Patrick PaauweZumindest in einem Punkt waren sich viele Journalisten am Ende einig: Jos Luhukay hätte diese Partie mit 1:3 verloren. Es gehört noch immer zu den großen Rätseln dieses Sports, dass kurz vor dem Rauswurf stehende Trainer meist Pech haben, die neuen Übungsleiter wiederum eher Glück. Der wahrhaft glückliche, doch nicht unverdiente 1:0-Heimsieg am gestrigen Samstagnachmittag gegen den Karlsruher SC hat einzig das gebracht, was Borussia in der aktuellen Lage - Trainerwechsel hin oder her - am meisten benötigt: Punkte. Diejenigen, die glaubten, dass Hans Meyer als Heilsbringer der Mannschaft nach ein paar Tagen spielerisches Leben einhaucht, wurden wie die restlichen knapp 42.000 Zuschauer eines Besseren belehrt. Der neue, alte Übungsleiter am Niederrhein betätigt sich, realistisch wie er ist, einzig als Notfallhelfer, der den Patient Borussia irgendwie am Leben zu halten versucht.

KSC-Trainer Becker war die Situation auf der Pressekonferenz fast schon unangenehm. Hans Meyer verlor sich in Lobeshymnen und betonte mehrfach, welch starker Gegner heute Gast in Mönchengladbach war. Für Becker, der innerhalb von acht Tagen drei knappe Niederlagen hinnehmen musste, ein sehr schwacher Trost. Dass Meyer damit auch das schwache Spiel seiner eigenen Mannschaft relativierte, sah man ihm nach. Denn das, was Borussia zuvor 90 Minuten auf dem Rasen darbot, unterschied sich wenig von dem, was man unter Vorgänger Luhukay leidvoll beobachten konnte: Teils klägliche Chancenverwertung, Fehlpässe, Stellungsfehler in der Abwehr und ein insgesamt wenig selbstbewusstes Auftreten.

Die Aufstellung war mit Spannung erwartet worden, und sie bot in der Konsequenz wenig wirkliche Überraschungen. Viele wollten in der Aufstellung ein 4-3-3-System sehen, das Meyer bereits bei seinem ersten Wirken in Mönchengladbach favorisierte, in der Praxis ist dies faktisch ein solides, defensives Spielsystem mit einer Spitze. Die Außenspieler Marin und Matmour sind keine klassischen Außenstürmer, dazu spielt Borussia zu wenig dominant, um ein 4-3-3 in seiner reinen (niederländischen) Form aufziehen zu können.
Ede Becker auf Seiten der Gäste entschied sich für die gleiche taktische Ausrichtung, hier stürmte Meyers ehemaliger Schützling aus Nürnberg, Joshua Kennedy, in vorderster Front.

Die Unsicherheit und die Angst im Spiel des Aufsteigers waren bis auf die obersten Plätze des mäßig gefüllten BorussiaParks zu spüren. Mit Alberman, Paauwe und Bradley bot Borussia zudem drei Spieler auf, die sich in der Interpretation ihres Spiels zu sehr ähneln und lediglich in Nuancen unterscheiden. Alle drei agieren als Ballverteiler aus der Defensive heraus, standen sich dabei gestern Nachmittag zu oft auf den Füßen, zudem war der Raum im offensiven Mittelfeld des Öfteren verwaist. Matmour und Marin auf den Außenbahnen wirkten engagiert, doch auch sie litten oft an der Tatsache, dass Borussia bei eigenem Ballbesitz nicht konsequent nachrückte. Tat sie es dann, entstanden in Folge der vielen Ballverluste in der Vorwärtsbewegung oft größere Lücken in der Defensive, die ein konsequenterer Gegner eher ausgenutzt hätte. Speziell Sebastian Svärd konnte sich für die Rolle des rechten Verteidigers nicht nachhaltig empfehlen.

