Frederic LöheBeim Bundesligadebüt ihres Nachwuchstorhüters Frederic Löhe im Auswärtsspiel gegen den UEFA-Pokal-Teilnehmer VfL Wolfsburg bewies eine in den ersten 40 Minuten gar nicht einmal schlechte Borussia aus Mönchengladbach wieder einmal jenen Hang zum Selbstmord, der sie bereits in manchem Erstligajahr seit ihrem ersten Wiederaufstieg berühmt gemacht hatte. Als Stilmittel dieses in bemerkenswert brachialer Form herbeigeführten Freitods fungierte wie schon jüngst in Hannover und in Cottbus (im Pokalspiel) auch während der heutigen Partie in den Wolfsburger Allerwiesen die stetig wiederkehrenden Strafstöße für den Gastgeber, durch die es schlichtweg jeder (Auswärts-)elf schwer fallen würde sich auch bloß die Chance auf Zählbares zu erhalten. Für die Borussia, noch dazu in ihrer momentanen Verfassung, blieb das neue VfL-Stadion in Wolfsburg somit auch genauso uneinnehmbar wie während drei ihrer vier vorherigen Auftritte dort.

Noch auf der Pressekonferenz zum Auftritt in Niedersachsen hatte Hans Meyer auf Anregung der lokalen Presse darüber sinnieren sollen, wer für den verletzten Uwe Gospodarek in Wolfsburg das Tor hüten würde. Meyer lehnte dazu jede Einvernahme mit striktem Hinweis auf seinen erst kürzlichen Dienstantritt als Cheftrainer ab, und deshalb war es hier als Überraschung zu werten, dass er dem 20-jährigen Löhe den Vorzug vor dem bisherigen Stammtorhüter Christofer Heimeroth gab, der somit auf mancher Torwartrangliste zur Borussia binnen dreizehn Tagen gleich schon zwei Plätze eingebüsst hat. Fernab dieser Umstellung vertraute Meyer im linken Mittelfeld in diesem Spiel auf Johannes van den Bergh statt auf Marko Marin, der wie im letzten Auswärtsspiel unter der Leitung von Meyer-Vorgänger Jos Luhukay auch hier auf der Reservebank einen Platz einnahm.

Kaum neun Minuten waren im neuen VfL-Stadion in Wolfsburg gespielt, da hatte die Borussia auch bereits drei durchaus veritable Spielzüge in Richtung des Tores von Diego Benaglio zu verzeichnen gehabt. Unter anderem nach einem Eckball hatte der aufgerückte Thomas Kleine im Borussendress versucht das Tor der Wolfsburger anzuvisieren, doch leider misslang ihm sein Kopfball in Sachen Präzision, so dass die Borussia nicht in Führung gehen konnte (8.). Auf der Gegenseite hatte Frederic Löhe Momente später das Glück des Debütanten, als ein Wolfsburger Versuch durch Edin Dzeko an der Torstange hängen blieb und von Löhes vergeblich nach dem Ball fliegenden Körper so touchiert wurde, dass der frühere Kölner ihn bei einem beherzten Sprung Sekunden später schick unter sich begraben konnte. Bis dahin hatte der regulär bei Horst Wohlers in der Regionalliga West zu Spielpraxis kommende Jungprofi das Spielgerät noch nicht richtig zu packen bekommen und wäre, so sein Körper den Ball anders reflektiert hätte, bei seinem Debüt auf ganz falschem Fuß erwischt worden.

