Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder kritische Stimmen, die den verzerrten Blick auf die Realität im Mönchengladbacher Umfeld angemahnt hatten. Ein bizarres Beispiel dessen, was damit gemeint sein könnte, lieferte der BorussiaPark an diesem Samstag ab. Während auf dem Rasen eine bemühte, aber hoffnungslos überforderte Mönchengladbacher Mannschaft den nächsten Schritt in Richtung Zweitklassigkeit tat, brandete im Stadion lauter Jubel aus, als auf der Anzeigetafel die sich abzeichnende Niederlage der Münchener Bayern zu sehen war. Dass der HSV, nüchtern betrachtet, ein eigener Konkurrent im Abstiegskampf war, der sich gerade anschickte, in München zu gewinnen, wurde offensichtlich vergessen. Noch immer ist die Rivalität zum FC Bayern ausgesprägter als eigene Existenzsorgen, dabei trennen diese beiden Clubs nicht erst seit dieser Saison Welten.

Jos Luhukay nahm zur Vorwoche kaum Veränderungen vor. Lediglich Sebastian Svärd ersetzte den verletzten Michael Delura. Luhukay hatte im Laufe der Woche angemerkt, dass die letzten Spiele auch eine Art Charaktertest darstellten und der Trainerstab jeden Spieler genau beobachten würde. Diese versteckte Kritik schien in der Anfangsphase Wirkung zu zeigen. Borussia begann recht ordentlich gegen abwartende Stuttgarter. Schon in der fünften Minute hatte Peer Kluge eine gute Gelegenheit, seiner Mannschaft die oft ersehnte eigene Führung zu besorgen, doch sein Schuss aus halblinker Position ging deutlich am Tor von Timo Hildebrand vorbei.
Die Gäste aus Stuttgart standen tief in der eigenen Hälfte, doch Ansätze ihres sonst so effektiven und erfolgreichen Konterspiels waren zu keinem Zeitpunkt zu erkennen. So bedurfte es eines Fehlers in der Gladbacher Hintermannschaft, dass Cacau frei vor Christofer Heimeroth auftauchte (14.). Den Schuss des Brasilianers konnte Kellers Ersatzmann jedoch parieren.
Die folgenden 15 Minuten waren geprägt von Distanzschüssen, oder den Versuchen solcher. Zweimal Marcell Jansen (16., 19.) und einmal Kasper Bögelund (25.) probierten sich hierbei, doch alle Versuche blieben ohne große Wirkung oder Torgefahr. Dennoch, Borussia erweckte nicht den Eindruck, dass man dieses Spiel ein weiteres Mal so seelenlos abliefern wollte wie dies noch in der Vorwoche der Fall war. Sinnbildlich hierfür die 29. Minute: Marvin Compper, der erneut auf der linken Verteidigerposition agierte, setzte sich auf Höhe der Mittellinie mit energischem Einsatz gegen einen ballführenden Stuttgarter Spieler durch und sah sich in dessen Folge in einer eigenen 4 gegen 2-Situation. Doch ebenso sinnbildlich vertändelten Compper, Kluge, Insua und Rafael diese große Chance.

Der VfB Stuttgart, der nach der gestrigen Niederlage des FC Schalke 04 die große Chance hatte, mit einem Sieg aus der Rolle des Verfolgers von Bremen und Schalke herauszutreten, und selber zum Meisterschaftskandidaten zu avancieren, bot jedoch eine dürftige Partie bis zu diesem Zeitpunkt. Dass starke Mannschaften nicht immer starke Spiele brauchen, um die nötigen Punkte einzufahren, bewies sich beinahe in der 37. Minute, als der sonst blasse Benny Lauth in Folge einer Ecke frei vor dem Gladbacher Gehäuse stand. Sein Kopfball wurde vom heute souverän aufspielenden Heimeroth mit einem starken Reflex abgewehrt und auch der Nachschuss von Thomas Hitzlsperger konnte Heimeroth nicht überwinden.

Mit einem insgesamt verdienten 0:0 ging es in die Kabinen. Borussia war in der ersten Halbzeit von zwei schwachen Mannschaft die leicht agilere, wenngleich beim VfB Stuttgart der Eindruck entstand, dass sie nicht mehr taten, als unbedingt notwendig. Irgendwann ergibt sich eine gute Gelegenheit, und diese gilt es auszunutzen. Diese gute Gelegenheit bot sich wenige Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit. Roberto Hilbert setzte sich gegen Bo Svensson an der Strafraumgrenze durch, lief alleine auf Heimeroth zu und im Gegensatz zu Peer Kluge aus der ersten Halbzeit versenkte Hilbert den Ball mit einem gezielten Schlenzer ins lange Eck (53.). Nur zwei Minuten später hatte Federico Insua die Gelegenheit, den sofortigen Ausgleich zu erzielen. In die flache Hereingabe von Marcell Jansen rutschte der Argentinier hinein, der Ball trudelte jedoch am langen Pfosten vorbei. Diese Szene sollte den vorläufigen Schlusspunkt hinter die Gladbacher Offensivbemühungen setzen. Ein Phänomen, das schon seit langer Zeit zu beobachten ist: mit dem ersten Gegentor brechen alle Dämme, die Körpersprache ändert sich, das vorher noch ordentliche Pass- und Laufspiel erlahmt nahezu völlig. In der 70. Minute war es dann erneut Insua, der im Strafraum des Gegners eher zufällig an den Ball kam, sich jedoch mehreren Gegenspielern gegenüber sah. Insua fand die Lücke, sein Schuss ging jedoch knapp am linken Torpfosten vorbei. Insgesamt merkte jeder Beobachter, dass das Spiel vorbei war. Der VfB verwaltete die Führung im Wissen um zu harmlose Gladbacher und zog sich vollends in die eigene Hälfte zurück.

