Drohendes Scheitern, ein Anrennen, ein Verzweifeln - und schließlich doch, in allerletzter Sekunde, der erlösende, kaum noch für möglich gehaltene Treffer. 2006, beim WM-Spiel der deutschen Mannschaft gegen Polen, wurde dieses Tor zur viel beschworenen Initialzündung. Im Verbund mit einem neu entdeckten Gemeinschaftsgefühl entfachte es eine Euphorie, die die Mannschaft zu vorher kaum erträumten Erfolgen befähigen sollte. Nun brauchen Fußballer und Fußballfans keinen Hegel, um zu glauben, dass sich die Historie wiederhole. So brauchte es denn auch nicht lange, bis von Gladbacher Fanseite an Oliver Neuvilles Tor vom letzten Jahr erinnert und die Parallele zu Nando Rafaels Treffer vom letzten Sonntag gegen Bremen gezogen wurde. Die Hoffnung, dass die Geschichte auch künftig ähnlich weitergehen möge - Stichwort Initialzündung - ist zu verlockend.

 
Nun könnte, wer partout nach Parallelen sucht, auch ganz andere entdecken: zur Saison 1998/99 zum Beispiel, als der Tabellenletzte aus Mönchengladbach am 23. Spieltag durch einen Treffer Marcel Ketelaers mit dem Schlusspfiff ein 2:2 bei den deutlich favorisierten Stuttgartern erreichten und auch da manche hoffnungsfroh von einem Wendepunkt sprachen. Das Ende ist bekannt. Fernab aller Kaffeesatzleserei bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass der Punkt aus dem Bremen-Spiel nur statistische Bedeutung haben wird, falls die Borussia in Wolfsburg und gegen Berlin leer ausgehen sollte. Die Leistung vom Sonntag macht zwar durchaus Hoffnung, dass es anders kommen kann, zumal der rettende Rang weiterhin nur drei Punkte entfernt ist. Das gegen Werder gezeigte Engagement, der Mut, die Leidenschaft aber setzen Maßstäbe, hinter die zurückzufallen sich die Borussia in keiner einzigen Partie der Saison mehr wird erlauben dürfen.

Borussias Defensive

Generell sind in der Aufstellung kaum Änderungen zu erwarten. Der sich mit blutdurchtränktem Turban in jede Kopfballschlacht stürzende Stève Gohouri lieferte gegen Bremen seine bislang beste Leistung im Borussendress ab und wird daher sicher wieder den Vorzug vor Bo Svensson in der Innenverteidigung erhalten. Zé António und Marcell Jansen haben ihre Plätze ebenso sicher wie Kasey Keller. Schwachpunkt der Gladbacher Defensive war gegen Bremen zweifellos die rechte Seite, was zumindest zeitweilig auch mit Kaspar Bøgelund zu tun hatte. Da der Däne auch nach vorne wenig zustande brachte, wäre er Wackelkandidat Nummer eins, aber da ein Thomas Helveg ohne Not nach Dänemark verschenkt wurde und ein Oliver Kirch bei Jos Luhukay bisher keine nennenswerte Rolle spielt, darf sich Bøgelund seines Platzes vorerst sicher sein. Im defensiven Mittelfeld kam Hassan El Fakiris Berufung überraschend, da der Norweger aber Diegos Kreise überzeugend einengte, spricht vieles dafür, auch Marcelinho seiner besonderen Aufmerksamkeit zu empfehlen. Fraglicher scheint, ob im rechten Mittelfeld erneut Bo Svensson auflaufen wird: Gegen einen Krzynowek ist seine Kopfballstärke sekundär, verheerend könnte es aber sein, dem Polen so viel Platz zu lassen, wie letzten Sonntag einem Womé. Für Svensson spricht, dass alle Alternativen ihre eigenen Probleme mitbringen: Degen seine Defensivschwäche, Polanski seine Formkrise, Svärd seine mangelnde Spielpraxis.

Borussias Offensive

Auch offensiv dürfte Borussia personell unverändert auflaufen, was sich weniger aus der Brillanz der Gladbacher Offensive erklärt als aus dem Mangel an Alternativen. Immerhin hat sich das Gladbacher Angriffsspiel am Sonntag deutlich verbessert gezeigt. Üblich war in dieser Saison, dass die Borussia zwar streckenweise ganz gefällig mitkickte, ihr am Strafraum aber Mut und Ideen ausgingen und sie sich nach Rückstand alsbald in ihr Schicksal ergab. Dass man gegen Werder am Ende mit Fug und Recht sagen konnte, das Gladbacher Tor sei längst überfällig gewesen, das war eine ungewohnte Erfahrung. Daran hatte vor allem ein Michael Delura seinen Anteil, der nicht nur einmal traf, sondern auf der Position hinter den Spitzen generell mit Dynamik, Mut und Schussgewalt gefiel. Links ist seit Jansens Rückversetzung in die Viererkette Kluge gesetzt.

