HSVDas Leben ist ungerecht, der Fußball auch. Eine erneute Bestätigung dieser alten Erkenntnis lieferten am vergangenen Sonntag die Partien Schalke gegen Hamburg auf der einen und Gladbach gegen Köln auf der anderen Seite. Die Partie auf Schalke war hinreißend, voller Dynamik und spielerischer Glanzlichter, mit ungeheurer Dramatik und sechs Toren. Das rheinische Derby war über weite Strecken ein langweiliges Ballgeschiebe. Eine Liebeserklärung an den Fußball hier, ein zäher Scheidungsprozess dort: Der Tabelle war das egal, sie schrieb allen vier beteiligten Vereinen genau einen Punkt gut. Über den konnte sich keine der Mannschaften, die an diesem Samstag in der HSH Nordbank Arena ihre Kräfte messen, so recht freuen. Die Hamburger nicht, weil sie einen zweimaligen Vorsprung verspielt hatten, die Gladbacher nicht, weil sie in einem unansehnlichen Spiel noch das bessere Team gewesen waren.


Borussia


Wobei erstaunlich war, wie lecker Spielern und Verantwortlichen die sportliche Magerkost geschmeckt hatte. Von einem „Riesenfortschritt“ war da die Rede, „gut“ habe die Mannschaft gespielt und nur etwas Glück bei der Chancenverwertung gefehlt. Nun kann es pädagogisch klug sein, gezielt das Positive zu suchen. Aber man sollte es nicht übertreiben, schon der Glaubwürdigkeit wegen. Sicher, kämpferisch konnte man dem Team nichts vorwerfen. Und von den zahlreichen Standardsituationen, die man sich gegen einen extrem passiven Gegner erarbeitete, wurden manche gefährlich. Spielerisch aber war die Partie im Vergleich zur Vorwoche ein Rückschritt. Von dem zügigen und variablen Kombinationsspiel, das die Borussen in Wolfsburg zumindest ansatzweise bis zum gegnerischen Strafraum gezeigt hatten, war kaum mehr etwas zu sehen.

Das lag natürlich auch an den Kölnern, denen man wegen vorsätzlicher Fußballverhinderung eigentlich Punkte hätte abziehen müssen. Es gibt wenige Mannschaften, die gegen einen so hemmungslos destruktiven Gegner keine Schwierigkeiten haben. So gesehen, ist die Aufgabe, die der Borussia an diesem Samstag bevorsteht, eine angenehmere, denn die offensive Spielweise des HSV sollte gelegentlich Räume für schnelle Gegenstöße eröffnen. Kehrseite der Medaille ist, dass die Gladbacher Defensive sich Herausforderungen von einer ganz anderen Dimension als noch in den letzten Spielen gegenüber sehen wird.

Diese Herausforderungen wird ein personell unveränderter Defensivverbund zu meistern haben. Nachdem die Rückkehr Filip Daems‘ für mindestens eine Woche verschoben werden musste, wird sich auch Jean-Sebastian Jaurès erneut beweisen dürfen. Der Linksverteidiger zeigte gegen Köln seine bislang beste Saisonleistung, wurde durch Eckballschleicher Podolski aber auch wenig gefordert. Das wird in Hamburg anders sein, denn mit Trochowski und Elia warten zwei der größten Hausnummern der Liga auf die Gladbacher Außenverteidiger.

In der Offensive wird das Sturmduo gesucht, die sich am besten für schnelles Konterspiel eignet. Das spricht gegen Rob Friend, der seine Stärken eher im Abschirmen des Balles hat und nicht als Konterspezialist bekannt ist. Zudem verleitet die Anwesenheit des Kanadiers seine Mitspieler zum Schlagen stereotyp langer, hoher Bälle. Das lautstarke Krakelen seines Beraters kann ohnehin kein Kriterium für einen Einsatz sein. Ohnehin bleibt abzuwarten, ob er seinem Klienten damit einen Gefallen getan hat.

Oliver Neuville wäre eine Option, sofern der 36-Jährige seine innige Freundschaft mit dem Abseits ruhen lassen könnte. Eine Überlegung wert wäre es, den ebenso flinken wie beherzten Marko Reus ins Sturmzentrum zu stellen. Seinen Platz auf der rechten Außenbahn könnte dann wieder Karim Matmour einnehmen, dessen defensive Qualitäten man gegen Hamburgs starkes Flügelspiel gut gebrauchen könnte. Die jüngsten Äußerungen Michael Frontzecks aber lassen darauf schließen, dass an der Seite Raul Bobadillas erneut Roberto Colautti beginnen darf. Dabei leistet der Israeli zwar bienenfleißige Defensivarbeit, Handlungsschnelligkeit in der Spielfortsetzung aber war zuletzt seine Sache nicht.

