Berlin ist pleite. So wie die Hauptstadt heute feststellen musste, dass ihre einstige Verschwendungssucht nicht vom Bund nachfinanziert werden wird, geht auch die Hertha aus Berlin finanziell am Stock. Fast möchte man ein „Und das ist auch gut so“ ergänzen, denn letzten Endes muss man für Sünden der Vergangenheit in irgendeiner Form schon bestraft werden. Welche Sünden allerdings die stets weit reisenden Fans der Borussia in ihrer Vergangenheit begangen haben mögen, um die ihnen auferlegte Strafe von (hoffentlich nur) 7 Jahren Auswärtspech zu verdienen, wollen wir uns an dieser Stelle lieber nicht ausmalen.

Borussia: Zuhause tritt Borussia auf wie Roger Federer. Nicht immer schön, aber nüchtern-sachlich eilt man von Sieg zu Sieg. Auswärts dagegen erinnert man eher an Anna Kurnikova: überall gerne gesehen, aber gnadenlos erfolglos. An diesem Wochenende hat der Schweizer Pause und die (Bo-)Russin bekommt eine erneute Gelegenheit, den Trend zu stoppen. Gelingen soll dies ausgerechnet bei der drittstärksten Heimmannschaft der Liga aus Berlin.

Geht es nach Peter Pander, so wird dort am Samstag das Unmögliche Wirklichkeit werden. Mit dem Brustton der Überzeugung verkündete der Borussen-Manager schon im Anschluss an den Wolfsburg-Sieg, daß man in der kommenden Woche auch in der Bundeshauptstadt siegreich bleiben würde und war sichtlich bemüht, den sich aufdrängenden Eindruck des gespielten Zweckoptimismus zu zerstreuen. Vielmehr will er vorleben, was in Zukunft möglichst der ganze Verein umsetzen soll. Anstatt immer wieder das mehr als lästige Thema des Auswärtsversagens vorzukauen, möchte man eine positive Einstellung zum Grundtenor deklarieren. Die psychologische Barriere, die offensichtlich die Köpfe unserer Spieler hemmt und spätestens beim ersten Gegentreffer jeglichen Widerstand beendet, soll so zerstört werden. So lobenswert und womöglich auch alternativlos dieser Ansatz ist. Es erscheint höchst fraglich, ob sich das Problem auf diese Weise tatsächlich wird lösen können. Die Mannschaft wird sich aus der Misere schon selbst befreien müssen, indem sie endlich einmal kontinuierlich engagiert auftritt und sich nicht beim ersten Gegenwind in die Hosen macht. Die Floskel vom „über den Kampf zum Spiel finden“ mag ausgelutscht erscheinen, ist in unserer Situation aber unverzichtbar. Vermutlich wird es aber auch anderer Persönlichkeiten im Kader bedürfen ehe wir das Problem endgültig zu den Akten legen können.  

Doch bemühen wir uns, den optimistischen Weg unseres Managers mitzugehen und prüfen wir, wie sich ein Auswärtssieg in Berlin tatsächlich darstellen lassen könnte. Personell wird sich erst kurzfristig entscheiden, welche Möglichkeiten sich Jupp Heynckes ergeben. Die Youngster-Abwehr mit den recht unerfahrenen Kirch, Levels und Compper bewährte sich gegen Wolfsburg nach anfänglichen Schwächen zwar erstaunlich gut. In Berlin wird ihnen aber eine weit härtere Bewährungsprobe bevorstehen. Tobias Levels wird diese nur angehen können, wenn Bo Svensson weiter ausfällt. Der Däne wiederum will nur dann auflaufen, wenn er wieder zu 100% genesen ist. Daher steht zu vermuten, daß er anfänglich eher auf der Bank Platz nehmen wird. Selbst wenn ein Einsatz des Routiniers enorm wichtig wäre, sollten wir andernfalls den Jungen vertrauen. Die schwerste Aufgabe wird auf Oliver Kirch zukommen, der sich auf der rechten Abwehrseite mittlerweile etabliert hat und selbst bei der baldigen Rückkehr von Kasper Bögelund nicht unbedingt wird weichen müssen. Mit dem wieder genesenen Yildiray Bastürk und Kevin Boateng kommen gleich zwei offensivstarke Spieler vermehrt über die linke Seite. Der quirlige Bastürk machte uns in der Vergangenheit häufig das Leben schwer und ist nie wirklich ganz auszuschalten, selbst wenn abzuwarten bleibt, wie fit er sich nach gerade erst abgeklungenem Außenbandanriss präsentieren wird. 