Diese Chance für die Gastgeber beeinträchtigte das vornehmlich auf Ballbesitz ausgelegte Borussenspiel zunächst überhaupt nicht. So erreichte die Borussia nach einer Viertelstunde zum wiederholten Mal das Terrain des Wolfsburger Strafraums, doch Michael Bradley konnte das gut getimte Zuspiel von Karim Matmour, das Gal Alberman mit einem sehenswerten Zuspiel initiiert hatte, nur ungenügend verarbeiten. Diego Benaglio im Wolfsburger Tor hatte keine Mühe diese hundertprozentige Möglichkeit der Borussia zu vereiteln und seiner Mannschaft das torlose Remis über die Anfangsphase zu retten; fünf Minuten später rettete auf der Gegenseite Frederic Löhe mit einem beherzten Rauslaufen gegen Edin Dzeko eine mögliche Führung für die Gastgeber, die nach einer halben Stunde das Spiel besser in den Griff bekamen und schon in der 28. Minute fast durch einen Konzentrationsfehler von Gal Alberman mit dem Führungstreffer beschenkt worden wären.

Dieses Geschenk überbrachte den Niedersachsen dann in der 40. Spielminute ausgerechnet Debütant Löhe, der allerdings gegen den tornahen Grafite auch nur das vollstreckte, was Sebastian Svärd Bruchteile von Sekunden vorher gegen den durchgebrochenen Misimovic schon verbockt hatte. Ärgerlich war dieses Malheur von Löhe gleich in mehrerer Hinsicht: einerseits, weil es die Borussia ins Hintertreffen beförderte, andererseits, weil sich die Borussia durchaus ein Remis zur Pause verdient gehabt hätte. Und außerdem ist es sehr bedauerlich, dass es ausgerechnet der sich heute kontinuierlich im Courage zeigen & Wagemut beweisen übende Löhe - also der „Grünste" der Elf - war, der Schiedsrichter Michael Kempter damit die Möglichkeit zum berechtigten Strafstoßpfiff gab. Keine Frage, dass der vor der letzten Saison aus Le Mans zum VfL Wolfsburg gestoßene Grafite im anschließenden Duell die Nerven behielt und den Youngster zum 1:0-Pausenstand gepflegt in die falsche Torecke lockte.

Noch vor der Pause hatte Hans Meyer dann einen Spielerwechsel vorzunehmen. Der beständige Filip Daems aus Borussias Defensivformation hatte sich im Kopfballduell gegen eben jenen Edinaldo Batista Libanio „Grafite" eine Platzwunde zugezogen, die ihn daran hinderte weiterspielen zu können. Für ihn betrat Roel Brouwers den Platz; es blieb auch über die Halbzeitpause hinweg vorerst Borussias einziger Personalwechsel.

Nach der Halbzeitpause probierte die Borussia vorläufig im Stile der Auswärtspartie beim Hamburger SV (0:1), die sie in der Schlussviertelstunde beinahe noch in ein einen Punkt bringendes Resultat gewendet hatte, sich die Ballsicherheit der ersten fünfzehn Spielminuten wieder zu beschaffen. Dies gelang ihr nur ansatzweise. In der 48. Spielminute, nach einer rüden Attacke von Svärd in der nähe des Sechzehnmeters, hatte Frederic Löhe das Fortune, dass der von Misimovic ausgeführte Strafstoß über die Mauer hinweg links an dem von Misimovic aus gesehen linken Pfosten ins Toraus flog - und die Borussenhoffnungen auf einen Punkt somit (vorläufig) am Leben hielt.
Diese Hoffnungen begrub dann jedochschon sieben Minuten später ein unter anderem von Rob Friend wirklich extrem schlecht verteidigter Kopfball von Alexander Madlung, infolge eines Freistoßes von Misimovic von der gegenüberliegenden Seite, im Borussentor.

Die Gastgeber führten jetzt 2:0 und machten aus dem Duell immer mehr ein Solo.

Jetzt zeigte sich auf Borussias Seite das komplette Repertoire der Verunsicherung, der Teams unterlegen sind, wenn ihnen das Selbstvertrauen fehlt. Die Abspielfehler häuften sich im Dutzend, auch weil Anspiele schlecht waren oder beim Passempfänger nicht akkurat genug mitgedacht wurde. Partiell schien die komplette Konfusion Einzug zu halten, so etwa im Defensivverhalten. Wie zwei Minuten nach dem Madlungschen Treffer, als Brouwers einen atemberaubend zu kurz geratenen Rückpass auf Frederic Löhe probierte und Löhe den dazwischen gespritzten Grafite durch ein waghalsiges Manöver noch in einen so spitzen Winkel vor das leere Tor forcieren konnte, aus dem dem brasilianischen Stürmer der erfolgreicher Torschuss dann immerhin misslang.

