FSV Mainz 05Die Metapher von der Ex-Freundin hat Thomas Tuchel selbst eingeführt und darf sich nicht beschweren, wenn sie jetzt weiter verwendet wird. Der Cheftrainer der Mainzer hatte unter der Woche in einiger Ausführlichkeit verlauten lassen, dass sein Herz früher der Borussia gehört und er ihretwegen sogar geweint habe. Das aber sei Vergangenheit; heute würde ihn ein Sieg über die einstige Liebe ähnlich erfreuen, wie die Ex zu schlagen. Dass diese gewagte Bildersprache Wesentliches über Tuchels Umgang mit seinen Verflossenen aussagt, ist im Interesse der betroffenen Damen nicht zu hoffen.


Am Freitagabend nun begegneten sich des Trainers alte und neue Flamme. Solche Treffen können Gefahren bergen, insbesondere wenn die Ex sich ihre einstigen Reize bewahrt hat. An der Weisweilerelf faszinierte Tuchel der ungestüme Offensivdrang, weswegen er ihr auch manch defensive Unzulänglichkeiten verzieh. So gesehen, war Tuchel am Freitag auf der sicheren Seite, denn die Spielweise der Borussia hatte nur wenig gemein mit der, für der einst sein Herz entbrannt war. Michael Frontzeck hatte sich nach dem ernüchternden Auftritt in Bremen zwar von der bei den Fans so unbeliebten Taktik mit nur einem echten Stürmer verabschiedet und neben Raul Bobadilla erneut Roberto Colautti aufgeboten. Der Israeli war auch emsig bemüht, wirkte gedanklich aber oft zu langsam, um die sich gelegentlich bietenden Lücken zu flinken Kombinationen zu nutzen. Juan Arango hatte zwar einen exzellent getreten Freistoß zu bieten, dem nur der Pfosten den Weg ins Tor verwehrte. Trotz zahlreicher Ballkontakte blieb der Venezuelaner ansonsten aber unter seinen Möglichkeiten. Auch deswegen, und weil die Mainzer defensiv zumeist gut sortiert waren, wurde es im Strafraum der 05er selten aufregend.

Tuchels Problem lag darin, dass seine aktuelle Gefährtin auch nicht betörender war. Von zehn drangvollen Minuten vor der Pause abgesehen, während derer erst Hoogland aus kurzer und dann Heller aus großer Distanz das Tor nur knapp verfehlten, kam das Offensivspiel der Gäste als biederes Mauerblümchen daher. Insbesondere der Beinahe-Gladbacher Aristide Bancé agierte auch in seinem zweiten Spiel gegen die Borussia unglücklich. Umgekehrt waren die Gladbacher Verteidiger, von einigen Wacklern Jaurès' abgesehen, meist im Bild, wozu vor allem auch das starke Comeback Dante Bonfims sein Teil beitrug. So entwickelte sich ein Spiel, in dem zwei defensiv gut organisierte Defensivverbünde einander über weite Strecken neutralisierten. Solche Spiele sind bei Taktikfüchsen beliebter als beim Publikum, und die überaus kleinliche Spielleitung durch Schiedsrichter Sippel erhöhte nicht eben die Attraktivität der Partie.

Zweimal aber schlug Tuchels Ex doch zu. Unerfreulich dabei war, dass sich bei beiden Treffern jeweils ein Mainzer Torwart verletzte – ohne allerdings, dass man den Gegenspielern irgendeine Schuld hätte anlasten können. Immerhin konnte am Folgetag im Falle Christian Wetklos schon wieder Entwarnung gegeben werden, nachdem zunächst ein Beinbruch befürchtet worden war. Die beiden Tore hatten aber auch drei aus Gladbacher Sicht erfreuliche Gemeinsamkeiten. Erstens fielen beide für die Heimmannschaft. Zweitens durfte bei beiden ein Neuzugang seinen ersten Bundesligatreffer bejubeln. Und drittens waren beide Tore dazu angetan, das Herz des Fußballästheten zu erwärmen.

Beim ersten Treffer war es Thorben Marx, der mit einem wunderbar genau gespielten Pass Raul Bobadilla in Szene setzte. Es ist bei Gladbach-Spielen üblich, dass Kommentatoren in solchen Fällen mit Parallelen zu Günther Netzer schnell bei der Hand sind. Nach dem Spiel konnte Marx damit nur begrenzt etwas anfangen. Dass Netzer „ein Guter“ gewesen sein solle, habe er zwar gehört, spielen gesehen habe er ihn aber nie. In einem Club, der, wie es Hans Meyer mal bemerkte, den Mythos der siebziger Jahre wie einen Mühlstein mit sich herum schleppt, ist solch mangelnde Detailkenntnis der Vereinshistorie vielleicht gar kein so schlechtes Zeichen.  Ohnehin werden die Borussenfans sie Marx nachsehen, wenn er öfters Leistungen wie am Freitag abliefert. Bei seiner Verpflichtung noch überwiegend kritisch beäugt, avancierte der Ex-Bielefelder gegen Mainz über weite Strecken zum besten Mann auf dem Platz. Nach einem dynamischen Vorstoß über die halblinke Seite wäre Marx beinahe zum zweiten Mal als Torvorbereiter in Erscheinung getreten, hätte Karim Matmour die so kreierte Großchance nicht aufreizend nachlässig vergeben. So sollte es dem kurz darauf für Matmour eingewechselten Marco Reus vorbehalten bleiben, für das zweite Highlight des Spiels zu sorgen. Nachdem er dem Mainzer Hyka im Mittelfeld gedankenschnell den Ball stibitzt hatte, ließ er bei seinem machtvollen Spurt über das halbe Spielfeld gleich drei Gegenspieler stehen, um schließlich mit Glück und Geschick zu vollenden.

Es gab sie also doch: Momente, in denen die Borusia so etwas wie Glanz verströmte. Sie waren selten, aber gegen an diesem Abend harm- und einfallslose Mainzer reichte es. Nicht bekannt ist, ob Thomas Tuchel nach dem Spiel in den Katakomben heimlich wieder wegen seiner Ex geweint hat.

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