In der Offensive musste Borussia am heutigen Donnerstag kurzzeitig um den Einsatz von Kahê bangen. Es ist schon verwunderlich. Noch vor etwas mehr als einem Monat hätten sich viele Borussen-Fans beinahe gewünscht, der Brasilianer möge ausfallen. Nach einigen guten Auftritten in Serie ist er jetzt aber voll akzeptiert und es würde als große Schwächung empfunden, wenn an seiner statt ein anderer der zahlreichen Stürmerkandidaten ran müsste. Ein Ersatz-Kandidat wäre Nando Rafael, der zum ersten Mal seit seinem Wechsel ins Berliner Olympiastadion zurückkehren wird und bei einer potentiellen Einwechselung besonders motiviert sein sollte. Genau wie Vaclav Sverkos, der in der vergangenen Rückrunde das Berliner Trikot spazieren tragen durfte, hat er aber im bisherigen Saisonverlauf nicht erkennen lassen, warum man ihm eine wie auch immer geartete Chance bieten sollte. Am ehesten ist daher auf Wesley Sonck zu hoffen, der nach langer Zeit endlich wieder verletzungsfrei ist und vielleicht Samstag endlich zu seinem ersten Saisoneinsatz kommt. Dieser wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht allzu lange andauern. Selbst wenn man sich vom Belgier bei entsprechender Fitness einiges erwarten darf, ist es absolut richtig, ihn nach dieser langen Abwesenheit langsam ans Team heranzuführen, um nicht einen neuerlichen Rückschlag hinnehmen zu müssen. 

Das Borussen-Mittelfeld war der Gewinner des Wolfsburg-Spiels. Delura, Thijs, Kluge und Insua überzeugten auf ihren jeweiligen Positionen und sollten daher auch in Berlin eine neuerliche Chance erhalten. Für David Degen bedeutet dies, weiter auf einen Platz in der Startelf warten zu müssen. Wenn er aber nach Einwechselungen weiter so engagiert zu Werke geht wie am letzten Samstag und seinen selbstbewussten Worten nur halbwegs so gute Taten folgen lässt, wird er nicht lange brauchen, um sich seinen Stammplatz zu verdienen.  

Der Gegner aus Berlin: 4:0 gegen Hannover, 2:0 gegen Schalke, 2:2 gegen Stuttgart. Auch wenn die reinen Ergebnisse rückläufig sind, ist die Heimstatistik der Hertha nur unmerklich schlechter als unsere eigene. Entsprechend selbstbewusst wird man am Samstag gegen unsere Borussia auflaufen, gegen die drei Punkte fest eingeplant sind. Immerhin hängt der Verein sämtlichen sportlichen Realitäten zum Trotz der Vorstellung hinterher, zur europäischen Spitze des Fussballs gehören zu müssen. Was genau sie außer der exponierten Stellung als Bundeshauptstadt dazu berufen sollte, würde zwar selbst Dieter Hoeneß nicht beantworten können. Aber die einst im preußischen Reich so hochgehaltene Bescheidenheit muss irgendwann im Laufe des 20. Jahrhunderts aus der Berliner Mode gekommen sein.  

Am vergangenen Spieltag setzte es die erste Saisonniederlage in der Bundesliga, durch die man als amtierender Tabellenführer gleich auf Rang 9 durchgereicht wurde. Dabei präsentierte sich die Hertha beim 2:4 in München über weite Strecken so wie unsereins es von Auswärtsspielen gewohnt ist. So führten die Bayern bereits früh mit 2:0 und konnten es anschließend ruhig angehen lassen. Samstag wird Falko Götz den Spieß umdrehen wollen und es kann gerade zu Beginn des Spiels mit einer stürmischen Hertha gerechnet werden, die gegen Stuttgart bereits in der Anfangsviertelstunde zwei Tore vorlegte. Marco Pantelic (4 Treffer) und Christian Gimenez (3 Treffer) bilden das bislang torgefährlichste Sturmduo der Liga, hatten in dieser Woche aber beide mit körperlichen Problemen zu kämpfen. Bei Pantelic dürfte die Erkältung bis Samstag abgeklungen sein. Ein größeres Fragezeichen steht hinter Gimenez, dem ein Bluterguss in der Leistengegend zu schaffen macht. Hinter den beiden klafft ein gewisses Loch bei den eigentlich chronisch sturmschwachen Berlinern. Srdjan Lakic kam vor der Saison mit vielen Vorschußlorbeeren aus Kroatien, die er aber längst noch nicht bestätigen konnte. In der Hierarchie ist er inzwischen gar vom 19jährigen Solomon Okoronkwo überflügelt worden, der Gimenez ggf. ersetzen würde.  