Nein, die Borussia machte jetzt extrem viel falsch. Sie wirkte nachhaltig konfus, selbst der nach der Pause defensiver agierende Paauwe vermochte keine zusätzliche Stabilität zu vermitteln. Und im Angriff, in dem Rob Friend ein sehr einsames Dasein fristete, begann sich der kanadische Nationalstürmer vollständig seinem Frust auszuliefern. Infolge eines Scharmützels mit Andrea Barzagli bedrängte er Wolfsburgs Torhüter Benaglio im Streben nach einem verlorenen Ball in Kung-Fu-Manier und als er sich kurz darauf in einer bereits unterbundenen Szene für einen Lattenkopfball im Kopfballzweikampf auf seinen Gegenspieler stützte, verordnete ihm der Schiedsrichter eine Gelbe Karte, die in dieser Spielphase auch noch einige seiner Mannschaftskollegen sahen; vornehmlich, wie Alexander Voigt, weil sie in Situationen ihren Gegenspieler bloß noch mit einem Foulspiel hindern konnten.

In der 75. Spielminute entschied sich das Spiel dann endgültig, Gal Alberman brachte im Strafraum der Borussia in einer Abwehrbewegung in sehr plumper Manier seinen Fuß auf den Fuß des Wolfsburgers Gentner. Den fälligen Strafstoß, den insgesamt siebten Strafstoß gegen Borussia während dieser Saison, verwandelte anschließend Zvjezdan Misimovic zum 3:0-Endstand, der gemessen am Verlauf und an der Darbietung beider Mannschaften während der 2. Spielhälfte von der Höhe her verdient war. So beendete Schiedsrichter Michael Kempter - der beim DFB-Pokal-Aus der Borussia in Cottbus (0:3) im vergangenen Monat sogar drei (!) berechtigte Strafstöße gegen die Borussia hatte verhängen müssen - nach insgesamt doch kurzer Nachspielzeit eine über 60 Minuten sehr einseitige Bundesligabegegnung, die klar auswies, bei welchem der beiden Vereine die jeweils in der letzten Zeit beidseitig aufgekommene Erörterung vermeintlich fehlender Qualität völlig eingebildet und mithin deplaziert ist & war.

Alles in allem ist es doch sehr befremdend mit welcher Konsequenz die Borussia in dieser Saison auf auswärtigem Geläuf die Waffen zum Sieg richtig konsequent gegen sich selbst richtet und dann auch noch beherzt auf den notwendigen Knopf drückt. Zwei Elfmeter beim 1:5 in Hannover, drei Strafstöße beim 0:3 in Cottbus im Pokal. Und nun zwei Stück in einem Spiel, in das die Mannschaft gut gestartet schien und in der sie immerhin über 40 Minuten einen Eindruck machen konnte, den sie während der Auswärtspartien, die man sonst so von ihr kennt, gewöhnlich kaum zwanzig Minuten am Stück hinterlassen kann. So ein Eindruck wird dann aber Makulatur, wenn am Schluss doch wieder bloß eine neuerliche Episode des berüchtigten Mönchengladbacher Intervallfußballs in die Geschichtsbücher eingetragen werden kann; jener Fußball, den die Borussia in der 1. Bundesliga landauf wie landab wie kein zweiter Klub repräsentiert.

