Hamburger SVAm letzten Samstag musste noch das „Quentchen Glück“ herhalten, das gefehlt habe. Wie viel ist das eigentlich? Die Rechtschreibreform wollte dem armen Quentchen ein „ä“ verpassen, als käme es von Quantum. Tatsächlich kommt es vom Quent, im Mittelalter der fünfte, später der vierte oder zehnte Teil eines Lots, in jedem Fall unter vier Gramm. Wer nur ein Quentchen in die Waagschale wirft, ist also ziemlich arm dran. Es bräuchte schon Gewichtigeres, um den Tabellenstand ins Lot zu bringen: Leidenschaft zum Beispiel, taktische Disziplin, Ballsicherheit und Spielwitz. Wie wenig die Borussia davon zurzeit zu bieten hat, führte das Pokal-Aus in Cottbus auf deprimierende Weise vor Augen.


Immerhin scheint die Zeit des Schönredens seitdem vorbei. Zu Recht ist nun von Fehlern die Rede, mit denen man nicht mal in der Regionalliga bestehen könnte, von verflogener Aufstiegseuphorie, von einfachsten Pässen, die ins Leere gehen. Wutreden in der Kabine werden geschwungen, die Spieler aus der Watte gepackt. Was das fruchtet, wird man in Hamburg sehen. Man ist ja genügsam geworden und erwartet keine rauschenden Fußballfeste mehr. Es wäre schon ein Anfang, wenn die Borussen sich gelegentlich eine Torchance erspielen, nicht mehr zur Unzeit ausrutschen und im eigenen Strafraum keine Gegner mehr über den Haufen rennen könnten.

Borussias Defensive

Eines der vielen Dilemmata, mit denen Jos Luhukay sich derzeit herumschlagen muss: Wechselt er in der Abwehr wenig, wirft man ihm vor, der Krise hilflos gegenüberzustehen. Wechselt er viel, wirft man ihm vor, die Spieler durch wilde Rotation zusätzlich zu verunsichern. Natürlich ließe sich die Zwickmühle durch Erfolge auflösen, aber diese Erkenntnis bringt einen vor dem Spiel auch nicht groß weiter. Immerhin deutet vieles darauf hin, dass Steve Gohouri aus der Verbannung gleich wieder in die Startelf rotieren wird. Von Thomas Kleine war diesbezüglich nicht die Rede. Dabei dürfte es zunehmend schwierig werden, dem Ex-Hannoveraner eine weitere Nichtberücksichtigung zu erläutern. Immerhin wurde noch vor kurzem von einer Millimeterentscheidung zwischen ihm und den Kollegen von der Innenverteidigung gesprochen, und man kann schwerlich behaupten, dass Letztere ihre Position in den vergangenen Spielen gestärkt haben.

Dennoch scheint wahrscheinlicher, dass Luhukay Kleine zunächst draußen lässt und in de Innenverteidigung neben Filip Daems entweder wieder auf Jan-Ingwer Callsen-Bracker oder eben auf Gohouri setzt. In ersteren Fall dürfte Gohouri nach rechts rücken, um den aus dem Kader gestrichenen Levels zu ersetzen, im letzerem würde Marcel Ndjeng diese Rolle übernehmen. Links bleibt es wohl bei Alexander Voigt. Neben Kleine dürfte damit auch Jean-Sébastian Jaurès auf der Bank Platz nehmen, derweil Sebastian Schachten noch nicht im Kader ist. Dort fehlt auch Sebastian Svärd, weshalb der Doppelsechser aus dem Trio Patrick Paauwe, Gal Alberman und Michael Bradley rekrutiert werden wird. Paauwe dürfte dabei die Nase dann vorne haben, wenn sein Fitnesszustand es zulässt.