Die Rückkehr von Bastürk macht das Offensivpiel der Gastgeber weit weniger ausrechenbar. Mit ihm, Boateng, Pantelic und Gimenez verfügt Falko Götz in dieser Saison über mehr Variationsmöglichkeiten als in der Vergangenheit, in der das Spiel zu stark allein auf Marcelinho ausgerichtet war. Die rechte Seite kann als offensive Problemzone angesehen werden, stehen dort doch mit Ellery Cairo und Patrick Ebert zwei Spieler parat, die im bisherigen Saisonverlauf wenig überzeugten.  

Neben den angeschlagenen Stürmern sind auch in der Defensive einige Spieler nicht vollends fit, werden aber weitgehend zum Einsatz kommen können. So konnten Fiedler, van Burik und Friedrich zwar bis Mittwoch nicht mit der Mannschaft trainieren. Auf sie wird Trainer Götz aber kaum verzichten wollen. Sicher ausfallen wird einzig Chahed, der aber ohnehin eher zum Typ Mitläufer gehört. Die Defensive wird auf Außen flankiert durch zwei deutsche Nationalspieler. Die Jansen-Konkurrenten Fathi und Friedrich haben aber einen relativ geringen Anteil am deutschen Sommer- und Herbstmärchen dieses Jahres. Innen verteidigen die altbewährten Simunic und van Burik, vor denen der nicht minder eingefleischte Herthaner Pal Dardai staubsaugt. Auch ohne den mittlerweile abgewanderten Madlung sind die Berliner Defensivspieler bei Standards zu beachten.  

Bilanz: Da wir positiv denken wollen, drücken wir es so aus. In Berlin fand einer der ominösen 8 Auswärtssiege seit unserem Wiederaufstieg statt. Am 10.September 2002 ermöglichten uns so illustre Gestalten wie Markus Münch und Joris van Hout einen 2:1-Erfolg im fremdem Stadion. Andererseits setzte es seit unserer Rückkehr ins Fußball-Oberhaus 2001 bereits drei richtig deftige Niederlagen in der Hauptstadt. Zweimal blieben wir mit 0:3 chancenlos (einmal davon im Vorjahr im DFB-Pokal). Vor 2 Jahren war es gar eine 0:6-Schande, die Borussia in typischer Auswärtsmanier über sich ergehen ließ. Um so erstaunlicher, dass ausgerechnet diese Partie das Debüt eines gewissen Marcell Jansen erlebte, der als Einäugiger zwischen einem Haufen Blinder für erste kleinere Ausrufezeichen sorgte. Während insgesamt in Berlin mit 4 Siegen in 21 Spielen nicht oft was zu holen war, hätte es in der vorigen Saison beinahe zu einem unerwarteten Dreier gereicht. Das erste Kahê-Tor sowie ein Eigentor von Arne Friedrich brachten Borussia früh mit 2:0 in Führung, ehe man sich aber wieder viel zu weit zurück zog und sich dem Berliner Sturmwirbel auslieferte. Mit einem 2:2-Endstand wie damals könnten am Samstag aber wahrscheinlich selbst die leben, die in diesen Tagen vehement für einen Dreier plädieren. 

