Es hätte der perfekte Abschluss eines generalstabsmäßig geplanten Tages sein können, als Soumaila Coulibaly in der Nachspielzeit Rob Friend mit einer butterweichen Flanke bediente und der Kanadier zum Fallrückzieher ansetzte. Doch das Tor fiel nicht, die Partie war verloren. Seit Jean Paul Sartre weiß man eben, dass sich beim Fußball alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft verkompliziert, der Sportclub aus Freiburg wollte nicht Teil der großen Sause in Mönchengladbach werden. Nach dem am Ende knappen 2:3 gegen die Gäste aus dem Breisgau hatten sich alle dann doch irgendwie lieb. Borussia drehte noch fast eine zwischenzeitlich zur Peinlichkeit anmutenden Vorstellung und Freiburg wahrte mit dem Sieg und dank der Ergebnisse aus Köln und Offenbach die letzte, wenngleich minimale Aufstiegschance.

Dass Jos Luhukay diesem Spiel die notwendige Ernsthaftigkeit zuordnete, war bereits an der Aufstellung zu erkennen. Keine Experimente, kein überzogenes Einsetzen von Amateuren oder sonstigen Reservespielern. Filip Daems ersetzte auf der linken Abwehrseite den gelbgesperrten Alexander Voigt, Thomas Kleine rückte dafür in die Innenverteidigung. Ansonsten lief die Mannschaft nicht nur in den hübschen neuen Trikots auf, sondern in der gleichen Formation wie beim umjubelten 3:0-Heimsieg gegen Wehen-Wiesbaden vergangenen Mittwoch.


Nachdem Markus Becker und Torsten Knippertz ihren Aufstiegssong präsentieren durften und die Fan-Delegation aus Liverpool unter tosendem Beifall des Gladbacher Anhangs ihr Geschenk (ein Banner mit den Wappen beider Vereine und dem Schriftzug: „Zwei Vereine, eine Familie") überreichten, pfiff der Unparteiische die Partie an. Das Spiel entwickelte in den ersten Minuten das Tempo, das viele Beobachter und Zuschauer vor dem Spiel erwarteten und sich insgeheim erhofften. Der Aufsteiger und Gastgeber war in den ersten Minuten dominanter, doch die Anspiele in die Spitze waren oft zu ungenau, so dass die Freiburger Hintermannschaft leichtes Spiel hatte. Mit dem ersten gelungenen Angriff erzielte der Gast dann die Führung. Der agile Matmour erzielte mit einem trockenen Rechtsschuss ins lange Eck die zu diesem Zeitpunkt überraschende Führung seiner Mannschaft. Sein Schuss aus halbrechter Position schien nicht unhaltbar für Heimeroth, doch ein Fehler sei ihm nach den sehr starken Vorstellungen der letzten Wochen vergönnt. Den Rückstand kommentierte die Nordkurve mit einem spontanen Gesang: „Lieber Freiburg als der FC Köln!", was aus dem Gästeblock per stürmischen Beifall selbstredend bestätigt wurde.

 

In der Folge hatte der Gast aus Freiburg das Spiel weitestgehend im Griff. Borussia ließ eben genau die paar Prozent vermissen, die es braucht, um einen starken Gegner wie den SC Freiburg zu schlagen. Robin Dutt hatte seine Mannschaft auch taktisch gut eingestellt. In der Defensive standen sie ähnlich tief wie viele Gästemannschaften im BorussiaPark, doch bei Ballgewinn wurden die Konter mit sicherem Passspiel aufgezogen. Einzig Marko Marin sprühte erneut vor Spiellust und -witz, die im Raum stehende EM-Nominierung scheint ihn eher zu motivieren denn zu belasten. Zehn Minuten nach dem Rückstand war es Marin, der mit einem gefühlvollen Schlenzer den rechten Torwinkel anvisierte. Diesen traf er auch, allerdings so knapp, dass der Ball nach Kontakt mit dem Aluminium senkrecht gen Boden flog und wahrscheinlich hinter der Linie auftippte, bevor er zurück ins Feld flog (18.). Der Linienrichter verweigerte diesem schönen Tor jedoch die Anerkennung.