Hamburger SV

Dass Martin Jol in Hamburg keine Zukunft hatte, lag nicht nur daran, dass die Hamburger gegen Ende der letzten Saison einbrachen und nur noch auf dem Zahnfleisch ins internationale Geschäft krochen. Zielscheibe der Kritik war auch Jols Mangel an Mut: an Mut zum Offensivspiel, an Mut zum Einbau junger Talente. Das Bruno Labbadia diesbezüglich eine andere Reputation hatte, war ein wichtiges Kriterium für seine Einstellung. Labbadia hat die Erwartungen bislang vollumfänglich erfüllt. Von den Nachwuchsspielern avancierte Jerome Boateng unter dem neuen Trainer zu einem der besten Innenverteidiger der Liga. Unter Jol war der 21-jährige von einer Position auf die andere geschoben worden und hatte nur sieben Mal über neunzig Minuten spielen dürfen.

Auch in Sachen Offensivfußball hat sich viel zum Guten gewandelt. Über mehr als zwei Tore der eigenen Mannschaft durften sich die HSV-Fans in den ersten zehn Spielen bereits öfter freuen als in der gesamten letzten Saison. Kein anderer Bundesligist hat aktuell so viele Tore erzielt wie die Hamburger. Das ist umso bemerkenswerter angesichts des immensen Verletzungspechs, das den Verein vor allem im Sturm ereilte. Tungay Torun, Tolgay Arslan und Jonathan Pitroipa: alles vielversprechende Talente, aber kein Ersatz für einen Paolo Guerrero, der in vier Spielen viermal getroffen hatte, bevor er sich einen Kreuzbandriss zuzog. Als sich nach Guerrero auch Mladen Petric ernsthaft verletzte, lastete die Hauptverantwortung im Sturmzentrum daher auf Marcus Berg.

Von dessen Potenzial war man zwar so überzeugt, dass man vor der Saison fast zehn Millionen hinblätterte. Geplant war aber, dass der teuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte sich hinter Guerrero und Petric ganz behutsam an die Bundesliga würde gewöhnen können. Nach deren Ausfall tat sich Berg, der bei der U21-EM noch so großartig aufgespielt hatte, zunächst sehr schwer. Auch deshalb testete man in Hamburg zwischenzeitlich den vereinslosen Ebi Smolarek. Der aber reiste ohne Vertrag wieder ab, nachdem Berg im Europa League Spiel gegen Tel Aviv doppelt getroffen hatte. In Glasgow ließ der Schwede einen weiteren Treffer folgen, und auch in der Bundesliga könnte nach den zwei Toren letzten Sonntag auf Schalke der Knoten geplatzt sein.

Im Gegensatz zu Berg war der zweite millionenschwere Neuzugang aus der niederländischen Ehrendivision als sofortige Verstärkung gedacht. Diesem Anspruch wurde der pfeilschnelle und dribbelstarke Eljero Elija eindrucksvoll gerecht. Elia spielt nominell meist auf dem linken Flügel, wechselt im Verlauf des Spiels aber beständig mit Trochowski die Seiten. Angesichts dieser Flügelzange ist die Rückkehr Marcell Jansens für Labbadia ein embarrassment of riches. Jansen hatte in der letzten Saison, nach schwierigem Start, im linken Mittelfeld für Furore gesorgt. Will Labbadia im Mittelfeld nichts ändern, könnte Jansen auch, wie einst in Gladbach, links in der Viererkette spielen. Dort müsste dann Aogo weichen. Denkbar, aber weniger wahrscheinlich, ist, dass Berg als einzige Sturmspitze und Trochowski zentral dahinter agiert. Dann, oder wenn der Trainer auf Trochowski verzichtet, könnte die Flügelzange auch Elia –Jansen lauten.

