Jünter war dem Verzweifeln nahe. Er konnte sich heiser wiehern, doch keiner wollte so recht Notiz von ihm nehmen. Andernorts verlor der Tabellenvorletzte; auf jedes Tor wies Jünter laut wiehernd hin. Allein, in Gladbach interessierte das keinen. Wieder woanders spielte die Mannschaft, die auf dem ersten Nichtabstiegsplatz stand, dem Traum aller Abstiegskämpfer: Sie geriet in Rückstand, glich aus, kassierte zwei  Gegentore, verkürzte und verlor am Ende doch. Jünter wieherte und wieherte, immer wieder, aber in Gladbach hörte keiner hin.

Erst in der 87. Minute folgte dem Wiehern ein Jubelschrei aus vielen tausend Kehlen: Schalkes Treffer in Berlin war vermeldet worden. Doch es war keineswegs der Rückstand des Tabellenletzten, der gefeiert wurde. Die Besucher im Borussiapark, sofern nicht bajuwarisch gesinnt, freuten sich diebisch über die Führung des Tabellenzweiten. Die Geräuschdramaturgie lieferte einen weiteren Beweis dafür, dass die Gladbacher Saison ganz anders verlaufen war, als vorher viele erwartet hatten.

Letzten Sommer hätten die meisten, auch in dieser Redaktion, mit gutem Grund befürchtet, dass Borussia am drittletzten Spieltag noch bis mindestens zur Hüfte im Abstiegssumpf stecken würde. Man stelle sich die Stimmung während und nach dem Spiel vor, wenn es tatsächlich so gekommen wäre. Die Heimniederlage des VfL Bochum am Freitagabend wäre ebenso frenetisch bejubelt worden wie jedes Leverkusener Tor gegen Hannover am Samstag. Ohnehin hätten Borussias Fans mit einem Ohr am Radio gehangen oder nach jedem Wiehern gebannt auf die Anzeigetafel gespannt. Selbst die Treffer des wenig geliebten Namensvettern aus Dortmund in Nürnberg wären begeistert gefeiert worden und die der Nürnberger verflucht.

Sehr viel hitziger diskutiert worden wäre der ausgebliebene Pfiff, nachdem Jörg Butt Ribérys Rückpass in die Hände genommen hatte. Auch van Buytens Rempler gegen Bobadilla in der gleichen Szene hätte man intensiver unter die Lupe genommen. Über Marko Reus‘ vergebene Großchance hätte man sich die Haare gerauft, oder die Glatze. Kann man eine Glatze raufen? Für solche Fragen wäre dann keine Zeit gewesen. Stattdessen hätte die Gemüter erregt, warum Philipp Lahm in der 73. Minute so ungestört flanken durfte und ob nicht einer der drei nahe postierten Abwehrspieler Miro Klose am Kopfball hätte hindern können. Bei Bobadillas fünfte gelbe Karte hätte sich manch ein Gesicht vor Ärger dunkler gefärbt und beim Gedanken an das Abstiegsendspiel nächste Woche in Hannover wieder bleicher. Und statt entspanntem Sonntagsspaziergang würde man heute, Nägel kauend oder Zigaretten rauchend, auf eine Heimniederlage des SC Freiburg hoffen.

Statt Nervenkitzel aber Gelassenheit allerorten. Die Bayern ärgerten sich kurz über Schalkes späten Treffer, trösteten sich aber schnell mit der Gewissheit, die Meisterschaft immer noch selbst in der Hand zu haben. Louis van Gaal und Michael Frontzeck tauschten hinterher nette Komplimente aus. Eine vergleichbar harmonische Stimmung hat man zuletzt beim Fernsehplausch zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier erlebt. Die Borussia war, ohne eigenes Zutun, schon am Freitagabend selbst der letzten theoretischen Abstiegsängste ledig geworden. Ohnehin hatte spätestens seit dem Sieg gegen Frankfurt kaum jemand mehr ernsthaft am Klassenerhalt gezweifelt.  So konnte man sich darüber freuen, dass die Mannschaft Charakter gezeigt und auch ohne Abstiegsnot aufopferungsvoll gekämpft hatte. Borussia holte dabei im Rahmen ihrer Möglichkeiten nahezu ein Optimum heraus.

Natürlich waren die kombinationsfreudigen und ballsicheren Münchner im Mittelfeld in vielen Szenen im Vorteil. Wer glaubt, das Ziel des Spiels liege darin, möglichst viel Ballbesitz zu verbuchen, wird die Spielweise des Rekordmeisters als überlegen bezeichnen. An echten Torchancen gemessen allerdings waren die Borussen mindestens ebenbürtig, nicht, weil die Borussen so viele, sondern weil die Bayern so wenige hatten. Wollte man aus einer geschlossenen Gladbacher Defensivleistung überhaupt einen Spieler herausheben, käme man am erneut überragenden Dante kaum vorbei. Der Brasilianer bestätigte ein weiteres Mal, warum Max Eberl etwaigen Anfragen anderer Vereine vorsorglich eine Absage erteilte. Man kann nur hoffen, dass Borussias Sportdirektor in diesem Sinne standhaft bleibt.

Aber die defensiv hervorragende Leistung war ein Gesamtkunstwerk, bei dem sich Tobias Levels und Filip Daems ebenso Lorbeeren verdienten wie die eminent fleißigen Marko Reus und Patrick Herrmann. So war von der so gefürchteten Flügelzange Robben/Ribéry kaum Effektives zu sehen. Hätten die Bayern nicht eine mit Nationalspielern gespickte Ersatzbank, es hätte vielleicht gar zu einem Gladbacher Sieg gereicht.

Der wäre denn aber des Guten wohl doch zu viel gewesen. So exzellent die Borussia verteidigte, an die starke Offensivleistung, die sie in der Hinrundenbegegnung in München zumindest eine Halbzeit lang gezeigt hatte, konnte sie nur vereinzelt anknüpfen. Reus‘ und auch Patrick Herrmanns schnelle Antritte sorgten bisweilen für Gefahr, mit Bobadilla hatten die Bayernverteidiger ihre liebe Mühe, und der Führungstreffer war hervorragend herausgespielt.

Um eine Mannschaft, die mit einem Bein im Finale der Champions League steht, aber dauerhaft unter Druck zu setzen, bräuchte es ganz andere finanzielle Möglichkeiten. Erst mit ihnen würde das Saisonfinale auch in Zukunft für die Borussia echten Nervenkitzel bieten: dem Kampf ums Ticket für Europa. Vorerst dürfte man hochzufrieden sein, wenn auch nächstes Jahr am drittletzten Spieltag Jünters Wiehern kaum jemanden mehr so richtig interessiert. So leid uns das für Jünter tut.

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  • Für den #effzeh gibt‘s jetzt nur noch eine Rettung. #PeterFürPeter
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  • @JrgNeb "Sie kehrt zurück", steht im ersten Absatz im Artikel & wird ganz genau auf dem Bild angezeigt.
  • @frankie1960 Das ist nahezu das erste Mal, daß man auch in Mönchengladbach einen Treffer von Ulf Kirsten gutfinden kann! 🙂

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