Trainer behaupten manchmal, das Spiel gegen die Bayern sei das einfachste der Saison. Gegen einen so übermächtigen Gegner seien die Erwartungen an das eigene Team so niedrig, dass man sie höchstens sensationell übertreffen, aber nicht mehr enttäuschen könne. Für die kriselnde Borussia, zumal mit ihrer gruseligen Auswärtsbilanz, müsste das ganz besonders gelten. Dennoch kommt der Gegner zur Unzeit. Die banale Erkenntnis, dass Fußballspielen neben dem Vermögen auch viel mit Selbstbewusstsein zu tun hat, war am letzten Wochenende zu besichtigen. Aus nicht restlos geklärten Gründen gelang es dort den Borussen, die siebzig Minuten lang völlig verunsichert aufgetreten waren, mit einem Mal mutig des Gegners Tor zu berennen. Prompt ergab sich ein Spiel, das man auch ohne Vereinsbrille als bundesligatauglich bezeichnen durfte. Sie können es also -­ wenn sie sich denn trauen. Es wäre nun schön, gleich im nächsten Spiel an diese letzten zwanzig Minuten anzuknüpfen und sich selbstvertrauensmäßig am eigenen Schopf aus dem Abstiegsmatsch zu ziehen. Dafür wäre ein Aufbaugegner hilfreich, der den einen oder anderen Fehler verzeihen würde. Leider wartet stattdessen ein Verein, in dessen Stadion für die Borussia schon zu deren gefestigteren Zeiten kaum je etwas zu holen war.

Borussias Defensive:

Dennoch: Wünschen würde man sich zumindest einen mutigen, couragierten Auftritt, bei dem endlich ein spielerischer Fortschritt erkennbar wäre. Das würde dafür sprechen, die Mannschaft weitgehend in der Formation beginnen zu lassen, die in Stuttgart aufhörte. Ausgenommen ist davon sicherlich die Torhüterposition. Zwar konnte sich Christofer Heimeroth in Stuttgart ordentlich präsentieren und hatte am Gegentor kaum Schuld, dennoch wird er seinen Platz für den wiedergenesenen Kapitän räumen müssen. Würden Wortspiele in Deutschland nicht als Kalauer diffamiert, so könnte man jetzt schreiben, dass Keller die Borussia vor dem Absturz in denselben bewahren soll. Allein wird ihm das allerdings kaum gelingen, weswegen es hilfreich wäre, wenn insbesondere Zé Antonio und Bo Svensson in München zu einstiger Souveränität zurückfinden würden.

Auf der rechten Außenverteidigerposition ist keine Änderung zu erwarten, links scheint Marvin Compper trotz Auswechslung in Stuttgart die wahrscheinlichere Startvariante als Tobias Levels. Im defensiven Mittelfeld hatte Bernd Thijs' Einwechslung erheblichen Anteil am Aufschwung in der Schlussphase des Stuttgart-Spiels und wird sicher wieder beginnen.

Borussias Offensive:

Größtes Sorgenkind der Borussia war in der bisherigen Saison das Mittelfeld, das die Stürmer zu oft zu ungenau einsetzte und selbst kaum Torgefahr entwickelte. Gerade hier wäre es wichtig, eine Stammformation zu finden, der dann für einige Spiele in Folge das Vertrauen geschenkt würde. Dass ein zentraler Bestandteil Federico Insúa heißen muss, scheint inzwischen Konsens. Die Plädoyers für den Argentinier waren unter der Woche zu zahlreich, um noch lang fortgesetzt werden zu müssen. Es mag ein kluger Schachzug gewesen sein, Insúa früh in der Saison, in Bremen, aus der Schusslinie zu nehmen, indem man ihn auf die Bank setzte. Inzwischen spricht alles dafür, dem hoch veranlagten, aber noch sichtlich an sich zweifelnden Argentinier fürs erste uneingeschränkten Vertrauenskredit zu gewähren.