Dass Sebastian Freis nach knapp 20 Minuten, Kennedy und Iashvili nach 76 Minuten die oft zitierten Hunderprozentigen nicht nutzten, fällt wohl in die Glück-Pech-Kategorie eines Trainerwechsels. Borussia hatte ihre wenigen Chancen in Person des Kanadiers Friend, der jedoch - wie in so vielen Spielen dieser Saison - die nötige Präzision im Abschluss vermissen ließ. Das Tor des Tages fiel dann in Folge einer der vielen langen Bälle auf Friend, den speziell Gladbachs Abwehrreihe mangels Anspielstationen im Mittelfeld (zu) oft suchte. Friend war bis dato bei den Innenverteidigern Franz und Sebastian gut aufgehoben, doch den hohen Pass von Kleine verlängerte Friend in den Lauf von Paauwe, Porcello schaltete einen Schritt zu spät und Borussias Kapitän traf zum Führungs- und Siegtor (51.).

Die drei Punkte waren demnach das Beste an diesem herbstlichen Tag in Mönchengladbach. Hans Meyer betonte in den Gesprächen nach Spielschluss mehrfach, dass seine Mannschaft nach drei Heimniederlagen und nur einem Punkt auf des Gegners Platz nicht vor Selbstbewusstsein strotzen könne. Der siegreiche, aber noch immer verkrampfte Auftritt gegen Karlsruhe ist demnach nur ein erster, kleiner Schritt. Keiner aus dem Keller heraus, sondern lediglich einer, um den Anschluss nicht zu verlieren. Hans Meyer hatte gestern einfach das Glück, das Luhukay zuvor fehlte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Borussia: Gospodarek - Svärd, Kleine, Daems, Voigt - Alberman, Paauwe – Matmour (Ndjeng 85), Bradley (Coulibaly 76), Marin (Neuville 65) – Friend.

Karlsruher SC: Miller - Celozzi, Sebastian, Franz, Eichner – Mutzel (Aduobe 45), Porcello - Freis, da Silva (Timm 65), Iashvili (Kapllani 79) - Kennedy.

Tore: 1:0 Paauwe (51.)

Schiedsrichter: Deniz Aytekin

Zuschauer: 42.051 (77,77 %)

Gelbe Karten (Borussia): Friend, Neuville

Besondere Vorkommnisse: Erstmals seit dem 1. März 2003 betreute Hans Meyer die Mannschaft der Borussia wieder als Cheftrainer, damals spielte sie noch auf dem Bökelberg 2:2 gegen den FC Schalke 04 (Borussentore: Kluge und Demo). Anders als beim allerersten Spiel Hans Meyers als Borussentrainer (11. September 1999, 1:2-Heimniederlage gegen Alemannia Aachen (Borussentor: Polster)) gewann die Borussia am heutigen Samstag. Erstmals in dieser Saison blieb die Borussia in einem Pflichtspiel ohne Gegentreffer, zuletzt war sie am 7. Mai diesen Jahres beim 3:0-Aufstiegssieg über den SV Wehen ohne Gegentreffer geblieben. Für den Karlsruher SC war es der erste Auftritt in Mönchengladbach seit dem Zweitligaduell vom 28. Februar 2000 (4:1 für Borussia (Tore: van Lent, Demo, Asanin, Witeczek)), und somit auch das erste Pflichtspiel des KSC in Borussias im Sommer 2004 eröffneten Stadion. In der 1. Bundesliga waren beide Teams zuletzt am 7. März 1998 im Karlsruher Wildparkstadion unter den Trainern Norbert Meier (Borussia) und Winfried Schäfer (KSC) aufeinandergetroffen, die Borussia gewann diese Partie nach Toren mit 5:2 (Borussentore: Paßlack (2), Effenberg (2), Juskowiak). Das letzte Erstligaduell beider Teams vor dem heutigen Match war am Bökelberg am 27. September 1997 (1:1 (Borussentor: Chiquinho)) über die Bühne gegangen, damals hieß der Borussentrainer noch Hans "Hannes" Bongartz und Borussias aktueller U17-Assistenztrainer Markus Hausweiler bestritt das vierte seiner insgesamt 91 Erstligaspiele für die Borussia.

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