 

Das Tempo des Spiels blieb auf erfreulich hohem Niveau, packende Torraumszenen waren dennoch eher Ausnahme denn Regel. Freiburg blieb bei Kontern zwar gefährlich, richtig brenzlig wurde es für Kleine, Brouwers & Heimeroth jedoch selten. Borussia ließ die Gäste speziell im Mittelfeld zu oft frei kombinieren, so auch in der 36. Minute, als Patrick Paauwe eher halbherzig gegen den Ball agierte und Günes aus 25 Metern zum Schuss kommen ließ und somit das 0:2 ermöglichte. Die Stimmung im BorussiaPark sank nun deutlich, die ersten Pfiffe, vornehmlich von der West- und Osttribüne ausgehend, wurden nur lauter. Es muss für einige Zuschauer eine neue Erfahrung sein, zu merken, dass man mit dem Erwerb einer Eintrittskarte nicht automatisch das Wunschergebnis dazu erwirbt. Fußball ist leider kein Event-Management und das 0:2 trübte die geplante Feierlaune im entgegen allen im Vorfeld angekündigten Vorhersagen nicht ganz ausverkauften BorussiaPark merklich.

 

Zu Beginn der zweiten Halbzeit bot sich ein ähnliches Bild wie im ersten Spielabschnitt. Borussia begann engagiert, doch Torgefahr konnte nicht entwickelt werden. Anders die Gäste, die nun bei fast jedem Angriff eine für Borussia brenzlige Situation hervorriefen. Nachdem Matmour und Günes zweimal knapp scheiterten (54. und 56. Minute), war es erneut Günes, der aus elf Metern und überraschend frei aus elf Metern einschieben konnte, nachdem Borussias Hintermannschaft eine Flanke von der linken Seite nicht aus dem Strafraum befördern konnte (58.). Das nun folgende Pfeifkonzert erinnerte reflexartig an so manchen Auftritt der vergangenen Saison. Jeder vernünftige Zuschauer sollte Böses erwarten, was Borussia und ihr Publikum in der kommenden Saison erwartet. Selbst die Nordkurve, die heute wie schon gegen Wehen eine überzeugende „Leistung" ablieferte, wurde merklich ruhiger nach dem dritten Tor. Ein peinliches Debakel drohte, zumal noch knapp 30 Minuten zu spielen waren.

 

Freiburg fühlte sich in der Folge wie der sichere Sieger, und Borussia wollte dieses Ergebnis nicht widerstandslos hinnehmen. Nur fünf Minuten später vernaschte der erneut stark aufspielende Marin im Strafraum seinen Gegenspieler, passte flach in die Mitte, wo Rob Friend den Ball irgendwie an Torwart Langer vorbei ins Tor stocherte und zum 1:3-Anschlusstreffer traf (63.). Nun war das Publikum wieder wach, immerhin ein Tor! Coulibaly ersetzte den heute sehr schwachen Sascha Rösler, Marcel Ndjeng kam für Tobias Levels. Borussia wurde nun deutlich stärker und erinnerte an bessere und konzentriertere Spiele in dieser Saison. Nur elf Minuten nach dem Anschlusstreffer trat Marin einen Eckstoß von der linken Seite an den zweiten Pfosten. Die Freiburger konnten den Ball nicht klären, so dass Thomas Kleine im Fallen per Drehschuss das 2:3 erzielen konnte (74.). Das Spiel schien für Mannschaft, Fans und Event-Manager eine gute Wendung zu nehmen, lediglich Robin Dutt wurde an der Seitenlinie deutlich unruhiger. Verständlich, denn mit einem Unentschieden wären alle Aufstiegshoffnungen für seine Mannschaften vergeben.

 

Die Nordkurve setzte die „La Ola" an, was nach einigen Versuchen auch wunderbar klappte und sogar die Freiburger Gäste machten mit. Eine Anekdote am Rand: Als die ersten Versuche wie so oft an der Haupttribüne scheiterten, schallte es das obligatorische „Scheiß Tribüne" aus der Nordkurve, was den vor Ort befindlichen Redakteur eines großen, deutschen Boulevardblatts dazu nötigte, mit beiden Mittelfingern Richtung Gladbacher Fans zu zeigen. Eine interessante Reaktion, zumal die Nordkurve noch nie die wenigen Journalisten auf der Pressetribüne für das Nicht-Zustandekommen der „Welle" verantwortlich machte.