Borussias Offensive

Die Frage „Rösler oder Baumjohann“ stellt sich in Hamburg nicht, denn etwas überraschend strich Luhukay gleich beide aus dem Kader. Statt eines Zehners dürfte es daher auf Oliver Neuville als hängende Spitze um Rob Friend herum hinauslaufen. Rechts ist Karim Matmour wieder einsatzbereit und insoweit konkurrenzlos, als auch Sharbel Touma in Gladbach bleiben musste. Falls Gohouri rechts in der Viererkette spielt, käme allerdings auch Ndjeng in offensiverer Rolle in Frage. Links spielt wohl Marko Marin, die defensivere Variante hieße Soumaila Coulibaly.

Der Gegner aus Hamburg

HSV-Fans haben sich in dieser Saison an Spiele gewöhnt, die mit einem Rückschlag beginnen und erfreulich enden: In der Bundesliga holte man gleich dreimal einen 0:2-Rückstand auf, um am Ende aus München einen Punkt mitzunehmen, in Bielefeld und gegen Leverkusen gar noch zu gewinnen. Selbst in der ersten Pokalrunde gegen den Zweitliga-Aufsteiger Ingolstadt stand zur Pause ein 0:1, am Ende aber ein 3:1. Die Dramaturgie der Saison dagegen verläuft bislang umgekehrt: Auf erfreulichen Beginn folgten Rückschläge. Als die Hamburger mit zehn Punkten aus den ersten vier Spielen die erste Tabellenführung seit neun Jahren erobert hatten, träumten die ersten schon wieder von der Meisterschaft, zumal der Verein nach Saisonstart mit Marcell Jansen, Thiago Neves und Alex Silva personell noch üppig nachlegte. Dann aber folgte im UEFA-CUP ein ernüchterndes 0:0 zuhause gegen Unirea Urziceni und in der Bundesliga die erste Saisonpleite, die mit 0:3 beim VfL Wolfsburg gleich richtig deftig ausfiel. Defensives Chaos und offensive Ideenlosigkeit wurden nun bemängelt, eine Diagnose, die Borussenfans bekannt vorkommen dürfte. Immerhin gelang im Pokal mit dem 2:0 gegen den VfL Bochum partielle Wiedergutmachung, auch wenn der HSV spielerisch auch hier manches schuldig blieb.

Die Defensive des HSV

Was letzte Saison noch Hamburger Prunkstück war, ist in dieser Spielzeit das große Sorgenkind. Ginge es nur nach Gegentoren, wäre der HSV in der letzten Spielzeit hinter den Bayern in die Champions-League eingezogen, denn die Stevens’sche Null-muss-stehen-Philosophie bescherte der Mannschaft insgesamt nur 26 Gegentreffer, 0,72 pro Spiel. In dieser Saison sind es bislang im Schnitt fast dreimal so viel. Für die Operation Scheunentor machen nicht wenige Martin Jols Hang zur bedingungslosen Offensive verantwortlich. Vor allem bei Ballverlust in der Vorwärtsbewegung waren die Hanseaten anfällig, wenn gegnerische Teams schnell und vorzugsweise über die Außen konterten. Im Pokal gegen Bochum präsentierte sich das Team deutlich abwartender und blieb prompt ohne Gegentor.

Personell besteht rechts die Wahl zwischen Guy Demel und Jerome Boateng, links zwischen Thimothée Atouba und Marcell Jansen. In der Innenverteidigung stand das Duo Bastian Reinhardt und Joris Mathijsen gegen Bochum sicher, in gleicher Besetzung kassierte der HSV gegen Leverkusen, Bielefeld und Bayern allerdings sechs Tore. Dennoch scheint angesichts der desolaten Leistung, die Alex Silva in Wolfsburg bot, die Neuauflage des Pärchens Reinhardt-Mathijsen am wahrscheinlichsten. Beide muss man bei Offensivstandards im Auge behalten. In Bielefeld drehte Reinhardt die Partie mit gleich zwei Treffern; gegen Karlsruhe war es sein Kollege Mathijsen, der nach einer Ecke in letzter Minute das Siegtor markierte.

