Ob Samuel Langhorne Clemens sich damals vor Schreck an seinem Kaffee verbrühte, ist nicht überliefert. Aber komisch geschaut haben dürfte der Schriftsteller, besser bekannt unter seinem Pseudonym Mark Twain, schon, als er in der Zeitung von seinem soeben erfolgten Ableben lesen musste. Die Nachricht von seinem Tod, so notierte er denn auch lapidar, sei eine Übertreibung. Auch 110 Jahre später verkündete manche Gazette einen Exitus, und auch diesmal geschah das etwas voreilig. Natürlich ist die Borussia noch nicht abgestiegen. Und man musste schon arg vernagelt sein, um aus dem Spiel in Wolfsburg nichts Positives zu ziehen: Die zuvor auswärts oft so verängstigte Mannschaft spielte über weite Strecken mutig nach vorn, gewann die Mehrzahl der Zweikämpfe, dominierte nach Ecken und Torschüssen, erarbeitete sich mehr Chancen als in der Hinrunde noch in einem halben Dutzend an Auswärtsspielen zusammen und hatte neben den offensichtlichen Unzulänglichkeiten an einigen Stellen im Abschluss auch Pech.


Borussia

Auf der anderen Seite kann man schwerlich behaupten, dass sich die Borussia, wie Mark Twain 1897, allerbester Gesundheit erfreuen würde. Auch ein neuer Sportdirektor taugt da schwerlich kurzfristig als Medizin. Das letzte Wochenende war ergebnistechnisch ein Spieltag des Grauens, den nach den überraschenden Frankfurter und Bielefelder Siegen der Sonntag perfekt machte: Als in den Schlussminuten erst Zidan einen Foulelfmeter in Aachen verschoss und dann der Dortmunder Ausgleich gegen Cottbus nicht gegeben wurde, wähnte man sich in einem arg konstruierten B-Movie, in dem den Protagonisten alle Katastrophen der Welt gleichzeitig treffen. Dennoch hält Borussia auch weiterhin mehr Chancen in der Hand, als die Hasenherz-Fraktion im eigenen Fanlager glauben machen will. Man muss sich schon entscheiden: Entweder steht man auf dem Standpunkt, für eine gute Leistung könne man sich nichts kaufen und am Ende zähle nur die Punktezahl. Dann aber bitte konsequent: Auf zwei mickrige Punkte kann die Borussia den Abstand zum rettenden Ufer verkürzen - ein Nichts bei danach noch acht ausstehenden Spielen. Oder aber man hält auch für bedeutsam, wie sich eine Mannschaft präsentiert: Dann müsste man aus dem neu entdeckten Offensivgeist, den die Borussia gegen Bremen und in Wolfsburg zumindest streckenweise vorführte, einiges an Hoffnung schöpfen können. Und bald ist ja auch Oliver Neuville wieder dabei.
 
Borussias Defensive

Auch wenn Bo Svensson in den Kader zurückkehren wird, dürfte Jos Luhukay trotz Steve Gohouris Patzer gegen Klimowicz dem Ivorer erneut das Vertrauen schenken. Marcell Jansen und Zé Antonio sind gesetzt, auch wenn Jansen an seine Galaform aus dem Bielefeld-Spiel seitdem nicht wieder anknüpfen konnte. Rechts in der Viererkette wird vermutlich der defensiv stabilisierte Kaspar Bøgelund wieder beginnen, wenngleich man sich von dem Dänen nachdrücklichere offensive Impulse erhoffen würde. Sein Landsmann Sebastian Svärd wäre ansonsten die erste Alternative. Im defensiven Mittelfeld schaltete Hassan El Fakiri nach Diego auch Marcelinho aus und hat sich daher seinen Platz mehr als verdient, zumal seine Schwächen im Kopfballspiel gegen die diesbezüglich auch nicht eben überragenden Dejagah und Gilberto weniger ins Gewicht fallen sollten.

Gegen das zu erwartende 4-2-3-1 der Berliner wird wichtig sein, dass die beiden Innenverteidiger nicht zu tief stehen, wodurch Unterzahl im Mittelfeld entstehen könnte. Sollte die Borussia gegen Spielende dringend noch einen Treffer benötigen und sich die auf dem Papier offensive Dreierreihe der Berliner, wie schon in Stuttgart, weit zurückziehen, so wäre es auch denkbar einen Innenverteidiger gegen eine zusätzliche Offensivkraft auszutauschen.

