Prolog: Vor einigen Tagen saß ich in meinem Schaukelstuhl im Ehemaligen-Heim der SEITENWAHL-Veteranen, brockte einen Keks in meinen Tee und suhlte mich in schönen Erinnerungen aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war, irgendwann im letzten Jahrtausend also – alles Dinge, die alte Menschen so tun, wenn es draußen schneit und dadurch Pflegeschwester Waltraud, das Licht meiner alten Tage, mal wieder zu spät kommt. Aus Langeweile öffnete ich das Ehemaligen-Forum der SEITENWAHL-Redaktion, in dem manchmal wochenlang nichts passiert, was ich als sehr wohltuend empfinde – welch Kontrast zu Twitter und Co.! Diesmal aber war es anders, und plötzlich aktivierten sich bei mir Gehirnzellen, die ich für längst abgestorben gehalten hatte. Ich las nämlich, daß SEITENWAHL zwanzig Jahre alt würde und der Herausgeber deshalb alte Berichte durchsähe; er läse soeben „alte LoBo-Beiträge“. Alter Schwede, dachte ich, das bist Du ja selbst… LoBo, so hatte mich schon seit Jahrzehnten niemand mehr genannt, selbst Waltraud nicht, wenn sie Weihnachten mit mir die „Elf vom Niederrhein“ singt.

Dann beging ich einen gewaltigen Fehler: Ich antwortete. Stimmen aus der Gruft, das ist die neue SEITENWAHL-Generation nicht mehr gewohnt. Prompt hatte ich den Auftrag an der faltigen Backe, ein Grußwort im Namen der Ehemaligen zu schreiben für dieses Jubiläum, auf das die Fußballwelt so lange so ungeduldig warten mußte. Ich bekam eine Frist, den Hinweis, daß ich so viel Text fabrizieren könne, wie ich wolle, und einen Blankoschein für die Veröffentlichung, selbst wenn der ViSdP danach nach Guantanamo abtransportiert würde – ganz wie früher. Schmeißen wir also die Zeitmaschine an!

1997 war das Jahr, als ich erstmals eine Reise plante, indem ich per E-Mail vorab Termine festlegte. Mein Chef verstand damals noch nicht, was für ein Ding das ist, eine E-Mail: Wo kommt das her, wie findet es überhaupt zu mir, und muß ich anrufen, wenn ich geantwortet habe, um sicher zu sein, daß etwas angekommen ist? Vielen ging es so mit vielem. Es waren die Anfangsjahre des Internetbooms; eine Goldgräberzeit, die schnell zu einer Spekulationsblase führen sollte, aber trotzdem spannend und nützlich war, denn wie es sich für innovative neue Märkte gehörte, war die Hauptfunktion experimentieren, experimentieren, experimentieren – und Spaß haben.

1997 war ebenfalls das Jahr, in dem Hans-Jürgen Görler das Internet-Magazin SEITENWAHL gründete. Warum, das weiß er nur selbst. Wahrscheinlich ging es ihm wie mir: der Büro-Kaktus wächst zu langsam, als daß das Zuschauen tagaus, tagein Spaß machen würde, und so sucht man sich eben eine andere Beschäftigung. Hans-Jürgens Beitrag kann nicht überschätzt werden, denn er machte intuitiv alles richtig: Er etablierte eine Marke in einer Marktlücke mit einem einfachen (nennen wir es freundlich „zeitlosen“) Format, das seit nunmehr zwei Jahrzehnten nach außen hin nahezu unverändert Bestand hat. Zudem hatte er die Gabe, frühzeitig engagierte Mitstreiter zu finden und ihnen Verantwortung zu übertragen, wenn sie nur eine Bedingung erfüllten: eine bedingungslose, aber kritische und wortgewaltige Liebe zu Borussia Mönchengladbach.

