Mit der bisher besten Saisonleistung erkämpfte sich Borussia am heutigen Sonntag vor nicht ganz ausverkauftem Haus gegen das Spitzenteam aus Bremen ein 2:2-Unentschieden. Nando Rafael traf in letzter Sekunde für die Gastgeber, die nach Toren von Womé und Vranjes bei zwischenzeitlichem Ausgleich durch Michael Delura bereits eine weitere Niederlage vor Augen hatten.
Es sind diese kleinen Zufälle und Gegebenheiten, die am Ende einer Saison entscheidend sein können. Als Steve Gohouri bei einem Zweikampf mit Per Mertesacker zusammenstieß, doch nur der Bremer Nationalspieler verletzt ausgewechselt werden musste, während Gohouri mit einem Kopfverband weiterspielte, ahnte noch niemand, dass diese Szene am Ende entscheidend sein würde.

Jos Luhukay wartete auch in dieser Woche mit einigen Änderungen zum vergangenen Spiel in Dortmund auf. Bedingt durch den Ausfall Kahês, den eine Grippe am Einsatz hinderte und die Nichtnominierung von Bernd Thijs und Wesley Sonck, begann Borussia das Spiel ohne klassischen Stürmer. Nando Rafael agierte im Verbund mit Federico Insua in vorderer Front, Marcell Jansen begann auf seiner vertrauten Position als linker Verteidiger, Hassan El-Fakiri wurde die Aufgabe zuteil, Bremens Spielmacher Diego aus dem Spiel zu nehmen und Bo Svensson sollte ebenfalls im defensiven Mittelfeld sowohl den offensivstarken und kopfballstarken Tim Borowski aus dem Spiel nehmen, als auch für eigene Impulse nach vorne sorgen. Michael Delura und Peer Kluge besetzten die Außenpositionen im Mittelfeld, Bögelund, Ze António und Steve Gohouri komplettierten die Riege der Feldspieler. Das Tor hütete Kapitän Kasey Keller.

Es saßen noch nicht alle Zuschauer auf ihren Plätzen, da musste Keller das erste Mal eingreifen. Borowski tauchte nach wenigen Sekunden Spielzeit links im Strafraum der Gladbacher auf, seine Hereingabe auf Klose fing der US-Amerikaner im Tor allerdings ab. Das Spiel begann auf gutem und schnellem Niveau. Bereits in der 7. Minute hatte Borussia die große Gelegenheit, ihrerseits die Führung in diesem für beide Mannschaften wichtigen Spiel zu erzielen. Nando Rafael bot sich aus elf Metern halbrechter Position eine gute Gelegenheiten, doch der eigentlich platzierte Schuss strich nur wenige Zentimeter am Bremer Gehäuse vorbei. Die Fans im BorussiaPark spürten von Beginn an, dass der Einsatz ihrer Mannschaft stimmte und honorierten dies bereits in dieser frühen Phase mit lautstarker Unterstützung.

Dass die Bremer über schussgewaltige Spieler verfügen, bewies in der 11. Minute Womé zum Leidwesen der Gladbacher eindrucksvoll. Nach einem Flankenwechsel der Gäste kam Womé kurz hinter der Mittellinie an den Ball, lief einige Meter, zog aus gut dreißig Metern ab und traf zur 1:0-Führung für Werder. Bei diesem Schuss sah Kasey Keller nicht allzu gut aus. Der Ball flatterte in der Luft und drehte sich vom Torwart weg, dennoch war es die „Torwartecke", in die der Ball ins Netz flog. Die nicht unverdiente, aber dennoch überraschende Führung ließ das Gladbacher Spiel in den ersten Minuten etwas ins Stocken geraten und auch die Ränge wurden merklich ruhiger. In Minute 16 bewies Keller jedoch einmal mehr seine starken Reflexe, als Per Mertesacker in Folge einer Ecke von der rechten Gladbacher Seite aus kurzer Distanz zum Kopfball kam, den Gladbachs Kapitän mit einer starken Parade über die Latte lenken konnte. In der direkt folgenden Szene konnte Borussia dann den viel umjubelten und wichtigen Ausgleichstreffer erzielen. Peer Kluge spielte auf der linken Mittelfeldseite zwei Gegenspieler aus und passte auf den in der Mitte durchstartenden Michael Delura, der geschickt die Lücke in Bremens Innenverteidigung erkannte und ausnutze. Delura lief alleine auf Wiese zu und erzielte mit seinem zweiten Saisontreffer das 1:1.

