Die Erleichterung war greifbar. Als Alassane Plea in der 86. Minute einen Konter zum entscheidenden 2:0 gegen den 1.FC Nürnberg vollendete, stand fest: Borussias makellose Heimbilanz hat Bestand. Das Ziel, irgendwie zu gewinnen, wurde erreicht. Und zwar genauso: Irgendwie. Denn ein gutes Spiel zeigte die Mannschaft nicht. Das räumten die Teilnehmer nach dem Schlusspfiff auch freimütig ein. Was zählt, ist das: Egal, was am letzten Hinrundenspieltag passiert: Die Mannschaft überwintert auf einem Champions-League-Platz. Das Gefühl, schon in der Winterpause zu sein, weil am letzten Spieltag Tabellenführer Dortmund wartet, wurde allerdings zwei Stunden später erschüttert. Die Niederlage der bis dahin ungeschlagenen Favre-Mannschaft weckt vielleicht hier und da doch die Hoffnung, dass es für Borussia in Dortmund etwas zu holen geben könnte. Mit einer Leistung wie gegen Nürnberg allerdings dürfte es nicht einmal für einen Sieg gegen die Dortmunder U23 reichen. Die zahlreichen Ausfälle machten sich fast zu jeder Zeit bemerkbar. Dem Spiel ging jede Selbstverständlichkeit ab, einige der Spieler, die nicht regelmäßig dabei sind, hatten spürbare Probleme, ihre Rolle zu finden.

Borussia hatte – nicht zum ersten Mal in dieser Saison – das Glück, auf eine Mannschaft zu treffen, der schlicht das Potenzial fehlt, aus den Schwächen des Heimteams Kapital zu schlagen. Nürnberg spielte fast 90 Minuten lang mit und war spielerisch an diesem Abend zeitweise auch auf Augenhöhe mit dem Tabellenzweiten. Wirklich gefährlich wurde es für Borussia dennoch nur selten. Das lag an den wenig zielstrebigen Angriffsversuchen der Nürnberger, aber auch an der erneut sehr aufmerksamen Innenverteidigung. Nico Elvedi und Jordan Beyer blieben wie schon in Hoffenheim fast jederzeit Herren der Lage. Der junge Beyer strahlte trotz eines fast folgenschweren Patzers ganz zu Beginn eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit bei fast all seinen Aktionen aus, der nur wenig ältere Elvedi füllte die Rolle des Abwehrchefs bis zu seiner verletzungsbedingten Auswechselung souverän aus. Erst als das Spiel schon entschieden war, leistete sich Beyer im Aufbau einen üblen Fehlpass, den ein stärkerer Gegner womöglich in Zählbares umgemünzt hätte. So lange das Spiel noch offen war, beschränkten sich beide Innenverteidiger darauf, innen zu verteidigen, was in dieser Partie gut und richtig war. Ganz anders war es mit dem überraschend aufgebotenen Fabian Johnson. Man darf annehmen, dass er als rechter Verteidiger eingeplant war. In Wahrheit war Johnson vor allem vorne unterwegs, ohne sich allerdings wirklich produktiv einzubringen. Die ständigen Positionswechsel mit dem nominell davor positionierten Ibrahima Traoré sorgten dafür, dass beide Spieler ihre Stärken nur sehr selten ausspielen konnten. Immer wieder musste Traoré sich zurückfallen lassen, tat das auch diszipliniert, seine Rolle als Unruheherd für die gegnerische Abwehr war dadurch allerdings vom Spielplan gestrichen. Warum Traoré trotz bescheidener Vorstellung gegen Stuttgart erneut den Vorzug vor Patrick Herrmann bekam und dann noch zu einer Spielweise genötigt wurde, die definitiv nicht seine ist, bleibt rätselhaft. Offenkundig war das alles nicht der Plan von Dieter Hecking – oder der Trainer sah irgendwann ein, dass es kein guter Plan war. Michael Lang ersetzte Johnson, als sich die Zahl der Ballverluste in der Vorwärtsbewegung im deutlich zweistelligen Bereich bewegte. Herrmann sollte schon früher für Traoré kommen, wurde aber durch die Elvedi-Verletzung ausgebremst.