Ich selbst kam 1999 zu SEITENWAHL. Es hatte mich beruflich ins Ausland verschlagen, und ich haderte mit der Schwierigkeit, die Katastrophen-Abstiegssaison 1998/99 nur aus der Ferne beobachten zu können, ohne zu verstehen, was da eigentlich vor sich ging. Dankbar suchte ich mir in der neuen Internet-Welt jedes Detail über Borussia zusammen, doch da gab es außer dem nüchtern und sachlichen Kicker nicht viel. Ich stieß zum Glück schnell auf ein Forum, in dem animiert, vor allem aber geistreich über Borussia diskutiert wurde und manches mehr, wenn es nur schrullig genug war: das SEITENWAHL-Forum. Dort gab es auch einen Thomas Zocher, der nicht nur der erste Mitstreiter von Hans-Jürgen wurde, sondern der auch der Einzige war, der sich ernsthaft für meine höchst befremdlichen wöchentlichen Überlegungen zu Spielen der dritten und vierten englischen Liga interessierte und oftmals sogar noch mehr darüber wußte als ich selbst. Das ist bis heute mein Schicksal mit Thomas geblieben: Ich schreibe ihm etwas, das ich interessant und neu finde, und er antwortet mit fünfmal so viel Text und zehnmal so viel Inhalt – damit legt er nach wie vor die Latte sehr hoch, unter der ich dann gekonnt hindurchspringe.

Thomas empfahl mich bei Hans-Jürgen als zukünftiger SEITENWAHL-Redakteur, und ungefähr zeitgleich stieß Michael Heinen hinzu, der einen wohltuenden Realismus mit trockenem Humor verband. Zu dritt waren wir im Forum LoBo, Maverick und Juke gewesen; „Nicknames“, bei denen sich heute nur noch die Zehennägel kräuseln und die im Youtube-Zeitalter keine zwei Likes mehr generieren würden. Zu viert machten wir eine Erfahrung, die mir damals völlig neu war, die ich seitdem aber immer wieder mit Erfolg angewendet habe, daß man nämlich jahrelang eng, vertrauensvoll, loyal und diszipliniert zusammenarbeiten kann, obwohl man sich persönlich gar nicht kennt. Das war sie, die merkwürdige neue Internet-Welt, die wir eroberten. Redaktionstreffen gab es ausschließlich virtuell, und in fast zwanzig Jahren haben sich einige aus der ersten Generation bei SEITENWAHL lediglich drei- oder viermal persönlich getroffen (auch das erst Jahre später) und manche gar nicht.

Hans-Jürgen habe ich persönlich nie getroffen, und wenn ich hier schreibe, daß wir SEITENWAHL „zu viert“ betrieben, dann amüsiere ich mich manchmal mit dem Gedanken, daß wir nur zu dritt waren, weil es Hans-Jürgen gar nicht gab. Vielleicht war Hans-Jürgen die erste künstliche Intelligenz des Internet-Zeitalters, eine Art Robin Masters wie bei Magnum oder ein geniales Fake-Konstrukt wie die Frau von Inspektor Columbo. Der Name allein klingt ja bereits wie Heinz-Rudolf Kunze reloaded, und sein subtiler Humor erinnerte ebenfalls an die Sprüche auf der Herrentoilette der Autobahnraststätte Wildeshausen-Nord.

Intervall I: Im Hintergrund erklingt die Titelmusik aus Akte X. Nachdem ich kurz die Augen geschlossen habe, um Kraft für die nächsten Erinnerungen zu sammeln, kommt Eugene Victor Tooms durch den Lüftungsschacht, läßt ein Stückchen Leber in mein Tee-Keks-Gemisch gleiten und entschwindet wieder. Wir werden niemals erfahren, welche Lebensformen es da draußen so alles gibt. Es schneit immer noch. Von Waltraud weit und breit nichts zu sehen.

