaus, Lang) waren direkt in die Mannschaft integriert und bislang schafft er es auch gut den groβen Kader und die damit verbundenen Härtefälle (Johnson war am Samstag noch nicht mal auf der Bank!) zu managen. Nicht nur die Seitenwahlredaktion war zu Ende der Vorsaison der Meinung, dass Borussia ein Trainerwechsel gut tun würde, aber man muss zugeben, dass Hecking seine erneute Chance bislang gut nutzt und mehr Innovationsfreude zeigt, als man ihm zugetraut hätte.

Wenn es überhaupt etwas gibt was die Laune eines Gladbach-Fans in dieser Länderspielpause trüben könnte, so ist es der Gedanke ans Vorjahr. Da gewann man auch nach toller Leistung gegen den Rekordmeister, stand auf PLatz 4 bei einem Punkteschnitt von 1.85, der nach dem Spiel in der Restsaison dann auf 1.1 runterutschte. Jetzt sind wir wir Dritter bei einem Punktschnitt von 2. Natürlich bedeutet die Ähnlichkeit der Ausgangslage noch lange nicht, dass es wieder denselben Abfall geben muss wie in der Vorsaison, aber es sollte zumindest davor warnen, den wunderschönen Erfolg in der Allianz-Arena überzubewerten. Die nächsten 3 Spiele gegen Mainz, Freiburg und Düsseldof haben grosses Potential, unterschätzt zu werden. Auf dem Papier eher Abstiegskandidaten, die Borussia schlagen sollte, aber zumindest gegen die beiden erstgenannten tut sich Glacbach erfahrungsmäβig immer schwer. Es sind also genau die Art von Spielen, in denen sich zeigen wird, wie groβ der Schritt wirklich ist, den die Borussia im Sommer gemacht hat.

Vielleicht ist es ganz gut, dass jetzt erstmal 2 Wochen Pause sind, viele Spieler zu ihren Auswahlen fahren und sich nicht allzu sehr auf den Lorbeeren der Bayern-Besieger ausruhen. Wir Fans andererseits haben es durchaus verdient uns in dieser fuβballfreien Zeit, ausgiebig am Sieg in München und der momentanen Tabellenlage zu erfreuen. Es war einfach ein geiles Wochenende!

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