Wer viele Spiele im Stadion gesehen hat, lernt sich taktisch zu verhalten. Wann ist der beste Zeitpunkt, den Stadiontoiletten einen Besuch abzustatten? Holt man jetzt das nächste Bier? Kurz: Wie hoch ist das Risiko, etwas zu verpassen, wenn man jetzt seinen Platz verlässt?  Schließlich möchte man es vermeiden, mit tausenden fremden Menschen um den dringend benötigten Platz am Pissoir zu kämpfen und dafür nach endloser Wartezeit mit einem schal gezapften Hopfengetränk belohnt zu werden. Der erfahrene Taktiker versucht also den optimalen Zeitpunkt zu erhaschen, an dem er seine Bedürfnisse befriedigen kann. In Hamburg wäre es die sechste Minute gewesen.

Keinem Gladbach-Anhänger wäre es zu diesem Zeitpunkt in den Sinn gekommen, seinen Platz zu verlassen. Patrick Herrmann hatte grade den Pfosten getroffen, zuvor bereits Max Kruse knapp verzogen. Beide Mannschaften machten dort weiter, wo sie zuletzt aufgehört hatten. Die Fohlen agierte selbstbewusst, die Hamburger Hintermannschaft eher wie ein Hühnerhaufen. Eben bis zur sechsten Minute. Was folgte war Harmlosigkeit in R(h)einkultur. Borussias Offensive versprühte nicht einmal den Ansatz von Gefahr und tat alles dafür, die verunsicherten Hansestädter zu beruhigen. Für den mitgereisten Fan ergaben sich plötzlich Handlungsalternativen. Neben dem Bierchen wäre auch noch ein ausgedehnter Spaziergang mit der Schwiegermutter um das Stadion möglich gewesen. Verpasst hätte er allenfalls ein schönes wie hochverdientes Tor der fleißig reanimierten Hanseaten. Aber darauf hätte er vermutlich verzichten können. Erst in der Nachspielzeit entwickelte sich wieder so etwas wie Gefahr vor dem Tor der Gastgeber. Das prompt der Ausgleich fiel, zeugt eher von Tragik als von Verdienst. Die Borussia nimmt einen glücklichen wie unverdienten Punkt aus dem Norden mit. Da der Verfolger aus Gelsenkirchen auf fast exakte Weise an diesem Wochenende zwei sicher geglaubte Punkte verlor, bleibt man auf dem begehrten dritten Platz.

Natürlich begann sofort nach dem erschreckend harmlosen Auftritt die Ursachenanalyse. Steckte der Mannschaft die Reise nach Sevilla noch in den Knochen? Hat man den HSV nach dem Debakel unterschätzt? Harmonierte die neu formierte Offensivabteilung nicht? Die Antwort ist bestechend einfach: Mönchengladbachs Offensive ist derzeit schlicht und ergreifend nicht besser! Man kann Lucien Favre wirklich nicht vorwerfen, kreativlos zu sein. Er reagierte auf die zuletzt eher schwachen Auftritte von Raffael undd stellte um. Das Offensivquartett mit Herrmann, Hahn, Traoré und Kruse hat so noch nie von Beginn an gespielt. Wie in den letzten Spielen wurde aber auch gestern das große Manko des Angriffs deutlich: Die Borussia verfügt über ein glänzendes Mittelfeld, aber es fehlt schlicht ein Stürmer, der im Strafraum für Gefahr sorgt. Spielt der Gegner offen mit, verzaubert man mit schnellen Kombinationen. Behält der Gegner aber seine defensive Kompaktheit, ist schnell guter Rat teuer. Favres Mannen beherrschen dann Spiel und Gegner, ohne wirklich gefährliche Situationen hervorzurufen. Tore fallen entweder nach Kontern oder Standardsituation. Das letzte Mal aus dem dominanten Spiel heraus traf man gegen Bremen. Für die erhoffte Qualifikation zur Champions-League ist das leider viel zu wenig.

Es rächt sich, dass nach dem (verständlichen) Verkauf von Luuk de Jong nicht nachgerüstet wurde, auch nicht mit einem Spieler, der eher ins System passt, als der sperrige Niederländer. Natürlich sollte man bekanntlich Hrgota nicht vergessen. Doch auch wenn ausgerechnet der Schwede gestern für den nicht mehr erwarteten Punktgewinn sorgte, mehren sich die Zweifel, ob er sich jemals in einer höheren Liga durchzusetzen vermag. Zu launisch sind die Auftritte und man wird den Zweifel nicht los, dass bei allem Talent der letzte, entscheidende Kick einfach fehlt. Wenn auch noch Raffael nach seiner Form sucht, fehlen die Alternativen. Dann werden die Borussen berechenbar und (zu) leicht zu verteidigen. Es besteht kein Plan B, kein Stürmer, der Lücken reißt und Chancen erzwingt. Gepaart mit einem frühzeitigen Pressing verpufft der Vorteil eines variabel agierenden Mittelfelds dann viel zu schnell. Besonders Schalke hat nach dem Führungstor sehr clever an diesem Schwachpunkt angesetzt. Doch auch die anderen Bundesligisten haben ihn bereits erkannt und reagieren entsprechend. Jedes Spiel wird so zur Geduldsprobe. Ein weiterer Vorgeschmack wartet bereits am Donnerstag im heimischen Stadion. Die 0:1-Hypothek macht die Sache nicht leichter. Auch die Spanier werden auf einer kompakten Defensive aufbauen. Man darf gespannt sein, was sich Lucien Favre einfallen lässt.

Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Ausbeute umso bemerkenswerter. Doch auf Dauer wird man sich nicht auf das Glück verlassen können – egal, ob es wie gegen Köln verdient oder wie in Hamburg unverdient war. Mehr Hoffnung darf man hingegen auf die Defensive setzen. Drei Gegentore in sechs Spielen sprechen eben auch eine deutliche Sprache. Bleibt sie so stabil, darf man sich auch in der nächsten Saison über internationalen Flair freuen. Vermutlich wird man aber weiterhin auf Gegner wie Madrid, Chelsea oder Paris verzichten müssen. Wahrscheinlicher ist, dass das größere Qualitätsspektrum der Konkurrenz am Ende den Ausschlag geben wird. Dann hätte man erneut den großen Traum verpasst, doch um wie viel knapper, als in den letzten Spielzeiten.  Die Borussia entwickelt sich auch in dieser Saison weiter. Die Schritte werden eben nur immer kleiner und schwieriger. Das dies geschieht, hat Max Eberl bereits vor Jahren prognostiziert. Schön, dass es eingetreten ist. Doch die nächsten Baustellen stehen bereits offen.

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