Bayern Münchens WM-StadionDie Tabelle lügt nicht, so heißt es. Und dreist behauptet sie, es seien nur ein Punkt Abstand zum Relegationsplatz und zwei Punkte auf einen Nichtabstiegsplatz, und das bei noch fünf ausstehenden Spielen. Das müsste ja noch lange kein Grund sein für den gefühlten Abstieg vom letzten Sonntag. Warum nur hat man den Eindruck, dass die Tabelle, das alte Biest, uns die Dinge ein wenig beschönigt? Weil sie uns nichts über die Pleiten gegen die Mitbewerber um die zweite Liga sagt, die hinter uns liegen, und nichts über die Spiele gegen Bayern, Schalke und Leverkusen, die vor uns liegen.

Man kann getrost sagen, dass die Enttäuschung nach einem Spiel selten so groß war wie nach dem Abpfiff letzten Sonntag gegen Bielefeld. Obwohl es ein Unentschieden war und Borussia sich bereits 8 (!) Heimniederlagen in dieser Saison eingefangen hat. Aber die letzten Spiele hätten die sein sollen, in denen sich die Mannschaft das Punktepolster holt, bevor es an das schwere Restprogramm geht; stattdessen wurden die engsten Mitkonkurrenten aufgepäppelt. Daher schlug bei vielen Anhängern der Borussia der persönliche Abstiegsanzeiger in den roten Bereich, als die Tore für Cottbus gemeldet wurden. Natürlich ist noch nichts vorbei, aber die Wahrscheinlichkeit, dass nach schlechten Spielen gegen vergleichsweise leichte Gegner gute Spiele gegen starke Clubs kommen sollten, ist schon sehr gering.

Wo liegen die Ursachen dafür, dass man es sich nach den Siegen gegen Hamburg und Köln so schwer gemacht hat? Die Personalnot im Sturm ist ja nicht neu, zusätzlich hat der Formaufschwung jener Spiele bei einigen nicht lange angehalten. Alexander Baumjohann ist hier bereits Thema gewesen und konnte sich auch Bielefeld kaum rehabilitieren. Für Momente blitzt sein enormes Talent auf, um dann wieder abzuschalten. Auch Michael Bradley kämpft oft wieder mehr mit sich als mit dem Gegner. Und um den Ausfall solcher zeitweiligen Leistungsträger zu verkraften, reicht das Potential nun mal nicht. Über die tieferen Ursachen für den Leistungsabfall kann man nur spekulieren, aber der Eindruck lässt sich nicht verscheuchen, dass nach dem Sieg in Köln und den scheinbar leichten Spielen vor der Brust die Aufgabe nicht mehr ernst genug genommen wurde.

Borussias Defensive

Mit Dantes Genesung von seiner Zeit der Blessuren hatte sich die Hoffnung verbunden, dass die Mannschaft einen weiteren Schub bekommt. Schließlich galt der Brasilianer neben Bailly als vielversprechendster Einkauf. Leider ist die Innenverteidigung nun mal der Bereich in der Mannschaft, der am stärksten auf Zusammenspiel, Koordination und Verständnis untereinander angewiesen ist, und solches kommt nur mit der Zeit. Möglicherweise war es ein Fehler, die halbwegs funktionierende Abwehrreihe für Dante erneut umzustellen. So ein Abstimmungsprozess braucht einfach seine Zeit.

Hoffen wir, dass nunmehr genügend Zeit vergangen ist. Gegen Bielefeld sah Dantes Zusammenspiel mit Brouwers schon wesentlich kontrollierter aus und in den Zweikämpfen konnte er einige brauchbare Aktionen vorweisen. Mit ein bisschen Glück hätte dieser Abschnitt dann seine Stabilität zurück, auch wenn das gegen trainergewechselte Bayern eine dünne Hoffnung ist. Außerdem war Bielefeld ohne Wichniarek nicht die größte Herausforderung. Deswegen sah auch Stalteri noch ganz brauchbar aus, ohne dass man sagen könnte, ob er wieder in die Spur gefunden hat.

Meyers Aufstellung mit „drei sechsern" sorgte für Aufregung und für Kritik. Nicht immer für angebrachte. Paauwe zum Beispiel ist auch in der Lage, im linken Mittelfeld zu spielen ohne eine Art Libero vor der Abwehr zu sein und Bradley interpretiert seine Rolle ja ohnehin offensiver. Nur an Namen lässt sich das System nicht festmachen. Andererseits scheint Meyer auf der Suche nach der besten Aufstellung auch unerwartete Lösungen zu berücksichtigen. In München könnte statt Paauwes Erfahrung auch van den Berghs höhere Athletik eine Rolle spielen.