Herzstück des Hamburger Spiels aber ist das zentrale defensive Mittelfeld. Die Bezeichnung ist insofern irreführend, als sich insbesondere Zé Roberto, von Jarolim abgesichert, immer wieder ins Angriffsspiel einschaltet, um ein Tor aufzulegen oder gleich selbst zu erzielen. Beides gelang in dieser Saison bislang jeweils viermal. Der Brasilianer spielt eine überragende Saison, vermutlich sehr zum Verdruss der Verantwortlichen bei Bayern München.

Viel Offensivgeist hat seinen Preis: Entschiede nur die Zahl der Gegentreffer über den Tabellenplatz, der HSV stünde mit elf kassierten Toren nur auf Rang sieben, hinter dem 1. FC Köln. Dazu hat seinen Teil beigetragen, dass auch die Defensive von von zwei Kreuzbandrissen (Alex Silva, Colin Benjamin) und einem Mittelfußbruch (Bastian Reinhardt) schwer gebeutelt wurde. Da auch der gesperrte David Rozehnal am Samstag ausfällt, wird der Trainer mit großer Erleichterung zur Kenntnis genommen haben, dass zumindest bei den angeschlagenen Boateng und Demel Entwarnung gegeben wurde. Alternativen nämlich sind rar: Außer Jansen für die linke kämen noch Tavarez oder Rincon für die rechte Außenverteidigerposition in Frage. Der Venezuelaner Rincon würde es dann mit seinem Nationalmannschaftskollegen Juan Arango zu tun haben.

Durch das von Jarolim, Zé Roberto und dahinter Boateng und Mathijsen versperrte Zentrum wird Borussia selten kommen. Wenn überhaupt, könnten sich Chancen über die Flügel ergeben oder wenn die Hamburger, wie des öfteren in dieser Saison, zahlreich aufrücken und sich einen Fehlpass im Spielaufbau leisten. Dennoch: Gegen diese Spitzenmannschaft wird die Borussia nur dann punkten können, wenn sich zu einer konzentrierten Defensivleistung und schnellem, überlegten Konterspiel noch eine große Portion Glück gesellt. In anderen Worten: nur dann, wenn der Fußball wieder ungerecht ist, ein bisschen wenigstens.


Aufstellungen

Hamburger SV: Rost – Demel, Boateng, Mathijsen, Jansen – Jarolim, Zé Roberto – Trochowski, Elia – Pitroipa, Berg.

Borussia M’gladbach: Bailly – Levels, Brouwers, Dante, Jaurès – Marx, Bradley – Reus, Arango – Bobadilla, Colautti.

Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Oberasbach)
Assistenten: Christian Leicher (Weihmichl), Thorsten Schiffner (Konstanz)
Vierter Offizieller: Thorsten Schriever (Dorum)

SEITENWAHL-Meinung

Christoph Clausen: Zum Leidwesen der Borussen ist der Fußball diesmal gerecht, und die bessere Mannschaft gewinnt. Der Hamburger SV trifft dreimal ins gegnerische Tor trifft und hält das eigene sauber.

Christian Spoo: Borussias vermeintlicher Aufwärtstrend wird sich weiterhin nicht in Zählbarem manifestieren. Entgegen den vergangenen beiden Gegnern wird der HSV unsere Mannschaft auch spielerisch jederzeit dominieren und ungefährdet mit 3:0 gewinnen.

Christian Heimanns: Auf dem Papier eine klare Angelegenheit? In der Praxis auch. 3:1 für den HSV.

Michael Heinen: Auch ohne Stürmer ist der HSV zu stark für Borussia. Die Defensivtaktik von Michael Frontzeck geht nur eine Halbzeit lang auf. Danach setzt es zwei Gegentore zum 0:2-Endstand.

Mike Lukanz: Entgegen aller Erwartungen wird Borussia in der schönsten Stadt Deutschlands nicht gnadenlos untergehen, sondern durchaus passabel mitspielen. Am Ende klingt das 1:2 jedoch knapper, als es wirklich war. Denn Borussia wird für dieses Ergebnis 100 Prozent geben, dem HSV werden derer 75 reichen.

 

Thomas Häcki: Es ist zum Haare raufen. Das Team von Michael Frontzeck spielt durchaus einen ordentlichen Fussball - alleine der Erfolg fehlt. Man möchte sich den Ball förmlich "reinwünschen". Auch in Hamburg wird man sich respektabel verkaufen, um am Ende trotzdem mit 0:2 zu verlieren. Die ewigen Nörgler wird es freuen, Wasser auf die Mühlen zu bekommen. Für den Rest heißt es: Nerven behalten!

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