Jedenfalls schaffte es dieses Hans-Jürgen-Wesen, Ordnung zu halten (er soll mal Feldwebel bei der Bundeswehr gewesen sein, aber wer weiß das schon mit Sicherheit) und gleichzeitig der Ideenvielfalt keinen Abbruch zu tun – und, da täusche man sich nicht, SEITENWAHL war nicht nur kreativ, sondern auch richtig innovativ! Ein Beispiel: Ich lese bei Wikipedia, daß es im Jahr 2000 das Jahr den ersten Podcast gab. Nun, wir haben im Sommer 2000 zum meines Wissens ersten Mal in der deutschen Internet-Sportberichterstattung Podcasts aus Borussias Sommertrainingslager im Vogtland produziert, wenn auch mit reichlich analoger Technik: Nach einem Trainingstag oder Testspiel sprach ich per Hoteltelefon einen rund einminütigen Text auf den Anrufbeantworter eines Redaktionskollegen, der das dann bearbeitete und auf unsere Webseite lud. Das war fein, um nicht nur die wichtigsten Neuigkeiten zu übermitteln, sondern auch authentisch das Flair des Tages einzufangen, etwa Hans Meyers unendlich scheinenden Anekdotenschatz über die Rivalität zweier Sechstligisten in Gera oder das Schicksal des Bernd Korzynietz, der von Meyer eine halbe Stunde lang immer wieder über eine Bahnlinie hinweg in ein Brennesselfeld geschickt wurde, um den Ball zu suchen, den er dorthin geschossen hatte.

Technik ist das eine, aber ich kann nicht sagen, daß uns das bei SEITENWAHL wirklich bewegt hat. Es gab keinen Freak, der sich nachhaltig in die Welt der neuen Möglichkeiten vertieft hätte, und wenn wir etwas erfolgreich probiert hatten, so wie die Audiomitschnitte aus dem Trainingslager, dann verloren wir auch schnell wieder das Interesse daran. Wir suchten neue Herausforderungen, und die lagen zunehmend im inhaltlichen Bereich. Wir führten zum Beispiel systematische Vorberichte zu den Spielen ein, die sehr populär wurden und Nachahmer fanden, und auch Rubriken wie die Vorstellung des Schiedsrichters und – in beachtlichem Detail – der von uns bevorzugten Mannschaftsaufstellung, von der die jeweils gerade im Amt befindliche Trainerpflaume besser nicht abweichen sollte, nahmen breiten Raum ein.

All dies hätten wir mit etwas mehr Konsequenz zu einem täglich aktualisierten Mainstream-Angebot ausweiten können, wie es heute im Onlineuniversum um den Fußball herum Standard ist. Das „Problem“ war nur, daß niemandem von uns dieses Ziel interessant erschien. Alle SEITENWAHL-Redakteure hatten entweder bereits zeitintensive andere Berufe oder bereiteten sich konzentriert auf solche vor und sahen Journalist nicht als Berufswunsch, ja hätten diese Bezeichnung für sich zurückgewiesen, da dies damals nicht unser Anspruch war. Wir waren Fans, die für Fans schrieben; aus unserer Sicht gab uns das auch das Recht, sich wie Fans zu verhalten und eine andere Sprache und einen anderen Stil zu pflegen als denjenigen der Journalisten. Der einzige Maßstab war für uns die Reaktion der Redaktionskollegen sowie derjenigen Forumsmitglieder, die wir bereits länger kannten.

Wenn ich heute lese, was wir vor fast zwanzig Jahren geschrieben habe, dann erscheint vieles zeitlos und von beachtlicher Qualität, vor allem die Kommentare, die über den Tellerrand des aktuellen Spiels hinausblickten. Gleichzeitig – und hier beziehe ich mich nur auf meine eigenen Artikel – würde ich manche sportliche (Nicht-)Leistung heute milder kommentieren als damals. Ich verstehe inzwischen besser, daß es so etwas wie eine Tagesform gibt und daß man zwar regelmäßig seine 100 % abrufen können muß, daß jedoch der Schuß Extra-Inspiration manchmal schwierig zu finden ist (zumal wenn es einen Gegner gibt), wenn nicht alles sofort gelingt oder fragwürdige Entscheidungen das Spiel in eine andere Bahn lenken. Ich habe manchmal Spieler verbal geköpft für eher leichtere Vergehen, und das war zu hart.

