Bayer LeverkusenIn der 12. Spielminute ging es für die meisten Beteiligten an diesem Nachmittag einfach zu schnell. Thorben Marx hatte mit schönem Steilpass Marko Reus geschickt, der mit dem Ball allein und in höchstem Tempo auf das Leverkusener Tor zueilen konnte. Dass der Youngster in solchen Situationen abgezockt vollenden kann, wurde in dieser Saison schon mehrfach demonstriert. Zu schnell ging die Szene aber nicht nur für den letzten Leverkusener Abwehrspieler, der nicht rechzeitig herausgerückt war, um eine gescheite Abseitsfalle zu realisieren. Zu schnell ging sie auch für den Schiedsrichterassistenten, der irrigerweise die Fahne hob. Zu schnell ging sie schließlich für so manchen Berichterstatter, wie sich etwa im Re-Live von Fohlen-TV besichtigen lässt. Im Interesse des Reporters sei angenommen, dass ihn in diesem Moment das Erscheinen einer besonders liebreizenden Kollegin den Blick vom Monitor heben ließ. Es ist sonst schwer erklärlich, wie man Reus selbst nach Ansicht der Zeitlupe noch „ein, zwei Meter im Abseits“ wähnen kann, wo doch der Leverkusener Platzwart so hilfreiche Markierungen auf den Rasen gemäht hat.


Wer nun einen dieser Berichte befürchtet, die eine Verschwörung schurkischer Schiedsrichter für die Niederlage verantwortlich machen, mag sich entspannen. Dass Fehlentscheidungen sich wirklich im Verlauf einer Saison ausgleichen, wie oft behauptet, kann man zwar bezweifeln. In diesem Fall erfolgte der Ausgleich noch während der neunzig Minuten, denn mindestens in einem, vielleicht sogar in zwei Fällen hätte sich die Borussia über einen Elfmeterpfiff zu ihren Ungunsten nicht beschweren dürfen. Auch deshalb war der Leverkusener Sieg, der dem Werksteam die erste Herbstmeisterschaft überhaupt beschert, unter dem Strich zweifellos verdient.

Was die Szene aus der 12. Minute und das Spiel insgesamt aber verdeutlichen: Borussia ist inzwischen soweit, Spitzenteams der Liga selbst auswärts ernsthaft in Verlegenheit zu bringen. Um am Ende aber wirklich Zählbares mitzunehmen, gar einen Sieg, muss aber, wie Fußballer gern sagen, alles passen. Gerade in dieser Saison versucht die Borussia immer wieder, aus einer kompakten Defensive heraus durch gut getimte Steilpässe eine Viererkette auszuhebeln. Das kann offensichtlich nur funktionieren, wenn der Pass erstens exakt gespielt wird, der Passempfänger zweitens im richtigen Moment startet, den Ball drittens technisch sauber verarbeitet wird und das Schiedsrichterteam viertens genau hinsieht.

An diesem Raster lassen sich die Fortschritte der Mannschaft schön ablesen. In Bremen war schon die erste Bedingung kaum jemals erfüllt, denn welcher Pass wäre dort überhaupt angekommen? In Wolfsburg war zwar eine Vielzahl klug gedachter Pässe in die Spitze zu besichtigen, es fehlte aber noch am Timing, um die clever organisierten Abseitsfalle der Gastgeber zu überwinden. In Hamburg und gegen Schalke hatte man sich auch hier gesteigert, und da auch der Mann an der Seitenlinie genau hinsah, konnte man jeweils durch Reus zum Erfolg kommen. In Leverkusen machte in der zwölften Minute die Borussia, nicht aber das Schiedsrichterteam alles richtig. Später verbauten sich die Gladbacher ihre im Ansatz vielversprechenden Konterchancen selbst: Entweder wurden die Pässe zu ungenau gespielt oder, wie in aussichtsreicher Position zweimal durch Bobadilla, unglücklich verarbeitet. Zu beidem trugen die widrigen Platzverhältnisse ihren Teil bei. Dass die Borussia dennoch zu zwei Treffern kam, ist der neu entdeckten Stärke bei Standardsituationen und insbesondere der immer unheimlicheren Abschlussstärke des Roel Brouwers zu verdanken.

 

Mit wenigen Ausnahmen geriet auch das Borussentor nur nach Standardsituationen ernsthaft in Gefahr, dieses allerdings zweimal folgenreich. Man braucht Logan Bailly keinen Vorwurf machen, zumal der Keeper jeweils auf dem falschen Fuß erwischt und der Ball beim ersten Tor noch unglücklich abgefälscht wurde. An Tagen aber, an denen eben wirklich alles passt, hat der Keeper brillante Reflexe im Repertoire, mit denen er solche Bälle noch aus der Ecke fischt.

 

Trotz der drei Gegentore: Im Vergleich zur Vorsaison ist Borussias Balance aus Defensive und Offensive einen großen Schritt vorangekommen. Als der VfL das letzte Mal in München gastierte, hielt man die Niederlage nur durch eine konsequent destruktive Spielweise in Grenzen. Beim letzten Auswärtsauftritt gegen Leverkusen, damals in Düsseldorf, handelte sich die Mannschaft durch fröhliche defensive Sorglosigkeit ein 0:5-Debakel ein. In diesem Jahr gelingt es der Mannschaft zumindest phasenweise, kompakte Defensive und schnelles, variables Spiel in die Spitze zu verbinden. Am Verhalten bei gegnerischen Eckbällen darf aber noch gearbeitet werden. Zu oft noch kommen auch Gegenspieler frei zum Distanzschuss, was der Borussia schon im Saisonauftaktspiel in Bochum nicht gut bekam. Im Falle von Toni Kroos‘ Siegtreffer hing das freilich auch damit zusammen, dass die linke Gladbacher Abwehrseite alleine überfordert war und der dort zu Hilfe eilende Michael Bradley deshalb in der Mitte fehlte.

Am Ende dieser Partie und der gesamten Hinrunde kann der Gladbacher Normalzustand neu definiert werden: In der letzten Saison war ein Sieg nach Rückstand noch ebenso undenkbar wie ein Auswärtssieg bei einer Spitzenmannschaft überhaupt. Inzwischen ist beides im Bereich des Möglichen: In Hamburg, München und Leverkusen konnten die Borussen einen Rückstand ausgleichen. In zwei Fällen ging sie danach noch in Führung, was in München nur der überragende Jörg Butt verhinderte. Zum derart neu definierten Normalzustand gehört aber auch, dass am Ende, zumal auswärts, nur in Ausnahmefällen ein Sieg beim Spitzenteam steht. Das beschreibt ziemlich genau den Normalzustand einer Mannschaft, die im Mittelfeld der Liga zuhause ist, zwar nicht von allen Abstiegssorgen befreit, aber doch mit einem beruhigenden Punktepolster von Rang 16 entfernt. Genau die Art von Normalzustand also, auf die man in Gladbach vor der Saison gehofft hatte.

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