Wie sein niederländischer Kollege bei der Borussia favorisiert auch Jol den Doppelsechser, üblicherweise besetzt mit David Jarolim und Nigel de Jong.

Die Offensive des HSV

In der letzten Saison war Rafael van der Vaart Maß aller Dinge: Der Neu-Madrilene war an beinahe jedem zweiten Tor der Hamburger beteiligt. In van der Vaarts Schatten kam Piotr Trochowski oft nicht zur Geltung. Das scheint sich in dieser Saison zu ändern, denn vor allem gegen Bayern, Leverkusen und Bielefeld lieferte der Nationalspieler starke bis überragende Partien ab. Dennoch ließ Trainer Jol nie einen Zweifel daran, dass er für das offensive Mittelfeld noch eine hochkarätige Verpflichtung erwartete, zumal Trochowski zwar als Vorbereiter gefiel, als Torschütze aber an van der Vaart nicht heranreichen konnte.

Verstärkung erschien in Person von Thiago Neves, dem letztjährigen Spielmacher von Fluminense Rio de Janeiro, für den der HSV über sieben Millionen Euro überwies. Die hohen Vorschußlorbeeren konnte der 23-jährige bisher aber nicht so recht rechtfertigen: Nach durchschnittlichem Beginn gegen Leverkusen folgte eine schwache Leistung im UEFA-Pokal und eine Einwechslung erst in der Schlussphase in Wolfsburg.

Bleibt Jol der in Hamburg durchaus umstrittenen Rotation treu, könnte Neves gegen die Borussia aber wieder in die Startelf zurückkehren. Wie schon gegen Leverkusen könnten sich dann Trochowski und Olic auf die Flügel orientieren und Guerrero im Sturmzentrum spielen. Aber auch ein Zweiersturm wäre denkbar, neben Guerrero und Olic wäre dabei vor allem mit Mladen Petric zu rechnen. Der Ex-Dortmunder, vor Saisonbeginn im Tausch mit Mohamed Zidan und fünf Millionen Euro gekommen, schoss den HSV mit zwei Treffern gegen Bochum fast im Alleingang in die nächste Runde.

Für die Flügel wäre auch Jonathan Pitroipa eine Alternative – der in der Vorbereitung hochgelobte Ex-Freiburger konnte in der Bundesliga aber bis jetzt noch nicht überzeugen. Im Pokalspiel gegen Bochum probierte es Jol gar mit Marcell Jansen auf der linken Außenbahn. Der einstige Gladbacher, von Atouba abgesichert, blieb dabei aber vieles schuldig.

Bilanz

In den Jahren 92-94 gelang der Borussia der Hattrick: Dreimal in Folge kehrte man aus dem Volkspark mit drei Punkten zurück. Die Torschützen hießen damals noch Kastenmeier, Wynhoff (je zweimal), Max, Anderson und Neun. Ansonsten behielten die Hamburger meist die Überhand: Von 40 Bundesligaheimspielen gegen die Borussia gewannen sie 23. Der Rest teilt sich zu fast gleichen Teilen auf Unentschieden (8) und Gladbacher Auswärtssiege (9) auf. Die Partien waren oft torreich: Im Schnitt fielen in den 40 Begegnungen knapp über drei Tore. Torlos endeten nur zwei Spiele; ein 1:0 oder 0:1 gab es noch nie. Gleich acht Treffer gab es am vorletzten Spieltag der Saison 1977/88 zu bestaunen, als die Borussen durch Nielsen, Kulik (je zweimal), Bonhoff und Heynckes mit 6:2 ihr Torverhältnis auf Vordermann brachten. Aber das sollte am nächsten Spieltag trotz eines 12:0 gegen Dortmund dennoch nicht zum Titel reichen.