Gleichzeitig stelle ich mit großer Zufriedenheit fest, daß wir uns ab und zu an einem Mißstand festgebissen haben und gegen alle Widerstände erst dann wieder losgelassen haben, wenn es eine Lösung gab. Diese Mißstände gab es Anfang dieses Jahrtausends zum Beispiel im Boulevardjournalismus, beim „Ordnungsdienst“ bei Auswärtsspielen oder in Teilen der Vereinsführung, die planlose Flickschusterei betrieb; so verpflichtete man wiederholt den einzig verfügbaren Brasilianer, der nicht Fußball spielen konnte. Während wir hinsichtlich „unseres“ Klubs immer noch ein Mindestmaß an Respekt walten ließen, haben wir gegen jeden Stolperstein von außerhalb des Vereins keinen Zweifel an unseren Ansichten gelassen. Manchem Furunkel, das sich auf Kosten Borussias profilieren oder die Fans spalten wollte, haben wir bei SEITENWAHL und vor Ort deutlich zu verstehen gegeben, daß es ein Furunkel ist, immer ein Furunkel am Arsch der Borussen-Gemeinde bleiben wird und irgendwann ewig in der Furunkelhölle braten wird. Kein Wort hiervon nehme ich hier zurück.

Intervall 2: Auf dem Feld vor dem Ehemaligen-Heim der SEITENWAHL-Veteranen singt ein Ziegenbock das Lied der Schlümpfe, eines meiner Lieblingslieder. Es ist Hennes der Letzte, der vor einigen Tagen aus seinem Domizil im Kölner Zoo entlaufen ist, nachdem ihm ein Besucher ein Zeitungsfoto von Peter Stöger im Dortmund-Outfit gezeigt hatte. Hennes der Letzte gab mir zu verstehen, er möchte ab jetzt auch so aussehen, was ich keine gute Idee fand. Wir vereinbarten einen Kompromiß, und ich malte ihm in den BVB-Farben schwarz und gelb eine Binde mit drei Punkten darauf (nach dem Wolfsburg-Spiel der Kölner gibt es sogar für jedes Vorderbein eine eigene Binde). Hennes der Letzte wird bald glücklich davonziehen, um noch ein halbes Jahr Gnadenbrot zu fressen, bevor er seine Existenz auf den Weiden in Aue friedlich aushauchen wird.

Wenige Bundesligisten verfügten in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends über ein halbwegs nennenswertes Fanmagazin im Internet, die meisten keines. Borussia hatte zwei: erst SEITENWAHL, dann Torfabrik. Ohnehin war die Fanszene besonders rührig, was sich nicht zuletzt im Fanprojekt manifestierte. All dies stellte den Verein, der sich erst langsam von seiner 70er-Jahre Mentalität löste, in der Neuzeit aber noch nicht angekommen war, vor Herausforderungen. Gleiches galt für die vielleicht sieben oder acht hauptberuflichen Journalisten, die damals über Borussia berichteten. Ein Teil von ihnen stand uns offen gegenüber, was wir aber am Anfang noch nicht merkten. Andere hielten sich für einen Teil des Inventars, weil sie zu einer Zeit, die sie inzwischen vergessen hatten, und aus Gründen, die sie inzwischen vergessen hatten, mit Günter Netzer, der sie inzwischen vergessen hatte, persönlich mal in den 70er Jahren in den Abgründen des niederrheinischen Nachtlebens gelandet waren. BLÖD und Exzess schließlich sahen in Fans nur dummes Menschenmaterial, das man mit stinkendem Unrat vollkacken durfte, und waren vom Gedanken rettungslos überfordert, daß Fans selber denken konnten, wollten und durften.

Ja, durften, in der Tat. Es war zum damaligen Zeitpunkt beispielsweise keineswegs gewährleistet, daß unsere Akkreditierungswünsche erfüllt wurden. Falls doch, und erschien man dann tatsächlich auf der Pressetribüne, so gehörte man nicht dazu, aber das wollten wir auch nicht. Wir wollten „anders“ sein, was uns auch gelang, gerade weil wir über viele Jahre hinweg unter Borussias Fans zu den Meinungsführern gehörten.