Mit Oliver Kirch rechts und Peer Kluge links wäre dann das Mittelfeld aus der Stuttgarter Schlussphase beisammen. Zu Kirch wäre El Fakiri die defensivere und David Degen die offensivere Variante; anstatt Kluge käme Delura in Frage, sofern er nicht im Sturm zum Einsatz kommt. Eugen Polanski wäre eine Pause zu gönnen.

Im Sturm wird Heynckes auf Oliver Neuville und Nando Rafael verzichten müssen, so dass eine Neuauflage des Duos Kahê - Delura die wahrscheinlichste Lösung ist. Schade wäre allerdings, wenn Wesley Sonck bis zur Winterpause keine nennenswerte Gelegenheit bekäme, seine schlechte Vorstellung aus dem Spiel gegen Hannover zu korrigieren. Eine Rückkehr Vaclav Sverkos' ins Team, über die manche Medien spekulieren, wäre eine Überraschung.

Der Gegner aus München:
 
Wenn man ein paar geistige Schlenker macht, dann könnte sich Borussias derzeitige Offensivschwäche in München paradoxerweise gar als Stärke erweisen. Denn die Bayern haben in dieser Saison die seltsame Angewohnheit, sanft vor sich dahinzuschlafen, so lange hinten die vielzitierte Null steht und erst bei einem Gegentreffer aufzuwachen. Dann allerdings können sie Spiele dank formidabler Willenskraft und spielerischer Potenz in kurzer Zeit drehen. Zuletzt wurde das am vergangenen Samstag in Hamburg bewiesen. Uli Hoeneß zürnte daraufhin, die Mannschaft brauche wohl diese Droge des Rückstandes.

Im übertragenen Sinn gilt das gleiche Muster für den gesamten Saisonverlauf. Nicht wenige hatten das Jahr eins nach Michael Ballack ohnehin als Jahr des Übergangs und Aufbaus verstanden, in dem keine Triumphzüge zu erwarten waren. In der Tat starteten die Bayern durchwachsen in die Saison. Insbesondere die drei aufeinander folgenden Auswärtsniederlagen in Bielefeld, Wolfsburg und Bremen schmerzten und die Heimpleite gegen Hannover nicht minder. Durch den hart erkämpften 3:2-Erfolg in Leverkusen, gefolgt von einem 2:1 gegen Stuttgart und einem 2:1 in Hamburg, jeweils nach 0:1-Rückstand, nahmen die Bayern wieder Kontakt zur Spitzengruppe auf und rangiert zurzeit drei Punkte hinter Schalke 04 auf Platz vier.

Münchner Defensive:

Der vor nicht allzu langer Zeit noch hochgelobte Martin Demichelis könnte durch seinen schwachen Auftritt in Hamburg fürs erste einigen Kredit verspielt haben. Deshalb wird seinen Platz in der Viererkette vermutlich wieder Lucio einnehmen, der das in der AOL-Arena schon in der zweiten Hälfte sehr viel überzeugender tat. Demichelis' Wunschposition im defensiven Mittelfeld ist vorerst an den jungen Andreas Ottl vergeben. Bleiben die übrigen drei Positionen der Viererkette, um die es kein großes Rätselraten gibt: Die Plätze an Willy Sagnol rechts, Daniel van Buyten zentral und Philip Lahm links sind fest vergeben. Im Mittelfeld werden neben Ottl vor allem Mark van Bommel links und Hassan Salihamidciz rechts als Bindeglied zwischen Verteidigung und Angriff fungieren. Verzichten muss Felix Magath in der Defensive auf die langzeitverletzten Valérien Ismaël und Owen Hargreaves.

Münchner Offensive:

Entscheidender Trendwender in Hamburg war ein alter Gladbacher Bekannter. Nach Verletzungen und Krankheit schon aus dem Bewusstsein gerückt, brachte sich Sebastian Deisler nach seiner Einwechslung zur Pause mit genialen Spiel und zwei überlegten Torvorlagen fulminant in Erinnerung. So nachdrücklich Felix Magath aber betonte, dass bei Deisler die Kraft für ein komplettes Spiel derzeit nicht reiche, so sicher kann man aber davon ausgehen, dass Deisler zwar im Verlauf des Spiels eingewechselt werden, Bastian Schweinsteiger aber hinter den Spitzen beginnen wird. Der ursprünglich auch für diese Position angedachte Roque Santa Cruz konnte zuletzt ebenso wenig Werbung in eigener Sache betreiben wie Ali Karimi oder Julio dos Santos.