Borussias Offensive

War in der Hinrunde noch die Abwehr das Ziel der Hauptkritik, ist es seit der Rückrunde der offensive Bereich. Wie schon dargestellt, kann auch das Fehlen eines Stürmers wie Friend, der nicht mal ein ausgewiesener Torjäger der ersten Liga ist, schwer aufzufangen sein. Der nominelle Ersatz Colautti gab sich teilweise derart unsichtbar, dass Meyer gegen Bielefeld
Karim Matmour in die Spitze beorderte. Obwohl Matmour nicht der durchschlagkräftigste ist und sich in den bisherigen Spielen auf den Flügeln selten durchsetzen konnte, machte er eine Halbzeit lang nicht mal eine schlechte Figur und besorgte sogar den Führungstreffer. Als Dauerlösung drängte er sich insgesamt nicht auf, dennoch könnte Meyer in München versucht sein, diese Aufstellung noch einmal zu probieren, da Matmours Atlethik ein Spiel lang mehr wert sein sollte als Neuvilles spielerische Fähigkeiten für eine Halbzeit.

Des weiteren muss Meyer Alexander den gelbgesperrten Baumjohann ersetzen. Vielleicht wäre der Spieler, der nächste Saison zu den Bayern wechselt, in München besonders motiviert gewesen, seinem künftigen Arbeitgeber noch mal seinen Wert unter Beweis zu stellen. Vielleicht aber auch nicht. Die Absencen der letzten Spiele lassen den Verlust als verschmerzbar erscheinen.

Der Gegner aus München

Die Bayern sorgen immer dann für die meisten Schlagzeilen, wenn sie nicht oben stehen. Für alle Fußballfans, die nicht zum FC Bayern halten, brachte diese Saison schöne Impressionen von ratlosen Münchnern und einem mehr und mehr zu Purpurtönen neigenden Manager. Beim, nach eigener Ansicht, ständigen Immer-Meister schlagen die Wellen dann schnell hoch, aber ein solches Theater wie in den letzten Tagen ist selbst für die in Sachen Medien allerhand gewohnten Bayern nichts übliches.

Live-Schaltungen zur Säbener Straße, wo Reporter gemeinsam mit Passanten über Klinsmanns weitere Verweildauer rätselten. Schlagzeilen, Kommentare und Berichte allerorten. Und zu guter Letzt, inmitten einer nicht zu bewältigenden Wirtschaftskrise, nach oben schnellenden Arbeitslosenzahlen und dem möglichen Ausbruch einer gefährlichen Seuche, eine Sondersendung der ARD nach München, um Klinsmanns Entlassung zu diskutieren. Wenn der FC Bayern im Spiel ist, scheinen viele Leute die Maßstäbe für wichtiges und weniger wichtiges zu verlieren, was man bisher nur von den Bayern selber gewohnt war. Kaum ein Betrachter bewahrte sich so die Distanz wie z.B. Manni Breuckmann, der angesichts des Trubels fragte „Ist denn jemand gestorben?"

Zwar hatte kein Jemand das Zeitliche gesegnet, aber immerhin sind die Vorstellungen der Bayern von einer neuen Herangehensweise gestorben. Dabei war der Wille von Hoeness und Co zum Umbruch vor der Saison beträchtlich und der Sprung über den eigenen dicken Schatten groß. Offenbar war man in München endlich zu der Einsicht gelangt, dass die Strategie, die 30 Jahre lang so gute Ergebnisse gebracht hatte, im Kampf um Europas Spitze nicht mehr taugte. Selbige bestand einfach darin, die besten Spieler der Bundesliga zusammenzukaufen, den heimischen Markt zu dominieren und die daraus resultierende Wirtschaftskraft bestmöglich einzusetzen. An für sich ein feines Konzept. Mit dem Versuch, Jürgen Klinsmann als Trainer zu beschäftigen, war eine Abkehr erkennbar, mit der Hoffnung, fußballerisch an die Spitze der Entwicklung zu gelangen, das schnelle Spiel von Vereinen wie Arsenal imitieren zu können und nicht nur dank überlegener Spieler die Bundesliga zu dominieren. Damit sind sie erst mal spektakulär gescheitert.

Vielleicht hatte man nicht damit gerechnet, dass ein solcher Prozess länger dauern kann. Das bereits historische Spiel in Barcelona dürfte Klinsmann wohl allen Kredit gekostet haben, denn solch ein Klassenunterschied war den Bayern in ihrer Geschichte nur ganz selten demonstriert worden. Dass so eine Pleite auch richtig guten Teams in Barcelona passieren kann und dass dreiviertel der Abwehr fehlten, geriet in den Hintergrund. Klinsmann war reif.

