Die Meinungen über das 1:2 gegen den FC St. Pauli gingen nach dem Spiel auseinander. Die einen sahen angesichts der kämpferischen Leistung eine Steigerung, während sich andere mit einer knappen Heimniederlage gegen einen der größten Abstiegskandidaten nicht zufrieden geben konnten. Wie man es aber dreht und wendet: Spätestens mit dieser Partie ist eine Krisensituation entstanden, aus der ein baldiges Entrinnen nicht leicht fallen wird.



Grund dafür ist zum einen das kommende Programm mit Spielen gegen Schalke, Wolfsburg, Hoffenheim und Bremen. Nimmt man die aktuelle Verfassung zum Maßstab kann einem da Angst und Bange werden. Allerdings sind solche Blicke in die Zukunft stets mit Vorsicht zu genießen. Genau wie vor drei Wochen niemand geglaubt hätte, dass Borussia zum jetzigen Zeitpunkt wie ein gefühlter Absteiger aussieht, kann es genauso schnell wieder in die andere Richtung gehen. Im Vorjahr folgten einer Serie von 6 Niederlagen und einem dürftigen 0:0 gegen Köln ein kaum für möglich gehaltenes 3:2 in Hamburg. 
 

Schalke 04 

Nichts ist so schnelllebig wie der Fussball. Ein Lied, das auch unser anstehender Gegner singen kann. Noch zum Wochenende galten die Schalker als Deppen der Nation und sogar dem bislang über allem stehenden Trainer wurde munter ans Bein gepinkelt. Die gängigen Witze kursierten im Internet (z. B. "Wie merke ich mir die 11880? 11 Spieler kosteten 88 Millionen und holten bisher 0 Punkte"). Ein glücklicher Sieg in Freiburg später und schon wird das Ende der Krise proklamiert und Magaths Umstellungen „greifen“ wieder. Dieselben Umstellungen, die bei einem 1:1 als unwirksamer Aktionismus gebrandmarkt worden wären.  

Auch auf Schalke wird man abwarten müssen, ob mit dem Pflichterfolg im Breisgau tatsächlich die große Wende zum Besseren eingeleitet worden ist. Die anfängliche Misserfolgserie war ohnehin nur im Derby gegen Dortmund so schlecht wie sie nach außen hin dargestellt wurde. Genau wie die vorherige Einschätzung des Teams als einziger Bayern-Konkurrent übertrieben rosig gewesen war.  

Felix Magath hat innerhalb weniger Wochen die Stärken und Schwächen des Teams komplett umgeworfen. Die vormals beste Defensive der Liga wurde nahezu komplett verkauft und unzureichend ersetzt. Das arg optimistische Vertrauen in die Fähigkeiten von Christoph Metzelder entpuppte sich bislang als fatal. Diese grundsätzliche Problematik wird sich auch im weiteren Verlauf der Saison noch zeigen und Schalke den einen oder anderen unerwarteten Punktverlust bescheren.  

Auf der anderen Seite wurde die zuletzt extrem einseitig auf Kevin Kuranyi ausgerichtete Offensive mit großen Namen und Hoffnungsträgern verstärkt. Während Megastar Raul bislang völlig wirkungslos geblieben ist, deutete Klaas-Jan Huntelaar seine „eingebaute Torgarantie“ nicht zuletzt durch den Siegtreffer in Freiburg an. Die beiden internationalen Topstürmer werden zu einer echten Bewährungsprobe für Borussias neues Innenverteidigerduo. Darauf, dass beide Schalker am Samstag torlos bleiben, dürften wohl nur die Eltern von Bamba Anderson und Roel Brouwers wetten.  

Hinter den Spitzen kam am Mittwoch endlich der lange herbeigesehnte Heilsbringer Jose Manuel Jurado zum Einsatz. Der Spanier hat seine Stärken ausschließlich in der Offensive, was in der heutigen Zeit nur von den wenigsten Trainern noch gut geheißen wird. Die geplante Umerziehung zum mitspielenden Kameraden wurde durch das Dortmund-Debakel von Felix Magath kurzzeitig unterbrochen. Verbunden war dies mit einer Absicherung durch drei defensiver ausgerichtete Mittelfeldspieler und dem Opfer, einen Jefferson Farfan auf die Bank zu verfrachten.  

Borussia 

Es spricht viel dafür, dass Schalke gegen Borussia in derselben Aufstellung wie in Freiburg antreten wird. Die in der Theorie einfache Losung lautet, das Geschehen möglichst weit vom eigenen Strafraum fernzuhalten, wobei kaum auszumachen ist, was letzten Endes für das Tor von Logan Bailly gefährlicher sein wird: die Schalker Offensive oder Borussias Abwehr.  