Die sportlich schwierigen Jahre Anfang des neuen Jahrtausends brachten viele Erfahrungen, die niemand von uns im Nachhinein missen möchte. Allein schon der Gang von den Baracken neben dem Bökelberg (man muß sie von innen gesehen haben, um zu wissen, welch Triumph heute auch ein neunten Platz in der Bundesliga für diesen Verein ist) durch den Spielertunnel, dann an der Nordkurve vorbei und steil hinauf bis unters Dach der Westtribüne, wo sich der Pressebereich befand, war ein Gänsehauterlebnis. Ich erinnere mich, daß einmal enormer Jubel aufbrandete, als ich gerade aus dem Spielertunnel heraustrat, und ich genoß den Moment – bis ich den Atem von Jörg Stiel im Nacken spürte, der wollte, daß der Lahmarsch vor ihm endlich aus dem Weg geht. Teile dieses Weges zieren inzwischen mein Arbeitszimmer, abmontiert für 5 Euro das Stück, als der Bökelberg plattgemacht wurde. Derartige Erlebnisse waren Legion, und jedes von ihnen war der schönste Lohn, den ich mir wünschen konnte für eine journalistische Hobbytätigkeit, die doch verdammt viel Zeit in Anspruch nahm.

Intervall 3: Zur vollen Stunde ertönt die Kuckucksuhr. Der Kuckuck erscheint in seiner Öffnung. Er trägt Gesichtszüge und Frisur von Hans Meyer und verkündet: „Gehen Sie davon aus, daß es heute noch eine Überraschung zum Jubiläum gibt!“ Ich entgegne: „Was sind Sie denn für ein Vogel?“Der Kuckuck antwortet wenig amüsiert: „Ich bin weder Eberhard, der Vogel, noch Eduard, der Geyer, ich bin Hans, der Meyer.“- „Und ich bin Hans, der Meiser,“ knurre ich und werfe einen Stützstrumpf nach ihm. Der Strumpf verfehlt das Ziel und landet auf der Schatulle mit den Reliquien, unter anderem dem ersten Milchzahn von Papst Franziskus, den Rainer Bonhof nach dem zehnten Freundschaftsspiel gegen die Vatikan-Auswahl geschenkt bekommen und zu Fuß über die Alpen getragen hat. Der Kuckuck verschwindet wieder. Waltraud ist immer noch nicht in Sicht.

Eines Tages – Borussia hatte einen neuen Vorstand, war ins neue Stadion umgezogen und begann sich langsam zu professionalisieren – erhielten wir seitens Borussia den Wunsch vorgetragen, der neue Präsident, Rolf Königs, wolle uns treffen. Zum Hintergrund sei gesagt, daß bei aller Kritik, die wir gegenüber Borussias als Fanvertreter stets deutlich geäußert hatten, wir niemals gegenüber Mannschaft, Trainer oder Geschäftsführung verbal unter die Gürtellinie gerutscht waren und man uns im Verein die Authentizität und das Bemühen um eine bessere Zukunft Borussias als glaubwürdig abnahm. Vor allem Borussias Pressesprecher (heute ist er „Direktor Medien/Kommunikation“) Markus Aretz war uns allzeit ein hochgeschätzter Gesprächspartner, der die seltene Gabe besitzt, über kritische doch wohlmeinende Kritik nachdenken zu können, ohne sich aus vermeintlicher verletzter Eitelkeit beleidigt fühlen zu müssen wegen des großen Mundwerks, das Fans eben manchmal haben. Diese Fähigkeit kam uns allen bei SEITENWAHL zugute, zumal wir unsererseits seine stets wohlmeinenden Anmerkungen sehr ernst nahmen. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, daß Borussias Geschäftsstelle im allgemeinen ohnehin mit außergewöhnlichen Menschen bevölkert ist, die diesem ruhmvollen Verein zur Ehre gereichen (das kann ich heute sagen; damals wäre uns das in dieser Form nicht in den Sinn gekommen, was eigentlich schade ist, denn Lob gab es eher selten).