Borussia überzeugte in dieser ersten Halbzeit mit aggressivem Pressing, alle Mannschaftsteile verschoben klug, Bremens Offensivkräfte Diego, Klose und Almeida konnten weitestgehend neutralisiert werden. Im Gegensatz zu den Spielen gegen Aachen und Dortmund wirkten die eigenen Offensivaktionen hingegen zielstrebiger und genauer. Die Gladbacher überzeugten in dieser Phase mit hoher Laufbereitschaft und der Portion Leidenschaft, die ihnen in den vergangenen Wochen und Monaten so oft abging.
Kurz vor Ende der ersten Halbzeit tankte sich Michael Delura bis in den Strafraum der Gäste durch, sein Pass auf den in der Mitte freistehenden Rafael konnte jedoch im letzten Moment von Naldo geklärt werden. Pünktlich nach 45 Minuten ging es unter dem großen Beifall der Zuschauer in die Halbzeitpause.

Unverändert begannen beide Teams den zweiten Spielabschnitt. Borussia begann sofort da, wo sie in der ersten Halbzeit aufgehört hatte: mit direktem und zielstrebigem Offensivspiel. Die Gäste aus der Hansestadt hatten arge Probleme, die Gladbacher Angriffe abzuwehren, so dass das Team von Jos Luhukay zwischen der 49. und 54. Spielminuten mehrere gute Chancen hatte, doch weder Kluge, noch Delura oder Jansen vermochten diese Chancen zur Führung zu nutzen. Ab der 60. Minute konnte sich Bremen allmählich vom Druck der Gastgeber befreien und übernahm seinerseits die Spielkontrolle. Borussia schien in dieser Phase dem hohen Tempo aus der ersten Stunde Tribut zu zollen und wirkte müde. Die Aktionen der Gäste waren nun klarer und zielstrebiger, besonders im Mittelfeld hatte der Meisterschaftskandidat aus Bremen die klareren Spielanteile, welche sich bald in Torchancen auszahlten. Der heute sonst schwach spielende Nationalspieler Miroslav Klose nutze in der 63. Minute einen Stellungsfehler von Marcell Jansen zum Kopfball, doch diese Chance konnte Keller mit einem starken Reflex vereiteln.
Luhukay erkannte die bei einigen Spielern nachlassende Kondition und die Tatsache, dass die Bremer Angriffe fast ausschließlich durch die Mitte initiiert wurden. Er versuchte durch Spielerwechsel etwas Tempo aus dem Spiel zu nehmen und so feierte Sebastian Svärd, der für den gut spielenden, aber müden Bo Svensson eingewechselt wurde, in der 65. Minute sein Bundesligadebut. Svärd übernahm nahtlos die Stelle seines dänischen Kollegen Svensson und agierte nun mit El-Fakiri vor der Abwehrkette.

Trotz der Bremer Überlegenheit ergaben sich für Borussia das ein oder andere Mal Kontergelegenheiten. Die größte dieser Art hatte Federico Insua in der 72. Minute, der von Kasper Bögelund auf dem linken Flügel angespielt wurde und von zwei Bremer Gegenspieler flankiert auf das von Tim Wiese gehütete Tor zulief. Nach diesem langen Sprint konnte der Argentinier zwar den ersten Verteidiger noch ausspielen, für einen platzierten Torschuss oder einen Pass auf den inzwischen aufgeschlossenen Steve Gohouri fehlte am Ende die Kraft. Dennoch löste sich Borussia in dieser Phase wieder aus dem Druck der Bremer und konnte das Spiel offener gestalten. Insgesamt hatte das Spiel in der Zwischenzeit nicht mehr die Dynamik und Aggressivität aus der ersten Halbzeit, spannungsarm wurde es jedoch zu keiner Zeit. Beide Mannschaften wollten dieses Spiel gewinnen und so ergaben sich auch weiterhin Torchancen auf beiden Seiten. Borussia agierte in der Schlussviertelstunde vermehrt über die Flügel, wobei hier Marcell Jansen die ein oder andere gute Aktion einleitete oder direkt daran beteiligt war. So konnte die Bremer Deckung um Torwart Wiese zwei gute Hereingaben von der linken Seite mit höchster Not vor einschussbereiten Gladbachern klären (75., 82.).

