Es ist nichts Schlimmes passiert. Borussia spielt immer noch eine sehr gute Saison und steht weiterhin auf Champions-League-Platz 4. Selbst im schlechtesten Fall werden sie nach dem 28. Spieltag in der kommenden Woche noch mindestens 5. sein. So Spiele wie in Düsseldorf können passieren, zumal es die erste Halbzeit in dieser Saison war, die dem Trainer so gar nicht gefallen hat. Da darf man nicht in Panik verfallen, sondern muss ruhig weiterarbeiten – im Sinne der Kontinuität. Letztlich waren es doch nur 20 schwache Minuten, denen anschließend eine gute Reaktion der Mannschaft folgte. Anstatt komplett in sich zusammenzufallen und noch höher zu verlieren, gewann die Fohlenelf die letzten 70 Minuten mit 1:0. Darauf lässt sich aufbauen für die letzten 7 Spiele, um jetzt noch die Europa League oder zumindest die Einstelligkeit ins Ziel zu retten. Es wäre immerhin das 8. Mal in Folge, was außer Bayern und dem BVB sonst keinem anderen Bundesligisten gelungen ist. Wenn man sieht, wo Gladbach herkommt, ist dieser Erfolg gar nicht hoch genug zu bewerten und darf durch solch kleinere Schwächephasen nicht getrübt werden.

Willkommen bei „Was Borussen nach dem Spiel in Düsseldorf niemals sagen sollten“. Wem jetzt noch nicht übel geworden ist, der schaue sich die 90 Minuten des gestrigen Tages noch einmal im Fohlen-TV-Re-live an und übe Nachsicht mit dem bemitleidenswerten Reporter, der durch seinen Vereinsvertrag zu einer wohlwollenden Berichterstattung gezwungen wird. Nein, es waren nicht nur die desolaten ersten 20 Minuten, die einem Tränen in die Augen trieben. Auch die folgende Reaktion der Mannschaft war symptomatisch für ihren Mentalitätsmakel. Zu keiner Zeit hatte man den Eindruck, dass sich da jemand ernsthaft gegen dieses Debakel stemmen wollte. Es war den Spielern vielmehr anzusehen, wie sie alle darauf hofften, diese Begegnung möge einfach nur schnell ein Ende finden. Es ist derselbe fehlende Charakter, der sich in den letzten Wochen bemerkbar machte, wo jeder froh zu sein schien, nur nicht den Ball zu bekommen, weil er sonst ja einen Fehler machen könnte.

Es fehlt die Leichtigkeit und das Erfolgserlebnis, damit der Knoten endlich wieder platzt? Bullshit. Was den Jungs zu fehlen scheint, ist ein kräftiger Tritt in den Allerwertesten. Das sind zum großen Teil gestandene Bundesligaspieler mit vielen Jahren Erfahrung im Profifußball und keine Mimosen, die beim ersten Druckerlebnis sogleich weinerlich in sich zusammenfallen. Sollte man jedenfalls annehmen. Dieselbe Mannschaft hat noch vor wenigen Wochen vor den Bayern auf dem 2. Platz der Bundesliga-Tabelle gestanden. Und das hoch verdient durch konstant gute Leistungen in der Hinrunde, als sie nachwiesen, welche Qualität in ihnen steckt. Bis auf zwei Mannschaften in dieser Liga gibt es keine andere, hinter der sich diese Fohlenelf qualitativ zu verstecken braucht. Borussia hat in diesem Jahr kaum Verletzte, keine Doppelbelastung wie die Konkurrenz. Vor diesem Hintergrund ist das Ziel Champions League keinesfalls zu hoch gegriffen – ganz besonders nicht nach diesem Saisonverlauf und zwischenzeitlichen 10 Punkten Vorsprung, die mittlerweile verspielt worden sind.

Das Erreichen der Europa League, das gegenwärtig alles andere als gesichert ist, wäre nach dieser Saison allerhöchstens als Trostpreis anzuerkennen. Es wäre am langen Ende aber die 3. Enttäuschung in Folge in der Ägide des Dieter Hecking, der aktuell wenig Anschein macht, als habe er irgendeine Antwort auf die jüngste Entwicklung. Sein „Einfach weiter so“ aus der Länderspielpause ist in Düsseldorf krachend gescheitert. Man darf gespannt sein, wie seine angekündigten Veränderungen gegen Werder Bremen aussehen und wirken werden.