Ich erinnere mich an angeregte Redaktionsgespräche, ob wir uns tatsächlich die Ehre geben müßten, mit einem Nicht-Fußballfachmann wie Rolf Königs persönlich sprechen zu sollen, zumal niemand von uns in der Gegend um Mönchengladbach wohnte. Als wohlerzogene Menschen erschienen wir letztlich zum Gespräch, legten uns gegenseitig unsere Philosophie dar und bekamen als Geschenk von Präsident Königs einen längeren Vortrag über seine Versionen, die auf aus meiner Sicht (und ich verstehe etwas davon) soliden betriebswirtschaftlichen Prinzipien aufbauten. SEITENWAHL brachte das zunächst wenig, außer der – nicht zu unterschätzenden – Tatsache, daß wir nun irgendwie offiziell als satisfaktionsfähig angesehen wurden und damit als Teil der Marke Borussia akzeptiert waren.

Für mich war dieses Gespräch hingegen ein Startpunkt für eine andere Art der Betrachtung des Phänomens „Borussia“, die bis heute anhält. Lange Zeit war ich als Fan der Ansicht, daß man mich an Spieltagen zu unterhalten hatte, gerne siegreich (4:1, das Gegentor beim Stand von 2:0, damit es spannend bleibt, aber nicht zu spannend), und daß ich mich persönlich beleidigt fühlen durfte, wenn das mißlang. Je mehr Einsicht ich in das Innenleben des Vereins bekam, desto deutlicher wurde mir das Wechselspiel von erstaunlich vielen langfristig wirksamen Faktoren, die zumeist nichtsportlicher Natur waren, das Geschick des Klubs aber bestimmten. Das beeinflußte zunehmend auch den Stil der Analysen bei SEITENWAHL und kam uns allen in der Redaktion zugute, denn es führte zu einer neuen Form von Realismus und Professionalität.

Daß SEITENWAHL zum Gesprächsgegenstand und -partner bei Borussia wurde, brachte Herausforderungen, denn das Gleichgewicht zu finden zwischen Unabhängigkeit und kritischer Distanz einerseits sowie organisatorische Einbindung in zunehmend professionelle Medienarbeit und konstruktivem Dialog mit Vereinsrepräsentanten anderseits ist delikat. Dieses Gleichgewicht mußte jeder Redakteur im Einzelfall definieren, ohne Herkunft und Philosophie SEITENWAHLs zu diskreditieren. Diese Entwicklung eröffnete aber auch Chancen, da nunmehr ein wesentlich besserer Zugang zu Mannschaft, Trainer und Mitarbeitern auf allen Ebenen möglich war. Neben einer vertieften Fähigkeit zum Analysieren brachte dies weitere Ergebnisse, zumeist in Form von „unbezahlbaren“ Erlebnissen, um eine Anleihe bei der Werbung eines bekannten Kreditkartenunternehmens zu nehmen – und zwei Flaschen stilles Mineralwasser aus DFB-Beständen.

Intervall IV: Das Telefon klingelt. „Waltraud!?“ frage ich hoffnungsfroh. „Grindel“ schnauft es am anderen Ende der Leitung. „Ich habe eine Rechnung mit Ihnen offen. Sie schulden dem DFB einen Euro und 80 Cent.“- „Wieso das?“ zeige ich mich erstaunt, obwohl ich genau weiß, was los ist. „Sie haben 2005 zwei Halbliterflaschen stilles Mineralwasser aus dem Fundus des DFB entwendet, hat mir Beckenbauer gesagt, und der braucht jetzt jeden Cent.“- „Legen Sie Beweise auf den Tisch und geben Sie mir dann eine Kontonummer auf den Cayman-Inseln“, entgegne ich. – „Ich frage Beckenbauer“, sagt Grindel und legt auf.