Anders sieht das im Sturm aus, wo Roy Makaay (8 Tore) und Claudio Pizarro (5 Tore) ihre jeweilige Formkrise ­- bei Makaay aus der letzten Saison datierend - beendet haben. Für Pizarro ist das Spiel insofern ein besonderes, als die Borussia das einzige aktuelle Bundesligateam ist, gegen das der Peruaner noch nie getroffen hat. Der hoch gelobte, für einen zweistelligen Millionenbetrag verpflichtete Lukas Podolski steht derzeit im zweiten Glied, durfte in dieser Saison erst sieben Bundesligaspiele, davon nur drei von Anfang an bestreiten. Stark war dabei allein das Spiel gegen Hertha BSC Berlin, als Podolski nicht nur Makaay den Führungstreffer auflegte, sondern auch sonst für viel Wirbel sorgte und das 3:0 gleich selbst erzielte. Indes: Es sollte bislang Podolskis einziges Bundesligator der Saison bleiben, und nach seinem blutleeren Auftritt im Bremer Weserstadion hatte sich der Ex-Kölner aus der Mannschaft gespielt.

Schiedsrichter:

Dass auch ein Starschiedsrichter einen Karriereknick erleiden kann, demonstriert seit einiger Zeit Dr. Markus Merk. Schon die WM lief für das einstige Lieblingskind des DFB alles andere denn wunschgemäß, und nach manch harscher Kritik dachte Merk laut darüber nach, ob er sich das alles wirklich noch antun müsse. Auch in dieser Bundesligasaison traf Merk eine ganze Reihe fragwürdiger Entscheidungen: ein äußerst diskutabler Elfmeter für Bielefeld in Nürnberg, dafür verweigerte Strafstöße für die Bayern in Leverkusen oder den HSV in Wolfsburg. Die Borussen indes konnte sich über Merks Leitung der Partie in Berlin nicht beschweren: Manch einer hätte nach Levels' Attacke gegen Pantelic auf den Punkt gezeigt. Als zusätzliches Handicap bringt Merk mit Heiner Müller einen Assistenten mit, der trotz seines dramaturgisch vielversprechenden Namens in der Vergangenheit nicht die allerbesten Beziehungen zur Abseitsregel unterhielt.

Bilanz:

Dass die Borussia in München erst ein einziges Mal gewinnen konnte, ist bekannt; dass dreißig Niederlagen nur acht Remis gegenüberstehen, nicht erfreulicher. Wenden wir uns daher einem Kuriosum zu: Immer wenn die Borussia mit einem 2:2 aus München heimkehrte, war der Ausgleich erst in der 90. Minute gefallen. Das war 1970 so; Torschütze kurz vor Schlusspfiff war damals Jupp Heynckes. Es war auf unerfreuliche Weise im Jahr 1977 so, als die Borussia nach 22 Minuten durch Treffer von Heynckes und Stielike schon 2:0 geführt hatte, um in der letzten Minute durch ein Eigentor von Hans-Jürgen Wittkamp doch noch den Sieg zu verspielen. Es war schließlich auf besonders dramatische Weise im Jahr 1992 so, als Thomas Helmer in der 89. Minute die Führung für die Bayern erzielte und Martin Max im direkten Gegenzug wieder den Gleichstand herstellte. Und noch etwas ist erwähnenswert: Als sich am Dienstag Jupp Heynckes und Vaclav Sverkos zum angeregten Gedankenaustausch trafen, da standen der Erst- und der Zweitplatzierte der vereinsinternen Torjägerliste aus Spielen bei den Bayern beieinander. Heynckes genießt mit drei Toren den Spitzenplatz allein. Sverkos dagegen muss sich, mit einem Treffer weniger, den zweiten Platz mit Stefan Effenberg, Günther Netzer, Jörgen Pettersson und Herbert Wimmer teilen.