Peer Kluge bot sich wenige Minuten vor Schluss eine letzte gute Chance, doch der zukünftige Nürnberger brachte das Kunststück fertig, seinen Schuss aus knapp zehn Metern Torentfernung ins Seitenaus (!) zu bugsieren. Kurz darauf holte sich Steve Gohouri nach zwei unnötig harten Fouls in der eigenen Hälfte die gelb-rote Karte ab. Dem Nationalspieler der Elfenbeinküste sah man in diesen Aktionen den ganzen Frust an, der sich im Laufe dieses Spiels (und der Rückrunde) aufgestaut hatte. Wort- und grußlos stampfte Gohouri in die Kabine, in die ihm seine Mannschaftskollegen wenige Minuten später folgten

Kurioserweise hätte man heute mit einem Sieg die Tuchfühlung auf Platz 15 wieder aufnehmen können, da die Konkurrenz ausnahmslos patzte. So wurde der rechnerische Abstieg lediglich um eine Woche verschoben. Es gibt demnach Tage, an denen sich eine Geschichte (ein Spielbericht) sehr schön schließt: wie groß die Trennung zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FC Bayern München ist, könnte sich in der nächsten Woche auf sehr grausame Weise zeigen. Wenn es dann - man verzeihe mir die Floskel - ausgerechnet der alte, große Rivale sein wird, der Borussia auch rechnerisch in die 2. Liga befördert. So schließt sich ein kleiner Kreis 1. Liga, der nach dem Aufstieg 2001 mit dem sensationellen 1:0-Sieg über eben diese Bayern begann.

Durch das 3:2 der Bielefelder gegen Werder Bremen am Sonntag Abend wurde dem FC Bayern diese Entscheidung schon abgenommen. Borussia ist durch dieses Ergebnis auch rechnerisch nicht mehr zu retten, da es am nächsten Spieltag zum direkten Duell der Frankfurter Eintracht gegen Alemannia Aachen kommt und eine von beiden Mannschaften danach mindestens 35 Punkte auf dem Konto haben wird.

Borussia: Heimeroth - Bögelund, Svensson, Gohouri, Compper - El Fakiri (Kahê 78), Svärd - Kluge, Jansen - Insua, Rafael.

Stuttgart: Hildebrand - Osorio, Tasci, Delpierre, Magnin - Pardo - Hilbert (Beck 88), Khedira, Hitzlsperger - Lauth (da Silva 46), Cacau (Streller 85).

Tore: 0:1 Hilbert (53.).

Gelbe Karten (Borussia):  Rafael, Kluge.

Gelb-Rote Karte: Gohouri (90.).

Zuschauer: 48.014 (88,88 %)

Schiedsrichter: Herbert Fandel (Kyllburg)

Besondere Vorkommnisse: Es war im Saisonspiel 31 Borussias Spiel Nummer 16 in dieser Saison ohne eigenen Torerfolg, dabei verteilen sich diese Partien nun zur Hälfte auf die Amtszeit Heynckes und die Amtszeit Luhukays. Im zwölften Spiel des Abschnitts Luhukay erzielte Borussia weiterhin lediglich acht eigene Tore, die sich auf vier Partien verteilen und deren Bärenanteil beim 3:1 über Berlin zustandekam, und kassierte zwölf Treffer. Es war ferner die sechste 0:1-Niederlage seit dem letzten Trainerwechsel, die zehnte 0:1-Niederlage seit Saisonbeginn. In ihrer 40-jährigen Geschichte als Teilnehmer an der 1. Bundesliga hatte die Borussia nach 31 Spieltagen noch nie weniger Tore (derzeit: 22) erzielt. In der alsbald 45-jährigen Bundesligageschichte gab es nur zwei Mannschaften, die vergleichbar erfolglos vor dem gegnerischen Tor waren: der 1. FC Köln in der Saison 2001/2002 (20 Tore nach 31 Partien),  Tasmania 1900 Berlin in der Saison 1965/1966 (12 Tore nach 31 Spielen). Während der 90 Minuten zeigte die Nordkurve der Mannschaft deutlich, was sie von ihnen hielt. Abwechselnd wurden Transparente ausgerollt, auf denen u.a. "Ein Team? Ein Witz!", "Söldner kommen und gehen" oder "Willkommen in der Realität" stand.

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