Man kann Trainer und Mannschaft nach dem 1:2 gegen Wolfsburg nicht genug danken. Sie haben alles dafür getan, um die Fanszene wieder zu einigen. Nach diesem Spiel dürften auch die letzten Zweifler davon überzeugt sein, dass ein Trainerwechsel unabdingbar ist. Das Spiel war sinnbildlich dafür, was in den vergangenen Monaten schief gelaufen sein muss. Aus einer Spitzenmannschaft ist in atemberaubendem Tempo eine verunsicherte und konzeptlose Truppe geworden. Einst als begnadet bezeichneten Hochbegabten gelingt kein Pass über fünf Meter mehr, die Zahl der sogenannten "unforced Errors" ist kaum zu zählen, jedewede Automatismen sind dahin. Allein der Einsatz stimmt nach wie vor, und das ist dann auch das Einzige, aus dem Mann die Hoffnung ziehen kann, dass die Mannschaft nicht kaputt sondern nur angeschlagen ist. Wie sonst soll man dieser Vielzahl von Problemen zu Leibe rücken, als mit einem neuen Trainer - ganz unabhängig davon, wie groß man die Verantwortung von André Schubert am Niedergang von Borussia einschätzt.

Das Spiel gegen Wolfsburg war im Grunde genommen die Entwicklung der letzten Wochen in einer Nussschale. Stellungsfehler und Nachlässigkeiten in der überforderten Abwehr führten zu Gegentoren. Beim 0:1 reichte ein einfacher flotter Spielzug, die Defensive komplett auszuhebeln. Oscar Wendt ließ Daniel Caligiuri allein. Auch beim Wolfsburger Siegtreffer war es schnelles einfaches Spiel, das die überforderte Hintermannschaft alt aussehen ließ. Darüber hinaus lieferte sich nahezu jeder Spieler Fehler, die aus der kompletten Unsicherheit resultieren dürften. Exemplarisch genannt sei der haarsträubende Fauxpas von Yann Sommer, der Julian Draxler den Ball im Strafraum völlig anlasslos in die Füße spielte (zu Sommers Ehrenrettung sei auch die folgende Heldentat nicht unterschlagen, die ein eigentlich sicheres Gegentor verhinderte). Mo Dahoud, dem einzigen Spieler auf dem Platz mit dem Potenzial, so etwas wie Struktur ins Aufbauspiel zu bringen, gelang fast nichts. Den Pässen fehlte die Präzision, seine Ideen waren entweder schlecht oder wurden von seinen Mitspielern nicht antizipiert. Als Borussia sich zu Beginn der zweiten Halbzeit etwas fand und gegen wahrlich nicht gute Wolfsburger zu Gelegenheiten kam, schlug die zuletzt gegen Köln und Hoffenheim erlebte Abschlussschwäche zu. Immerhin gab es wieder Abschlüsse, mag man der Mannschaft zu Gute halten, und einmal immerhin traf Borussia auch. Die Show, die Torschütze Thorgan Hazard nach dem Ausgleich abzog, legt nahe, dass einige Spieler die Lage nicht begriffen haben oder - ihr junges Alter sei als Entschuldigung herangezogen - nicht in der Lage sind, daraus Konsequenzen zu ziehen. Als hätte er gerade den Siegtreffer im Pokalfinale erzielt oder zumindest das Tor des Jahre, baute sich der Belgier an der Eckfahne in Siegerpose auf und ließ sich von den Mitspielern huldigen. Wenig erwachsen war auch die Reaktion der Mannschaft nach dem Wiederanpfiff. Wie schon häufig in den vergangenen Monaten ließ das Team sich locken, ging allzumutig auf das zweite Tor. Die Folge war das 1:2 durch Gomez - die Niederlage war besiegelt. 

