Manche Spiele bleiben in Erinnerung. Andere verschwinden aus dem Gedächtnis, aber an manche erinnert man sich noch nach Jahren. „Das mit den drei Eigentoren“ wird noch in 10 oder 20 Jahren eine geistige Marke sein für die, die es gesehen haben. „Das, wo Bobadilla angefangen hat, zu treffen“ könnte da unter Umständen gleichziehen, wobei es nicht einmal seine ersten Tore waren. Mit ein bisschen Glück wird unser Gedächtnis dann auch noch hergeben, in was für einem farbigen und unterhaltsamen Spiel der Argentinier zum ersten Mal eine unumstrittene Hauptrolle spielte.

Dabei würden nicht mal die größten Optimisten das Spiel als hochklassig bezeichnen, trotz der sechs Tore in der ersten Halbzeit. Es war viel mehr eine Reihe von Einzelfehlern, kuriosen und haarsträubenden Szenen, die zu einer fesselnden ersten Spielhälfte führten und zu einem Spiel mit einzigartigen Bildern. Aus Borussensicht darf man da sagen „auch die Fehler muss man erst mal nutzen“, allerdings gab Bremen dazu reichlich Gelegenheit. An einem Tag, wo der SV Werder überall mit „desaströs“ , „blamabel“ und „in der Krise“ beschrieben wird, kann man aber auch auf eines hinweisen: Selbst nach vier Niederlagen in Folge tritt die Mannschaft auch auswärts unverändert offensiv auf, spielerisch aktiv,  sozusagen stets ritterlich und mit offenem Visier. So ein Ritter wird dann schon mal leicht aus dem Sattel gehoben, wenn er seinen Schild vergessen hat, aber man kann es trotzdem als sympathisch empfinden.

Bremen begann auch unternehmungslustig und tastete die Gladbacher Innenverteidigung mit Steilpässen in die Spitze ab. Auf Seiten der Borussia zeigte sich bald, dass Marco Reus wieder in die Form der Hinrunde kommt, was die Bremer dort traf, wo es ihnen am wenigsten behagte. Linksverteidiger Aymen Abdennour, in Christoph Clausens Vorbericht als auffälligste Schwachstelle bezeichnet, hatte Reus wenig entgegenzusetzen, und die Borussen rochen Lunte. Bobadilla und Reus überrannten Bremens linke Abwehrseite, wo der hilflose Tunesier auch noch weitestgehend im Stich gelassen wurde. Nach dem Spiel sollte ein übelst gelaunter Mertesacker in die Mikrophone raunzen, dass die Spieler einander zu wenig helfen würden. In der Tat. Abdennour, der am meisten Hilfe gebraucht hätte, sah nur Bobadillas Hacken oder wurde von Reus in vollem Lauf düpiert und so fielen bis zur 18. Minute drei Treffer über seine Seite. Und Bobadillas Tag begann.

Vorbildlich, wie der Argentinier den ersten Treffer für Reus und den zweiten für Colautti auflegte. Stadionsprecher Knippertz nahm die Möglichkeit wahr und verkündete nicht  nur die Torschützen sondern ohrenbetäubend auch den Vorbereiter. Wie aufgedreht ließ Bobadilla daraufhin beim dritten Tor die Bremer wie Statisten aussehen. In einer einzigartigen Szene ballten sich alle Mönchengladbacher Spieler zu einem dunkelgrünen Punkt um den Tor-schützen zusammen, während alle Bremer Spieler zu weißen Statuen erstarrten und sich nichts sehnlicher wünschten, als das Spiel per Pfostenbruch abzubrechen. Nachdem sie sich wieder bewegen konnten, ging die Partie weiter wie ein Trainingsspiel, in dem Abwehrfehler nicht zählen. Um nur die Höhepunkte zu erwähnen: Reus hat das 4:0 auf dem Fuß oder die Vorlage dazu, spielt aber falsch ab. Özil trifft zum 3:1, eine höchst feine Vorbereitung von Marin trifft Borowski dann nicht richtig. Bobadilla hebt den Ball aus 25 Metern über Wiese und haarscharf über den Winkel, bevor er ein Missverständnis der Bremer nutzt und den Ball an dem wieder weit herausgekommenen Wiese ins Netz rollen lässt. Die Bremer antworten durch Pizzarros Kopfballtor und während manche Zuschauer schon aus der Kälte in die Pause fliehen, beharken sich die beiden Teams bis zum Schluss und die Gladbacher danken noch einmal für Marins Abschlussschwäche.

In der Pause erinnern altgediente Beobachter der Borussia daran, dass die Mannschaft auch schon mal bei einer 4:1 Führung noch ins Zittern gerät. Zum Beispiel beim vorletzten Heimspiel. Das weiß auch Thomas Schaaf und hat nach einiger Zeit in der zweiten Spielhälfte vier Stürmer zuzüglich Hunt und Özil unterwegs. Es wirkt etwas merkwürdig, aber man muss die zweite Halbzeit als die bessere von Borussia bezeichnen, denn sie wehrt sich konzentriert und nachdrücklich gegen den Bremer Druck. Das Team findet zu Frontzecks geschätzter Kompaktheit, stellt ausgezeichnet die Räume um den jeweils ballführenden Spieler zu und hätte nur etwas mehr Konzentration bei den Pässen nach vorne an den Tag legen müssen. Dennoch kommt die Borussia zu zwei riesigen Chancen. Bei einer hebt Bobadilla den Ball erneut weit über Libero Wiese, der seinen Fehler mit einem heldenhaften Sprung noch ausbügeln kann. Bei der anderen kommt es wieder zu einem unwahrscheinlichen Bild, als nach Arangos Freistoß, den Wiese nach vorne abwehrt, drei Borussen einsam und frei vor dem Bremer Gehäuse stehen und Reus den Ball genau auf den Keeper platziert.

Auch wenn es am Ende nach Frings´ Elfmetertor noch zu den unvermeidlichen, nervenzehrenden Schlussminuten kommt, die geschlossene Leistung und die konzentrierte Arbeit der Borussen in der zweiten Halbzeit haben ein Lob verdient. Das fand auch Michael Frontzeck, der nach dem Spiel auf einen Punkt der Statistik verwies: Mit „nur“ 33 % Ballbesitz kam Borussia zu einem 4:3 Sieg und genug weiteren Chancen. Vor zwei Wochen, gegen Bochum, hatte Borussia das ganze Spiel lang den Ball, aber am Ende keine Punkte. Possession doesn´t always win, wusste schon Kasey Keller. Außer dem Helden des Spiels darf man Tobias Levels positiv erwähnen, der seine Seite nach hinten dicht hält und der immer wieder versucht, nach vorne Impulse zu geben. Des weiteren die Arbeitsbiene Thorben Marx und das Vorbild an Kampfgeist, Michael Bradley, der jede Attacke zur Balleroberung einleitet.

Zum Schluss möchte sich der Verfasser den Luxus gönnen, den Schiedsrichter einmal ausgiebig zu loben. Kommt ja nicht immer vor, also ergreifen wir die Gelegenheit: Dr. Brych gab eine fehlerfreie Partie und zeichnete sich dadurch aus, dass er eben nicht bei jeder Kleinigkeit abpfiff, sondern durchaus auch mal nach einem Kontakt weiterspielen liess. Das würde man gerne öfter so sehen. Genauso wie solche Tage von Bobadilla, bei dessen Auswechselung das Publikum stehend applaudierte. Auf dass es zu weiteren Spielen kommt, die man so schnell nicht vergisst.

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