Eines Tages war ich zu Besuch bei der U20-Nationalmannschaft und interviewte Marcell Jansen und Marvin Compper. Es war brütend heiß, mein Aufnahmegerät hatte bereits den Hitzetod gefunden, und ich machte mich auf zur Rückfahrt, als Jansen mich besorgt fragte, ob ich auch genügend Getränke für die Rückfahrt im Auto hatte. Ihm war während unseres langen Gesprächs aufgefallen, daß ich nichts trank, was für ihn als Leistungssportler unverständlich war. Ich offenbarte jeglichen Mangel an Getränken, woraufhin Jansen mich durch den DFB-Trakt schleuste, um endlich einen Kühlschrank mit Wasser zu finden, aus dem ich mich bedienen konnte. Ich erhielt die Auflage, meinen Flüssigkeitshaushalt zu regulieren, und wurde freundlich entlassen.

Ich erwähne diese kleine Anekdote – stellvertretend für viele andere – so ausführlich, weil sie prototypisch ist für das, was mich zunehmend am meisten interessierte: die Menschen hinter der öffentlichen Fassade. Die allermeisten Fans haben ein Bild vom Fußball und dessen Hauptakteuren, das in keiner Form der Realität entspricht. Verfügt man hingegen über Menschenkenntnis, Beobachtungsgabe und Zugang hinter den Kulissen, lassen sich Eindrücke gewinnen, die schon nach kurzer Zeit profunde Urteile über die Qualität und den Charakter einer Mannschaft ermöglichen. Viele dieser Beobachtungen haben wir in unsere Berichterstattung und Analysen einfließen lassen, und es kam unserer Prognosefähigkeit enorm zugute. Wer einen Jupp Heynckes nach einem verlorenen Pokalspiel in Osnabrück auf einem alten Schemel sitzend interviewen durfte, während draußen die Fans die Abfahrt des Busses blockierten, lernt en einem Abend mehr als bei jahrelangem TV-Konsum der Champions League. Ich dufte im Laufe zweier Jahrzehnte vielen Menschen begegnen, deren Charakter mehr Menschlichkeit und Tiefgang aufweist, als es den gängigen Klischees entspricht, und jede dieser Begegnungen war erfüllend und bereichernd.

SEITENWAHL veränderte sich im Laufe dieser langen Zeit als Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, den jeder Redakteur durchlief. Für mich wurde das Tagesgeschäft von Vor- und Spielberichten immer weniger interessant, weil mich beim Fußball zunehmend mehr die Hintergründe und weniger die einzelnen Resultate faszinierten. Glücklicherweise fiel uns in dieser Zeit ein engagierter und sachkundiger Forumsbesucher auf, mit dem wir schnell auf einer Wellenlinie lagen. Mike Lukanz erweiterte dann die Redaktion und gab wichtige neue Impulse. Für ihn sollte SEITENWAHL ein Sprungbrett werden für eine sehr beachtliche Karriere im Medienbereich, und er blieb damit im Laufe der Zeit nicht der Einzige. Für mich war Mikes Mitarbeit ein Glücksfall, denn nun konnte ich beruhigt das tun, was ich wollte: über Fußball auf eine eher schriftstellerische Art berichten, die zwar auch vom Tagesgeschäft inspiriert wurde, aber unabhängig war von der aktuellen Punktzahl Borussias.

Die längste, erfolgreichste und – wie ich finde – schönste Rubrik in dieser Hinsicht war der „Seitenwechsel“, ein Schlagabtausch in Form eines Briefwechsels, den wir uns mit den Kollegen des VfLog lieferten. Beim VfLog handelte es sich um eine dieser seltenen und seltsamen Perlen, die das Internetzeitalter hervorgebracht hatte, ein Blog betrieben von einem Borussia- und einem VfL Osnabrück-Fan. Beide Vereine teilte damals ein Schicksal voller Momente des Scheiterns, Wiederaufstehens und Um-so-schöner-Scheiterns. Das erfüllte uns mit Melancholie, Weisheit und Großmut, die sich in einem mehrjährigen Wechselgesang auf die Abgründe, aber auch die schönen Momente des Fußballs niederschlugen. Wenn ich heute 20 Jahre SEITENWAHL feiere, dann verspüre ich Dankbarkeit und Stolz, daß solche Formate möglich waren und von unseren Lesern geschätzt wurden. Zugleich frage ich mich, ob es nicht schön wäre, sich solchen Formaten wieder vermehrt zuzuwenden, denn es sind Inhalte, die sich dem eindimensionalen Weltbild von Modefans entziehen, und das ist ein Wert an sich und das, wofür SEITENWAHL seit zwei Jahrzehnten steht.