Dabei gab es die nächste Überraschung, denn für den Übergang bis zum Saisonende zauberten die Münchner einen völlig unerwarteten Namen aus dem Hut. Mit Jupp Heynckes soll der Mann zumindest die Qualifikation für die Championsleague retten, der für die Abstiegssaison der Borussia 06/07 die Weichen stellte. Im Überschwang der Wiedersehensfreude behauptete der „Kicker", Taktikgott Heynckes sei genau der richtige, um psychische Blockaden zu lösen. Darauf darf man gespannt sein, auch wenn man als Fan der Borussia ohnehin die Befürchtung haben muss, dass auch sehr große Blockaden die Bayern nicht von ihrem üblichen Heimsieg gegen uns abhalten werden.

Heynckes teilte mit, dass er mit Podolski und somit zwei Stürmern anzutreten gedenke. Darüber hinaus bleibt bei einem neuen Trainer viel Rätselraten über die Aufstellung. Hier der Versuch.

Bayerns Defensive

Das große Thema der letzten Wochen war die Einsicht, dass Michael Rensing derzeit kein überragender Torwart ist. Viele Beobachter denken nicht ohne Schadenfreude an Hoeness´ Prophezeihung zurück, dass ausser Adler, Neuer und Rensing kein weiterer Torhüter mehr in Betracht für die Nationalmannschaft käme. Vielleicht hat man übersehen, dass ein Nachfolger von Kahn mehr ist, als nur ein Torwart. Die Legende zu beerben, erwies sich für den Emsländer bisher als zu große Fußspur.

In der Viererkette fällt van Buyten weiter aus privaten Gründen aus. Statt seiner nimmt Demichelis den Platz neben Lucio ein; ein Einsatz von Breno dürfte in absehbarer Zukunft noch unwahrscheinlicher sein als der von Rensing. Sollte Heynckes nur einen defensiven Mittelfeldmann aufbieten, wäre das natürlich Kapitän van Bommel, der seine Aufgabe als „aggressive Leader" mitunter übertreibt.

Bayerns Offensive

Podolski darf also noch mal auslaufen, bevor er sich nach Köln verabschiedet. Die Aufstellung der eher laufarmen Podolski und Toni minus den gesperrten Ribery könnte höhere Anforderungen an das Offensivspiel der Bayern stellen. Allerdings muss Bayern am Samstag nicht den FC Barcelona bezwingen.

Schiedsrichter

Manchmal könnte man wirklich meinen der Deutsche Fußball-Bund besitze in seiner Zentrale Leute für besondere Konstellationen. So auch diesmal wieder, da der DFB wirklich den Hannoveraner Babak Rafati von der Spielvereinigung Niedersachsen Hannover-Döhren von 1909 für diese Partie vorbeibeordert hat. Warum dies? Weil Babak Rafati, der in dieser Saison Borussia etwa bei dem Pokalerfolg beim VfB Fichte aus Bielefeld gepfiffen hat, am 30. Januar 2007 in Mönchengladbach das Bundesligaspiel zwischen der Borussia und dem 1. FC Nürnberg (0:0) leitete. Diese Begegnung war das letzte Spiel in der zweiten Amtszeit von Jupp Heynckes als Borussentrainer, also bis dato auch sein letztes aktives Spiel als Trainer, und auch die Partie, in der Hans Meyer (damals als Nürnberger Cheftrainer) letztmalig mit Jupp Heynckes als Trainerkollegen konfrontiert war.

Bilanz

Die Statistik behauptet von sich, sie lüge noch weniger als die Tabelle. Sie ist ehrlich und hässlich, mit ihren 30 Niederlagen in 40 Spielen. Und genau einem Sieg, datierend aus dem Oktober 1995 (2:1) und stammend aus der ersten Spielzeit nachdem die Borussia letztmals tabellerisch eine Saison vor den Münchener Bayern hatte abschließen können: Fünfter war die Borussia 1994/95 geworden und hatte durch den anschließenden DFB-Pokalsieg in Berlin den damals sechstplatzierten Münchenern damit doch noch die Teilnahme an einem der damals noch drei europäischen Vereinswettbewerbe ermöglicht. In dem von den Bayern seit Franz Beckenbauers Zeiten jeher geringschätzig als Verliererpokal bezifferten UEFA-Pokal konnten die Bayern in der Saison 1995/96 daraufhin so reüssieren, dass sie die Finalspiele gegen den französischen Vertreter von Girondins Bordeaux um die späteren Weltstars Zinedine Zidane und Bixente Lizarazu für sich entschieden.