Borussias Offensive

„Wer soll die Tore schießen?", hieß nach dem letzten Samstag die meistgestellte Frage im Umfeld der Borussia. Das klang so, als zöge sich die in Wolfsburg gezeigte Abschlussschwäche wie ein roter Faden durch die Saison. Tatsächlich aber ist die Situation ganz neu, denn in den meisten Partien der Spielzeit 06/07 schoss die Borussia nicht deshalb wenig Tore, weil sie mit ihren Chancen verschwenderisch umging, sondern weil sie kaum welche hatte. Gelegenheiten in dieser Anzahl herauszuspielen und sie dann zu vergeben, ist also ein weitgehend unbekanntes Phänomen. Daraus folgt aber auch, dass die schlechte Chancenverwertung vom letzten Samstag (im Gegensatz zur schlechten Chancenproduktion in den meisten Partien davor) zumindest nicht zwingend chronischer Natur sein muss. Um eine solche Diagnose stellen zu können, fehlen schlicht die Erfahrungswerte.

Personell wird sicher wieder Nando Rafael beginnen, der in Wolfsburg das Tor einmal um Zentimeter verpasste und einmal nach schöner Einzelleistung das Gestänge traf. Dass neben ihm erneut Federico Insua stürmen wird, ist die wahrscheinlichste Variante, zumal durch die Verschiebung des Argentiniers die Position im zentralen offensiven Mittelfeld für Michael Delura freiwurde und die Schalker Leihgabe der Mannschaft dort sichtlich gut tut. Das würde auch dagegen sprechen, im Sturm mit dem Duo Rafael-Kahê oder Rafael-Sonck zu beginnen, es sei denn, Luhukay würde Insua links ins Mittelfeld und dafür Peer Kluge statt des glücklosen David Degen nach rechts ziehen. Wahrscheinlicher als derart großflächige Umbauten ist, dass Luhukay mit der Aufstellung von Wolfsburg beginnt und damit auch dem dort aktiven, in der Chancenverwertung aber mangelhaften Degen eine neue Chance einräumt. Auch für den Schweizer wäre indes Sebastian Svärd eine Alternative.

Nach einem kolportierten Vier-Augen-Gespräch zwischen Luhukay und Wesley Sonck könnte selbst der Belgier, unter der Woche beinahe nach Moskau transferiert, in den Kader zurückkehren und je nach Spielverlauf eingewechselt werden. Angesichts seiner Meriten früherer Jahre hat Sonck im eigenen Fanlager nach wie vor manch vehementen Fürsprecher. Legt man allerdings nur die aktuellen Leistungen zu Grunde, so strahlte ein Rafael gegen Bremen und in Wolfsburg sicherlich mehr Torgefahr aus, als Sonck in seinen letzten beiden Partien von Beginn an, also in Bochum und Cottbus.

Der Gast aus Berlin

Ginge es nur nach der Auswärtstabelle, träfe man sich am Samstag zum Abstiegskrimi. Dort nämlich rangiert die Borussia, wen wundert's?, mit fünf Punkten auf dem letzten Platz, die Hertha aber mit nur drei Punkten mehr auf Rang 16. In Sachen Tordifferenz geben sich beide Mannschaften hier nichts. Gehen wir noch einen Schritt weiter und konstruieren eine Auswärts-Rückrundentabelle, dann stünden die Berliner gar hinter der Borussia und wäre ohne freundliche Mithilfe des Schiedsrichters in Stuttgart sogar ohne jeden Punkt. Es ist also ein überaus schlagbarer Gegner, der im Borussia-Park gastiert und bei dem überdies drei Stammkräfte gesperrt ausfallen. Vom UEFA-Cup träumen kann die Hertha nur deshalb, weil der desolaten Auswärts- eine strahlende Heimbilanz entgegensteht: Obwohl man in der Rückrunde auch im Olympiastadion schwächelte und dort die letzten beiden Partien verlor, würde man sich in der Heimtabelle immer noch mit Bayern und Schalke ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die deutsche Meisterschaft liefern. Im Gesamtklassement führt das dazu, dass sich das Götz-Team seit dem zehnten Spieltag konstant zwischen Platz vier und sieben bewegt, im Moment auf letzterem. Da das Spiel am Samstag aber erstens nicht in Berlin und zweitens in der Rückrunde stattfindet, besteht aus Gladbacher Sicht wirklich kein Grund, dem Gegner mit größerer Ehrfurcht zu begegnen.

Berliner Defensive

In den letzten drei Auswärtspartien neigte Falko Götz' Mannschaft dazu, sich über weite Strecken weit zurückzuziehen und auf Konter zu lauern. Das gelang in Stuttgart, auch dank eines starken Christian Fiedler, gut, in Schalke phasenweise und in Hannover überhaupt nicht, wo man von den Niedersachsen regelrecht gedemütigt wurde und mit 0:5 unterlag. Wie anfällig sich die Herthaner Deckung am Samstag präsentiert, wird neben der höchst wechselhaften Tagesform aber auch davon abhängen, wie gut die Mannschaft die unausweichlichen Umbaumaßnahmen verkraftet.