Das Sturmduo Insúa - Rafael blieb zwar manches schuldig, erarbeitete sich aber deutlich mehr Chancen, als man es von der torgeizigen Borussia in dieser Saison gewohnt ist. Rafaels Treffer dient als zusätzliche Argumentationshilfe, aber auch sonst hätte seine Eignung für schnelle Konterangriffe dafür gesprochen, ihm in Wolfsburg erneut den Vorzug vor Kahê zu geben. Dass es gleichwohl grob fahrlässig war, im Winter keine Verstärkung für den Angriff zu verpflichten, bleibe dabei, quasi als Seitenwahl'sches ceterum censeo, nicht unerwähnt.

Der Gegner aus Wolfsburg

Es gibt manchmal Gewinnspiele, bei denen der Hauptpreis darin besteht, einer Bundesligamannschaft für ein Spiel ganz nah zu sein, um das Können der Stars aus nächster Nähe zu bewundern. So etwas in der Art muss wohl elf Aachener am Dienstag in die Wolfsburger Volkswagen-Arena geführt haben. Jedenfalls verbrachten die Alemannen die meiste Zeit damit, die Wolfsburger im Allgemeinen und Marcelinho im Besonderen in ehrfürchtiger Andacht zu bestaunen und tunlichst alles zu unterlassen, was diese an der Entfaltung ihrer Künste hätte hindern können. Die Wolfsburger nahmen die ihnen so freundlich gewährten Räume dankend an und lieferten die bis dato beste Saisonleistung ab. Danach hatte es bei der Niederlage in München drei Tage zuvor nicht ausgehen, als Marcelinho einen schwachen und Klimowicz einen katastrophalen Tag erwischt hatte und es generell nur zu sporadischen Angriffsbemühungen gereicht hatte. Trotz des Einzugs in das Pokalhalbfinale bleibt die Stimmung in der Bundesliga angespannt: Bei nur zwei Punkten Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz nimmt es nicht wunder, dass Trainer wie Kapitän der Wolfsburger gleich nach dem Pokaltriumph eindringlich die immense Bedeutung des "Sechs-Punkte-Spieles" gegen die Borussia beschworen.

Wolfsburger Defensive

„Halb Mensch, halb Tier, die Nummer Vier" hieß es in den Frühzeiten des Fußballs. Inwieweit das auf Alexander Madlung zutrifft, steht hier nicht zur Debatte, allerdings hat die Wolfsburger Nummer Vier, wie auch schon zu seiner Berliner Zeit, die unschöne Angewohnheit, gegen Borussia Mönchengladbach Tore zu erzielen. Man sollte ihm das schleunigst abgewöhnen. Oder man sollte sich zumindest ein Beispiel am Hinspiel nehmen, als die Borussia trotz Madlungs Führungstor die Begegnung noch in einen 3:1-Sieg drehen konnte. Generell zeichnet sich der ungemein kopfballstarke Madlung durch Torgefahr vor allem bei Standards aus und war in dieser Saison schon dreimal erfolgreich. Bei seiner Hauptbeschäftigung, der Defensive, zeigte sich der 1,94-Meter Mann in München zwar desolat, sonst aber zumeist solide.

An seiner Seite würde Kevin Hofland auflaufen, müsste der Niederländer nicht seine zweite Gelbsperre der Saison absitzen. Dass daher Facundo Quiroga von der rechten Außenverteidigerposition nach innen rücken und dessen Position wiederum Uwe Möhrle auflaufen wird, darauf hat sich Klaus Augenthaler schon öffentlich festgelegt. Möhrle, der in München zur Halbzeit für Madlung eingewechselt wurde und spürbar zur Stabilisierung der Wolfsburger Deckung beitrug, wäre ansonsten auch als Innenverteidiger eine Alternative gewesen. Links sollte Peter Van der Heyden erneut den Vorzug vor Michael Stegmayer erhalten, im defensiven Mittelfeld ist Tom van der Leegte trotz schwacher Leistungen gegen Schalke und in München gesetzt.