Aufstellungen:

FC Bayern München: Kahn ­- Sagnol, Lucio, van Buyten, Lahm - Ottl - van Bommel, Salihamidciz - Schweinsteiger - Makaay, Pizarro.
Ersatz: Rensing, Görlitz, Lell, Demichelis, Karimi, Fürstner, Scholl, Deisler, dos Santos, Santa Cruz, Podolski.
Es fehlen: Ismaël, Hargreaves (beide verletzt).

Borussia: Keller - Helveg, Svensson, Zé António, Compper - Thijs - Kirch, Kluge - Insúa - Kahê, Delura.
Ersatz: Heimeroth, Levels, Bøgelund, Fleßers, El Fakiri, Polanski, Degen, Sverkos, Sonck.
Es fehlen: Jansen, Daems, Svärd, Rafael, Neuville (alle verletzt).

Schiedsrichter: Dr. Markus Merk (Otterbach)
Assistenten: Jan-Hendrik Salver (Stuttgart), Heiner Müller (Nalbach)
Vierter Offizieller: Lutz Wagner (Hofheim)
 
SEITENWAHL-Meinung:

Christoph Clausen: Mindestens siebzig Minuten wolle man auf dem Level der letzten zwanzig Minuten von Stuttgart spielen, hat Jupp Heynckes angekündigt. Das wird nicht ganz gelingen. Immerhin aber zeigt sich die Mannschaft kämpferisch über weite Strecken präsent und spielerisch immerhin phasenweise verbessert, so dass hinterher, trotz 1:3-Niederlage, nicht jeder hysterisch wird.

Thomas Zocher: Die Borussia wird das Spiel nutzen, um sich gewissenhaft auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten und dabei beim Gastspiel in München eine insgesamt ordentliche Figur abgeben, die an die guten letzten Minuten in Stuttgart anschließt. Wie so oft nutzt das aber nicht, das Spiel endet 1:2 gegen Borussia.

Michael Heinen: Die gute Nachricht: Man wird immerhin länger als zuletzt in Stuttgart das 0:0 verteidigen können. Die schlechte Nachricht: Dafür legen die Bayern nach dem 1:0 in der 32. Minute nach und kommen zu einem lockeren 3:0-Erfolg gegen bemühte Borussen, die für diesen Gegner mindestens eine Klasse zu schlecht sind.

Mike Lukanz: Wie jedes Jahr das einfachste Spiel. Bei den Bayern konnte Borussia überhaupt erst einmal gewinnen, daher ersparen wir uns an dieser Stelle alle üblichen Floskeln zur Auswärtsschwäche. Bei "betandwin" eine Quote von 1,20 für einen Heimsieg der Bayern. 20% Gewinn in 90 Minuten: da werden selbst ehemalige EM.TV-Aktionäre blass! Ach, der Tipp: 3:0 für Bayern.

Hans-Jürgen Görler: Die einstigen Konkurrenten aus dem vergangenen Jahrtausend treffen sich schon Ewigkeiten nicht mehr auf Augenhöhe. Damit das so bleibt, wird der FC Bayern es sich nicht nehmen lassen, gegen eine derzeit unterirdisch spielende Borussia ein 4:0 einzufahren.

Christian Heimanns: Eigentlich stehen die Zeichen nicht so schlecht. Nicht, weil wir in Stuttgart zum ersten Mal für 20 Minuten irgendwo gegengehalten haben; auch nicht, weil wir bei Bayern traditionell gut aussehen. Eher deswegen, weil Bayern vor wichtigen Championsleaguespielen gewohnheitsmässig die Punkte in der Bundesliga liegen lässt. Andererseits, Bayern. 1:0 für die Hausherren.

Der Gegner im Internet: www.fcbayern.t-com.de

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