 

Doch zurück zum Spiel. Jos Luhukay wechselte gegen Ende mit Eugen Polanski noch einen frischen Spieler ein. Dieser Wechsel geschah aber mehr aus menschlichen denn aus taktischen Gründen, wie der Trainer am Ende der Pressekonferenz bestätigte. Polanski, wie Kasper Bögelund und Robert Fleßers vor dem Spiel vom Vorstand verabschiedet, erhielt so einen letzten Auftritt vor heimischem Publikum. Das 3:3 wollte am Ende nicht mehr fallen, Rob Friend setzte, wie in der Einleitung beschrieben, seinen Fallrückzieher falsch an. Mit dem Ergebnis konnten am Ende beide irgendwie leben. Freiburg bleibt im Aufstiegsrennen, ist jedoch nach wie vor auf Niederlagen von Mainz und Hoffenheim angewiesen, Borussia feiert in diesen Minuten mit 100.000 Fans den verdienten Aufstieg in die Bundesliga. So lobte Jos Luhukay die Einstellung seiner Mannschaft, die trotz der fehlenden eigenen Spannung, trotz des Wetters und trotz des hohen Rückstands gegen einen starken Gegner noch fast den Ausgleich erzielen konnten. Robin Dutt gratulierte auf der Pressekonferenz zum Aufstieg und schloss mit den bemerkenswerten Sätzen: „Viel Glück in der Bundesliga, ich will Euch nie mehr in der 2. Liga sehen!"


Borussia: Heimeroth - Levels (Ndjeng 74), Brouwers, Kleine, Daems - Paauwe (Polanski 85) - Touma, Marin - Rösler (Coulibaly 74) - Neuville, Friend.

Freiburg: Langer - Schlitte, Banovic, Butscher, Olle Olle - Uzoma - Glockner (Akrout 83), Barth - Matmour, Idrissou, Günes (Aogo 75).

Tore: 0:1 Matmour (8.), 0:2 Günes (36.), 0:3 Günes (59.), 1:3 Friend (63.), 2:3 Kleine (74.).

Schiedsrichter: Robert Hartmann (Ingolstadt)

Zuschauer: 52.607 (97,29 %)

Gelbe Karten (Borussia): Kleine, Brouwers (5., im nächsten Spiel gesperrt)

Rote Karten: -

Besondere Vorkommnisse
: Erstmals seit dem 18. Februar 2008 verlor die Borussia, damals (0:1 gegen Mainz 05) wie heute unterlag sie in einem Heimspiel. Die heutige Niederlage beendet eine Serie von zwölf ungeschlagenen Spielen (7 Siege, 5 Remis; 27:9 Tore), ebenso war diese Begegnung das letzte Heimspiel der Borussia in dieser Saison. Von ihren 17 Heimspielen in dieser Saison gewann die Borussia 10, spielte in fünf Partien Unentschieden und verlor eben die Matches gegen Mainz und Freiburg. Zu diesen 17 Heimspielen, in denen sie 31 Tore erzielte und 15 Tore kassierte, begrüßte Borussia 648.697 Zuschauer (durchschnittlich, pro Spiel: 38.158). Erstmals seit dem 27. Januar 2006 (1:3 gegen Bayern München) kassierte die Borussia in einem Heimspiel mehr als zwei Gegentreffer. Borussia steht seit 25 Spieltagen in Folge auf dem ersten Tabellenplatz der 2. Bundesliga und wird diesen Platz auch verteidigen, wenn es dem derzeitigen Tabellenzweiten Köln am letzten Spieltag nicht gelingen sollte einen drei Punkte Abstand mitsamt einer elf Tore besseren Tordifferenz noch wettzumachen. Bei noch einem ausstehenden Spiel hat die Borussia als torgefährlichste Elf der 2. Bundesliga bereits 68 Saisontreffer erzielt, in ihrer Historie ist das die beste Ausbeute seit der Saison 1986/87, als ihr in der 1. Bundesliga bei 44 Gegentreffern 74 Tore glückten. In ihrer Historie in der 2. Bundesliga übertrifft sie mit besagten 68 Treffern ihre Bestmarke aus der Saison 2000/01, als sie 62 Treffer in des Gegners Netz versenkt hatte.

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  • Für den #effzeh gibt‘s jetzt nur noch eine Rettung. #PeterFürPeter
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  • @JrgNeb "Sie kehrt zurück", steht im ersten Absatz im Artikel & wird ganz genau auf dem Bild angezeigt.
  • @frankie1960 Das ist nahezu das erste Mal, daß man auch in Mönchengladbach einen Treffer von Ulf Kirsten gutfinden kann! 🙂

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