In der 81. Minute ereignete sich die bereits eingangs angedeutete Szene zwischen Steve Gohouri und Per Mertesacker. Nando Rafael hatte den Ball aus spitzem Winkel in den Strafraum geflankt, der Ball wurde zur Bogenlampe abgefälscht, Gohouri und Mertesacker stießen beim Kopfballversuch mit den Köpfen aneinander und blieben beide minutenlang benommen am Boden liegen. Allerdings konnte man hier noch nicht ahnen, welchen Verlauf die folgenden zehn Minuten noch nehmen sollten, denn fünf Minuten vor dem Ende nutzte der eingewechselte Vranjes einen nicht sauber geklärten Ball der Gladbacher Hintermannschaft und erzielte mit einem abgefälschten Distanzschuss aus über 20 Metern die 2:1-Führung seiner Mannschaft. In diesem Moment schien jeder im Stadion einmal mehr zu realisieren, welchen Spielverlauf solche Begegnungen nehmen, wenn eine der beiden Mannschaften ganz unten, die andere (fast) ganz oben steht. Doch, das sollte die Erkenntnis und Motivation der nächsten Wochen sein, Borussia wurde an jenem Abend nicht mit Pech bestraft, sondern hatte das Glück auf ihrer Seite. Zuerst wurde ein weiterer Treffer der Bremer durch Frings wegen vermeintlicher Abseitsstellung aberkannt (die TV-Bilder zeigten, dass Diego beim Schuss von Frings nicht im Abseits stand, was jedoch mit menschlichem Auge kaum wahrnehmbar war), dann ließ Dr. Fleischer in Erinnerung an die lange Verletzungsunterbrechung von Gohouri und Mertesacker ganze vier Minuten nachspielen. Vier Minuten, die Borussia, angepeitscht von einer heute grandiosen Nordkurve, am Ende nutzen konnte. In der 94. Minute bekam Borussia kurz vor der Mittellinie einen Freistoß zugesprochen. Nahezu alle Spieler bis auf Torhüter Keller und Insua liefen in den Strafraum der Werderaner. Insua schlug den Ball direkt an die Strafraumgrenze, Gohouri entschied wie seinerzeit Arie van Lent im Spiel gegen Leverkusen 2003 (2:2 am Bökelberg) das entscheidende Kopfballduell für sich, verlängerte den Ball in den Strafraum, wo sich Nando Rafael ein Herz fasste und den Ball zum 2:2-Ausgleich ins lange Eck schoss. Das Stadion stand Kopf, der Schiedsrichter pfiff gar nicht mehr an und Gladbachs Spieler lagen sich in den Armen.

Auch dieses Unentschieden bringt natürlich nur einen Punkt, doch ist eben dieser Punkt aus einigen Gründen wie ein Sieg zu betrachten. Die Mannschaft hat ihre bis dato beste Saisonleistung abrufen können gegen eine Bremer Mannschaft, die sich am heutigen Tag nicht so schwach präsentierte, wie es einige erwartet hatten. Nach langer Zeit konnte ein wichtiger Treffer in der Schlussminute erzielt werden, der wichtig für die Moral sein wird. Borussia konnte sowohl kämpferisch als auch spielerisch vollends überzeugen, erzielte nach langer Zeit zwei lupenreine und herausgespielte Tore und erarbeite sich gegen eine mit starken Namen besetzte Bremer Defensive viele gute Torchancen. Es ist sicher nicht alles Gold, was nun glänzen mag. Doch Borussia hat speziell nach den Ergebnissen der Konkurrenten ein Lebenszeichen von sich gegeben und gezeigt, dass man den Abstiegskampf mit der richtigen Einstellung angeht. Schafft es Jos Luhukay, diese Leistung und den Glauben an die eigene Stärke in die nächsten Spiele zu transportieren, dann wird Thomas Schaaf Recht behalten, als er auf der Pressekonferenz nach dem Spiel sagte: „Wer diese Gladbacher Mannschaft schon abschreibt, macht einen großen Fehler."


Borussia: Keller - Bögelund (Degen, 86), Gohouri, Zé Antonio, Jansen - Svensson (Svärd, 66), El Fakiri - Delura, Insua, Kluge (Compper, 79) - Rafael.

Ersatz: Heimeroth - Thygesen, Fleßers, Polanski

Bremen: Wiese - Niemeyer, Mertesacker (Pasanen, 81), Naldo, Womé - Frings - Jensen, Bowowski (Vranjes, 49) - Diego - Klose, Almeida (Hunt, 56).

Tore: 0:1 Womé (11.), 1:1 Delura (17.), 1:2 Vranjes (84.), 2:2 Rafael (90.+4.).

Gelbe Karten (Borussia): Kluge, Delura, Gohouri.

Zuschauer: 50.644.

Schiedsrichter: Dr. Helmut Fleischer.

Besondere Vorkommnisse: Sebastian Svärd absolvierte heute sein erstes Pflichtspiel für die erste Mannschaft der Borussia seit seinem Wechsel im Sommer 2006. Auch im dritten Spiel im BorussiaPark konnte Werder Bremen nicht gewinnen und kassierte in jedem Spiel mindestens 2 Gegentore.

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