Schiedsrichter: Kein Geringerer als der zweimalige Welt-Schiedsrichter Dr. Markus Merk bekommt die ehrenvolle Aufgabe, unser Auswärtsspiel in Berlin leiten zu dürfen. Im Vorjahr war er viermal an Borussen-Spielen beteiligt. Zweimal ging unser Verein dabei als Sieger vom Platz (2:1 gegen Dortmund, 4:3 gegen Frankfurt). In letzterem Spiel beschwerten sich die Gäste über ein nicht gegebenes Abseitstor von Copado. Auch der FC Bayern hätte Grund zur Beschwerde gehabt, weil ihm ein Makaay-Tor ebenso aberkannt wurde wie Merks Assistent die Abseitsposition von Polanski vor dem Gladbacher Tor nicht erkannte. Dank des 3:1-Sieges des späteren Meisters fiel der Ärger der Herren Hoeneß, Rummenigge und Co. aber relativ gemäßigt aus. Während Borussia das einzige Auswärtsspiel unter Merkscher Leistung mit 1:2 in Köln verlor, begleitete der Zahnarzt die Herthaner zuletzt bei der 1:5-Heimpleite gegen Leverkusen.
Zuletzt machte der Referee, der sich nach der für ihn unglücklich verlaufenen WM für einige Wochen in den Schmollwinkel zurückgezogen hatte, beim Punktverlust der Nürnberger gegen Bielefeld von sich reden. Nachdem er den Bielefeldern einen umstrittenen Foulelfmeter zusprach, zog er sich insbesondere den Zorn eines Hans Meyer zu, der in gewohnter Konsequenz sämtliche Kommunikation mit dem Pfälzer bis auf Weiteres einzustellen gedenkt. 

Aufstellungen 

Borussia: Keller – Kirch, Levels, Zé Antonio, Compper – Delura, Thijs, Insua, Kluge – Kahê, Neuville
Ersatz: Heimeroth – Degen, Rafael, Fleßers, Helveg, Svensson, Sonck
Es fehlen: Polanski, Jansen, Daems, Svaerd (verletzt) 

Hertha: Fiedler – Friedrich, van Burik, Simunic, Fathi – Cairo, Dardai, Bastürk, Boateng – Pantelic, Okoronkwo
Ersatz: Stuhr-Ellegaard – Ebert, Gimenez, Lakic, Samba, Neuendorf, Ede
Es fehlt: Chahed, Gilberto, Cagara (verletzt) 

Schiedsrichter: Dr. Markus Merk (Otterbach)
Assistenten: Jan-Hendrik Salver (Stuttgart), Heiner Müller (Nalbach)
Vierter Offizieller: Guido Kleve (Nordhorn)

SEITENWAHL-Meinung 

Michael Heinen: Wir haben zwar schon schwächere Auswärtsauftritte miterlebt. Trotzdem werden wir uns am Ende wieder mal mit 1:2 geschlagen geben müssen. 

Mike Lukanz: Nein, nein, nein! Nach dem letzten Auswärtsspiel in Bremen habe ich mir gesagt, dass ich solange auf Niederlage auswärts tippe, bis mich die Mannschaft vom Gegenteil überzeugt. Für kurze Zeit hatten mich Peter Pander und einige Spieler mit ihren selbstbewussten Aussagen beeindruckt, aber es reicht nicht. Alle Aussagen entpuppen sich mal wieder als hohle Phrasen, denn das Spiel geht mit 1:2 verloren. Wenigstens haben die mitgereisten Fans einen Grund, ihr neu erworbenes T-Shirt der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Thomas Zocher: Obschon ich der Meinung bin, dass nicht zuletzt durch David Degen nun ein wertvoller Spieler für Auswärtspartien zur Verfügung steht, wird die Borussia ihren Trend fortsetzen und auswärts eine Niederlage einstecken. Diese fällt nur auf den ersten Blick, beim Resultat, enttäuschend aus, aber da das Ergebnis einen entscheidenden Anteil am Tabellenstand hat, wird man nur auf den zweiten Blick mit dem 1:3 zufrieden sein können.

Christoph Clausen: Auswärts. 0:2.

Christian Heimanns: Eine Saison ohne Auswärtssieg haben wir schon erlebt, eine ohne Auswärtspunkt? oder -tor? Das geht dann doch nicht und in Berlin kann man auch punkten. 1:1, die Auswärtsserie reisst zuerst und in absehbarer Zeit kommt da auch mehr.

Hans-Jürgen Görler: Es deutet weiter nichts darauf hin, dass die Borussia derzeit auch in der Fremde erfolgreich sein könnte. Aus Berlin kehrt man mit einem 1:3 heim.

Der Gegner im Internet: www.hertha.de

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