Zu den erstaunlichen Geschichten des Nürnberg-Spiels gehört, dass zwei Spieler die Entscheidung erzwangen, die ohne ihre Torbeteiligung wohl auf der Liste der Totalausfälle gelandet wären: Traoré nutzte einen der wenigen Momente, in denen er Platz hatte. Es war der erste Konterangriff des Spiels, Traoré spielte einen klugen Flachpass in die Mitte. Den Ball versuchte Zakaria zu ergrätschen, zum Glück ohne Erfolg, denn dahinter kam Thorgan Hazard herangerauscht und musste nur noch den linken Fuß gegen den Ball halten. Treffer Nummer zwei erzielte ein Spieler, dessen Anwesenheit auf dem Platz bis dahin quasi überhaupt nicht aufgefallen war. Die Partie lief an Alassane Plea komplett vorbei. Ins Kombinationsspiel vor dem Tor war er nicht eingebunden, weil es kein Kombinationsspiel gab. Nur zweimal war der Franzose wirklich zu sehen: In der ersten Halbzeit spitzelte ihm der Nürnberger Mühl einen der wenigen Bälle vom Fuß, der es durch den Abwehrriegel der Franken geschafft hatte. In der zweiten Halbzeit vollendete Plea den oben erwähnten Konter zum entscheidenden 2:0, in einer Phase, als Nürnberg den Glauben an sich wiedergefunden hatte und massiv auf den Ausgleich drängte. So gut es ist, einen Mittelstürmer für die entscheidenden Situationen zu haben, so augenfällig ist doch, dass Plea im Moment nicht in der Verfassung ist, die ihn in der Mitte der Hinrunde zum Nationalspieler machte.

In guter Verfassung ist weiterhin Florian Neuhaus, nicht nur gegen Nürnberg sondern im Grunde schon die ganze Saison über. Der Neuzugang ist aus dem Spiel nicht mehr wegzudenken, fehlt er, fehlt etwas. Gegen Nürnberg war Neuhaus der Aktivposten schlechthin, er war der Unruheherd, der Traoré nicht sein konnte, zog Fouls, sicherte Bälle und hätte im zweiten Durchgang sein zweites Bundesligator erzielen müssen. Es war die einzige Situation, in der er nicht das Richtige tat. Auch Thorgan Hazard verdiente sich ein Fleißkärtchen, trotz des Aussetzers beim Elfmeter kurz vor der Pause war er gerade angesichts der Schwäche seiner Sturmpartner der gefährlichste Angreifer. Denis Zakaria war ähnlich fleißig, aber bemerkenswert ineffizient. Irgendwie war er überall unterwegs, ohne dass er oder seine Mitspieler genau wussten, warum. Auffällig war vor allem seine fehlende Handlungsschnelligkeit. Zwischen Ballannahme und -verarbeitung verging häufig viel Zeit. Das hatten irgendwann auch die Nürnberger erkannt, die Zakaria häufig erfolgreich attackierten. Als der hervorragende Tobias Strobl nach Elvedis Verletzung in die Innenverteidigung rückte, durfte Zakaria auf der Position spielen, die eigentlich seine sein sollte – auf der Sechs. Aber auch hier machte sich die erwähnte geistige Langsamkeit bemerkbar. Zakaria ist, seitdem es bei Borussia keine Doppelsechs mehr gibt, ein König ohne Land. Der Trainer wird in der Winterpause viel mit ihm arbeiten müssen, damit der Schweizer seine zweifellos satt vorhandenen Fähigkeiten wieder gewinnbringend einbringen kann.

Vor der Partie wurde an dieser Stelle der Ernst angemahnt, mit dem Borussia sich der Aufgabe gegen Nürnberg zu widmen habe. Tatsächlich hielten sich die auffälligen Lässigkeiten im Rahmen. Hazards Witz-Elfmeter vor der Pause ist der einzige Moment des Spiels, in dem man Borussia Überheblichkeit vorwerfen muss. Inwieweit die fehlende Zielstrebigkeit ein Symptom einer „wir schaffen das sowieso“-Einstellung oder einfach nur Zeichen fehlender Verfassung ist, ist kaum zu sagen. Die Führung direkt nach der Pause spielte Borussia eigentlich in die Karten. Man hätte den Sack sicher früher zu machen können, am Ende ist es fast gleich – irgendwie gewonnen, abhaken, freuen.

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