Wolfsburger Offensive

Die beiden so unterschiedlichen Spiele der Wolfsburger in München und gegen Aachen illustrieren zweierlei: Erstens, dass Marcelinho, wenn er einen guten Tag erwischt und man ihn nicht ernsthaft stört, das Wolfsburger Spiel auf ein ganz anderes Niveau zu heben vermag und seine Verpflichtung sich aus diesem Blickwinkel als wahrer Glücksgriff erwiesen hat, vergleichbar vielleicht zu dem Transfercoup, der Christian Hochstätter einst mit Mikael Forssell gelang. Zweitens aber, dass das Wolfsburger Spiel leicht in alte Anämie zurückfällt, wenn sich Marcelinho nicht fühlt oder ihm das defensive Mittelfeld des Gegners die Lust am Spiel vergällt. Wie einst in Berlin erweist sich der Brasilianer als zweischneidiges Schwert: einerseits ein Spieler, der den Unterschied machen kann, andererseits einer, mit dessen Tagesform die gesamte Offensivleistung steht und fällt. Gegen Aachen blühten an der Seite des vor Spielfreude nur so sprühenden Brasilianers Cedrick Makiadi und vor allem Jacek Krzynowek auf, vor ihm Diego Klimowicz und Isaac Boakye.

Speziell bei Boakye war damit kaum zu rechnen: Der Ghanaer, soeben von Trainer Le Roy dauerhaft aus der Nationalelf seines Landes verbannt, war zwar nach starker Saison in Bielefeld mit großen Vorschußlorbeeren verpflichtet, in der Hinrunde aber durch ständige Verletzungen zurückgeworfen worden und auch nach seiner Genesung nur zu Kurzeinsätzen gekommen. Einzig eine Blessur Mike Hankes erlaubte ihm sein erstes Rückrundenspiel von Beginn an, eine Chance, die er in beeindruckender Manier beim Schopf packte. Dadurch könnte sich am Samstag Hanke, mit acht Saisontoren der mit Abstand erfolgreichste Wolfsburger Angreifer, auf der Bank wieder finden. Dort wird er auf Juan Carlos Menseguez treffen, der als Einwechselspieler vor allem dann in Frage kommen dürfte, wenn die Spielsituation nach einem für schnelle Konter tauglichen Stürmer verlangen sollte.

Bilanz

Würde die Borussia aus Wolfsburg mit einem Unentschieden heimkehren, so wäre es das erste Mal. Den fünf Niederlagen stehen zwei Siege, aber eben kein einziges Remis entgegen. Unter den verlorenen Spielen bleibt das 1:7 aus der Abstiegssaison in besonders schlechter Erinnerung, im Jahr zuvor hatte ein vom überragenden Stefan Effenberg angetriebenes Gladbacher Team mit einem 2:0-Erfolg in Wolfsburg am letzten Spieltag noch den kaum noch für möglich gehaltenen Klassenerhalt gesichert. Gern denken wir auch den 22.11.2003 zurück, als die Borussia nach überzeugender Leistung durch Tore von van Hout, van Lent und Kolkka mit 3:1 bei den Niedersachsen gewann.

Schiedsrichter

Wenn Volks- und Betriebswirte verwechselt werden, sehen das beide Seiten nicht gern. Insofern könnte Peter Sippel mit gerunzelter Stirn ins Netz geschaut haben, wird er doch auf der Homepage des DFB als BWLer, auf der des VfL Wolfsburg dagegen als VWLer geführt. Was für ein Wirt auch immer, mit dem Münchner hat die Borussia gemischte Erfahrungen gemacht. An der Gladbacher 0:2-Niederlage gegen Schalke 04 in dieser Saison war er zwar völlig schuldlos. In der letzten Spielzeit indes missfiel er, als er Oliver Neuville in Bremen ein reguläres Tor - es wäre die 1:0-Führung gewesen - verwehrte. Im Februar 2003 versagte Sippel Mikael Forssell in dessen Gladbacher Debüt einen Treffer nach genialem Dribbling. Ob Ivo Ulich dabei tatsächlich ins Spiel eingegriffen hatte und seine Abseitsstellung somit zu ahnden war, führte hinterher zu erhitzten Diskussionen. Sehr schön formulierte die Aachener Zeitung damals, Ulich hätte den Kaiserslauterner Schlussmann Tim Wiese nur dann irritieren können, wenn diesem spontan eine drittes Auge auf Höhe des rechten Ohres gewachsen wäre. Allerdings verweigerte Sippel im gleichen Spiel auch den Pfälzern einen klaren Strafstoß und stellte umgekehrt Steffen Korell zu Unrecht vom Feld - insgesamt nicht der beste Tag des Münchners. Anders im September 2002, als Sippel mit der Gewährung eines (völlig berechtigten) Strafstoßes zum Gladbacher Auswärtssieg in Berlin beitrug. Je einen glasklaren und einen diskutablen Elfmeter verwehrte Sippel der Borussia dagegen beim 0:0 gegen Cottbus in der ersten Gladbacher Bundesligasaison nach dem Wiederaufstieg. Wenige Wochen zuvor hatte er sich schon den Unmut der Borussenfans zugezogen, als er beim Spiel in Kaiserslautern ohne klar ersichtlichen Grund ungewöhnlich lange hatte nachspielen lassen und damit den Pfälzern den späten 3:2- Siegtreffer ermöglicht hatte.