Aufstellungen

Bayern München: Butt - Lell, Lucio, Demichelis, Lahm; van Bommel, Altintop, Zé Roberto, Schweinsteiger; Podolski, Toni
Ersatz: Kraft (Tor), van Buyten, Ottl, Oddo, Breno, Sosa, Müller
Es fehlen: Klose (Rückstand nach OP), Ribery, Borowski (gesperrt), Rensing (Fingerverletzung)

Borussia: Bailly - Stalteri, Brouwers, Dante, Daems; Marin, Bradley, Galasek, van den Bergh; Matmour, Neuville.
Ersatz: Heimeroth (Tor), Schachten, Kleine, Alberman, Levels, Paauwe, Dorda, Colautti, Jantschke, Callsen-Bracker
Es fehlen: Gohouri, Friend, Jaurès, (verletzt oder mit Rückstand), Baumjohann (Gelbsperre)

Schiedsrichter: Babak Rafati (Hannover)
Schiedsrichterassistenten: Holger Henschel, Christoph Bornhorst
Vierter Offizieller: Volker Wezel

SEITENWAHL-Meinung

Hans-Jürgen Görler: Nie fiel mir in dieser Spielzeit ein Tipp leichter - leider. Der wiedererstarkte FC Bayern wird unsere am Boden liegende Borussia mit 4:1 besiegen.

Thomas Häcki: "Es gibt Leute, die denken Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist". Franck Ribery scheint diesen Sport zumindestens so sehr zu lieben, dass er sich schnell eine gelb-rote Karte abholte, um dem Trauerspektakel nicht beizuwohnen. Bayern muss sich trotzdem nicht übermäßig anstrengen, um den Klassenunterschied mit einem 3:0 Erfolg deutlich zu machen.

Michael Heinen: Angesichts der Ausgangslage muss man schon fast zufrieden sein, wenn Borussias sich jetzt nicht auch noch das Torverhältnis zerstört. Doch in der aktuellen Verfassung ist genau damit leider zu rechnen. Mit 0:3 geht man in München unter und fällt auf den letzten Tabellenplatz zurück.

Christoph Clausen: Selten wäre der Zeitpunkt für eine Sensation besser gewählt als jetzt. Nur leider werden die Bayern nicht mitspielen und sich nach dem ungefährdeten 2:0 über biedere Borussen weiter Hoffnungen auf den Titel machen.

Thomas Zocher: Als die Borussia in der Saison 06/07 in Aachen unterlag, bewies Jupp Heynckes eine beachtliche Fürsorge gegenüber Michael Frontzeck. Bei der vorangegangenen Auswärtsniederlage in Nürnberg plauschte er auf der Pressekonferenz bereits angeregt mit Hans Meyer und hatte in seinem bisher letzten Auftritt als Bundesligatrainer Glück, dass Babak Rafati das Tor von Ivan Saenko für Nürnberg nicht zählen ließ. Wenn er das Glück nun nicht haben sollte, hätte die Borussia sicher Chancen auf einen Auswärtspunkt. Da man aber die Bayern nicht über 90 Minuten kontrollieren kann, wird es so ein Spiel wie neulich in Stuttgart: gut mitgespielt, 0:2 verloren.

Christian Spoo: Klinsmann weg, Borussia außer Form. Mit einer 1:4-Niederlage kommen die Abstiegsgeweihten vom Niederrhein noch glimpflich davon.
Bayerns Leihopa Jupp Heynckes wird fortan mit dem Makel leben müssen, für gleich zwei Borussenabstiege mitverantwortlich zu sein.

Christian Heimanns: Klinsmann oder Heynckes, Hauptsache Bayern: Der Trainerwechsel entscheidet nur über die Höhe der Niederlage. Mit der 3:0 Niederlage beginnt die Phase, in der die Borussia langsam die rettenden Plätze davonziehen sieht.

Mike Lukanz: Das Interessanteste wird sicher die Pressekonferenz nach dem Spiel sein. Und mit ein bißchen Glück existieren nach dem Spiel keine Fotos in der Größenordnung sonstiger Bundesligapartien, da die Fotografen ihre Akkus schon vor dem Spiel bei den üblichen Neuer-Trainer-an-der-Trainerbank-Fotos halb geleert haben. Das genaue Ergebnis ist unwesentlich, denn es werden mindestens vier Tore Unterschied. Bayern wird trotzdem kein Meister, und Jupp Heynckes ist auch in diesem Jahr nicht der Alleinschuldige für den Abstieg seiner "ersten Liebe".

Der Gegner im Internet: http://www.fcbayern.t-home.de/

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