HSVGut eine Stunde war gespielt im Borussia-Park, als David Jarolim die Hand zu Hilfe nahm. Der Regelverstoß war völlig unnötig, denn den etwas zu lang geratenen Gladbacher Pass hatte der Tscheche eigentlich problemlos abgelaufen. So aber gestattete Jarolim den Borussen einen Freistoß aus zwar nicht direkt exzellenter, aber doch ganz interessanter Position im rechten Halbfeld. Man hat in dieser Saison oft genug Spiele gesehen, in denen die Gladbacher in solchen Situationen nur harmlose Alibiflanken zustande brachten. Diesmal aber legte Marin quer auf Filip Daems, der den Ball mit solcher Entschlossenheit aufs Hamburger Tor knüppelte, dass Frank Rost nur unter Aufbietung seines ganzen Könnens einen Gladbacher Treffer verhinderte. In diesem Moment kristallisierte sich gleich dreierlei, was im ganzen Spiel den Unterschied ausmachen sollte: erstens wenig meisterliche Aussetzer im Defensivspiel der Hanseaten, zweitens der schiere Wille der Heimmannschaft, drittens ungeahnte Offensivqualitäten der Gladbacher Verteidiger.

 

 

Dabei hatte die Partie noch unter ganz anderen Vorzeichen begonnen. Als Paul Stalteri in der dritten Minute völlig unbedrängt einen Ball ins Seitenaus prallen ließ, als Steve Gohouri dreißig Meter vor dem eigenen Tor Ivica Olic anschoss und den Schnitzer nur mit Müh und Not wieder ausbügeln konnte, da war die Nervosität der Gastgeber förmlich mit den Händen zu greifen. Die Hamburger kontrollierten die Partie, abwartend zwar, doch in der Offensive immer wieder gefährlich. Olic, der schon früh aus spitzem Winkel an Bailly scheiterte, stellte Steve Gohouri vor einige Probleme und hätte in der sechzehnten Minute zwingend die Führung erzielen müssen. Filip Daems konnte seinen strammen Schuss aus elf Metern in letzter Sekunde abblocken. Die Gladbacher mühten sich redlich, hatten anfangs aber offensiv nicht viel entgegenzusetzen. Am aussichtsreichen war nach einer Viertelstunde noch Daems‘ beherztes Solo, durch das Matmour in Szene gesetzt wurde. Dessen Flanke auf Bradley geriet aber zu ungenau. Den ersten Torschuss verzeichnete die Statistik nach 18 Minuten, als Alexander Baumjohann das Gehäuse aus der Distanz deutlich verfehlte.

Die Gladbacher Führung in der 24. Minute fiel insofern überraschend, war aber höchst ansehnlich herausgespielt, wenn auch mit freundlicher Mithilfe der Hamburger Viererkette. Galasek spielte einen klugen langen Ball auf Marin, dessen Gegenspieler Jérôme Boateng im falschen Moment einen Schritt nach vorne getan hatte. Halblinks in den Strafraum eingedrungen, bediente Marin mit feinem Innenristlupfer Rob Friend. Der Kanadier, zum letzten Mal im November erfolgreich, konnte sich in der Mitte gegen Joris Mathijsen durchsetzen und den Ball mit der rechten Fußspitze ins Tor bugsieren. Fast hätte es in der nächsten Minute gar zum Doppelschlag gereicht, aber Alex Silva konnte Baumjohanns Flanke gerade noch vor Friend und Bradley klären.

Die Hamburger agierten in der Folge sichtlich verunsichert, kamen aber durch einen Querschläger zurück ins Spiel. Zuvor hatte Steve Gohouri in letzter Not klären können, aber nur auf Kosten einer eigenen Verletzung und eines Eckballs. Erstere führte wenige Minuten später zu seiner Auswechslung, letztere gleich zum Ausgleich durch Mladen Petric. Dabei war Trochowskis Distanzschuss - Matmour hatte zuvor den Ball per Kopf aus dem Strafraum befördert - reichlich verunglückt geraten, doch gerade dadurch gelangte der Ball zu Petric, der aus wenigen Metern Bailly keine Abwehrchance ließ. Neben der technischen Klasse Petrics stand dabei auch nachlässiges Gladbacher Defensivverhalten Pate: Tobias Levels war nach Matmours Kopfball einige Meter aufgerückt und hatte den sich in seinem Rücken davonschleichenden Petric aus den Augen verloren. Paul Stalteri wiederum, beim Eckball am Pfosten postiert, versäumte es, den Kroaten entschiedener zu übernehmen.

Ausgerechnet Levels aber, an diesem Tag ohnehin ungewohnt offensivfreudig, sollte zum Ausgangs- und Endpunkt der erneuten Gladbacher Führung werden. In der 42. Minute initiierte der Deutsch-Niederländer eine schöne Kombination über Marin und Baumjohann, an deren Ende er frei auf Frank Rost zulaufen konnte. Den am Keeper vorbeigespitzelten Ball konnte Mathijsen in der Mitte zwar noch abwehren; er tat das aber so unglücklich, dass Levels den Abpraller im Fallen über die Linie drücken konnte.

