Die Chance auf einen internationalen Titel war selten so groß wie in dieser Saison. Mit Ausnahme von Manchester United und Olympique Lyon, die beide für Borussia in Topform ebenfalls schlagbar gewesen wären, befindet sich kein europäisches Schwergewicht mehr im Wettbewerb um den Europa-League-Titel. Wenngleich dieser in der öffentlichen Wahrnehmung keinen allzu großen Stellenwert mehr einnimmt, wäre er für Borussia und ihre Fans eine tolle Krönung der überragenden letzten Jahre gewesen. Dieser Traum ist gestern Abend auf höchst unsanfte Weise durch das unglückselige 2:2 gegen Schalke 04 geplatzt.

Bei allem Respekt vor dem kämpferischen Auftritt des Gastes, der sich auch durch einen 0:2-Halbzeitrückstand nicht beirren ließ, sondern mit aller Macht auf ein Weiterkommen drängte: Verantwortlich für das Ausscheiden waren ausschließlich fremde Mächte. Borussia konnte in den 180 Minuten beider Partien drei blitzsaubere Tore erzielen. Ihr Kontrahent hat dagegen aus eigener Kraft nicht einen einzigen Treffer markieren können. Zwei waren ohne jeden Zweifel irregulär. Schon der ausbleibende Pfiff beim Foul an Raffael in der Vorwoche war nur schwer erklärlich. Wie Schiedsrichter Clattenburg aber trotz bester Sicht das vermeintliche Handspiel von Dahoud allen Ernstes als absichtlich werten konnte wird vermutlich auf alle Zeit ein ähnlich ungelöstes Rätsel bleiben wie der einst ausgebliebene Pfiff von Edgar Steinborn beim offensichtlichst möglichen Handspiel des Aacheners Mbwando.

Der einzig reguläre Treffer der Schalker entsprang dagegen einem harmlosen Weitschuss, der Yann Sommer im Normalfall nicht mal ein müdes Lächeln abgerungen hätte. So wurde es ein höchst bitteres, denn ein unsäglicher Platzfehler auf dem neu verlegten Rasen im Borussia-Park ermöglichte das 1:2. Es kann darüber spekuliert werden, ob die Schalker, die bereits vor diesem kuriosen Gegentor mit deutlich mehr Engagement aus der Halbzeit gekommen waren, auch ordentlich zu weiteren Treffern gekommen wären. Fakt ist aber, dass ihnen dies trotz großem Bemühen in insgesamt 180 Minuten nicht ein einziges Mal gelungen ist.

Vor diesem Hintergrund muss sich Borussia nicht ob seiner Leistung schämen, denn bei regulärem Verlauf von Hin- und Rückspiel wäre am Ende ein sehr souveränes Weiterkommen bejubelt worden. Experten und Fans hätten die abgezockte und effiziente Spielweise herausgestellt, die trotz einer durchschnittlichen Leistung zu zwei Siegen reichte.

Der Fußball hat die seltsame Angewohnheit, solche Konjunktive regelmäßig zu durchschlagen. Am Ende zählt nur das, was der Schiedsrichter auf dem Berichtsbogen notiert. So muss sich die Elf von Dieter Hecking jetzt anhören, eine komfortable Ausgangsposition leichtfertig verspielt zu haben, während die Schalker weiter an die Wiedergeburt ihrer Eurofighter glauben dürfen.

Fernab des Ergebnisses muss sich Borussia vorwerfen lassen, in beiden Spielen nicht ihre Bestform abgerufen zu haben, wie es ihnen in den letzten Monaten in wichtigen Momenten immer wieder gelungen war. Es waren keine schlechten Auftritte in diesem Achtelfinale, aber es war doch weit entfernt von der Dominanz, die z. B. den Schalkern noch vor zwei Wochen im Meisterschaftsspiel Einhalt geboten hatte.

In der Offensive konnte der Ausfall von Lars Stindl nicht annähernd gleichwertig kompensiert werden. Josip Drmic mühte sich redlich und hätte gleich zu Beginn der Partie seine ganz eigene Europapokal-Geschichte schreiben können, nein müssen, als er stattdessen aus fünf Metern freistehend am Tor vorbeiköpfte. Durch die frühe Auswechselung von Fabian Johnson – im Meisterschaftsduell immerhin noch zweifacher Torschütze – fehlten insgesamt vier wichtige Offensivspieler. Ein Verlust, den die Mannschaft nur unzureichend zu kompensieren verstand. Die teils genialen Momente von Raffael oder Dahoud sowie die neugewonnene Stärke bei Standards besorgten der Mannschaft die zwei frühen Tore. Mit Drmic, Hofmann, Herrmann und später Hahn laufen aber zu viele Offensivakteure ihrer Form hinterher, sodass insbesondere im zweiten Durchgang zu wenige zwingende Torchancen herausgearbeitet wurden und Schalke das Ergebnis relativ leicht über die Zeit bringen konnte.