Die gesamte Viererkette spielt in dieser Saison bislang deutlich unter dem Niveau des Vorjahrs. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass einigen dieser Akteure vor Beginn der letzten Saison von nicht wenigen Experten die Bundesligatauglichkeit abgesprochen worden war. Ein Tobias Levels z. B. wuchs erst im Vorjahr in erstaunlicher Weise zu einem Leader heran und wurde für seine enormen Fortschritte gelobt. Könnte es nicht sein, dass er damit am oder gar über dem Limit seiner tatsächlichen Leistungsfähigkeit gespielt hat? Zuletzt präsentiert er sich jedenfalls in einer Form, dass einem bereits erste Gedanken kommen, ob man nicht die Trainingseinheiten von Paul Stalteri wieder etwas intensivieren sollte.  

Aber auf der anderen Seite macht es Kapitän Filip Daems um keinen Deut besser, wenngleich der Belgier ohnehin noch nicht allzu oft als Linksverteidiger überzeugen konnte. Dazu kommt ein aktuell indisponierter Roel Brouwers, der bislang in jedem Spiel an mindestens einem Gegentreffer direkt beteiligt war. Gegen Pauli kann man ihm mit etwas bösem Willen gleich beide ankreiden, was grundsätzlich für eine Neubesetzung sprechen sollte.  

Dumm nur, dass bereits der Platz neben ihm gerade erst neu besetzt wurde, weil Borussias mit Abstand bester Defensivakteur die kommenden Wochen verletzungsbedingt ausfallen wird. Der schmerzhafte Verzicht auf Dante Bonfim bedeutet die große Chance für Bamba Anderson nachzuweisen, dass seine Vorjahresleistung im Dress von Fortuna Düsseldorf keine ebensolche Eintagsfliege war wie bei seinen Ex-Kollegen. Es wäre aber etwas viel verlangt, ihn als gleichwertigen Ersatz für seinen konstant überragenden Landsmann zu erwarten. 

Während in der Abwehr und im defensiven Mittelfeld mangels besserer Alternativen mit keinen Änderungen zu rechnen ist, werden die Forderungen lauter, den vermeintlichen Hüter der Schießbude in die Pflicht zu nehmen. Nach einer durchwachsenen Vorsaison ist Logan Bailly in den ersten Spielen dieser Saison zu einem Unsicherheitsfaktor mutiert, der seinen Strafraum so beherrscht wie Lothar Matthäus die englische Sprache. If he has a little lucky wird er aber noch einige Spiele weiter in der Startelf bleiben dürfen, denn es sieht nicht so aus, als ob Michael Frontzeck einem Torwartwechsel in der frühen Phase der Saison allzu offen gegenübersteht.  

Doch die Probleme reichen weit über die desolate Abwehrleistung hinaus. Besorgniserregend ist das mutlose Auftreten – und das auch schon vor dem 0:7-Debakel. Mit der rühmlichen Ausnahme des Spiels in Leverkusen blieb die Elf von Michael Frontzeck in allen Meisterschaftsspielen unter ihren selbst gesteckten Ansprüchen zurück. In allen drei Heimspielen wurde uninspiriert nach vorne agiert. Spiele gegen Gegner auf Augenhöhe, die man in der Vorsaison zwar auch nicht immer spielerisch brilliant, aber zumeist verdient siegreich gestaltet hat, gehen bislang konstant daneben. Die Auftritte gegen Nürnberg, Frankfurt und St. Pauli unterscheiden sich nur in Nuancen – eben darum, wie stark und konsequent die Gäste aufspielten und wie viele Fehlentscheidungen der jeweilige Schiedsrichter zu unseren Ungunsten traf. Alle Partien hatten aber gemein, dass Borussia sehr verhalten auftrat und nur sehr sporadisch aufblitzen ließ, dass man sich im eigenen Stadion befand.  

Am meisten angesprochen sollte sich Michael Bradley fühlen, der sich in seiner fünften Profisaison befindet und der jetzt endlich einmal gefragt wäre, den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu gehen. Für ihn ist es eigentlich ein „Geschenk“, solch eine kritische Phase durchleben zu dürfen. Denn in ihr trennen sich die richtig großen Spieler von der Mitläufer-Spreu. Bradley hat den Anspruch an sich selbst, auf internationalem Topniveau zu agieren. Zudem nimmt er eine Position ein, die geradezu prädestiniert ist, um den verfahrenen Karren aus dem Sumpf zu ziehen. Blickt man auf die letzten Spiele, so ist das Ergebnis allerdings ernüchternd. Anstatt der Mannschaft durch offensive Impulse zu helfen, ist Bradley sogar defensiv noch arg anfällig. Dies trifft zwar auf fast jeden Defensivakteur im Team zu, was den US-Amerikaner aber in seinem eigenen Selbstverständnis nur wenig aufmuntern sollte.  