Dass die Mannschaft ihren Übungsleiter im Sticht gelassen hat, gar gegen den Trainer gespielt hat, lässt sich kaum belegen. Dass sich Spieler haben hängen lassen, ist nicht zu beobachten. Dass immer wieder wichtige Spieler verletzt fehlen, ist richtig, aber auch die verbleibende, in der Breite ja durchaus ordentlich besetzte, Mannschaft sollte das Zeug dazu haben, in der Bundesliga gut mitzuspielen. Dass beim Verbreitern die Qualität in der Spitze nicht gehalten werden konnte, ist andererseits auch kaum zu bestreiten, was den Trainer zumindest partiell entlastet. Dennoch: Mit diesem Kader in den Abstiegskampf zu geraten, ist schon eine bemerkenswerte Leistung, für die André Schubert heute die verdiente Quittung bekommen wird. Die Probleme fingen rückblickend betrachtet genau da an, wo er der von ihm selbst beeindruckend aufgerichteten Favre-Truppe seinen eigenen Stempel aufzudrücken versuchte. Dass da Experiment Dreierkette bei der Premiere gegen Bayern gelang ist rückbringend fatal. Dass die totale Variabilität des Spielsystems in diesem denkwürdigen Spiel gelang, ließ sie quasi zum Fetisch des Übungsleiter Schubert werden. Es ist kaum nachzuhalten, was danach alles probiert wurde, welche Spieler sich auf welcher Position versuchen durften und wie das Spiel mal am Gegner ausgerichtet wurde, dann wieder nicht. Wo, wenn nicht dort, ist der Grund für das Wegbrechen der kompletten Spielstruktur zu suchen? Es war André Schubert, der eine perfekt organisierte Mannschaft in einen Hühnerhaufen verwandelt hat. Irgendwann hat die Entwicklung dann eine Eigendynamik bekommen, ab diesem Punkt waren die Einflussmöglichkeiten des Trainers wohl schon begrenzt. Eine Mannschaft, die nicht mehr an sich selbst glaubt, ist nur von einem wirklich sehr starken und überzeugenden Trainer aus dem Sumpf zu holen. Das war Schubert leider nicht. Sein Nachfolger, dem Vernehmen nach Dieter Hecking, hat hier eine Herkules-Aufgabe vor der Brust.

Der Wechsel auf der Trainerbank löst sicher nicht alle Probleme, schon gar nicht von allein. Zu hoffen ist, dass Schuberts Nachfolger die Probleme korrekt erkennt und an den richtigen Stellen eingreift. Eine klare Spielidee abseits von der Frage, welche Systeme gerade hip sind, ist unabdingbar. Nur so findet die Mannschaft wieder zu sich. Eine eindeutige Rollenverteilung auf dem Platz kann helfen, der Mannschaft wieder eine Struktur zu geben. Ob allerdings für alle Rollen auch die richtige Besetzung vorrätig ist, ist weiter eine offene Frage. Dass Führungsspieler fehlen, hat Max Eberl zuletzt selbst eingeräumt. Der apostrophierte "Schweinehund" ist nicht da, das schon vor der Saison angemahnte Vakuum, dass der Abgang vor allem von Stranzl und Xhaka hinterlassen hat, konnten die dafür vorgesehenen Spieler nicht füllen. Ob ein neuer Trainer aus Mitläufern Leader machen kann oder ob tatsächlich Neuzugänge sofort in diese Lücke stoßen können, wird entscheidend dafür sein, wie Borussia in der Rückrunde abschneidet.

Ob Borussia überhaupt in absehbarer Zeit wieder in die Spur findet? Die Voraussetzungen sind schlecht. Der neue Trainer ist, unabhängig vom Namen und davon, was Borussia heute verlautbaren lässt, keine Wunsch- sondern eine Notlösung. Die Top-Lösung ist im Winter nicht greifbar. Ein sorgfältiges Casting, ein Abgleichen mit der Borussen-Philosophie, kann es schlechterdings nicht geben, wenn derart Druck im Karton herrscht. Es ging nicht weiter wie bisher und muss irgendwie weitergehen. Einziges Ziel bis zur Sommerpause muss sein, aus einem Bad Case keinen Worst Case werden zu lassen. Mit Nachhaltigkeit und dem Leitplanken-Gedanken, der Borussia auszeichnen sollte, hat das freilich nichts zu tun. Es geht schlicht nicht anders.

 

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