Sicher ausfallen werden die gesperrten Josip Simunic und Malik Fahti, fraglich ist der Einsatz von Arne Friedrich. Statt Simunic dürfte in der Innenverteidigung der Berliner Standby-Profi Andreas Schmidt auflaufen, der dort in Hannover zwar reichlich desorientiert wirkte, in Stuttgart aber eine ordentliche Partie im defensiven Mittelfeld ablieferte. Während links hinten sicher wieder Jerome Boteng beginnen wird, ist die Besetzung des rechten Außenverteidigerposition fraglich: Bei der Heimniederlage gegen die Bayern spielte dort Arne Friedrich, fällt neben Fahti aber auch der Kapitän aus, so könnte der 18-jährige Christopher Schorch seinen bislang gut zwanzig Bundesligaminuten einige weitere hinzufügen.

Das letzte Spiel, das Falko Götz mit nur einem defensiven Mittelfeldspieler anging, war das Debakel von Hannover. Man kann also davon ausgehen, dass die Berliner wieder mit zwei Sechsern auflaufen, die schon deshalb wohl Pal Dardai und Mineiro heißen werden, weil Andreas Schmidt ja in der Innenverteidigung gebraucht wird. Dardai spielt erneut eine grundsolide Saison und trat zudem schon dreimal als Torschütze in Erscheinung, davon einmal beim Heimsieg gegen die Borussia im Oktober letzten Jahres. Dabei schien der Ungar in der letzten Spielzeit schon ins zweite Glied gerückt zu sein und hatte offen davon gesprochen, dass sein Stil Falko Götz offenbar nicht behage und seine zehnte auch seine letzte Saison für Hertha sein werde. Inzwischen aber ist Dardai, der in der kommenden Woche 31 wird, wieder eine feste Größe, und das nicht nur, weil Sofian Chahed seit Dezember mit Syndesmoseanriss ausfällt. Dardais Partner Carlos Luciano da Silva, kurz Mineiro, wurde in der Winterpause vom FC Sao Paulo verpflichtet und feierte einen fulminanten Einstand, als er gegen den Hamburger SV eingewechselt wurde und mit einem Sonntagsschuss aus 25 Metern den Siegtreffer in der Nachspielzeit erzielen konnte. Seitdem aber brachte der Brasilianer der Hertha weniger Glück: Alle drei Spiele, in denen er zum Einsatz kam, gingen verloren, wozu Mineiro durch durchwachsene bis schlechte Leistungen seinen Teil beitrug. Folgerichtig wurde der 31-jährige, der immerhin dreimal für die Seleçao spielen durfte, in allen drei Partien ausgewechselt.

Berliner Offensive

Bei der Heimniederlage gegen die Bayern erspielten sich die Berliner zwar gegen Ende mancherlei Gelegenheiten und konnten zwei Treffer erzielen, auswärts dagegen sieht es finster aus. Das letzte Tor außerhalb Berlins erzielten die Herthaner vor über drei Monaten; der Schütze, Marko Pantelic ist am Samstag gesperrt. Wegen der Zwangspause des mit elf Saisontoren erfolgreichsten Berliner Stürmers darf man annehmen, dass Falko Götz wie in Stuttgart nur mit einer Spitze agieren wird, die diesmal aber Christian Gimenez heißen dürfte. Der Argentinier traf in dieser Saison immerhin auch schon sieben Mal, davon fünf Mal zuhause. Auf fremden Plätzen wartet aber auch Gimenez seit längerem, nämlich seit vier Monaten, auf einen Treffer. Hinter Gimenez ist eine Dreierreihe zu erwarten, die aus Patrick Ebert, Gilberto und Ashkan Dejagah gebildet werden könnte, wobei links auch Chinedu Ede spielen könnte. Alle vier Spieler sind in der Rückrunde ohne Torerfolg.

Nach Verletzungspausen werden Kevin-Prince Boateng sicher und Yildiray Bastürk vielleicht wieder im Kader stehen werden. Beide kommen aber vorerst nur als Joker in Frage. Boateng wurde unter der Woche schon beim 2:2 zwischen Herthas Regionalliga-Mannschaft, einem der Konkurrenten von Borussias U23 im Abstiegskampf, und dem SV Wilhelmshaven eingewechselt; ihm wurde weithin eine engagierte Leistung bescheinigt. Im Gegensatz zum U21-Nationalspieler, der in diesem Jahr noch kein Bundesligaspiel absolvieren konnte, lief Bastürk vor seiner Verletzung drei Mal in der Rückrunde von Beginn auf, ohne dabei aber zu überzeugen.