Schiedsrichter

Schiedsrichter Michael Weiner bringt der Borussia in der Bundesliga kein Glück, noch nicht mal ein Quentchen. Von vierzehn Partien unter Weiners Leitung verlor die Borussia acht, fünfmal gab es ein Unentschieden. Der einzige Sieg wurde im Februar 2006 immerhin im rheinischen Derby erzielt. Weiner trug mit einer recht harten roten Karte gegen den Kölner Benschneider dazu hilfreich bei. Ein gutes halbes Jahr später dagegen verhalf Weiner der Alemannia aus Aachen auf die Siegerstraße, als Handelfmeter gegen die Borussia pfiff, obwohl Marcell Jansen die Berührung nur durch Selbstauflösung oder Instant-Amputation seines Armes hätte vermeiden können. In der vergangenen Zweitligaspielzeit lieferte Weiner beim Gladbacher 3:1 in Fürth und dem 2:2 in Jena zwei souveräne Leistungen ab.

Aufstellungen

Hamburger SV: Rost – Demel, Reinhardt, Mathijsen, Atouba – Jarolim, de Jong – Trochowski, Neves – Olic, Petric.
Ersatz: Hesl, Silva, Benjamin, Boateng, Odjidja-Ofoe, Aogo, Ben Hatira, Pitroipa, Putsilo, Chrisantus, Guerrero, Chrisantus, Torun.
Es fehlen: Castelen, Choupo-Moting (beide verletzt).

Borussia: Heimeroth – Gohouri, Callsen-Bracker, Daems, Voigt – Paauwe, Alberman – Ndjeng, Marin – Friend, Neuville.
Ersatz: Gospodarek, Levels, Schachten, Brouwers, Kleine, Jaurès, van den Bergh, Bradley, Coulibaly, Rösler, Svärd, Touma, Colautti, Lamidi.
Es fehlt: -

Schiedsrichter: Michael Weiner (Giesen)
Assistenten: Holger Henschel (Braunschweig), Christoph Bornhorst (Damme)
Vierter Offizieller: Stefan Trautmann (Bodenwerder)

SEITENWAHL-Meinung

Christoph Clausen: Nach dem auch in dieser Höhe verdienten 1:4 in Hamburg wird die Situation in Gladbach nicht ruhiger.

Thomas Zocher: Sogenannte 'Nationalhymnen' gibt es nicht nur im Nordpark, sondern auch in der Nordbank-Arena. Sie werden gern inbrünstig geschmettert, und manchmal behalten sie gar Recht. Der HSV bleibt zum ersten Mal in der Liga in dieser Saison ohne Gegentor, bei seinem 2:0 über die Borussia.

Mike Lukanz: Das Einzige, das die Auswärtsfahrt nach Hamburg von der nach Cottbus unterscheidet, ist die schönere Stadt. In Cottbus geht man ins Stadion, sieht die Niederlage und fährt wieder nach Hause. In Hamburg hingegen könnte man überlegen, den Tag nicht besser zu einem Stadtbummel zu gebrauchen, denn das Ergebnis wird das gleiche sein wie vier Tage zuvor: Der HSV gewinnt 3:0. Am Montag danach werden die Lokalredaktionen des "Express" in Düsseldorf und Köln Sonderschichten schieben, um täglich aberwitzige Geschichten fürs Derby zu produzieren. Gibt's in den Boulevard-Redaktionen eigentlich auch Zaunfahnen?

Michael Heinen: Borussia bleibt auch in Hamburg ohne Chance. Mit dem 0:2 ist man noch gut bedient und die Diskussionen werden hitziger.

Christian Heimanns: Form und Tabellenstand lassen nichts gutes erahnen. Mein Stand in der Tipptabelle auch nicht. Aber vier Niederlagen in Folge, das geht einfach nicht, also wird es ein 1:1. Überraschend, glücklich, trotzdem.

Christian Spoo: Borussia ist - allen "es ist 12 Uhr"-Appellen zum Trotz im Moment nicht in der Verfassung, einer Spitzenmannschaft Paroli zu bieten. Und das ist der HSV zweifelsohne. Mit dem 0:3 ist Borussia am Ende noch gut bedient.

Der HSV im Internet: www.hsv.de , www.hsv-sc.de

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