Aufstellungen

VfL Wolfsburg: Jentzsch - Möhrle, Madlung, Quiroga, Van der Heyden - van der Leegte - Makiadi, Krzynowek - Marcelinho - Boakye, Klimowicz.
Ersatz: Lenz, Alex, Stegmayer, Hill, Sarpei, Thiam, Santana, Hristov, Karhan, Menseguez, Hanke.
Es fehlen: Hofland (gesperrt), dos Santos (verletzt).

Borussia: Keller - Bøgelund, Gohouri, Zé António, Jansen - Fakiri - Svensson, Kluge - Delura - Rafael, Insua.
Ersatz: Heimeroth, Kirch, Levels, Compper, Fleßers, Svärd, Thijs, Polanski, Degen, Thygessen, Sonck, Kahê.
Es fehlen: Daems, Neuville (beide verletzt).

Schiedsrichter: Peter Sippel (München).
Assistenten: Tobias Welz (Wiesbaden), Walter Hofmann (Ansbach).
Vierter Offizieller: Christian Fischer (Hemer).

SEITENWAHL-Meinung

Christoph Clausen: Mag es das Pfeifen im Abstiegswald sein, aber mir steht der Sinn nach Optimismus: Mit einem 3:1-Auswärtserfolg kehrt die Borussia aus Wolfsburg zurück, nachdem Hassan El Fakiri Marcelinho erfolgreich die Lust am Spiel genommen hat und die Gladbacher ein geschicktes Konterspiel initiieren konnten. Wunschdenken? Natürlich. Aber manchmal werden Wünsche dann doch wahr.

Thomas Zocher: Das 2:1 beim VfL Wolfsburg wird für die Tage nach dem Spiel mit Diskussionen befeuern. War es richtig, dass der Schiedsrichter einen Elfmeter für die Borussia aussprach, den Gastgebern aber einen Strafstoß verweigerte? Wäre das Spiel gar 3:1 geendet, hätte Borussia diesen Strafstoß verwandelt? Fragen, auf die man Antworten findet, die letztlich am Spielergebnis allerdings nichts verändern.

Michael Heinen: Die Hoffnung stirbt zuletzt, sie schwindet aber mehr und mehr. Nach dem verdienten 0:1 in Wolfsburg müssen wir auf ein Wiedererstarken in den Heimspielen hoffen, damit sich der Weg in die 2.Liga vielleicht doch noch irgendwie abwenden lässt.

Mike Lukanz: Zum wiederholten Male gehen Borussen mit einem zarten Hauch der Hoffnung in das nächste Spiel. Das 2:2 gegen Werder Bremen hat Mut gemacht. Leider hat es die Mannschaft in der gesamten Saison bis dato in beeindruckender Regelmäßigkeit geschafft, nach einem guten ein meist umso schlechteres folgen zu lassen. Das 1:1 wird nicht die Qualität vom vergangenen Spiel haben, aber es ist immerhin ein Punkt.

Christian Heimanns: Im letzten Spiel und sichtlich auch danach schien das von Luhukay so geforderte Wir-Gefühl die Mannschaft auch erreicht zu haben. Hoffen wir, dass es geblieben ist, dass es der Mannschaft beherztes Offensivspiel verleiht und Nando Rafael Stürmerglück schenkt, dann ist ein 0:2 in Wolfsburg möglich.

Hans-Jürgen Görler: Dass die Borussia es noch kann, hat sie gegen Werder Bremen eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Was der Punkt einbringt, wird wohl erst am 34. Spieltag feststehen. Leider kommt auch in Wolfsburg nach dem 0:0 nur einer dazu.

Der Gegner im Internet: http://www.vfl-wolfsburg.de

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