Doch es wäre zu einfach, nur den Trainer als Sündenbock für die Situation auszumachen. Ein Matthias Ginter z. B. zeichnet sich in diesen Tagen als echter Führungsspieler aus – jedenfalls in seinen zahlreichen Interviews, wo er genau diese Vorgabe an sich selbst macht, bei Borussia und in der Nationalmannschaft. Die Realität auf dem Platz sieht aber seit Wochen anders aus und der einzige „Platzfehler“, dem die Misere anzulasten ist, ist Ginter derzeit selbst. Führungsspieler wird man nicht durch Worte, sondern durch Leistungen – gerade dann, wenn es darauf ankommt. Er frage einmal nach bei Typen wie Granit Xhaka oder Stefan Effenberg, die solche Krisenzeiten ebenfalls miterlebten und nicht immer verhindern konnten. Man merkte ihnen aber zu jeder Zeit an, wie sie sich mit jeder Faser ihres Körpers gegen diesen Zustand auflehnten und die ganze Mannschaft mitzureißen versuchten. Nein, Matthias Ginter ist (noch) kein Stranzl, noch nicht einmal ein Jeff Strasser. Mit seinen 25 Jahren scheint er noch ein paar Jährchen zu brauchen, um in diese Rolle hoffentlich irgendwann hereinzuwachsen.

Gemeinsam mit Nico Elvedi und Tobias Strobl bildete der Ex-Freiburger an den ersten 20 Spieltagen eine Zentral-Defensivachse, die zu den besten der Liga gehörte. 18 Gegentore waren zu diesem Zeitpunkt Ligabestwert und daran hatten diese drei einen ganz gehörigen Anteil. 7 Spiele später hat sich die Zahl der Gegentore beinahe verdoppelt, woran diese drei einen ebenso hohen Anteil haben. Von Kompaktheit oder Stabilität ist nichts mehr zu spüren. Fast jede Chance der Gegner ist ein Tor. Die Borussendefensive stümpert dabei vor sich hin – unkonzentriert, zu weit weg von ihren Gegenspielern und daher am Ende fast immer den einen Moment zu spät. Selbst der einzig verbliebene Spitzenspieler Yann Sommer kann dagegen nicht mehr viel ausrichten.

Im offensiven Mittelfeld war Jonas Hofmann der Shooting-Star der Hinrunde. Nach vielen Jahren, in denen ihm der große Durchbruch nie so recht gelingen wollte, war er jetzt endlich gekommen. Ein neues System – quasi wie für ihn gemalt – ließ ihn aufblühen und sogar zu einem Kandidaten für die Nationalelf werden. Von diesem Glanz ist zuletzt ebenfalls nicht viel übrig geblieben. Inzwischen agiert Hofmann wieder so wie man es aus den letzten Jahren gewohnt war. Stets bemüht, aber im entscheidenden Moment untertauchend in seiner persönlichen Mittelmäßigkeit.

Das gilt gleichermaßen für Thorgan Hazard, der ebenfalls in diesem Jahr seinen ganz großen Durchbruch feierte und den 19 Scorerpunkte in die Notizblöcke so mancher Spitzenmannschaft brachte. Einer von diesen wird ihn zur neuen Saison verpflichten – das ist nicht erst seit seiner gestrigen Auswechselung klar. Ob sich der BVB oder Tottenham damit aber einen Gefallen tun, wird sich zeigen. Wer schon in Gladbach nicht mit dem verhältnismäßig leichten Druck klar kommt, der sollte sich gut überlegen, ob ihm Europas Spitzenklasse so gut bekommen würde. In der aktuellen Verfassung sollte Borussia ohnehin froh sein über die erhofften 42 Mio. € Einnahmen, für die sich der eine oder andere Mentalitätsspieler verpflichten lassen könnte.

Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Ginter, Hazard, Wendt, Stindl, Johnson, Strobl, Kramer seien nur exemplarisch genannt für die Fülle an Spielern aus dem aktuellen Kader, die seit zig Jahren Bundesliga spielen und allesamt den Anspruch an sich selbst haben, Verantwortung zu übernehmen. Sie alle lassen dies aktuell vermissen und sollten sich jetzt endlich einmal gehörig zusammenreißen, um diese Saison vernünftig zu Ende zu bringen. Diese Mannschaft kann tollen Fußball spielen und hat Qualitäten wie nur ganz wenige andere Bundesligisten. Spätestens nach dem Düsseldorfer Debakel gehören die Selbstzweifel und die Mutlosigkeit über Bord geworfen – so paradox das klingen mag. Gegen Lieblingsgegner Werder Bremen in der kommenden Woche muss die Mannschaft von Beginn an zeigen, dass sie verstanden hat, dass sie wie in einem Pokalendspiel auftritt und sich mit aller Macht aus der Krise befreien möchte. Gelingt dies, so kann es tatsächlich noch eine sehr gute Saison werden. Falls nicht, sind ernsthafte Konsequenzen für Trainer und Mannschaft spätestens nach dieser Saison unvermeidlich.

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