Inzwischen wird SEITENWAHL weitergeführt von einer neuen Redaktion, in der Michael Heinen die ordnende Konstante geblieben ist, was ich sehr beeindruckend finde. Michael hat eine Ausdauer und Disziplin bewiesen, vor der ich nur den Hut ziehen kann, und zusammen mit seinen Mitstreitern von heute beweist er, daß auch in unserer Fast-Food-Mediengesellschaft ein legitimer Platz besteht für kritische und unabhängige Magazine. Mein Weg wurde ein anderer. Ich begann mich zunehmend zu fragen, was ich bei Borussia eigentlich noch kritisieren sollte, denn die langfristige Ausrichtung des Vereins gerade auch im nichtsportlichen Bereich überzeugte mich mehr und mehr. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, von außen ständig Leute zu kommentieren, die insgesamt einen guten Job machten. Ich wollte von nun an meine eigenen Ideen aktiv einbringen, was für mich das Ende meiner regelmäßigen Tätigkeit bei SEITENWAHL bedeutete, denn es wäre unsauber, gleichzeitig sachlich mit dem Verein zusammenzuarbeiten und in den Medien selbiges zu kommentieren. Wenn ich heute also eine Idee oder einen Diskussionspunkt habe, betrete ich die Geschäftsstelle durch den Haupteingang und nicht durch den Pressebereich, und dann diskutieren wir engagiert, ohne daß ich darüber etwas schreiben müßte oder würde. Diese Möglichkeit habe ich dank SEITENWAHL, und hierfür bin ich dankbar.

Zu diesem Jubiläumsmoment wünsche ich SEITENWAHL viele weitere erfolgreiche Jahre sowie die Kraft zur permanenten Neuerung, ohne die gewachsene Tradition zu vernachlässigen. Dies ist zugleich der Weg, den Borussia erfolgreich eingeschlagen hat. SEITENWAHL wie Borussia sind viel mehr als die Summe der einzelnen Mitarbeiter, weil die Zusammensetzung der Gruppe und ihre inhaltliche Philosophie und Ausrichtung stimmt. Das ist die beste Grundlage, um uns auch in Zukunft viel Freude zu bereiten.

Aber bitte nicht zu viel Freude, denn wenn wir ab und zu nicht leiden oder gekonnt scheitern und uns aufregen könnten, dann wären wir keine echten Borussen.

Epilog: Es klopft an der Tür. Endlich ist Waltraud da, denke ich und öffne. Vor der Tür steht ein rustikaler Typ in Gladbach-Retro-Hoodie aus den 80er Jahren mit einem Karton in der Hand. „Waltraud wurde eingespart, dafür bringe ich eine Überraschung“ verkündet er. Seufz, der Hans-Meyer-Kuckuck hat Dich verarscht, denke ich. „Ich möchte Ihre Überraschung nicht“ sage ich trotzig, um nur zwei Sekunden später begierig hinzuzufügen: „Was ist es denn?“ Wortlos öffnet er den Karton, der eine Original-Raumausstattung von Lothar Matthäus, eine Osram-Glühbirne und einen äußerst vergilbten Gutschein für einen Herrenschnitt Vokuhila beim Friseur enthält, einzulösen nach dem nächsten Titelgewinn. Der Typ wendet sich zur Tür. „Darf ich wenigstens noch Ihren Namen wissen?“ frage ich. „Hans-Jürgen“ antwortet er, lacht schallend und geht.

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