Bis zu seiner verletzungsbedingten Auswechselung knapp vor der Halbzeit machte Filip Daems im Abwehrzentrum der Borussia einen stabilen Eindruck, von daher sollte der belgische Nationalspieler in der Einzelkritik im Endeffekt gewiss besser abschneiden als der große restliche Teil der eingesetzten Akteure. Für Debütant Löhe, der seine Feuertaufe im Lizenzfußball mit Leidenschaft & Wagemut bestritt und nebst Schatten auch sehr wohl lichte Momente auf das Rasenviereck brachte, war das Spiel am heutigen Tage sicher eine wertvolle Erfahrung. Mit seiner Berücksichtigung bzw. der Nichtberücksichtigung von Christofer Heimeroth ist durch das Trainerteam immerhin auf dieser Ebene die sogenannte Torwarthierarchie präzise geklärt worden. Der in Unna gebürtige ehemalige Gelsenkirchener ist in Mönchengladbach (wo vor 13 Tagen "Erfahrung" durch das Trainerteam als Primärkriterium für eine momentane Besetzung der Torwartposition auserkoren wurde und jetzt der 20 Jahre alte Debütant zum Einsatz kommt) nur noch Ersatz, und im Zweifel halt der Ersatz vom Ersatz.

Im Angesicht des Tohuwabohus, das in dieser Saison regelmäßig in Borussias Defensive zu Tage tritt, kann der geneigte Fußballfreund hierzu durchaus erschöpfend differierender Ansicht sein, aber angesichts der akutesten Problemzonen des Borussenspiels - die simple Gegentorvermeidung als Oberbegriff dessen - ist es am Ende gegebenenfalls wirklich zweitrangig, wer letztlich die Bälle aus dem von der jeweiligen Heimelf stets freundlicherweise zur Verfügung gestellten Fangnetz des Borussentores zu holen hat.

VfL Wolfsburg: Benaglio - Riether, Madlung, Barzagli, M. Schäfer - Josué - Hasebe (Zaccardo 62), Gentner - Misimovic (Caiuby 86) - Grafite (Dejagah 74), Dzeko.

Borussia: Löhe -  Svärd, Kleine, Daems (Brouwers 45), Voigt - Matmour, Alberman, Bradley (Marin 58), Paauwe, van den Bergh (Neuville 69) - Friend.

Tore: 1:0 Edinaldo Batista Libanio (40., Foulelfmeter), 2:0 Madlung (55.), 3:0 Misimovic (75., Foulelfmeter)

Schiedsrichter: Michael Kempter (Sauldorf)

Zuschauer: 24.000

Gelbe Karten: Schäfer - Svärd, Paauwe, Friend, Voigt, Brouwers.

Besondere Vorkommnisse
: In ihrem fünften Auswärtsspiel der Saison kassierte die Borussia ihre vierte Niederlage (3:12 Tore), im 107. Erstligaauswärtsspiel seit der Jahrtausendwende ihre 68. Niederlage (86:201 Tore). Borussias Torhüter Frederic Löhe absolvierte das erste Bundesligaspiel seiner Karriere. Erstmals seit dem 23. Februar 2003 (0:4 beim VfB Stuttgart) betreute Hans Meyer die Borussia in der 1. Bundesliga in der Fremde wieder als Cheftrainer. Letztmalig zwei Foulelfmeter gegen sich erhielt die Borussia in der Bundesliga am 14. September beim 1:5 bei Hannover 96, am 23. September diesen Jahres hatte sie beim DFB-Pokalspiel der 2. Hauptrunde bei Energie Cottbus drei Foulelfmeter gegen sich erhalten. Bei jener Partie in Brandenburg war wie bei diesem Mal auch Schiedsrichter Michael Kempter durch den DFB angesetzt worden. Insgesamt, mit dem Elfmeter zum 2:2 in Osnabrück am 21. Spieltag der vergangenen Saison, verhängte der Bankkaufmann in seinen letzten drei Partien mit Borussenbeteiligung somit insgesamt sechs Elfmeter. Im Schnitt verhängte Kempter statistisch betrachtet zuletzt alle 45 Minuten jeweils einen Strafstoß gegen die Borussia.

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