Allzu viele Wechseloptionen hat Frontzeck nicht. Das Experiment Neustädter ist in Stuttgart gescheitert. Ob Jantschke oder Meeuwis die große Lösung wären, darf ebenso bezweifelt werden. Auf Dauer wird man sich für die 6er-Position um schlagkräftige Alternativen auf dem Transfermarkt bemühen müssen. Zumindest solange, bis Bradley vielleicht doch noch die Kurve bekommt. 

Eine Änderung wird es im Angriff geben müssen, weil der DFB am Nimbus der Unfehlbarkeit seiner Schiedsrichter selbst bei unsinnigsten Entscheidungen nicht zu rütteln vermag. Es gehört schon viel Chuzpe dazu, einem Spieler für eine Rangelei vom Platz zu stellen, bei der er zunächst gestoßen wird und sich dann direkt im Anschluss bewusst vom Tatort entfernt. Da hilft auch keine fadenscheinige Ausrede, man habe in Wahrheit einen Rempler von Idrissou an seinem Gegenspieler zuvor sanktionieren wollen. So fehlt uns auf Schalke unser bislang bester Angreifer, der voraussichtlich durch Raul Bobadilla ersetzt werden wird. Manuel Neuer wird dies mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis nehmen, nachdem unser Argentinier im Vorjahr gegen Schalke eines seiner besseren Spiele absolvierte und dem WM-Keeper einen unglücklichen Treffer einschenkte.  

Eine weitere Alternative wird über kurz oder lang Karim Matmour werden. Es mag zwar nicht jeden Fan gleichermaßen erfreuen, aber der Algerier steht wenigstens für bedingungslosen Einsatz und Laufbereitschaft, womit er in Stuttgart bereits per se bester Borusse gewesen wäre. Vorstellbar, dass er demnächst wieder in der Startformation stehen wird. In Anbetracht der englischen Woche und seines jungen Alters wird Patrick Herrmann früher oder später seine Pause erhalten. Ist dies bereits Samstag der Fall, könnte dies allerdings beim ein oder anderen Experten den unschönen und unwahren Anschein erwecken, man habe ihn zum Sündenbock auserkoren. Wahrscheinlich ist, dass es am Ende wieder nur bei einer notgedrungenen Änderung (Bobadilla für Idrissou) bleibt und der Mannschaft mit besten Kräften suggeriert wird, man befinde sich wieder im Aufwärtstrend. Es bleibt zu hoffen, dass diese Strategie besser aufgeht als zuletzt.  

Mögliche Aufstellungen 

Schalke: Neuer – Moritz, Höwedes, Metzelder, Schmitz – Jones, Matip, Jurado, Rakitic – Raul, Huntelaar 

Borussia: Bailly – Levels, Anderson, Brouwers, Daems – Herrmann, Marx, Bradley, Arango – Reus, Bobadilla 

SEITENWAHL-Meinung 

Michael Heinen: Geld schießt keine Tore, Huntelaar dagegen leider schon. Schalke ist zwar keine unschlagbare Übermannschaft, insbesondere was die Aufstellung in der Defensive angeht. Dennoch ist zu befürchten, dass eher Borussia als Aufbaugegner für S04 dienen wird als andersherum. Es steht zu befürchten, dass Borussia es mal wieder mit dem Bemühen um „Kompaktheit“ übertreibt und sich hinten reindrücken lässt, was bei der Kombination aus Schalker Sturmqualität und Gladbacher Abwehrdilettantismus nur zu einer Konsequenz führen kann. Borussia verliert mit 0:3. Ein Tipp, den ich zuletzt in Leverkusen so formuliert habe. 

Christian Heimanns: Meine Weissagung von heute schreibe ich von einem zeitgenösssischen Fußballsachverständigen ab: "Ist der Kelch schon zur Neige oder holen wir da noch einen Schluck raus? Nach den letzten Ergebnissen fällt es wirklich schwer, auch nur den Standardoptimismus für ein Unentschieden aufzubringen. Mithin 0:1 für Schalke." 

Christoph Clausen: Drei Niederlagen in einer Woche? Sieht so aus. Die Schalker können einen Gegner gut gebrauchen, der ihnen beim Fortsetzen des eigenen Aufwärtstrendes behilflich ist. Magaths Truppe siegt mit 3:0. Und nur wenn Leverkusen in Stuttgart oder Nürnberg in Frankfurt siegt, bleibt Borussia das Abrutschen auf den letzten Tabellenplatz erspart. 

Thomas Häcki: Geld schießt keine Tore, trotzdem wird es auf Schalke nicht viel zu holen geben. Das 1:2 ist aber der individuellen Stärken des Ost-Essener Vereins geschuldet. Von der Mannschaftsleistung war Gladbach das bessere Team. 

Christian Spoo: Schalke scheint sich in Freiburg aus der Krise gearbeitet zu haben, wir stecken tiefer drin, denn je. Ich prognostiziere einen klaren Schalker Sieg. 4:0.

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