Die Gladbacher waren zur zweiten Hälfte schon längst wieder vollzählig auf dem Platz, als die letzten Hamburger eintrudelten. Und auch nach dem Wiederanpfiff waren die Gastgeber das entschlossenere Team, bissig im Zweikampf, mit hoher Laufbereitschaft, dynamischer in der Offensive. Zwar konnte Rost vier Minuten nach Wiederbeginn Daems‘ brachialen Schuss von der Strafraumgrenze gerade noch an den Pfosten lenken. Machtlos war der Torhüter aber in der 54. Minute. Wieder waren es Gladbacher Verteidiger, die sich erfolgreich in den Angriff einschalteten, und wieder sahen ihre Hamburger Gegenüber nicht gut aus. Marins Freistoßflanke aus dem Halbfeld wurde zwar zunächst abgewehrt, dann aber verloren die Hamburger die aufgerückten Gladbacher Innenverteidiger aus den Augen. Jansen lenkte Levels‘ Hereingabe ungewollt zu Daems ab, und der konnte sich halblinks im Strafraum in Ruhe umschauen, bevor er gefühlvoll auf den völlig alleine gelassenen Roel Brouwers flankte. Ob der Niederländer, in der ersten Hälfte für Gohouri gekommen, hier gerade noch auf gleicher Höhe mit dem letzten Abwehrspieler oder haarscharf im Abseits stand, konnten auch die Zeitlupen nicht klären. Brouwers war's egal: Der Niederländer, der kurz vor der Pause das Tor per Kopf noch knapp verfehlt hatte, lenkte den Ball aus sechs Metern volley ins Netz.

Hypothetisch ist, ob die Borussen nochmal ins Wanken geraten wären, wenn die Hamburger eine ihrer beiden guten Chancen zum Anschlusstreffer genutzt hätten. Deren erste vergab Jonathan Pitroipa kläglich; bei der zweiten rettete Logan Bailly stark gegen Petric. Erfolgreicher war die Heimmannschaft. Zwar konnte Frank Rost Marins Abschluss nach tollem Solo sicher und Daems‘ Distanzschuss mit letztem Einsatz noch abwehren. Machtlos aber war er gegen Marins souverän verwandelten Foulelfmeter in der 65. Minute. Maßgeblich an dessen Entstehung beteiligt war erneut der völlig indisponierte Mathijsen, der Matmour nicht nur außerhalb des Strafraums am Trikot zupfte, sondern ihm auch innerhalb des Sechzehners auf die Ferse trat. Und hätte das ansonsten sehr gute Schiedsrichtergespann nicht gleich zweimal fälschlicherweise auf Abseits entschieden, als der eingewechselte Neuville allein aufs Hamburger Tor zulief, der Sieg hätte sogar noch höher ausfallen können. Auch so aber stand am Ende ein vielumjubelter 4:1-Heimerfolg, den sich die Borussia vor allem durch ihren unbändigen Willen verdiente und mit dem sie wieder auf Tuchfühlung zu den Nichtabstiegsplätzen geht.

Borussia: Bailly - Stalteri, Gohouri (Brouwers 33), Daems, Levels - Galasek - Matmour, Bradley, Baumjohann, Marin (Neuville 68) - Friend (Colautti 79)

Hamburg: Rost - J. Boateng (Ndjeng 85), Alex Silva, Mathijsen, Aogo - Tavares - Jarolim (Benjamin 71), Jansen - Trochowski (Pitroipa 53) - Olic, Petric

Tore: 1:0 Friend (24.), 1:1 Petric (29.), 2:1 Levels (42.), 3:1 Brouwers (54.), 4:1 Marin (66., Foulelfmeter)

Schiedsrichter: Michael Kempter (Sauldorf)

Zuschauer: 50.073 (92,61 %)

Gelbe Karten (Borussia): Daems, Friend

Besondere Vorkommnisse: Vor dem heutigen Spiel gewann die Borussia zuletzt am 20. März 2004 ein Heimspiel gegen den Hamburger SV. Beim damaligen 3:0-Erfolg markierten Jeff Strasser, Vaclav Sverkos und Thomas Broich die Treffer. Tobias Levels erzielte in seinem 50. Ligaspiel für die Borussia sein erstes Pflichtspieltor als Profi überhaupt. Levels, der in der Jugend einst auch als Stürmer aufgelaufen war, hatte zuvor nur im Seniorenbereich nur in der Regionalliga getroffen, und selbst da nur einmal. Borussias einstiger Nationalspieler Marcell Jansen spielte erstmals seit seinem Abschied aus Gladbach wieder in einem Pflichtspiel an der Hennes-Weisweiler-Allee. Gleiches gilt für Marcel Ndjeng, in der Hinrunde noch Partien für die Borussia absolviert hatte. Anders als Jansen aber kam Ndjeng im heutigen Spiel zum ersten Bundesligaeinsatz für seinen neuen Arbeitgeber überhaupt.

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