Schiedsrichter

Mit Günter Perl kehrt der Leiter des bis dato letzten Gladbacher Heimsieges in den Borussiapark zurück. Neben dem 3:1 gegen Wolfsburg pfiff Perl in dieser Saison auch die Partie der Borussia in Bochum, war an der 0:2-Auswärtsniederlage aber völlig schuldlos. Eine Bundesligapartie der Borussia gegen Berlin leitet der 37-jährige zum zweiten Mal: Beim 2:2 im Olympiastadion in der letzten Spielzeit hätte der Münchner Unparteiische allerdings guten Grund gehabt, mit Pantelic und Kovac gleich zwei Herthaner vom Platz zu stellen. Als gutes Omen mag man nehmen, dass die Borussia ausnahmslos jedes Heimspiel unter Perls Leitung gewonnen hat. Fast genau ein Jahr zurück liegt die stärkste Gladbacher Leistung darunter, als Jansen und Sonck einen nie gefährdeten 2:0-Sieg gegen Arminia Bielefeld sicherstellten.

Bilanz

Es wird langsam mal wieder Zeit für einen Heimsieg gegen die Hertha, denn der letzte datiert schon aus dem Jahr 2001, als die Borussia früh in Führung ging und am Ende dank zweier Treffer Lawrence Aidoos mit 3:1 gewann. Dagegen endeten die letzten drei Begegnungen im Borussiapark jeweils unentschieden. Eine derartige Häufung von Heimuntentschieden gegen Berlin gab es in den Siebziger Jahren schon einmal, danach folgten zwei Gladbacher Heimsiege. Überhaupt wären die Herthaner bei der Wahl zum Gladbacher Angstgegner chancenlos, denn von 21 Spielen gewannen die Berliner nur vier. Zum höchsten Gladbacher-Sieg, dem 4:0 aus der Saison 1970/71, trugen die beiden Vorgänger Jos Luhukays je einen Treffer bei. Gleich im nächsten Jahr folgte die bislang torreichste Begegnung, die die Borussia mit 5:2 für sich entschied.

Aufstellungen

Borussia: Keller - Bøgelund, Gohouri, Zé Antonio, Jansen - El Fakiri - Degen, Kluge - Delura - Insua, Rafael.
Ersatz: Heimeroth, Svensson, Levels, Svärd, Kirch, Compper, Fleßers, Polanski, Thijs, Baumjohann, Thygessen, Sonck, Kahê.
Es fehlen: Daems (verletzt), Neuville (im Aufbautraining).

Hertha: Fiedler - Friedrich, van Burik, Schmidt, J. Boateng - Mineiro, Dardai - Ebert, Gilberto, Dejagah - Gimenez.
Ersatz: Ellegard, R. Müller, Schorch, C. Müller, Neuendorf, K. Boateng, Bastürk, Cairo, Lakic, Ede.
Es fehlen: Chahed, Cagara (beide verletzt), Simunic, Fahti, Pantelic (alle gesperrt).

Schiedsrichter: Günter Perl (München)
Assistenten: Deniz Aytekin (Oberasbach), Josef Maier (München)
Vierter Offizieller: Peter Henes (Herdecke)


SEITENWAHL-Meinung


Christoph Clausen: Wer von der Mannschaft verlangt, Mut und Risikobereitschaft zu zeigen, sollte das selbst auch tun. Also Optimismus pur: 3:0! Der Park bebt und Borussia lebt wieder.

Thomas Zocher: Die Spiele gegen Bremen und Wolfsburg können nur dann als Beginn deklariert werden, wenn gegen Berlin ein Erfolg folgt. Dass dieser folgt, verdankt die Borussia einem Spiel, das am Ende besser schnell vergessen wird, ihr aber einen 1:0-Erfolg bringt.

Michael Heinen: Die Hoffnung lebt wieder leicht auf. Borussia schlägt die Hertha mit 1:0 und verkürzt so den Abstand zu den übrigen Bundesligisten.

Mike Lukanz: 2:0 für Borussia, da waren es noch neun Spiele.

Christian Heimanns: Immer das gleiche. Gegner nicht in Bestaufstellung, ein Sieg muss her und der alte Affe Optimismus ist nicht totzukriegen. Noch nicht. 2:1 für Borussia.

Hans-Jürgen Görler: Gegen die Hertha wird unsere Borussia unter Beweis stellen, dass doch noch etwas geht. Das 2:1 wird Hoffnungen nähren, dass der Abstieg doch noch nicht beschlossene Sache ist.

Der Gegner im Internet: www.hertha.de

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