Das Verletzungspech und die Formschwäche einzelner Akteure kann den Verantwortlichen nicht in voller Höhe angelastet werden. Trotzdem ist zu hinterfragen, ob nicht die freigewordenen Gelder aus der Champions League und dem Xhaka-Verkauf noch in die eine oder andere brauchbare Alternative hätte investiert werden können.

Defensiv hat Borussia in den 180 Minuten kein einziges Gegentor selbst verschuldet. Höchstens im Hinspiel ließe sich darüber streiten, ob sie nach dem ausbleibenden Freistoßpfiff nicht professioneller hätten weiterspielen müssen. Foul ist offiziell eben erst, wenn der Schiedsrichter pfeift. Die beiden Tore vom gestrigen Abend hingegen waren einzig und allein dem Rasen bzw. dem Schiedsrichter anzulasten. Von daher könnte sich Dieter Hecking beruhigt zurücklehnen und seiner eingespielten Viererkette ein zufriedenstellendes Zeugnis ausstellen.

Aber auch hier gibt es Einschränkungen, denn in einigen Situationen wurden den Schalkern zu viele Räume gelassen, um Torgefahr zu entwickeln. Im Hinspiel war es primär Yann Sommer zu verdanken, dass die Partie nicht gar noch verloren ging. Im Rückspiel war der Ausfall von Christoph Kramer zur Halbzeit ein wesentlicher Destabilisierungsfaktor, der die schwache Viertelstunde zu Beginn des zweiten Durchgangs zum Teil erklärt. Tobias Strobl war leider wie schon in Hamburg nicht in der Lage, das hohe Niveau von Kramer aufrechtzuerhalten.

Von daher bestehen auch hier Verbesserungspotentiale. Positiv kann aber herausgestrichen werden, dass sich Christensen inzwischen wieder auf gewohnt stabilem Top-Niveau befindet und Landsmann Vestergaard seine Unsicherheiten zunehmend in den Griff bekommt. Wendt und Jantschke werden keine Weltklasse-Außenverteidiger mehr – dafür ist der eine defensiv und der andere offensiv zu beschränkt. Sie bieten aber beide ein sehr ordentliches Niveau, das für Borussias derzeitige Ansprüche voll und ganz ausreicht. Elvedis Comeback-Auftritt in Hamburg ließ zudem trotz des verschuldeten Ausgleichstreffers darauf hoffen, dass auch mit ihm in den kommenden Wochen als Rotations-Alternative gerechnet werden kann.

So viel Rotation wird es in der nächsten Zeit aber kaum mehr geben. Zum einen fallen einige englische Wochen jetzt leider aus dem Programm. Zum anderen führen die neuerlichen Ausfälle von Kramer und Johnson dazu, dass brauchbare Alternativen im Kader so langsam knapp werden. Gegen die Bayern am kommenden Sonntag wird sich eine Notelf abrackern müssen, ehe anschließend in der Länderspielpause Kraft getankt werden kann für die letzten Spiele dieser Saison. Trotz der nur 6 Punkte Vorsprung vor einem Relegationsplatz, die am kommenden Wochenende ggf. noch weiter reduziert werden, sollte die Mannschaft in der Lage sein, in der Meisterschaft einen gesicherten Mittelfeldplatz zu behaupten. Dies wäre nach dem Verlauf der Hinrunde ein halbwegs glimpflicher Ausgang einer merkwürdigen Spielzeit, die dann im April und Mai noch ein bis zwei letzte Höhepunkt im DFB-Pokal bereithalten wird. Wenn der Fohlenelf dort das Glück hold sein wird, das ihr in den Achtelfinalspielen der Europa League fehlte, könnte dann am langen Ende doch noch ein Titelgewinn stehen, den aber u. a. mit dem Gegner vom nächsten Samstag ein ungleich größeres Kaliber zu verhindern versuchen wird als es zuletzt Schalke 04 war.

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